Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 36.
Mittwoch, den 21. Februar. ton aunding to mo 1900
( Nachdruck verboten.)
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Ein Häuflein Kinder umringte den Leiermann und die Tänzerin. Hanka blieb bei ihnen stehen und betrachtete erstaunt das Mädchen. Es war Manka Czerkas, die vor einem Jahre aus dem Gefängnis entlassen worden war und die man mit einer Partie nach Grojec geschickt hatte. Aber auch jene hatte Hanka bemerkt und eilte auf sie zu, indem sie die Kinderschar auseinander trieb und im Gehen sich mit Mühe auf den Beinen hielt.
Hanka wandte sich um, und wollte sich entfernen. Aber das halbtrunkene Mädchen hatte bereits die Arme um ihren Hals geschlungen und unter heftigen Umarmungen rief sie:
Hauta ! So wahr ich Gott liebe! Hanka! Wohin wanderst Dit? Wann haben sie Dich freigelassen?... Gieb doch den Mund her, Mädchen! Ist das aber ein Zusammentreffen!"
Hanka trat einen Schritt zurück.
Um Gotteswillen, Manka, Du bist also nicht in Grojec?" ., Bin ich denn dumm, um in Grojec zu sißen, oder was?" rief die andre. Da jag ich doch lieber Hunde, als daß ich in cinem solchen Nest size." ang in Agbo ghi
"
Bist Du gar nicht dort gewesen?" d Warum sollt ich nicht dort gewesen sein? Natürlich war ich in Grojec. Man hat mich ja mit einer Partie hingeschickt. Zwei Tage und einen halben war ich dort. Dann haben wir uns alle auf und davon gemacht. Josefe, ich, die Kwiatosinska, Jule Mikusowna.. Nur lauter Kerls sind dort geblieben. Aber mein Antet ist mit uns ausgebrochen." Sie stimmte ein tolles Lachen an. Die reine Komödie," rief sie nach einer Weile, ,, in einer Parade hat man uns durch die Stadt geführt, sag ich Dir, daß ich glaubte, man würde uns zu Ehren Jumination machen. Aber noch hatten die Wächter die Strohwische nicht aus den Stiefeln gezogen, als wir durchgebrannt waren. Was soll man denn immer dort machen? Du gehst also auch dorthin?" „ Freilich."
" Hat man Dir viel eingebrockt?"
bin ich der Alten eine Weile durchgegangen, um bei Antek zu sein; so ist sie mir bis hierher nachgerannt, die Schlange. Ha, ich mal, was für einen Skandal sie da mit dieser andern macht, von wegen des Josef."
Hanka klatschte in die Hände; ihr braunes Gesicht überzog sich plötzlich mit einer dunklen Röte.
Um Gotteswillen, Manfa, bei der Bamblowa sizest Du also? Aber das ist ja eine schwere Sünde und eine Schande...
„ Na, was soll ich also machen? Zur Weichsel gehn und mich erfäufen?" Sie errötete, lachte hell auf und brach plög. lich in heftiges Weinen aus.
In diesem Augenblick sprang eines der zankenden Beiber auf sie zu, faßte sie beim Arm und brüllte mit heiserer Stimme:
„ Nicht herumschlendern, nicht herumschlendern! Genug des Guten für heute!"
Manka geriet in Zorn. Im Nu waren ihre Thränen trocken, die Augen funkelten vor Wut.
"
Was werdet Ihr mich da zerren und zausen? Bin ich eine Sklavin, oder was? Wenn's mir gefällt, geh' ich, wenn's mir nicht gefällt, geh' ich nicht. Verstanden?" Aber die Alte ließ ihren Arm nicht los.
"
Vorwärts, vorwärts! Nicht herumschlendern. Nach Haus, nach Haus!"
"
,, Laßt los, Bamblowa!" schrie das Mädchen. Bamblowa und wieder Bamblowa!" wiederholte das Weib. Wäre nicht die Bamblowa, man würde heute unter Diebsgesindel fizen."
"
Au", gab Manta feck zurück, und bei Euch fitzt man etwa unter Besseren? Wenn ich böse werde, laß ich alles liegen und geh' mit Hanka nach Grojec zurück. Wenn ich verschickt bin, will ich schon lieber verschickt sein."
Das Weib fpitte neugierig die Ohren.
" Ihr seid also verschickt?" wandte sie sich an Hanka. Hanka nickte mit dem Kopfe und zog unwillkürlich das Tuch tiefer über das Gesicht.
„ Und Ihr geht?" forschte jene weiter.
Hanka nickte wieder.
"
Gehab Dich wohl, Manka!" rief sie und wollte auf
drbrechen.
,, Ach, recht viel, recht viel... drei Jahre..." 104 Fiuu," zwitscherte Manka, na, da wirst Du ja dort Bürgermeister werden können". Sie brach in ein wildes Gelächter aus, schlug sich mit den Händen auf die Hüften und warf den Kopf zurück, so daß der weiße, geblähte und zuckende Hals zum Vorschein kam. Das Lachen war ansteckend, und die in der Nähe stehenden Kinder lachten mit ihren dünnen, piepsenden Stimmchen, ohne selbst zu wissen warum.
Ruhig. Ihr Jöhren!" donnerte Manka sie an und stampfte mit dem Fuß. Die Kinder fingen an ihr nach zuäffen, springend und Grimassen schneidend, wie die kleinen Affen.
"
Und Du?" frug Hauka, bist Du wieder bei Par derskis?"
Ich bei Parderstis? So befreuze Dich doch mit der linken Hand, Mädel. Was sollte ich bei Pardersfis anfangen? Die Alte wettert den ganzen Tag herum, das Gesinde haben sie auseinandergejagt, blieben lauter Kinder, die noch die Hemdchen in den Zähnen herumtragen. Was soll ich dort machen? Auch wenn ich dorthin wollte, wie ich nicht will, würden sie mich ja ohne Meldung nicht halten."
Na, wo verbleibst Du denn also?"
Das siehst Du ja. In der Schänke siz ich, wenn man spielt," sie ließ wieder ihr tolles Lachen vernehmen.
Sie faßte sich an die Seiten, als wollte sie sofort zu tanzen anfangen.
Hanka sah sie an und schüttelte traurig den Kopf. Ach, Manka, Manka, mich überläuft es falt, wenn ich Dich so lachen höre."
Aber, Du dummes Ding, willst Du, daß ich weinen soll, oder was?"
Nun, Du kannst doch aber nicht immerfort in der Schänke sigen."
"
Wozu soll ich in der Schänke sigen? Bei der Bamblowa siz ich. Die hält mich ohne Meldung, siz ich bei ihr. Heutel
Aber die Bamblowa hatte sich schon an ihren Besuch geklammert, nachdem sie Manka losgelassen hatte.
" Ich will Euch was sagen, Fräulein", rief sie, das Mädchen scharf musternd." Ihr macht eine Dummheit. Das ist kein Brot für so ein Mädchen. Jedes bessere Fräulein, das dort war, ist zurückgekommen. Die Kwiatosinska ist auch bei mir, und die Mikusowna auch. Was sollen sie machen? Man muß ja leben, mein Fräulein, man muß leben."
zu
„ Leb wohl, Manka," rief das Mädchen, ohne der Alten antworten, und wandte sich ab.
Aber die Bamblowa vertrat ihr den Weg.
" Ich will Euch was sagen, Fräulein," fing sie an, indem sie ihr die Hände auf die Brust legte. Ihr seid jetzt so abgemagert wie ein Knochen, den die Hunde abgenagt. Aber ich will es riskieren. Bei mir könnt Ihr ohne Meldung wohnen, zu essen bekommt Ihr."
Eine Weile bemühte sie sich, in den gesenkten Augen des Mädchens zu lesen, und da Hanka nichts antwortete, rief sie aus: Ach was!" und flatschte in die Hände. Ich will gern was verlieren, sogar was anzuziehen will ich Euch geben. Ich will's auf's Spiel setzen."
Manfa trat einen Schritt näher.
„ Weißt Du was, Hannchen, vielleicht... vielleicht möchtest Du in der That bleiben."
Hanka suchte sich frei zu machen. Die Bamblowa hielt sie beim Tuch fest.
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,, Mein Fräulein, was thut Ihr da so hochnasig. Ihr dürft den lieben Herrgott nicht beleidigen, der Ench eine solche Gelegenheit darbietet. Teufel auch, werdet Ihr etwa die Erste sein, oder was? Schon ganz andre sind aufs leichte Brot gekommen und die Krone ist ihnen nicht vom Haupt gefallen. Nur um den lieben Herrgott nicht zu beleidigen, überlegt es Euch doch...
"
Laßt mich los!" rief mit zornbebender Stimme Hanka. ., Also nicht?"