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feinem Wege zurechtzufinden. Es braucht nach dem Gefagten faum| Unterhaltungs- und Vergnügungsplaß ersten Ranges, wo das ganze besonders erwähnt zu werden, daß der sprichwörtliche Londoner   Nebel Jahr hindurch die reichste Gelegenheit geboten ist, bei echt englischen fich gerade in dem östlichen Teile der Stadt und den dortigen Vor- Breisen in den auch hierzulande sattsam bekannten Weisen das Geld orten auf das unangenehmste fühlbar macht. Eine charakteristische los zu werden. Eigentümlichkeit dieser Stadtteile bildet eine gewiffe Sorte von Speise­häusern, die sich, wie die Speisehäuser in London   überhaupt, vielfach in den Händen von Jtalienern befinden. Sie werden meist in den Mittagsstunden benußt und liefern für 30-50 Pf. unfres Geldes ein immerhin passables Essen. Geistige Getränke werden dabei nicht verabfolgt, da der Ausschank derselben allgemein in England an eine verhältnismäßig sehr hohe Erlaubnisabgabe, die sogenannte" Licenz", geknüpft ist. Die Gäste sitzen an roh gezimmerten Tischen auf ebenso roh gezimmerten Bänken, die gewöhnlich in der Richtung der Zimmer­breite parallel laufen und nur in der Mitte einen Gang für den Auf­wärter frei lassen.

Als bedeutendster unter den Vororten im Osten der Stadt mag das an der Themse   gelegene Woolwich genannt sein. Hier befinden fich größtenteils die gewaltigen Arsenale für das englische Heer und die englische Marine, desgleichen die immenſen Fabritations- Wert stätten für die Land- und Seebewaffnung, Umstände, die nicht wenig dazu beitrugen, bei der englischen Bourgeoisie den Eindruck und die Bedeutung der Woolwicher Wahl zu verstärken, als unlängst die Ar­beiterschaft dieses Platzes zum erstenmal einen ausgesprochenen und entschiedenen Arbeitervertreter in das britische   Unterhaus entsandte. Im Südosten Londons  , sechs englische Meilen von London Bridge  entfernt, liegt gleichfalls auf dem rechten Themse  - Ufer das bekannte Greenwich  . Die in der Nähe des Flusses belegenen Straßen sind als Wohnsiz der Arbeiter- und Marktbevölkerung enge und unregel­mäßig gebaut, während die höher liegenden Teile die in England be­liebte Terrassenbildung mit Billen und Landhäusern aufweisen. Mit der Front nach dem Flusse steht hier jener herrliche Gebäudekomplex, der einst als das Greenwicher Seemannsheim bekannt war, jebt da­gegen als fönigliche Seeschule dient. In früheren Jahrhunderten erhob sich hier ein königliches Schloß, das die patriotische Geschichts­schreibung als Geburtsstätte Heinrichs VIII., der blutigen" Maris und der Königin Elisabeth besonders zu erwähnen weiß. Die jeßigen Gebäude, zu verschiedenen Zeiten errichtet, sehen sich aus vier großen Blocks zusammen. Die Vorderfront, die in ihrer Bauart an den griechischen Stil erinnert, erhebt sich hinter einer an die 900 Fuß langen Terrasse. Daran schließen sich rechtwinklig zwei Seitenflügel, die wiederum durch ein imposantes Quergebäude verbunden sind. In einem der Flügel befindet sich die vielgenannte paintnig hall, die Bilderballe, der Stolz und das Entzücken des Engländers, wo die wichtigsten Thaten und Schlachten der englischen   Marine sowie die Porträts ihrer hervorragendsten Admirale im Bilde festgehalten und verewigt sind. Früher wurden hier ständig an die 3000 alter und invalider Seeleute beherbergt und verpflegt, während weitere 5-6000 aus den Kapitalien des Hospitals Pensionen erhielten. Um die Mitte des letzten Jahrhunderts begann man jedoch, das Pensions­wesen völlig an die Stelle der persönlichen Verpflegung zu sehen, bis zu Beginn der 70er Jahre das Gebäude ganz für die Zwecke einer Seeschule in Anspruch genommen ward. Noch jetzt befindet sich hinter dieser eine Hospitalschule, wo an die 1000 Knaben, Söhne armer See- Offiziere und unbemittelter Seeleute, aus dem Fonds des Instituts verpflegt und erzogen werden. Man denke jedoch nicht, daß diese Fonds, wie das in Deutschland   der Brauch zu sein pflegt, aus staatlichen Mitteln stammen. Das gesamte Hospitalwesen ruht in England auf der privaten Wohlthätigkeit, und man muß es dem Eng­länder lassen, daß er trotz seines sonst widerwärtig ausgeprägten Geschäftsegoismus für derartige Institute ein weit tieferes Verständ­nis und eine weit offenere Hand besitzt als unsre deutschen   Bourgeois. Der wichtigste Anziehungspunkt von Greenwich   ist der berühmte Park mit dem föniglichen Observatorium, der weltbekannten Stern­warte. Diese liegt auf einer hügelartigen Erhöhung inmitten des Parks, von der aus man einen herrlichen Blick auf die Themse   und die industriereichen südlichen Teile der Millionenstadt genießt. Der Part selber hat eine ganz beträchtliche Ausdehnung. Sein Entstehen verdankt er jenen gewaltigen Diebstählen der englischen Großen am Gemeineigentum der einzelnen Grafschaften, die, in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts beginnend, wenn auch, mit langen Unter brechungen  , bis tief in das letzte Jahrhundert fortgesetzt wurden und in der Geschichte unter dem Namen der Einhegungen" bekannt sind. Ganz zu Beginn dieser Bewegung ward auch das Areal des Green­wicher Parts insgesamt 200 englische Acres bom königlichen Hause in Beschlag genommen und in einen Lustgarten nach englischem Muster umgewandelt; weist der Park doch jezt noch eine herrliche, aus der Zeit Karls II  . stammende Kastanien- Allee auf.

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Tiefer in das Land hinein finden wir als reizendes Villen­städtchen Chislehurst. Nach seiner Entthronung schlug bekanntlich Napoleon III  . hier seinen Wohnfiß auf, was dem sonst durch keinerlei Sehenswürdigkeit ausgezeichneten Orte geraume Zeit hindurch zu einer gewissen europäischen   Berühmtheit verhalf. Galt er doch als das eigentliche Centrum des Bonapartismus, wie denn auch heute noch das von der gestürzten Kaiserfamilie zur Zeit bewohnte, idyllisch gelegene Camden- House den Zielpunkt von vielen Neugierigen bildet. Eine größere Anziehungskraft auf den Engländer übt freilich der ganz im Süden Londons   an der Bahn nach dem gewerbreichen Croydon liegende Crystallpalast aus. Als gewaltiger Glasbau von mächtigem Umfange hatte er auf der Londoner   Weltausstellung zu Beginn der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts ungeheures Aufsehen erregt, so daß man ihn dauernd zu erhalten beschloß. Heute dient er als

Wichtiger jedoch als alles dies ist für den Engländer das im Südwesten der Stadt belegene Epsom  , das alljährlich unmittelbar vor Pfingsten durch seine nationalen Pferderennen Tausende um Tausende anzieht. Früher durch Mineralquellen bekannt, galt es in der Zeit Karls II  . und der Königin Anna als das englische Spa, wo die Aristokratie des Inselkönigreiches ihr verrufenes Treiben ent­faltete, wie es Thackeray   in seinem Henry Esmond   lebendig und mit historischer Treue geschildert hat. Während der Ort später seinen Ruf als Stadt der eleganten Welt an Bath   abtrat, behielt er das Renommee seiner Pferderennen, des weltberühmten Derby und der Oats wegen. Diese Bezeichnungen sind von den nahe bei Epsom  hausenden Earls, den Grafen von Derby und ihrem Wohnsitz, den Cats( Eichen) genommen. Schon in der Zeit Jacobs I. follen in Epsom   Pferderennen stattgefunden haben. Die jeßigen races" wurden jedoch erst am Schlusse des 18. Jahrhunderts eingeführt. Tritt das Wetten in Deutschland   in der Zeit der Rennen schon stark zu Tage, so ergreift es jenseits des Kanals alle Schichten der Be­völkerung in einem Maße, daß man sie geradezu als eine Volks­krankheit bezeichnen kann. Alles, hoch" und niedrig"," gentlemen" und Arbeiter wetteifert und drängt sich zu den Wettbureaus, die drüben nicht nur zu einer förmlichen Institution, sondern zu sehr einträglichen Gewerben geworden sind. Daneben giebt es in Eng­land Leute in großer Zahl, die aus der Pferdewette ein förmliches Handwerk machen, das vielen einen ausfömmlichen Lebensunterhalt verschafft, finden sich unter ihnen doch manche, die von ihren Be= ziehungen zu den verschiedenen Ställen" nicht nur zu leben, sondern selbst ein großes Haus zu machen im stande sind. Ganz im Westen Londons   an der Themse   treffen wir auf Windsor, bekannt durch den herrlich gelegenen, jahrhundertealten Wohnsitz des englischen Königshauses. Wiewohl dieser sich aus den altertümlichsten bis zu den modernsten Bauten zusammensett, hat er im ganzen doch das äußere Gepräge einer mittelalterlichen Burg mit Türmen, Mauern und Zinnen bewahrt und blickt beherrschend auf den hier vielfach gewundenen Fluß und den Ort an seinen pittoresken Ufern herab. Die Stadt selber trägt gleichfalls noch ein gewisses altertümliches Aussehen zur Schau. Einst in ganz England berühmt und ihrer übergroßen Anzahl von Wirtshäusern wegen berüchtigt, ,, Garter", als John erfreut sich das bekannteste derselben, der Falstaffs Lieblingskneipe in Shakespeares" Lustigen Weibern von Windsor" noch heute eines großen Rufes in der gesamten Welt. Im Norden der Themse   mögen lediglich die beiden aristo­fratischen" Orte Chiswick   und Highgate genannt sein. Beides sind vorwiegend Billenstädte, die hauptsächlich von der Londoner Hoch­finanz zum Aufenthalt während der Sommermonate gewählt oder zum ständigen Wohnsiz erkoren werden, sofern diese Herrschaften" es nicht vorziehen, ständig in einem der Badeorte an der Südiüste, sei es Hastings  , sei es Brighton  , zu wohnen. Dr. H. Laufenberg.

Kleines feuilleton.

k. Die Zauberin von Antinoë". Aus Paris   wird berichtet: Im Museum Guimet hat der Archäologe Albert Gayet   wieder eine Aus­stellung eröffnet, in der er die Ergebnisse seiner Ausgrabungen in der Totenstadt von Antinoë während des letzten Winters vorführt. Er selbst hielt zur Einleitung vor einem geladenen Publikum einen Vortrag über seine Funde. Wie die erste Ausstellung in der Mumie der Thais, der christlichen Märthrerin, so hat auch diese zweite eine " Sensation" in einer Mumie, in der Gayet eine" Bauberin" Myrithis sieht. In der Stadt Antinoë   mischten sich die verschiedensten Glaubensbekenntnisse und Philosophien und der seltsamste Aber­glaube. Die alten ägyptischen Kulte hatten sich unter dem Einfluß der orientalischen Stulte geändert; dazu kam der Hellenismus und das Christentum. Das Aegypten der ersten christlichen Jahrhunderte zeigt daher eine merkwürdige Synthese der vorher­gehenden Anschauungen. Seit zwei Jahren suchte der Forscher, nachdem er die Totenstadt der Plebejer von Antione ausgegraben hatte, nach dem Bestattungspiaz der Patrizier. Er hat ihn endlich gefunden, und von diesem stammen die Mumien, die er jetzt vor­führt. Die wichtigste darunter ist eben die Mumie der Myrithis, die in einem Bericht folgendermaßen geschildert wird:" Myrithis iſt mit einem gelben Kleid und einem Mäntelchen aus Purpurwolle geschmückt und ruht unter Blättern von dem heiligen Baume Persea. hre fleinen nadten Füße tommen aus dem Kleide hervor; die feinen Füßchen mit den vollkommenen Nägeln haben eine Elfenbeinfarbe angenommen. Die Haare fallen in koketten Fransen über die Stirn, und Palmblätter bilden eine schöne große Aureole um ihr Haupt. Gayet vermutet, daß Myrithis eine Bauberin war. Sein Tert sagt es, nur ihr Name ist in einer In schrift überliefert; die Geschichte tennt ihn nicht. Aber in ihr Grab legte man einen Jfiskopf, einen Zauberpapyrus, ein Tambourin aus Gazellenhaut, Lampen, darunter eine mit fieben Löchern für sieben Dochte, einen Hund aus Terracotta, der Anubis, den Herrn der Ge­heimnisse, darstellt, einen kleinen Altar, eine Glasschale, eine Hermes