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Anichoch wuchert das Gras um den Stein. Ich schreite hindurch und den schmalen, verwachsenen Pfad entlang durch eine Wildnis von Efeu und dornigem Gestrüpp. Da wie ich um einen Vorsprung der Mauer biege, fperrt eine breitäftige Karube mir den Weg. In ihrem beinahe schwarzen Schatten lagern zwei, die beiden, die ich oben fah, beim Aufstieg. Die Frau fizt auf einem geborstenen Säulenstumpf. Sie ist ganz in Schwarz gekleidet. Unter dem großen Hut sprühen ein Paar tiefdunkle Augen, die behandschuhten Finger spielen mit dem Sonnenschirm. Er liegt, den Stopf auf den Ellenbogen gestützt, im Grase. Er ist blond, der ganze Gesichtsschnitt verrät den Germanen. Das alles umfasse ich mit einem Blick, während ich flüchtig grüßend vorüberschreite. Der Mann rückt am Hut, aus den Augen der Frau irrt ein Glanz zu mir herüber, wie das bligartige Aufleuchten von Angst, Leidenschaft und verhaltener Glut. Eine Sekunde nur, dann sprechen sie ruhig weiter, in demselben murmelnden Ton wie vorhin, indes seine nervösen Finger das Gras zerpflücken. Und indem ich weiter gehe, flingt mir wieder der Ton im Ohr, mit dem sie sagte: Mah c'è mio marito!"
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Dann stehe ich am Aussichtspunkt und schaue hinaub auf die brandenden Wogen der Grande Marina. Eben ertönt die Schiffs= pfeife, und, einen langen Schaumstreifen auf dem fahlen Spiegel hinter sich ziehend, stößt der letzte Dampfer ab.-
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Ich mache mich auf den Heimweg. Der Wind trägt mir abgeriffene Laute zu, die beiden sind also noch immer dort, unter dem Karubenbaum. Ganz kann ich sie nicht vermeiden, aber um nicht unmittelbar an ihnen vorüber zu müssen, flettere ich einen niederen Mauerhang hinab und gehe im Bogen zurück zu der verfallenen Steinpforte. Hinter dem Gemäuer gedeckt, werfe ich einen Blick hinauf. Sie sißen noch auf demselben Blaz, aber Hand in hand jetzt, und ein fieberhafter Glanz irrt zwischen ihren Augen hin und her. Langsam steige ich empor, der Klause zu, die als dürftiger Rest der einstigen großartigen Bauten am andren Ende des Plateaus steht. Gebückt schreite ich unter dem Thürbogen in die Hütte, um die antiken Funde zu besichtigen, gestürzte Säulen und Reliefs.
Als ich an die Thür trete, um beim letzten Tagesschein eine der zersprungenen Marmorplatten zu betrachten, wandeln sie draußen borüber, beide hoch, schlank, fich scharf abhebend von dem roten Abendhimmel. Mit gesenkten Häuptern schreiten sie, der sinkenden Sonne entgegen....
Kleines feuilleton.
oe. An der Haltestelle. Die Uhr von den Gendarmenmarkttürmen schlägt halb eins.
Oftobernacht, eine fühle, regenfeuchte Nacht. Der Wind geht rauh und treibt die feinen Sprühtropfen vor sich her; die Menschen eilen und machen, daß sie nach Hause kommen. Es ist ungemütlich auf der Straße.
Das empfindet auch die Alte. Sie hat sich an den Pfahl gelehnt, der das Schild der Straßenbahn- Haltestelle trägt. Mit müden Augen blinzelt sie die Straße entlang immer noch kein Wagen.
Sie zieht das graue grobwollene Umschlagetuch fester um die Schultern und steckt die Hände fröstelnd in die Aermel. Ihre Füße sind wie Eis und müde ist sie, ach, so müde. Und dazu drückt der schwere Tragekorb am Arm.
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ist ein paar Schritt auf und ab gegangen, um sich zu erwärmen, der Schauer bleibt aber doch und rieselt immer vom neuen durch ihren Körper. Todmüde lehnt sie sich wieder an den Pfahl.
Um fie herum ist alles lebendig geworden. Es sind noch mehr Leute an die Haltestelle gekommen. Eine ganze Gesellschaft- Damen und Herren. Sie warten gleichfalls, aber anders als die Alte, mit Lachen und Schwaben. Das ist ein Gesurr und Gesumme in der stillen Straße, gerade als ob es weder Regen noch Kälte gebe. Aber die fühlen wohl auch Regen und Kälte nicht. Die Damen tragen weiche Belze um den Hals und um den Kopf bunte Seidenshawls, unter den Radmänteln sieht man helle Kleider. Die Dame mit dem braunen Kraushaar summt ein paar Takte vor sich hin und jubelt auf: Nein, der„ Tannhäuser " ist doch zu schön! Es giebt doch überhaupt keinen höheren Genuß als die Oper. Aber jetzt bin ich müde!" Sie gähnt.
" Na, Fräulein Milly, Sie können ja ausschlafen." Werde ich auch. Vor neun Uhr nicht aus den Federn." " So lange schlafe ich jeden Morgen," sagt gelangweilt eine junge Frau, was soll man denn vorher auf?" Die Herren lachen:„ Wer es so haben kann!"
Nun das ist doch das mindeste, was man haben muß." " Finden Sie nicht auch, daß man in dieser Weinstube gut iẞt?" fragt ein Herr.
Ausgezeichnet!"" Famos!" Mehrere Stimmen antworten zu gleich. Die eine sagt:„ Die Krammetsvögel waren sogar ausges zeichnet, und wie pikant das Roaftbeaf bereitet war."
Die Austern waren ebenfalls brillant. Ach, Sie haben feine Austern gegessen?"
„ Na natürlich." Die Dame mit dem Kraushaar ist beinahe entrüstet. Ich werde keine Austern essen, die gehören doch zu einem anständigen Abendbrot!" Die ganze Gesellschaft lacht. Wo nur der Wagen bleibt?"
" Ja, es ist unausstehlich, wie lange man warten muß!"
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Und ich bin so müde!" Die Dame mit dem Kraushaar gähnt von neuem: Was denken Sie? Den ganzen Vormittag bin ich bei Wertheim herum gelaufen und habe zur Schneiderei eingekauft. Dami war ich noch im Kunstsalon. Habe ich mir mein Bett nicht redlich verdient heut'?"
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Aber sehr redlich".Ach ja, man wird müde in der Saison!" Da kommt der Wagen!"
" Ja da kommt er. Na dann nur' ranhalten, daß wir auch mit fommen."
„ Rasch, rasch!"
„ Nee, Mütterchen, halt mal, nicht so drängeln! Lassen Sie mal erst die Damen hinein."
Das Wort gilt der Kleinen Alten. Der eine von den eleganten an ihm vorbei, sie hat nur noch einen Gedenken: hinfeßen, aus Herren spricht's und schiebt sie sanft, aber energisch zurück. Sie will ruhen, nach Hause! Sie faßt die Seitenstange und setzt den Fuß auf das Trittbrett, wird aber schon im selben Augenblick wieder einen empörten Blick zu: herunter gestoßen. Die Dame, die bis neun Uhr schläft, wirft ihr Ihrem schmutzigen Korb, belästigen Sie doch nicht das Publikum!" Na, das ist ja doch unerhört, Sie mit „ Vorwärts!" rufen die Herren;„ rasch, rasch!"
alles an ihr vorbei. Noch eh' die fleine Alte zur Besinnung gekommen, drängt sich
,, Gehen Sie nach vorn!" ruft der Schaffner. Mit Ihrem Korb dürfen Sie überhaupt nur nach vorn."
den Damen das Zeug unsauber," entrüstet sich ein Herr auf der " Na eben, mit dem alten schmutzigen Korb! Sie macht ja Blattform.
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Nach vorn!" wiederholt der Schaffner, geh'n Sie nach vorne!" ,, Aber, aber vorn is besetzt," Die fleine Alte weint beinahe. Der elegante Herr grient:" Dann fahren Se mit' m nächsten.
Auf dem Fahrdamm im Regen steht die kleine Alte und starrt mit Der Wagen rollt weiter und verschwindet um die nächste Ecke. großen hilflosen Augen in die Nacht.-
Völkerkunde.
Ein Blumenkorb ist es; er ist fast geleert; nur noch ein einziges, halbvertelftes Beilchensträußchen liegt darin. Die Alte seufzt schwer und späht von nenem die Straße entlang. Wie gefegt liegt sie da, tot und leer. In der Ferne rumpelt ein Töff- Töff; Droschken tauchen auf aus Dunst und Regen und rollen vorüber. Auf den Schienen erscheint kein Licht. Aber da, doch, jezt tommt es. Ihre kleine, verwitterte Gestalt wird förmlich lebendig. Sie faßt den Korb fester und tritt ein paar Schritte vor, kehrt aber schon im nächsten Moment um und sinkt in sich selbst zurüd. Is ja nich der richtige. Js ja schon wieder der Charlottenburger, Herr Jeses, da tommt nu schon der zweite in' ner Viertelstunde. Natürlich feine Gegend! Da müssen die Leute Verbindung haben. Die nach Osten raus müssen, tönnen warten, da is man bloß's Arbeiterviertel ." k. Korea und die Koreaner. Die letzten Nachrichten Die fleine Alte wird in Gedanken ordentlich fuchtig. Sie trappt mit über Korea , das„ Land der Morgenstille", wie es seine Bewohner den Füßen auf, vielleicht thut sie es auch nur, um warm zu nennen, stammen von dem russischen Forschungsreisenden B. Schmidt, werden. Sie friert erbärmlich. Na, weiß der Himmel, soll man der im Auftrage der russischen geographischen Gesellschaft das Land nicht frieren, wenn man den ganzen Tag auf der Straße gestanden bereist hat. Die Natur diefer Halbinsel erinnert am meisten an hat? Den ganzen Tag in Wind und Wetter? Und nichts Warmes Italien . Lange Zeit war Korea unaufhörlich der Zankapfel zwischen im Leibe als das Töppchen Kaffee am Mittag in der Destille? Die den verschiedenen Reichen, hauptsächlich zwischen China und Japan . Alte seufzt von neuem; ihr Nunzelgesicht sieht kläglich drein. Wenn's Erst vom Jahre 1894 ab hörte seine Abhängigkeit von China auf. noch wenigstens zu' ner Suppe gelangt hätte oder zu' nem Baar Die blutigen Ereignisse, von denen seine Geschichte erzählt, hatten Kartoffelpuffer. Aber nee! Jiebt's ja gar nicht! Wie bekommt als Ergebnis, daß in Korea fast gar keine felbständige Kultur besteht; man denn die Miete raus? Und' s Fahrgeld und. dies, und es trägt zum größten Teil das Gepräge, das ihm seine Bezwinger dies und dies Na ja,' s is schon' n feines Leben! aufgedrückt haben. Manche der sittlichen Anschauungen der Koreaner, die Schmidt beschreibt, rufen durch ihre Naivität ein unwillkürliches Lächeln hervor. Die Koreaner werden zum Beispiel als vollgültig erst gerechnet, wenn sie in die Ehe treten, und da die Nichtberheirateten als Parias in ihrem Volke angefehen werden, so verheirateten sich die Korsger schon als reine Kinder, mit elf bis zwölf Jahren, obenorein mit Frauen, die ihre Mütter sein könnten. Die Unverheirateten find in ihren bürgerlichen Rechten beschränkt und müssen den Verheirateten hohe Ehrenbezeugungen erweisen. Das äußere Erkennungszeichen der Verheirateten ist eine breite, fast über den ganzen Kopf reichende ausgeschorene Stelle, wobei nur an den
Feines Leben! Alle Tage auf der Straße liegen und höchstens Sonntags' n Stückskin Fleisch im Topp; als Wohnung' n Loch; um eins auf' n Strohsack und um fünfe wieder raus! Feines, feines Leben! Na wenigstens Tange fonnt's nich mehr dauern! Wenn man schon so an die Siebzig ran is, hat man Hoffnung, daß es bald aus is. Wenigstens ein Trost! Die Alte lacht mit einem grimmigen Humor vor sich hin.
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Wo man bloß der Wagen bleibt? Sie fann sich kaum noch auf den Füßen halten, ihre Zähne schlagen fröstelnd zusammen. Sie