922

Er begann sich an den Zustand zu gewöhnen. Langsam kleidete er sich an und dachte:" Jetzt muß ein bestimmter Entschluß gefaßt werden!"

Er befand sich in der Lage jener Schüler, die am Morgen die Aufgabe, die sie sich am Abend vorher durchaus nicht merfen konnten, ganz gut wissen. Sein Entschluß war in der Nacht gereift. Er sezte alles aufs Spiel. Wenn ihm noch hie und da Zweifel durch den Kopf fuhren, so hatten sie doch nicht zu sagen.

Er schrieb seine Visiten ein, steckte seine Vorladung in die Brieftasche und faßte das Bild der Lage in die Worte zusammen:

Das Unglück, falls es eines ist, ist nun einmal geschehen! Ich kann es nur einigermaßen gutmachen, wenn ich ausharre. Also harre ich aus!"

Er prüfte sorgfältig seinen Revolver, ließ ihn in die rechte Außentasche seines Ueberroces gleiten und murmelte: " Das müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich nicht einen Augenblick finden sollte, um ein Ende zu machen. Sie friegen mich nicht!"

( Fortsetzung folgt.)

( Nachdruck verboten.)

Theorie und Praxis.

Von Léon Xanrof . Aus dem Französischen. Herr Ledong( mit seinem beständigen, leicht spöttischen Lächeln): Also, wenn ich Sie recht verstehe: Sie glauben an fein Kismet?"

Herr Torot( achfelzudend): Kismet! Kismet! Unfinn, fage ich Ihnen! Nichts als Unsinn!"

Herr Ledoux: Aber es giebt arbeitsame, solide Leute, denen nichts glückt!"

Herr Torot( mitleidig lächelnd): Und was beweist das? Die Tölpel sind eben selbst daran schuld!"

"

Herr Ledoux( eigensinnig): Nicht immer!" Herr Torot( mit überlegener Miene): Möglich, aber es dürfte nicht schwer fallen, ganz natürliche Erklärungen für ihr Miß­geschick zu finden statt von Kismet und dergleichen zu reden." Herr Ledoux( hartnäckig): Ich bitte um Entschuldigung, aber es giebt doch ganz unerklärliche Fälle So fenne ich z. B. einen braven, ehrlichen, klugen Menschen, dem keine Arbeit zu viel ist, und der doch von einem unerbittlichen Fatum verfolgt wird Herr Torot( ungeduldig): Fatum! Fatum!... Lassen Sie mich doch endlich damit in Ruhe!"

"

Herr Ledoux( fortgesezt lächelnd): Entschuldigen Sie, aber ich spreche nicht von den alltäglichen, fleinen Vorkommnissen des Lebens: daß mein guter Mann sich z. B. bloß auf eine Bank zu sezen braucht und sie ist frisch gestrichen, natürlich nicht in der Farbe seiner Hose; daß er nur wagen darf, mit einem neuen Hut auszugehen sofort beginnt es zu regnen, und der Hut ist kaputt oder wird ihm von einem Wirbelwind entführt; daß man ihm im Restaurant Bouillon serviert, in der keine Fetiaugen, dafür aber reichlich Haare schwimmen, oder Eier, die im vorigen Jahrhundert gelegt find 1"

Herr Torot: Und was beweist das? Doch nur, daß Ihr Mann nicht aufpaßt, wo er Blaz nimmt, daß er sich einen Baro­meter kaufen und zu Hause speisen muß!"

Herr Ledoux: Meinetwegen! Ich bin nicht eigensinnig! Aber in seinen Geschäften ist's noch schlimmer. Er hat sich vor Jahr und Tag mit Luguswaren etabliert. Aber wann, glauben Sie wohl? Gerade einen Monat vor der Kriegserklärung 1870! Natürlich hat er denn auch bald darauf Bankrott gemacht!"

Herr Torot( spöttisch): Sie wollen doch nicht etwa be­haupten, daß wir das schreckliche Jahr gehabt haben, bloß um ihn bankrott zu machen?!"

Herr Ledoux( fortfahrend, ohne auf den Einwand zu hören): Er sagt sich:" Das sollen mir die Deutschen teuer bezahlen!" Er tritt in die Armee ein und wird gleich am ersten Abend schwer ver­

wvundet..."

-

in der

Herr Torot: Auf dem Schlachtfelde?" Herr Ledoux: Durchaus nicht, im Gegenteil Kantine bei der Explosion einer Petroleumlampe! Endlich ist er geheilt. Der Krieg ist aus und er macht sein Geschäft wieder auf. Bunächst scheint alles gut zu gehen. Da, eines schönen Tages wirft sein Mädchen einen Spiritusfocher um. Sofort steht sein Raden in Flammen. Seine Wohnung, die Läden seiner Nachbarn brennt. Es war 6 Uhr abends. Seine Feuerversicherungs- Police war um 12 Uhr mittags abgelaufen und er wollte am nächsten Morgen um acht eine neue ausstellen lassen!"

-

alles

Herr Torot( spöttisch): Das konnte ich mir schon denken!" Herr Ledoug: Der Hauswirt, die Nachbarn verklagen ihn. Er wir verurteilt, ist ruiniert. Er bekommt eine Anstellung bei einer großen Eisenbahn- Gesellschaft."

Herr Torot( lachend): Da erfindet man das lenkbare Luftschiff?"

-

Herr Ledoug: Nein, das nicht. Er hält sein Schicksal für befänftigt, faßt frischen Mut und heiratet ein junges hübsches Mädchen. Drei Tage nach der Hochzeit gesteht sie ihm, sie habe zwei Kinder, über deren Herkunft sie sich nicht ganz klar sei." Herr Torot:" Das kann bei zerstreuten Menschen schon vorkommen!"

Herr Ledoug: Er verzeiht seiner Frau. Vierzehn Tage später überrascht er sie eines schönen Abends mit einem Kollegen aus seinem Bureau. Er macht ihr Vorhaltungen, sie gelobt Besse­rung am nächsten Mittag überrascht er sie wieder mit einem Eisenbahn- Beamten!"

-

Dann hatte er eben keine Frau, sondern einen Ringbahnzug ge­Herr Torot( lachend): Also ein Beamter auf jeder Station? heiratet!"

aus

-

nimmt er seinen Abschied und flagt auf Scheidung. Man spricht sie Herr Lebong:" Zum Gespött seiner Kollegen geworden, natürlich gegen ihn! Er sucht eine neue Stelle, findet auch eine in einem Warenhause; vier Wochen später ist das Haus pleite. Er bekommt eine andre Stelle. Drei Tage nach seinem Eintri wird der Chef wegen schmuziger Sachen verhaftet. Er wendet sich dem Bankfach zu, fragt seine letzten paar Groschen zusammen, um behufs Eintritts in ein großes Banthaus eine Kaution stellen zu fönnen."

Herr Torot: Am nächsten Morgen brennt der Bankier durch?"

Herr Ledoux: Nein, mein Lieber schon eine Stunde später! Der arme Teufel verliert sein Letztes. Ohne einen Sou, muß er froh fein, irgendwo als Hausdiener anzukommen. Bumms! bricht er sich den Arm. Man bringt ihn ins Krankenhaus, wo er lange liegen muß! Endlich kommt er heraus. Er hat noch keine zehn Schritte gethan, als ihm eine große Bulldogge zwischen die Beine läuft und ihn zu Fall bringt. Er bricht sich ein Bein und verrenkt sich das zweite!"

Herr Torot( achselzuckend): Aber, was beweist das alles?" Rein schwarzes Fatum?" Herr Ledoux: Also in alledem sehen Sie fein Kismet?

Sie mich doch endlich damit in Ruhe! Ich sage Ihnen ja, es existiert Herr Torot( die Arme zum Himmel erhebend): Aber lassen überhaupt nicht, Ihr Fatum! Alles, was Ihrem Manne passiert ist, ist einfach, alltäglich, nichts weniger als übernatürlich! Wenn Sie so wollen, hätte ja die ganze Welt ein Fatum!"

Herr Ledoux( voll Bewunderung): Wissen Sie, lieber Freund, Sie sind der erste, den diese Geschichte nicht verblüfft." Herr Torot( bescheiden): Weil ich eben überlege, weil ich Kopf und Herz auf dem rechten Fleck habe ganz einfach!" Herr Ledour: Also Sie glauben nicht, daß ein böses Ver­hängnis über diesem guten Mann waltet?"

-

-

Herr Torot( lebhaft): Wenn Sie darunter eine unficht­bare, geheimnisvolle, hartherzige Macht verstehen, niemals!" Herr Ledoux( ihm warm die Hand drückend):" Wie mich das freut, Sie so sprechen zu hören, mein lieber Freund! Wie mich Herr Torot( erstaunt): Warum denn?"

das freut!"

"

Herr Ledoux( warm): Weil es wohlthut, endlich einmal einen Menschen zu finden voll Mut, Charakterstärke und. Herr Torot( abwehrend): Aber ich bitte Sie! Sie wollen mir doch nicht etwa einreden, daß ich eine Ausnahme bin?"

Herr Ledoux( nachdrücklich): Doch! Doch! Denn bei allen meinen Freunden habe ich bisher vergebens versucht, diesen Bech­vogel unterzubringen... Niemand hat etwas davon wissen wollen. Alle haben sie Furcht, mit dem Manne könnte auch das Unglück gleichzeitig bei ihnen einziehen."

Herr Torot( verächtlich): Die Dummtöpfe!"

Herr Ledoug: Sie sind der erste, der über solchen Aber­glauben erhaben ist!. Ich weiß, Sie brauchen gerade einen Bortier für Ihr Haus. Ich stelle Ihnen meinen Schüßling morgen früh vor."

Herr Torot( stotternd): Hm... Wie meinen Sie?... Aber... gestatten Sie..

Herr Ledoux: Nein, nein! Ich garantiere für den Mann, für seine Treue, seine Tüchtigkeit."

Herr Torot( fucht verwirrt nach einer Ausflucht): Schön, schön. Ich werde mir die Sache überlegen. Ich werde Ihnen Bescheid sagen... Oder besser: ich werde Ihnen schreiben..." Herr Ledoux( hartnädig):" Wozu denn? Die Sache ist doch abgemacht?" Herr Torot( lebhaft): Aber durchaus nicht! Nicht im mindesten!"

"

Herr Ledoux( erstaunt): Wie, Sie schlagen es ab?" Herr Torot( fich angelegentlichst in die Betrachtung seiner Stiefelspitzen vertiefend):" Ja, wenn ich mir alles reiflich überlege ich kann Ihren Wunsch nicht erfüllen."

-

Herr Ledoux: Aber ich verstehe nicht... Die Stelle ist doch noch nicht besetzt, soviel ich weiß? Und dem armen Teufel würde damit eine Wohlthat erwiesen."

Herr Torot:" Ich versichere Ihnen: einfach unmöglich!" Herr Redour: Aber warum denn?( Erleuchtet.) Aha! Das Fatum meines Schüßlings macht also auch Ihnen Furcht?"

Herr Torot( sich in die Brust werfend, stolz):" Furcht? Mir? Aber ich bitte Sie! Ich habe Ihnen ja schon mehrfach erklärt: ich glaube an fein Fatum!( Energisch.) Aber an etwas