Unterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 88.
55) nordi
Mittwoch, den 4. Mai.
( Nachdruck verboten.)
Elther Waters.
Bill zog nochmals die Klingel.
,, Vater wird wütend sein, denn wir werden alle Mieter weden."
" Ja, da ist nun nichts zu machen, ich kann den einen nicht
wecken, ohne die andern mit zu wecken."
Endlich erschien ein großer Mann in nachlässig geworfenen Kleidern an der Thür.
"
Was ist denn das für ein Höllenlärm?! Ah, Du bist's, Was ist denn das für ein Höllenlärm?! Ah, Du bist's, Ja, Vater."
Sarah!?"
Was ist denn los mit Dir?" sagte er und packte sie bei den Schultern. Zum Teufel, die ist ja wohl betrunken. Nein, sie ist nicht betrunken, ihr ist nur schlecht von der Site!"
" 1
Wer sind denn Sie, daß Sie mir meine Tochter um diese Stunde nach Hause bringen?"
1904
„ Ah. Sie sind also wirklich so' n verfluchter Polizeihund? Das hab' ich mir eigentlich denken können. Na, meine Sorte weiß nichts von Ihrer E.- Abteilung; ich aber kenne Ihre Sorte ganz gut; das ist nämlich die Sorte, die gern' ne halbe Strone die Woche nimmt und dafür gewisse Leute in Ruhe läßt. Ihre Pension, wissen Sie die kommt lediglich aus unsern Taschen."
-
Genug nun; unterstehen Sie sich nicht noch einmal hier herzukommen.".
Sache wegen über Land fahren. Eines Tages mußten ihre Eltern einer geschäftlichen Sie sollten erst spät am über- Abend zurückkehren. Den ganzen Tag über mußte Sarah an Bill denken. Der Vater erriet dies schon, bevor er noch fortging, und ließ ihr darum keinen Hausschlüssel. Er wollte, daß sie den ganzen Tag über zu Hause bliebe und nach dem Rechten sähe. Sarah versprach dies auch. Sie wollte Bill wirklich nicht wiedersehen und fand es ganz gut, daß der Vater den Hausschlüssel mit sich genommen hatte. Nun gab's feine Versuchung mehr für sie; sie mußte eben zu Hause bleiben. Aber Sarah hatte nicht mit den Schmerzen der Begierde und der Sehnsucht gerechnet, die im Laufe eines Tages einen überkommen können, wenn man so recht eigentlich nichts zu thun hat, als vielleicht ein altes Kleid auszubessern. Erinnerung um Erinnerung fam über sie, sie legte das Kleid beiSeite und ging nach der Thür; und plötzlich fühlte sie, wie ihre ganze Willensfraft zu nichts zerfiel. Schon stand sie an es ihr ein, daß sie ja feinen Schlüssel habe. Sie würde also der Thür, schon hatte sie die Hand auf dem Drücker, da fiel es ihr ein, daß sie ja keinen Schlüssel habe. Sie würde also nicht im stande sein, zurückzukommen. Doch gleichviel, sie mußte Bill sehen. Sie würde lieber an die Rückkehr zunächſt gar nicht denken; es half nichts, sie mußte ihn sehen. So Rendezvous. Als der Brief fort war, wurde sich auch ruhiger. schrieb sie ihm denn noch ein paar Worte und gab ihm ein schon gierig das Vergnügen eines langen Nachmittags, den sie Sie kleidete sich eilig an, ging hinaus und genoß im voraus mit ihm verbringen wollte.
Was heißt denn das?" erwiderte Bill. Da kann ich ebenso gut fragen, wer sind Sie? Wenn ich sie Ihnen nicht zurückgebracht hätte, würde sie jetzt am Ende hilflos auf der Straße herumlaufen."
-
" Aber, Vater nicht doch Mr. Latch hat ihn ja gebeten, mich nach Hause zu bringen. Wir haben zusammen zu Mittag gegessen."
Busammen zu Mittag gegessen? Und nachts um ein Uhr tommst Du in einer Droschke nach Hause?"
"
Es war doch nicht meine Schuld, Vater. Wir haben mit Mr. und Mrs. Latch zu Mittag gegessen."
Mr. Tucker trat einen Schritt vor, um des Mannes Gesicht besser sehen zu fönnen, und Sarah benutzte diese GeTegenheit, um an ihm vorüber rasch ins Haus hinein zu schlüpfen.
„ Na, und Sie, haben Sie vielleicht auch mit den Latchs zu Mittag gegessen? Die scheinen ja netten Umgang zu haben! Mir scheint's, als wären wir beide uns schon einmal begegnet."
Nicht, daß ich wüßte!"
Na, liegt mir auch wahrhaftig nichts daran, Ihnen noch einmal zu begegnen."
Schöner Dank ist das, wenn man sich die Mühe macht, die Tochter mitten in der Nacht nach Hause zu bringen. Das nächste Mal werde ich sie da lassen, wo ich sie eben finde."
Bill ging fluchend davon, und Mr. Tucker blickte ihm nach und wiederholte:
" Ich bin ganz sicher, daß ich den Kerl schon mal gesehen habe."
Die Familie Tucker wohnte erst seit kurzem in Bloomsbury. Tucker war früher Schutzmann gewesen. Er und seine Familie hatten ein Haus in Portugal Street bewohnt, in welchem sie möblierte Zimmer vermietet hatten. Als die Straße umgebaut wurde und sie aus ihrem Hause Knall und Fall heraus mußten, hatten sie eine Entschädigung dafür er halten; und mit diesem Gelde hatten sie dann ihr gegen wärtiges Haus möbliert und vermieteten jetzt ihre Zimmer hauptsächlich an Studenten der Medizin.
Die Familie Tucker hätte Sarahs Vergehen leichter vergeben, wenn sie nicht so entschlossen die Partei Bill Evans ergriffen hätte, als ihr Vater ihn für einen ganz verrufenen Lumpen erklärte. Sie aber erlaubte nicht, daß man auch nur ein Wort gegen ihn sagte, und eine ganze Woche lang Lebte die Familie Zucker in Streit und leidenschaftlichem Zant. Eines Abends gab Mr. Tucker Bill Evans den entschiedenen Rat, nie wieder den Fuß auf seine Schwelle zu sezen, und die beiden Männer gerieten darob in einen Heftigen Streit.
"
Wir brauchen keinen von Ihrer Sorte hier." Was wissen denn Sie von meiner Sorte?" ,, Gerade genug, wissen Sie; denn ich bin nicht umsonst zwanzig Jahre bei der E.- Abteilung gewesen. Daher fenn' ich diese Sorte."
Und es wurde in der That ein fröhlicher Nachmittag, und nur die immer wiederkehrende Furcht vor dem, was ihr Vater sagen würde, verbitterte das Vergnügen ein wenig. Sie hatte die feste Ueberzeugung, daß er sie gar nicht mehr einlassen würde. Wenn nun etwas passierte? Wenn man in dem Hause einbrach, während sie fort war? Was sollte sie dann thun oder sagen? Bill meinte, ihr Vater würde doch nicht etwa von ihr glauben, daß sie sich an' nem Diebstahl beteiligte.
den Sinn gekommen. Sie geriet nun erst recht und wirklich Eine solche Möglichkeit war ihr allerdings noch nie in in Angst, und es wurde Bill somit nicht schwer, sie zu überreden, ganz von ihren Eltern fortzugeben und zu ihm zu tommen.
XXXV.
Solange ihre kleinen Ersparuisse vorhielten, ging alles ganz gut; und als ihr Geld zu Ende war, begab sich Bill auf die Sennpläge, um ein bißchen der Taschendieberei zu fröhnen. Bald darauf hörte er, daß die Polizei nach ihm suchte. Da entflohen fie denn nach Belgien , und Sarah mußte dort für sie beide sorgen. Als der Lärm vorüber war, kamen sie nach London zurück. Eines Abends hatte sie sehr lange aufgesessen und auf ihn gewartet; endlich fam er mit ärgerlicher und enttäuschter Miene zurück. Ein Wort gab das andre und es entspann sich bald ein Streit zwischen ihnen, der so heftig wurde, daß sie schon fast glaubte, er werde sie schlagen. Aber er hielt sich noch davon zurück, vielleicht aus Furcht vor den andern Mietern. Statt dessen faßte er sie beim Arm und schleifte sie die ausgetretene, schiefe Treppe hinab. Er öffnete die Thür und stieß sie in den Hof hinaus. Sie hörte seine sich entfernenden Schritte und hörte zu gleicher Zeit die Kirchturm uhr zwei schlagen. Einen Augenblick zögerte sie noch, in der Hoffnung, daß er kommen und sie zurückholen würde; dann aber wanderte sie aus dem schmutzigen Hof nach Drury Lane hinaus.
Sie sah einer Raße nach, die in ein Kellerloch hineinkroch, und auch ihr kam der Wunsch, sich irgendwo in einem dunklen Winkel verkriechen zu können.
Ein paar Frauen, die sich verspätet hatten, liefen noch