annahm und den armen Leichenbitter quälte, dessen Wahnsinn er symbolisch darstellen sollte. Ihre Physiognomie," erklärte die Dame,«war ganz eigen- tümlich wandlungsfähig in dieser Szene". .Das ist noch gar nichts," warf Cadfish dazwischen,aber was würden Sie von dem Gesicht eines Laotit sagen, den der wirk- jiche Tod bedrohte? Das zu sehen, lohnte schon der Mühet" Naiv bestritt ich, daß die Wirklichkeit den Schreck ebenso gut wiedergeben könnte wie die Fiktion, und stets werde ich das er- loschene Auge Willis und sein verzerrtes Lachen vor mir sehen, während sich seine dünne Haut auf seinem Gesichte spannte. Als ich so über den Hellebarden schwebte, mußte ich wieder daran denken, und plötzlich kam mir die entsetzliche Gewißheit, daß die letzte Reihe der Spitzen, die Reihe, auf die ich infolge der ungewöhnlichen Entfernung sicher fallen mußte, aus wirk- lichen Lanzenspitzen bestand! Nun denn, Herrschaften, selbst bei dieser Gelegenheit verlor ich meine Kaltblütigkeit nicht. Sie erinnern sich jedenfalls an die Diskussion, die sich eines Tages in der Akademie der Wissenschaften erhob, wo man sich über die Fähigkeit der Katzen, stets auf ihre Pfoten zurückfallen zu können, lebhast herumstritt. Um die gelehrte Versammlung zu überzeugen, nahm man die Momentphotographie zu Hülfe. Ich machte jetzt das Experiment an meiner eigenen Person. Ich kauerte mich während meines Sprunges so geschickt zusammen und drehte mich mit einer so instinktiven Gewandtheit, daß ich unter dem lauten Lachen des Publikums genau in den Zwischenraum von dreißig Zentimetern fiel, der die beiden letzten Reihe» der scharfen Spitzen von ein- ander trennte. Ich rempelte dabei die Träger ein bißchen an, aber das war meine geringste Sorge. Wie die kleinen Teufel, die aus einer Büchse springen, und vor denen sich die Kinder so ängstigen, erhob ich mich sofort, stürzte mich auf Will Cadfish und verabreichte ihm vor aller Welt die fürchterlichste Tracht Prügel, die er je in seinem Leben bekommen hat. Das merkwürdigste war, daß das Publikum an eine abgc- kartete Szene glaubte. Allgemeines Gelächter ließ niemand das Stöhnen meines lieben Kameraden hören, den ich für tot auf dem Platze liegen ließ. Später erklärte ich dem Direktor und meinen Kollegen alles. Sie begnügten sich nicht damit, mir recht zu geben. Will Cadfish wurde mit Schande zum Teufel gejagt, der, wie bereits bemerkt, unsere Spende einige Jahre später mit Tank akzeptierte." Rlcincd fciiülctori. k. Rlpcnkatlistrophen im Kinematographen. Nichts ist mehr sicher bor dem Kinematographen. Jetzt sollen dem schaulustigen Publikum auch Unglücksfälle vorgeführt werden, wie sie sich leider in jedem Jahre in den Alpen ereignen, Abstürze, Tod durch Lawinen, fallende Steine usw. Da nun der Photograph, der solche Szenen aufnehmen will, nicht gut den Bergsteigern nachfolgen und so lange warten kann, bis miimal eine solche Tragödie sich abspielt, so werden sie einfach künstlich herbeigeführt. DieOpfer" werfen sich über Ab- gründe in die gähnenden Tiefen, stürzen in Felsspalten hinab oder gleiten furchtbar aussehende Eisabhänge hinunter. Es sinb aber keine Selbstmörder. die mit zerschinetterten Gliedern liegen bleiben, sondern eS handelt sich bei diesen Unglücksfällen um gut gespielte Tragödien, die für den Kinemato- graphen aufgeführt und sorgfältig vorbereitet werden. Ist das Spiel dann auS, so zieht oer Photograph mit seinen Films nach London , wo sie sorgfältig entwickelt werden, und nun sieht das Publikum in atemloser Spannung, wie Männer von schwindelnden Höhen herabstürzen und anscheinend rettungslos dem Tode verfallen sind. Oder in einem anderen Bilde wird eS Zeuge, wie ein Bergsteiger einen fast senkrechten Felsen erklimmen will. Langsam und vorsichtig dringt er Schritt vor Schritt vor, da ein Ausgleiten ein Umher fahren mit den Händen in der Luft ein verzweifelndes Bemühen, noch einen Halt zu finden, und dann stürzt die kleine schwarze Gestalt hintenüber, überschlägt sich mehrmals in der Lust und verschwindet schließlich in der Tiefe. Ein Schauder packt die Zuschauer bei dem realistischen Bilde... Wie kommt ein solches Bild zu stände? Ein Londoner Blatt gibt die ziemlich einfache Erklärung. Gefälscht sind die Bilder eigenttich nicht, der Mann, den man da sah, ist wirklich über einen Abgrund gefallen, aber eS war keine gähnende Tiefe, sondern sein Fall mag kaum fünfzehn Fuß betragen haben, und die Stelle, an der er geschah, war höchst sorgfältig so gewählt, daß derBer- unglückte" am Grunde ein Schneebett fand, das weich wie Eider- daunen war und in dem er untertauchte, ohne sich wehe zu tun; schnell wurde ihm dann herausgeholfen, und che noch der Photograph seinen Apparat wieder in Ordnung gebracht hatte, war er schon bereit für einen neuen Unglücksfall. Auf ähnliche Weise sind auch die anderen, nicht weniger aufregenden Bilder, die man im Kinematographen zu sehen bekommt, entstanden. So ist eine schlimme Gefahr, die dem Berg- steiger in den Alpen bedroht, das Fallen von Steinen in engen Felsspalten, durch die er seinen Weg nehmen muß. Der Photograph, der das darstellen will, sucht in den niedrigeren Bergen einen solchenKamin", der aber möglichst klein ist, und läßt nun, nachdem er Posta gefaßt hat. eine kleine Gesellschaft hinaufklettern. Ein Mann, der oben am Rande des Spaltes steht, hat eine Anzahl loser Steine gesammelt und sie an den Rand vorgeschoben. Während nun die Bergsteiger im Gänsemarsch hincust klettern, fängt der Kinematograph an zu arbeiten, und auf ein gegebenes Zeichen wälzt der Mann oben die Steine hinab, die sausend an den kühnen Kletterern vorbeifahren. Ebenso wenig ist es schwer, eine überhängende Schneemasse zu entdecken, die man in, geeigneten Moment zun, Fall bringt und die nun donnernd zu Tal geht. Obwohl dieseUnglücksfälle" in Szene gesetzt werden, sind die Films insofern keine Fälschungen, als sie ganz in der natürlichen Umgebung und auch sonst unter ziemlich natürlichen Bedingungen aufgenommen werden, und schließlich geraten auch die Darsteller dabei mitunter in Gefahren oder wenigstens sehr unangenehme Situattonen. Ja man verspricht sich von diesen Bildern sogar einen gewissen erzieherischen Wert, da sie die Gefahren des Bergsteigens recht anschaulich vor Augen führen und davor bewahren, sie zu unterschätzen! denn Sorglosigkeit und Tollkühnheit sind bei wirk- lichen Katastrophen in den Alpen in der weit überwiegenden Zahl der Fälle die eigentlichen Ursachen. gr. Explofioiisursciche einer SanerfioffSomve. Die vor kurzer Zeit durch die Zeitungen gegangene Mittel liing über die Explosion einer Sauerstoffboinbe im Technikum zu Winterthur , wobei eine Person getötet und mehrere verletzt wurden, hat in Fachkreisen ganz besonderes Aufsehen erregt. Diese Explosion findet nun in den Mit- teilunaen, welche dieSchweizer Banzeitung" über daS Ergebnis der Untersuchung macht, ihre hinreichende Erklärung, da folgendes fest- gestellt werden konnte. Die Untersuchung des Inhalts eines gleichzeitig bezogenen zweiten Stahlzylinders, welcher mit dem Inhalt des explodierten nach Angabe der Fabrik übereinstimmen mußte, ergab, daß der Sauerstoss stark mit Wasserstoff vermengt war. Die Flasche war also statt mit reliem Sauerstoff mit Knallgas angefüllt. Zur Zeit der Explosion» ar das Versuchsmanometer auf die Flasche geschraubt, wobei die Verbindung mit Fiberringen abgedichtet war. Die lieber« reste dieser Ringe waren teilweise verkohlt und enthielten kleine Rests von Schmieröl. Nun ist es bekamit, daß sich Schmieröle in ver- dichtetem Sauerstoff oder saucrstoffreichen Gasgemcngen entzünden können. Handelt eS sich um Knallgas, sp wird durch diese Ent- zündllncj eine Explosion hervorgerufen. Offenbar hat der verunglückte LaboratoriumSdiener den noch vorhandenen In- halt der Flasche messen wollen und zu diesem Zweck daS Manometer aufgeschraubt. Sobald er nun das Ventil öffnete, hat sich das Schmieröl in dem komprimierten Knallgas entzündet, und somit ist die natürliche Erklärung des beklagenswerten Unfalles ge- geben. Da auch bei uns in Deutschland Sauerstoff im koinpri- mierten Zustande viel verwendet und in Stahlflaschen transportiert wird, so sei darauf hingewiesen, daß bei uns derartige Explosions- bcftirchwngen nicht berechtigt sind. In den wenigen ErzeuaungS- stättcii, die in Deutschland für die Herstellung komprimierten Sauer- stoffes bestehen, wird die Darstellung desselben so gewissen betrieben und ständig so beauffichtigt, daß nur reiner Sauerstoff in die Stahl- zylinder gelangt. Dadurch ist es auch ausgeschlossen, daß man bei den in Deutschland gefüllten Zylindern derartige gefährliche Explo- sionen zu befürchten hat, weil diese eben reinen Sauerstoff und nicht das so gefährliche Knallgas enthalten. Theater. Deutsches Theater.Der Vielgeprüfte." Lust- spiel in drei Aufzügen von Wilhelm Meyer-Förster . DaS Stück wurde vor Jahren schon einmal am Silvesterabend im Deutschen Theater aufgeführt, verschwand dann aber, da es nur mäßigen Beifall fand, sogleich vom Repertoire. Lindau niag durch die Erinnerung an die sensationellen Erfolge, die er mit Försters Alt-Heidelberg" hatte, zur Ausgrabung des Schwankes, der Titel Lustspiel" klingt zu vomehui, angeregt worden sein. Und diesmal zeigte die Ausiiahme ein anderes Bild. Was, an dem künstlerischen Niveau der Brahmschen Bühne gemessen, durch seine Ansprnchslosig- keit hatte befremdeil müssen, das wurde, herausgelöst aus solchem Rahmen, jetzt ohne Opposition mit anspruchslosem Sinne auf- genommen, laut belacht und beklatscht. Jene Heminung literarischer Traditionen ausgeschaltet, amüsierte man sich an den Szenen, wie ehedem an Moser und LArronge. Es steckt mehr Zähigkeit in diesem Genre hausbacken-derber Oberflächenkomik, als man meist wahr­haben will. Der Situation, daß ein bereits durchgefallener Referendar, der es als Schwiegersohn eines zahlungsfähigen Exfabrikanten zum vierfachen Familienvater gebracht hat, von den feierlichsten Segens- wünschen und Mahnungen der gesamten Verlvandtschaft, ja von den eingelernten Sprüchlein seiner Kinder verfolgt, den Riesenkanipf mit dem Examen zum ziveitenmal aufnimmt, und abermals geräuschvoll durchrasselt, gewinnt der Autor eine Reihe drolliger Konkaste, theaterwirlsamer Effekte ab. Zwerchfellerschütternd ist der Einzug der Fmnilientruppen in die Berliner Bude des Referendars am Tage nach der neuen Niederlage. Der dritte Akt inzwischen ist der Vielgeprüfte Journalist und damit selbstverständlich reicher Mann geworden fällt aus dem Zusammenhang heraus, aber das vor- zügliche Spiel ließ trotz der sehr gesuchten Wendungen auch hte» nicht das Gefühl der Langeweile aufkommen. Herr Arndt, der in der so kurzen Direktionszeit Lindaus am Deutschen Theater eine Reihe ungewöhnlicher Talentproben abgelegt