Der Schaffner ßiBt das Abfahrtzeichen. Der Wagen setzt sich in Bewegung. Herr Espert geht ein neues Billett lösen und kehrt zur Haltestelle zurück. Kein Omnibus zu sehen. Fünf Minuten, zehn Minuten, eine Viertelstunde verfließen immer noch kein Omnibus zu sehen. Espert(sehr ärgerlich):.Zum Donnerwetter I Ob heute überhaupt wohl noch einer kommen wird?"(Sich einem Kontrolleur nähernd, der vor der Station auf und ab promeniert):Ver- zeihung, mein Herr, woran liegt es, daß kein Omnibus kommt?" Der Kontrolleur(schroff):Soll ich das wissen?" Espert:Die Wagen sollen in Abständen von fünf Mimlten verkehren und ich stehe hier schon eine Viertelstunde." Der Kontrolleur:«Nicht möglich I" Espert:Aber mein Herr!" Der Kontrolleur:Wenn die Wagen in Abständen von fünf Minuten verkehren sollen, dann verkehren sie eben alle stinf Minuten." Espert:Aber ich erkläre Ihnen doch, daß ich schon eine Viertelstunde hier stehe I" Der Kontrolleur:Aber nein I" Espert:Dann bin ich also ein Lügner?" Der Kontrolleur:Das will ich damit nicht behaupten. Vielleicht ist irgend eine Störung auf der Strecke eingetreten. Aber das ist nicht Schuld der Gesellschaft." In diesem Augenblicke treffen kurz hintereinander zehn Wagen der Linie Westbahnhof Montrouge, welche in der Rue de Turbigo durch einen umgeworfenen Lastwagen aufgehalten worden sind, an der Haltestelle ein. Herr Espert, der die Nummer 191 der gelben Serie hat, steigt schließlich in den vierten Wagen. Aber das Unglück der- folgt ihn beharrlich. Vor dem Theater Antoine versperrt eine Droschke, die mit den Rädern in die Schienen der Straßenbahn ge- raten ist, den Weg fünf Minuten Aufenthalt. An der Halte- stelle auf dem Boulevard des Italiens erhebt sich wegen des Billetts eine längere Auseinandersetzung zwischen einem Fahr- gast und einem Kontrolleur weitere zehn Minuten Ver- spätuna. An der Vendomesäule ist eine dicke Dame die Ursache des Aufenthaltes. Sie ist mit zwei ungeheuren Körben an jedem Arme aufs Verdeck geklettert und kann nun absolut nicht die Treppe herunter, so daß nian einen Augenblick schon daran denkt, zu ihrer Befreiung die Feuerwehr- zu alarmieren, Endlich gelingt es ihr, den Boden zu erreichen, und der Wagen fährt weiter. Herr Espert atmet auf. Hoffentlich vollzieht sich der Rest der Fahrt schnell und ohne Störung. In der Tat erreicht man sehr bald die Rue Denfert- Rochereau. In drei Minuten wird der liebende Gatte seine angebetete Anastasia in die Arme schließen können. Aber Plötzlich ein jäher Ruck. Der Wagen hält. Herr Espert steckt den Kopf zum Fenster hinaus und bemerkt unbe- weglich, gleich schlafenden Ungeheuern, fünf Wagen der Omnibus- gesellschaft, die ebenfalls halten. Espert:Was gibt's denn schon wieder?" Schaffner :Die Elektrische nach Batignolles ist stecken- geblieben. Der Strom ist ihr ausgegangen." Espert:Wird das lange dauern?" Der Schaffner:Ich weiß nicht. Vielleicht fünf Minuten, vielleicht aber auch zwei Stunden." Espert:Aber das ist ja ekelhaft!" Der Schaffner:Nicht meine Schuld, mein Herr."' Espert:Habe ich Sie vielleicht schon gefragt?" Der Schaffner:Nein, aber" Espert:Schweigen Sie, Sie Grobian!" Der Schaffner:Ein Grobian sind Sie I" Espert:Sie beleidigen mich! Ich werde Sie melden!" Ein F a h r g a st:Verzeihung, mein Herr, der Schaffner hat Sie nicht beleidigt." Espert:Kümmer» Sie sich nicht um Dinge, die Sie nichts angehen!" Der Fahrgast:Sie haben nicht das Recht, einen anständigen Arbeiter zu beleidigen!" Espert:Ach! hol' Euch alle der Teufel!"(Er springt aus dem Wagen und begibt sich im Laufschritt nach seiner Wohnung.) Madame Espert(ihrem Gatten, der heftig geschellt hat, die Tür öffnend):Ah! ist der Herr endlich da?" Espert:Ja. ich bin da, Liebchen." Madame Espert:Du bist ja in einer niedlichen Ver- fassung! Natürlich hast Du wieder so lange in der Kneipe ge- sessen?" Espert:Aber ich schwöre Dir". Madame Espert:Der Zug kommt um sechs an, und jetzt haben wir fünf Minuten vor neun. Du wirst mir nicht weismachen, alter Trunkenbold, daß Du drei Stunden gebraucht hast, Um vom Westbahnhof bis hier" Espert:Aber ich versichere Dir, ich" Madame Espert:Schweig I Ich weiß, was ich davon zu halten habe. Du kannst nichts, absolut nichts zu Deiner Ver- teidigung vorbringen I" ESpert:Ich habe den Omnibus benutzt." Madame Espert:Du hast den Omnibus benutzt? Oh I das ist freilich etwas anderes! Dann wundert es mich, daß Du schon da bist l Du Aermstcr, was mußt Du ausgehaltcn haben! Schnell! Umarme Dein kleines Frauchen l" kleines femlleton. oe. Die Friseurin. In wundervoller Sommerklarheit strahlte der Morgen über der noch im Frühschlaf liegenden Stadt. Blau und leuchtend wölbte sich der Himmel über den Dächern, dieser helle Morgenhimmel, der noch die ganze Frische des jungen Tages aus- atmete. Eine reine kühle Luft wehte durch die Straßen, frei von dem Lärm und Staub, von der Schwüle des Mittags. Das Villenviertel lag ruhig und leer. Hier und da ein Bäcker- junge, ein Milchmädchen, vereinzelt auch elegante Herren und Damen, die im nahen Park ihren Brunnen tranken. Sie schritt, m ruhig und behaglich dahin und genossen die köstliche Moro-nstunde in vollen Zügen. Nur Frau Jung hatte es furchtbar eilig. Eine kleine schmal» brustige farblose Gestalt, in verschossenem Wollkleidchen und ver- waschener Bluse. Der abgetragene Pompadour, in dem die Brenn- scheeren aneinander klapperten, verriet die Friseuse auf den ersten Blick. Ihr Atem ging schwer und keuchend; sie rannte trotzdem, rannte rannte! Es war gleich halb Sieben. Der Weg bis zur Bendlerstraße dauerte mindestens noch fünfzehn Minuten, und sie sollte doch schon kurz vor halb bei Frau Stadtrat Saldern sein. Wenn die etwa den Dampfer versäumte und zu spät zu ihrer Land- Partie kam danke schön! Frau Jung setzte sich in Galopp. Schließlich konnte sie aber doch nicht mehr, sie mußte sich an ein Gartengitter lehnen und Luft holen, sie slim am ganzen Körper. Reinweg die Schwindsucht lief man sich an den Hals. Frau Jung stöhnte auf. Aber rennen hier stehen, das ging ja nicht! Das konnte s i e doch nicht, und sie rannte von neuem. Eine Uhr schlug halb. Na ja, da hatte man die Bescherung, Frau Stadtrat Saldern würde ja ein Gesicht machen. Ach was mochte sie, war's am Ende, war's nicht ihre Schuld, daß sie bei Frau Direktor Böse so lange hatte warten müssen. Ein Zug stillen Aergers flog über ihr erhitztes Gesicht. Auch'ne Art und Weise von dieser Frau Direktor Böse, bestellt einen um sechs Uhr hin, weil sie abreisen will nach Karlsbad , treibt einen schon um fünf aus den Federn und liegt dann einfach noch im Bett Frau Jungs Finger preßten sich im stummen Aerger um die Pompadour- schnüre, einfach noch im Bett, fährt mit dem Mittagszuge, hat ja nun noch Zeit, will sich aber doch rasch anziehen;rasch" heißt: in einer Viertelstunde um wild zu werden war es! Und dann noch solch dumme Redensarten:Wenn Sie nicht einmal s o lange Zeit haben, nicht'mal'n paar Minuten warten wollen!" fünfzehn Minuten'n paar Minuten für sie, die am Vormittag fast mit Sekunden rechnen mußte, um bei jedem zur rechten Zeit zu sein dje anderen würden ja auch schön schimpfen, wenn sie nun überall soviel später kam! Na, da war wenigstens Stadtrat Salderns Haus. Sie stürmte die Treppen hinauf und ritz an der Glocke. Js man bloß gut, daß Se endlich da sind!" sagte die Jungfer, indem sie ihr das Toilettenzimmer öffnete.Jeh'n Se man immer- rein und warten Se. Die, Jnädige is noch bei's Waschen, sie macht uns schon alle verrückt, weil Se nich da sind." Frau Jung, ich bin außer mir!" klang nach einer ganzen Weile- eine scharfe Stimme, eine Dame im tiefsten Ncgligec eilte herein. Wie können Sie einen denn so warten lassen, Frau Jung? Das ist ja skandalös!" Ja. aber" Ach was, aber? Sie sind rücksichtslos! Sie wissen doch, daß ich weg will; ich Hab' ja keine Minute Zeit um halb acht geht unser Vereinsdampfcr ab; ich kann nun natürlich mit dem Zuge nachfahren!" Ich Hab' man selber warten müssen, Frau Stadtrat, Sie wissen ja, die Frau Direktor Böse, die kann immer nich auL'm Bette finden und überhaupt geht's ja nu eins zwei drei, wenn man Frau Stadtrat schon fertig angezogen wären, dann könnten Se schon in fünfzehn Minuten weg." Ach, ich soll mich wohl noch anziehen, wie es Ihnen paßt? Au! Sie stechen mich, ich ziehe mich an, wie es mir paßt, wer für mich arbeitet, hat sich nach mir zu richten." Ich kann doch aber nich dafür, wenn ich warten muß. sehen Se, Frau Stadtrat , nun haben mich Frau Stadtrat auch noch'ne Weile warten lassen, nun komm' ich bei die anderen erst recht mit Verspätung, was soll ich nun da sagen? Die schnauzen einen nu erst recht an." Gott , reden Sie bloß nicht so diel, Sic machen mich nervös!" Frau Saldern hält sich die Ohren zu. dann fällt sie plötzlich in einen bittenden Ton:Ach, übrigens hören Sie mal, liebste Frau Jung: Sonnabend müssen Sie auch wieder früh kommen, aber schon nur halb sechs wir reisen doch nach Rordcrnet, und fahren um sechs ab, um sechs Uhr fünfzehn geht der Zug." Um halb sechs?" Frau Jung läßt den Frisierkamm sinken, und Sonnabend? Nee, das kann ich nich da reifen fe alle, da fährt de Frau Jehcimrat nach tzäringsdorf und bei die soll ich um dreiviertel sechs sein und Mosers machen'ne Partie., da soll ich um viertel sieben sein und Bankier Hartungs fahren,' um neune und Baumeisters um achte und Scharfs um dreiviertel achte und Winters machen auch'ne Partie. Alle kommen se z>m scheu sechs und achte und auf die Wege muß ich immer'ne Prertelstunds rechnen nee. Frau Stadtrat, das jeht nich. denn mußten Se m«