Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 185.
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Freitag, den 22. September.
( Nachdrud verboten.)
Einzig autorisierte Uebersetzung von Adolf Heß.
Als Romaschow, nachdem er zehn Schritte vor übergegangen, sich plötzlich umwandte, um dem Blick der schönen Dame noch einmal zu begegnen, sah er, daß sowohl sie wie ihr Begleiter bei seinem Anblick krampfhaft lachten.
Jegt erblickte Romaschow plöglich mit frappanter Deutlichkeit als dritte Person, gleichsam von der Seite, sich selbst, seine Galoschen, seinen Mantel, sein blasses Gesicht, seine Kurzfichtigkeit, seine gewöhnliche Zerstreutheit und Ungeschicklichkeit, dachte an die soeben innerlich ausgesprochene schöne Phrase und wurde quälend, schmerzhaft rot vor unerträglicher Scham. Und sogar jetzt, als er allein im Halbdunkel des Frühlingsabends dahinschritt, errötete er wieder vor Scham über jene frühere Scham.
Nein, was soll ich auf dem Bahnhof," flüsterte er bitter und hoffnungslos, ich gehe ein wenig und begebe mich dann nach Hause
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Es war Anfang April. Die Dämmerung verdichtete sich unmerklich für die Augen. Die Pappeln, die die Chaussee einrahmten, die weißen, niedrigen Häuschen mit Ziegeldächern auf beiden Seiten des Weges, die Gestalten weniger Wanderer alles wurde schwarz, verlor die Farbe und Perspektive. Alle Gegenstände verwandelten sich in schwarze, dichte Schattenbilder, deren Umrisse aber mit reizender Deutlichkeit in der braunen Luft standen. Im Westen, hinter der Stadt, brannte das Abendrot. Wie im Strater eines glühenden, von flüssigem Golde brennenden Vulkans ballten sich schwere blaue Wolfen zusammen und loderten in blutroten, bernsteinfarbenen und violetten Feuern. Ueber dem Vulkan aber dehnte sich, als eine Ruppel, grünlich türkis- und beryllfarben der sanfte Frühlingsabendhimmel
Langsam auf der Chaussee vorwärts schreitend und mühsam die Füße in den riesigen Galoschen nachschleppend, blickte Romaschow unverwandt auf diese zauberhafte Feuersbrunst. Wie stets, schon von klein auf, kam es ihm vor, als wenn hinter dem hellen Abendrot ein geheimnisvolles, hellstrahlendes Leben herrschte. Als wenn dort weit, weit hinter den Wolken und dem Horizont, unter einer von hier aus unsichtbaren Sonne eine herrliche, blendend schöne Stadt in dunkeln, von innerem Feuer durchdrungenen Wolken den Augen verborgen brannte. Da schimmerten in unfaßbarem Glanze Steige aus Goldplatten, strebten prächtige Kuppeln und Türme mit Purpurdächern himmelan, blizten Diamanten in den Fenstern, zitterten helle, bunte Fahnen in der Luft. Es war, als wenn in dieser fernen Märchenstadt fröhliche, frohlockende Menschen lebten, deren ganzes Leben einer süßen Musik glich, deren Nachsinnen, ja der Kummer selbst bezaubernd, zart und schön war. Sie wandeln auf strahlenden Plätzen, in schattigen Gärten, zwischen Blumen und Fontänen; wandeln als gottähnliche Lichtgestalten voll unbeschreiblicher Freude dahin, fennen feine Grenzen in Glück und Wünschen; werden weder durch Kummer noch Scham und Mühe betrübt
Unerwartet fiel Romaschow die Szene auf dem Ererzierplaz ein, das rohe Geschrei des Regimentskommandeurs, das Gefühl erlittener Scham und die Empfindung allerärgster und gleichzeitig jungenhafter Demütigung vor den Soldaten. Am schmerzhaftesten war für ihn, daß man ihn genau ebenso angeschrien hatte, wie er selbst bisweilen diese schweigenden Zeugen seiner heutigen Schande anschrie. Und in diesem Bewußtsein Lag etwas alle Rangunterschiede Aufhebendes, etwas, was seine Offiziers- und, wie er glaubte, Menschenehre erniedrigte.
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Und in ihm entstanden alsbald wie in einem Knaben er hatte in der Tat noch viel Kindliches an sich glühend phantastische, berauschende Rachegedanken. Dummheit! Das ganze Leben liegt noch vor mir!" dachte Romaschow und schritt, von seinen Gedanken hingerissen, mutiger vorwärts und atmete tiefer. Nun gerade fese ich mich ihnen allen zum Troß schon morgen an die Bücher und bereite mich zum Eintritt in die Akademie vor! Arbeit! O, durch Arbeit kann man alles erlangen, was man will. Man muß sich nur fest in der Hand behalten. Ich werde wie wahnsinnig büffeln. Dann bestehe
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1905
ich zur allgemeinen Ueberraschung glänzend das Eramen. Und ficher werden alle sagen:" Was ist denn dabei wunderbar? Wir waren schon früher fest überzeugt; ein so fähiger, lieber, talentvoller junger Mann
Und Romaschow sah sich überraschend deutlich als gelehrten Generalstabsoffizier, der zu den größten Hoffnungen berechtigte. Sein Name war in der Akademie auf der goldenen Tafel eingetragen. Die Professoren weissagten ihm eine glänzende Zukunft, schlugen ihm vor, an der Akademie zu bleiben, aber nein, er kehrte zur Truppe zurück. Mußte seine Zeit als Rottenkommandeur abdienen. Natürlich in feinem Regiment. Dann kam er hier an- schön, herablassend, ungezwungen, korrekt und verwegen- höflich wie die Generalstabsoffiziere, die er bei den vorjährigen großen Manövern und Regimentsvorstellungen gesehen hatte. Von der Offiziersgesellschaft hielt er sich fern. Die rohen militärischen Gewohnheiten, Vertraulichkeiten, Kartenspiel, Trinken nein, das war nichts für ihn: Er blieb sich dessen bewußt, daß hier nur eine Durchgangsstation auf dem Wege seiner weiteren Karriere und seines Ruhmes sich befand.
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Da begannen die Manöver, eine große, doppelseitige Schlacht. Oberst Schulgowitsch verstand die Dispositionen nicht, wurde konfus, machte die Leute kopflos und verlor selbst den Kopf der Korpskommandeur hatte ihm schon zweimal durch einen Adjutanten Bemerkungen zukommen lassen.„ Ach, Herr Hauptmann, hauen Sie mich heraus," wandte er sich an Romaschow, wissen Sie, aus alter Freundschaft; Sie erinnern sich, hahaha, wie wir uns gezankt haben. Seien Sie schon so gut." Seine Miene war befangen und einschmeichelnd zugleich. Romaschow aber machte tadellos Honneur, rückte im Sattel vor und antwortete ruhig und hochmütig:" Entschuldigen Herr Oberst... Die Dispositionen über die Regimentsbewegungen sind Ihre Sache. Meine ist -Orders entgegenzunehmen und auszuführen." Vom Korpskommandanten tam aber bereits der dritte Adjutant mit einem neuen Verweise.
Da
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Der glänzende Generalstabsoffizier Romaschow stieg auf der Stufenleiter militärischer Ehren immer höher brach auf einer großen Eisengießerei ein Arbeiteraufstand aus. Schleunigst wurde Romaschows Rotte verlangt. war Nacht. Eine Feuersbrunst, eine riesige, erregte Volksmenge, Steine flogen durch die Luft... Ein stattlicher, hübscher Hauptmann tritt vor seine Rotte hin. Es ist Romaschow. Brüder," wandte er sich an die Arbeiter, zum dritten und letzten Male warne ich Euch; ich lasse schießen!"... Geschrei, Pfeifen, Gelächter. Ein Stein schlägt gegen Romaschows Schulter, sein männliches, offenes Gesicht aber bleibt ruhig. Er wendet sich zu den Soldaten um, deren Augen vor Zorn brennen, weil ihr vergötterter Vorgesetzter beleidigt ist. Direkt in die Menge, rottenweise... No- otte, Feuer!" Hundert Schüsse fließen in einen zusammen. Schreckliches Geheul. Ein Dußend Tote und Verwundete wälzen sich in einem Haufen... Die übrigen laufen in Unordnung davon, einige fallen auf die Knie und flehen um Gnade. Der Aufstand ist niedergeworfen. Romaschows wartet die Dankbarkeit seiner Vorgesetzten und eine Belohnung für seine musterhafte Männlichkeit.
Dann ist Krieg... Nein, vor dem Kriege geht Romaschow lieber als Spion nach Deutschland . Er lernt perfekt Deutsch und fährt hin. Ach, welch ein berauschendes Wagnis! Allein, ganz allein mit einem deutschen Paß in der Tasche und einer Drehorgel auf dem Rücken! Gerade mit einer Drehorgel. Er zieht von Stadt zu Stadt, dreht seine Orgel, sammelt Pfennige, stellt sich blödsinnig- dumm und nimmt gleichzeitig insgeheim Pläne von Befestigungen, Magazinen, Kasernen, Lagern auf. Ewige Gefahr umlauert ihn. Seine Regierung hat sich von ihm losgesagt, er steht außerhalb der Gesetze. Gelingt es ihm, wertvolle Nachrichten mitzubringen- so winken ihm Geld, Amt und Würden, eine angesehene Stellung, Berühmtheit; wenn nicht wird er ohne Gericht, ohne jede Formalität frühmorgens in irgendeinem Festungsgraben erschossen. Mitleidig macht man ihm den Vorschlag, die Augen mit einem weißen Tuch zu verbinden, aber er wirft es stolz zur Erde. „ Glauben Sie vielleicht, daß ein richtiger Offizier sich fürchtet, dem Tode ins Antlitz zu schauen?" Der alte Oberst ilnahmsvoll:„ Hören Sie. Sie find jung, mein Sohn ist dem
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