Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 217.
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Dienstag, den 7. November.
( Nachdruck verboten.)
1905
gewohnte Rolle eines Gerichtsvorsitzenden und die schreckliche Macht und Verantwortlichkeit, die mit ihr verbunden waren, schmeichelten ihm. Oberstleutnant" Brehm" blickte mit traurigen und fast weibischen Blicken drein, ach, mein lieber Brehm, weißt du noch, wie ich dir zehn Rubel abEinzig autorisierte Uebersetzung von Adolf Heß. geborgt habe?" Der alte Lech markierte ein ernstes Gesicht. ,, Er ist heute nüchtern, unter seinen Augen hängen Säckchen Nikolajew trat schnell durch das Büfettzimmer in wie tiefe Schrammen. den Speisesaal. Er war blaß, seine Augenlider waren dunkel, hat selbst im Kasino verschiedentlich so viele tolle Streiche Er ist nicht mein Freund, aber er die linke Wange zitterte fortwährend krampfhaft und über ausgeübt, daß die Rolle eines strengen und unbeugsamen ihr unter der Schläfe trat ein großer, dicker blauer Fleck Verteidigers der Offiziersehre für ihn sehr vorteilhaft ist. hervor. Romaschow erinnerte sich mit quälender Deutlichkeit Osadtschi aber und Peterson- sind wirkliche Feinde. Geder gestrigen Schlägerei, verbarg sich, ganz zusammensetzlich bin ich allerdings berechtigt, Osadtschi abzulehnengekrümint mit verzerrtem Gesicht und mit einem Gefühl der ganze Streit ist ja wegen seiner Totenmesse entstanden unerträglicher Bedrücktheit infolge dieser schimpflichen Er- aber ist das nicht ganz einerlei? Peterson lächelt ganz innerung, hinter der Zeitung und schloß sogar die Augen. leise mit einem Mundwinkel. In diesem Lächeln liegt etwas Efelhaftes, Gemeines, Schlangenhaftes. Weiß er wirklich von den anonymen Briefen? Duvernois macht ein schläfriges Gesicht, und seine Augen gleichen großen trüben Kugeln. Duvernois liebt mich nicht und Doroschenko ebensowenig. Der Leutnant, der nur immer über seine Gage quittiert und nichts bekommt!- Ihre Sache steht schlecht, lieber Jurif Alerejitsch."
Er hörte, wie Nikolajew am Büfett einen Kognat for derte und wie er sich von jemand verabschiedete. Dann fühlte er Nikolajew an sich vorübergehen. Die Tür schlug gegen die Schwelle. Und plöglich hörte er einige Sekunden darauf aus der Tür hinter seinem Rücken ein vorsichtiges Geflüster: ,, Sehen Sie sich nicht um. Bleiben Sie ruhig sitzen. Hören Sie zu."
Es war Nikolajew , der das sagte. Die Zeitung zitterte in Romaschows Händen.
Ich habe eigentlich nicht das Recht, mit Ihnen zu sprechen. Aber zum Teufel mit diesen französischen Feinheiten. Was geschehen ist, ist geschehen. Aber ich halte Sie trotz allem für einen anständigen Menschen. Ich bitte Sie hören Sie wohl, ich bitte Sie: nicht ein Wort von meiner Frau und anonymen Briefen. Haben Sie mich verstanden?"
Romaschow, den die Zeitung vor seinen Kameraden verdeckte, neigte langsam den Kopf. Draußen knirschte Sand unter den Füßen. Erst fünf Minuten später wandte Romaschow sich um und blickte hinaus. Nikolajew war nicht mehr da.
" Herr Leutnant," stand plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, eine Ordonnanz vor ihm, Herr Oberstleutnant Lassen bitten."
Im Saal waren an der schmalen Rückwand ein paar L'hombretische zusammengestellt und mit grünem Tuch bedeckt. An ihnen saßen die Richter mit dem Rücken nach dem Fenster; infolgedessen waren ihre Gesichter dunkel. In der Mitte saß in einem Sessel der Vorsitzende, Oberstleutnant Migunow ein dicker, hochmütiger Herr, ohne Hals, mit runden, hochgezogenen Schultern; zu seinen beiden Seiten die Oberstleutnants Rafalski und Lech, weiterhin rechts die Hauptleute Osadtschi und Peterson, links Hauptmann Duvernois und Stabshauptmann Doroschenko, der Regiments zahlmeister. Der Tisch war ganz leer, nur vor Doroschenko als Protokollführer des Gerichts lag ein kleiner Haufen Papier . In dem großen leeren Saal war es fühl und dunkel trotz des draußen herrschenden strahlend hellen Wetters. Es roch nach altem Holz, nach Schimmel und Möbelüberzügen.
Der Vorsitzende legte seine beiden großen weißen vollen Hände mit dem Rücken auf das Tischtuch, betrachtete beide nacheinander aufmerksam und begann in hölzernem Tone:
Unterleutnant Romaschow, das Offiziersgericht, das auf Befehl des Regimentskommandeurs zusammengetreten ist, fühlt sich verpflichtet, die näheren Umstände des unglückseligen, unerhörten Vorfalles im Offizierskasino, der sich gestern abend zwischen Ihnen und Leutnant Nikolajew zugetragen hat, aufzuklären. Ich bitte Sie, mit möglichster Ausführlichkeit den Vorgang zu erzählen."
Entschuldigen Sie einen Augenblick," unterbrach Osadtschi ihn plöglich.„ Herr Oberstleutnant gestatten mir, eine Frage zu stellen?"
,, Bitte," nickte Migunow gewichtig.
sadtschi wuchtig und langgedehnt- ,, wo waren Sie, bevor „ Sagen Sie, Unterleutnant Romaschow," begann Sie in diesem unmöglichen Aufzuge im Kasino erschienen?"
Romaschow errötete und fühlte, wie sich seine Stirn mit dichten Schweißtropfen bedeckte. Ich war... ich war. nun, an einem Ort" und er fügte fast flüsternd hinzu:„ in einem öffentlichen Hause."
holte Osadtschi absichtlich laut mit grausamer Deutlichkeit. ,, Ah, Sie waren in einem öffentlichen Hause?" wieder" Wahrscheinlich haben Sie in diesem Hause etwas getrunken?"
" Ja, das habe ich," antwortete Romaschow kurz.
So ― 0. Weitere Fragen habe ich nicht," wandte Osadtschi sich an den Vorsitzenden.
Also Sie waren dabei stehen geblieben, daß Sie Leutnant Nikolajew Bier ins Gesicht gossen. Fahren Sie jetzt in Ihrer Erzählung fort," sagte Migunow.
und ausführlich die Einzelheiten des gestrigen Vorfalles. Romaschow erzählte unzusammenhängend, aber aufrichtig Er wollte schon ungeschickt und schamhaft etwas von der Reue einfließen lassen, die er wegen seines gestrigen Benehmens empfand, aber da unterbrach ihn Hauptmann Peterson. Er rieb wie beim Waschen seine gelben knöchernen Hände mit langen Totenfingern und blauen Nägeln und sagte mit frampfhafter Höflichkeit, fast freundlich, in dünnem, einschmeichelndem Tone:
,, Nun ja, alle diese schönen Gefühle machen Ihrem Herzen alle Ehre, aber sagen Sie uns, Leutnant Romaschow haben Sie vor diesem unglückseligen und schimpflichen Vorfall niemals in Nikolajews Hause verkehrt?"
den
Romaschow wurde aufmerksam, sah auf Peterson, sah auf Vorsitzenden und erwiderte barsch:
" Ja, das habe ich; aber ich verstehe nicht, was das mit der Affäre zu tun hat."
"
-
Bitte, einen Augenblick. Antworten Sie, bitte, nur auf die Fragen," unterbrach ihn Peterson. Ich möchte Ste fragen, haben Sie nicht irgendwelche Veranlassung nicht dienstlicher, sondern häuslicher, sozusagen familiärer Natur zur Feindschaft gegen Nikolajew ?"
-
Romaschow stand vor ihnen, ließ die Hände herabhängen Romaschow richtete sich auf und blickte mit unverholenem und zerrte am Müßenrande. Er fühlte sich so gehetzt, so Saß in die dunklen, schwindsüchtigen Augen Petersons. unglücklich und befangen wie nur je in seinen Schuljahren
" Ich war bei Nikolajews nicht häufiger als bei meinen bei einem nicht bestandenen Examen. Mit abgerissener anderen Bekannten," sagte er laut und scharf.„ Und irgendStimme gab er in konfusen und unzusammenhängenden welche Feindschaft hat zwischen ihm und mir früher nicht beSäßen, die beständig von ungeschickten Einschiebungen unter- standen. Alles kam plößlich und unerwartet, weil wir beide brochen waren, die gewünschten Aufklärungen. Gleichzeitig nicht nüchtern waren." ließ er seine Blicke von einem Richter zum anderen gleiten„ Ha- ha- ha, von Ihrer Trunkenheit haben wir schon
und erwog in Gedanken ihr Verhalten zu ihm. Migunom gehört," unterbrach Peterson ihn wieder. ,, Aber ich möchte war gleichgültig, er schien wie versteinert, aber die un- Sie nur fragen, hatten Sie nicht vor diesem Zusammenstoß