-

866

schon mit ihm irgendeinen Konflikt? Keinen Streit, ver­stehen Sie wohl, sondern einfach ein Mißverständnis, irgend welche gespannten Beziehungen auf Grund irgendwelcher Privatangelegenheiten? Nun, sagen wir Abweichen in den gegenseitigen Ueberzeugungen, oder irgendeine fleine In trige. Ah"

Das Offiziersgericht des N.schen Infanterieregiments, bestehend aus folgenden Mitgliedern," folgten Namen und Rang der Richter, unter Vorsitz des Oberstleutnant Migunow, hat nach Untersuchung des Vorfalles im Offizierskafino zwischen Leutnant Nitolajem und Unterleutnant Romaschow ent­schieden, daß in Anbetracht der schweren, gegenseitigen Be­leidigungen der Streit dieser Offiziere auf friedlichem Wege nicht geschlichtet werden kann und daß als einziges Mittel zur Wiederherstellung der gekränkten Ehre und der Offiziers­würde ein Zweikampf dient. Die Ansicht des Gerichts ist vom Aus- Regimentskommandeur bestätigt worden." Das

Herr Vorsitzender, kann ich nicht die Antwort auf einige der mir vorgelegten Fragen schuldig bleiben?" fragte Ro­maschow laut.

"

" Ja, das können Sie," erwiderte Migunom falt. Sie brauchen, wenn Sie es nicht wollen, überhaupt keine sagen zu machen oder können sie schriftlich beibringen. ist Ihr gutes Recht."

" In diesem Falle erkläre ich, daß ich auf keine der mir bon Hauptmann Peterson vorgelegten Fragen antworten werde," sagte Romaschow, es ist so besser für ihn wie für mich."

Nachdem Oberstleutnant Migunow die Entscheidung vor­gelesen hatte, nahm er die Brille ab und schob sie ins Futteral.

.. oder

Es bleibt Ihnen noch übrig, meine Herren," sagte er mit steinerner Feierlichkeit, sich jeder zwei Sekundanten zu wählen und sie um neun Uhr heute abend hier ins Kasino zu schicken, wo sie mit uns zusammen die Bedingungen des Man fragte ihn noch nach einigen unbedeutenden Einzel- 3weikampfes ausarbeiten werden. Uebrigens," fügte er auf­heiten und dann erklärte der Vorsitzende ihm, er wäre ent- stehend und das Brillenfutteral in die hintere Rocktasche laffen. Aber man ließ ihn noch zweimal kommen, um er- schiebend, hinzu: übrigens hat die eben verlesene Ent­gänzende Erklärungen abzugeben, einmal am selben Tage scheidung des Gerichts für Sie feine bindende Kraft. Jeder abends, das nächste Mal um vier Uhr morgens. Selbst einem von Ihnen hat völlige Freiheit, sich zu schlagen, oder in praktischen Dingen so unerfahrenen Menschen wie Ro- er breitete die Hände aus und machte eine Pause maschow wurde klar, daß das Gericht die Angelegenheit sehr den Dienst zu quittieren. Dann. sind Sie frei, meine fahrlässig, unvernünftig und außerordentlich unvorsichtig be- Herren Noch zwei Worte. Nicht mehr in meiner Eigen­treibe, so daß viele Irrtümer und Taktlosigkeiten mit unter- schaft als Vorsitzender des Gerichts, sondern als älterer liefen. Die schlimmste Ungehörigkeit war, daß trotz der aus- Kamerad möchte ich Ihnen, meine Herren Offiziere, raten, drücklichen und genauen Bestimmung des§ 149 des Dis- bis zum Duell den Besuch des Kafinos zu meiden. Das kann ziplinarreglements, der strenge jede Mitteilung der Vorgänge nur zu neuen Zusammenstößen führen... Auf Wieder­bor Gericht verbietet, die Mitglieder des Gerichts sich müßigen sehen!" Geschwäßes nicht enthielten. Sie erzählten die Vorgänge vor Gericht ihren Frauen, die Frauen ihren Bekannten in der Stadt, diese den Schneiderinnen, Hebammen und sogar der Dienerschaft. Binnen vierundzwanzig Stunden wurde Ro­maschow zum Stadtgespräch und Held des Tages. Wenn er über die Straße ging, sah man ihm aus den Fenstern, aus Pforten, Gärten, durch Spalten im Zaun nach. Weiber deuteten mit Fingern auf ihn, und er hörte beständig hinter seinem Rücken in schnellem Flüsterton seinen Namen nennen. Niemand in der Stadt zweifelte daran, daß zwischen ihm und Nikolajew ein Duell stattfinden würde. Man wettete sogar um den Ausgang.

Als er morgens um vier Uhr ins Kasino ging und Lykaschews Haus passierte, hörte er plöglich, wie jemand ihn beim Namen rief.

Julij Alerejitsch, Julij Alerejitsch, tommen Sie doch!" Er blieb stehen und richtete den Kopf in die Höhe. Katja Lykatschew stand hinter dem Zaun auf einer Gartenbank. Sie war in einem leichten japanischen Morgenrod mit drei edigem Ausschnitt, der ihren zarten, reizenden Mädchenhals freiließ. Und die ganze Gestalt war so rosig, frisch und appetitlich, daß Romaschow sogar fröhlich zumute wurde. Sie beugte sich über den Zaun, um ihm ihre falte und bom Waschen noch feuchte Hand zu geben. Und gleichzeitig plapperte sie lispelnd:

"

"

Walum tommen Sie nicht zu uns? Szähmen Sie sich, Ihre Freunde szu vergessen. Sie Beser, Beser, Beser. Pit. ich weiß alles, alles," machte sie plößlich große, er­schreckte Augen. Nehmen Sie das und hängen es um den Hals, bitte, bitte, hängen Sie es um. Sie zog aus ihrem Kleide, direkt aus der Brust ein Amulett aus blauer Seide an einem Band und steckte es ihm hastig in die Hand. Das Amulett war noch warm von ihrem Körper. Hilft das?" fragte Romaschow scherzend. Was ist es " Ist ein Deheimnis, wagen Sie nicht szu lachen. Gott­loser. Beser."

denn?"

"

" Ich bin jetzt augenscheinlich in Mode. Prächtiges Mädchen," dachte Romaschow beim Abschied von Katja. Aber er fonnte sich auch zum letztenmal nicht enthalten, wieder in der dritten Person von sich mit einer hübschen Phrase zu

Denken:

Ein gutmütiges Lächeln glitt über das finstere Gesicht

des alten Raufboldes."

Am selben Abend wurde er wieder vor Gericht gerufen, jetzt schon zusammen mit Nikolajew . Die beiden Feinde standen fast nebeneinander vor dem Tisch. Sie sahen sich nicht einmal an, aber jeder fühlte trop der Entfernung die Stimmung des anderen und geriet in heftige Erregung. Beide blickten hartnäckig und unverwandt auf den Vorsitzenden, als dieser den Gerichtsbeschluß verlas:

Nikolajew machte kurz kehrt und ging mit schnellen Schritten aus dem Saal. Langsam hinter ihm folgte Ro­maschow. Ihm war nicht schrecklich zumute, aber er fühlte fich plötzlich vollständig verlassen, sonderbar isoliert, wie aus­gestoßen von aller Welt. Als er auf die Kasinotreppe hinaus trat, blickte er mit langem, ruhigem Erstaunen den Himmel, die Bäume, die Kuh am Baune gegenüber, die Sperlinge, die sich im Wegstaub badeten, an und dachte: Sieh, alles lebt und webt und ist tätig, wächst und leuchtet ich habe aber nichts mehr nötig und für nichts Interesse. Ich bin allein."

( Fortsetzung folgt.)

Kleines feuilleton.

r. Klara Müller- Jahnke ist am 4. November gestorben. Aus ihrem kraftstolzen Roman" Ich betenne", den wir im Dezember vorigen Jahres zum Abdruck brachten, und in dem sich Dichtung und Wahrheit in fünstlerischer Weise mischten, tannten wir ihr Leben. Es war fein gewöhnlicher Lebensgang. Am 5. Februar 1861 bei Belgard als die Tochter eines evangelischen Geistlichen ge= boren, hat sie nach dem frühen Tode des Vaters für sich, die kranke Mutter und die unmündige, schwächliche Schwester den Kampf um 18. Jahr überschritten hatte. Und dieser Kampf führte zum Sieg. den Unterhalt aufnehmen müssen zu einer Zeit, da sie eben das Zum Sieg über die Wirrungen und Konflikte, in die sie ein vom Baterhaus überlieferter Glauben, eine Welt- und Gesellschafts­anschauung veralteter, stockiger Prinzipien hineinriß. In einem faufmännischen Bureau bildete sie sich zum Kontordienst aus und arbeitete in verschiedenen Geschäften, bis Krankheit sie zur Aufgabe dieses Berufes zwang. Italien brachte ihr Heilung. Sönnen lag in der praktischen Betätigung ihrer Anschauung durch Unserer Partei widmete sie ihr Können und ihr Wollen. Ihr mit denen sie das Ringen des arbeitenden Voltes nach Freiheit be­Agitationsreisen in Pommern , ihr Wollen gipfelte in den Dichtungen, gleitete. Sie besaß den reinen Ton edelster Begeisterung, die in ihren Sturmliedern vom Meer" mächtige Klänge ent­fesselt; sie formte die Empfindungen der liebenden Frauenseele zu schlichten Strophen in der Gedichtsammlung Mit roten ressen". In ihr rief die Gelegenheit die Dichterin auf. Darum fühlen wir die Wirkung ihrer Kunst in der unmittelbaren soziale Dichterin in der Wahrheit ihrer dichterischen Arbeiten, der Wirkung eines leidenschaftlich erregten Erlebnisses. Sie war eine Berstellung und Halbheit verhaßt waren.-

"

tn. Eine ideale Ehe. Es dämmerte schon. Noch immer aber saß Herr Kneisel hinter seinem Zeitungsblatt und überlegte, wie er es anfangen sollte.

wie schwer er von Hause loskommen tonnte. Seine Gattin gewährte Ihn in solche Ungelegenheiten zu bringen! Sie wußten doch, ihm vierzehntägig einen Ausgehtag; eine Sigung des Klubs mußte er stets überschlagen. Nur wenn außerordentliche Sigungen mit außerordentlich wichtiger Tagesordning" angesagt wurden, brachte ¡ er's zuweilen fertig, sich einen Extrafeiertag zu verschaffen. Deshalb

" 1