Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 129.
Sonnabend, den 7. Juli.
( Nachdrud verboten.)
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Einer Mutter Sohn.
Noman von Clara Viebig . Wochenlang waren es böse Nächte gewesen. Wolfgang hatte gelitten, und die Mutter mit ihm. Wie konnte sie Wie konnte sie schlafen, wenn sie wußte, daß nebenan jemand sich quälte? Nun ging es wieder besser. Die Medikamente des alten Freundes hatten gewirkt, und Wolfgang hatte eine regelrechte Kur durchgemacht: Bäder, Abreibungen, Massage, besondere Diät. Nun konnte man ganz zufrieden mit dem Erfolge sein. Besonders das streng geregelte Leben hatte ihm gut getan; das Körpergewicht hatte wieder zugenommen, sein Auge war glanzvoller, seine Gesichtsfarbe frischer. Sie hatten alle die größte Zuversicht nur einer nicht. Dieser eine hatte eben feinen Willen zum Leben mehr.-
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Der April war rauh und stürmisch, ganz außergewöhnlich falt; es war nicht möglich, daß der Rekonvaleszent so viel im Freien sein konnte als wünschenswert war, besonders da warmmachende Bewegungen, wie Tennis, Radfahren, Reiten, für ihn noch zu ermüdend waren. Der Arzt schlug vor, Wolfgang nach der Riviera zu schicken. Wenn auch dort nur noch ein paar Wochen blieben, bis es zu heiß wurde, die würden schon genügen.
Schlieben war sofort bereit, den jungen Mann reisen zu lassen: wenn's ihm gut tat, nun natürlich! Käte erbot fich, mitzureisen.
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Aber warum denn, liebste Frau? Der Junge kann ganz gut allein reifen," versicherte der Sanitätsrat.
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Aber sie bestand darauf, sie wollte ihn begleiten. Jetzt war's nicht mehr die Besorgnis, er könne ihr verloren gehen: es war ihre Pflicht fo, fie mußte ihn begleiten, selbst wenn sie es nicht gern getan hätte. Und ein wenig eigene Lust, sich ganz heimlich, ihr selber unbewußt, in ihr regend, kam auch noch dazu. Sie wußte ja so gut Bescheid im Süden wenn sie zum Beispiel nach Sestri gingen? Fragend sah sie ihren Mann an. Hatten sie nicht dort an der Riviera Levante einst wahrhaft glückliche Tage verlebt? Dort am blauen Meer, wo die breiten Pinien grüner und schattender stehen, als tiefer im Süden die Palmen, wo die Luft bei aller Milde etwas Herbes und Erfrischendes hat, wo nichts Schlaffes ist, lauter Belebung!
Er lächelte: gewiß, sie konnten ja dahin reisen! Ach, er freute sich ja so über den doch noch nicht gänzlich berlöschten
Enthusiasmus seiner Frau.
Am Nachmittag vor der Abreise framte Wolfgang lange in seinem Zimmer. Stäte, die besorgt war, daß er sich beim Backen zu sehr anstrengen fönnte, hatte ihm Friedrich zu Hülfe geschickt. Aber dieser fam bald wieder herunter:" Der junge Herr will's alleine machen!"
Als Wolfgang das Letzte in seinen Koffer gelegt hatte, fab er sich nachdenklich im Zimmer um. Hier war er nun aufgewachsen, hier dieses Zimmer hatte er oft als einen Käfig betrachtet ob er nun wieder in diesen zurückkehrte? Wir haben hier keine bleibende Statt, die zufünftige suchen wir
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Drüben hing, schön gerahmt, sein Konfirmationsspruch an der Wand. Lange nicht gelesen. Jezt las er ihn wieder; leicht lächelnd, ein bißchen spöttisch, und ein bißchen wehmütig. Ja, er würde wieder hier hinein zurückflattern, er war eben an den Käfig gewöhnt! Und nun beschloß er, als allerlettes, noch etwas Uebriges zu tun, und zu Frida zu gehen.
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Frau Lämke war sprachlos vor Staunen, fast erschrocken, als sie gegen die Zeit, in der ihre Frida gewöhnlich nach Hause zu kommen pflegte, den jungen Herrn Schlieben bei sich eintreten sah. Sie stotterte vor Verlegenheit: Nee, Frida is noch nicht zu Hause un Artur is auch nich hier un Bater is oben in der Loge- aber wenn Sie so lange fo lange bei mir vorlieb nehmen wollen?" Sie schob ihm mit großem Gerappel einen Stuhl hin.
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Er rückte sich den Stuhl dicht an den Tisch heran, an dem fie genäh+ batte Nun saß er wieder hier wie einst.
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1906
Und er entsann sich ganz deutlich jener ersten Einladung zu Lämkes Fridas zehnter Geburtstag war's gewesen δα hatte er hier gesessen mit den Kindern, und der Kaffee und die Kuchenschnecken hatten ihm so köstlich geschmeckt.
Und eine Menge von Erinnerungen famen ihm noch lauter nette Erinnerungen aber doch wollte kein rechtes Gespräch mehr zwischen ihm und Frau Lämke zustande mit Frida? Oder was machte ihn so unruhig hier? Ja, es kommen. Fühlte er eine Beklemmung vor dem Wiedersehen war so, auch hier war er nicht mehr am Blaze!
Es lag wie Trauer in seiner Stimme, als er, Mutter Lämke die Hand zum Abschied reichend, sagte:„ Nun denn adieu!" ,, Na, verjniegte Erholung- auf Wiedersehen!"
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Daraufhin nickte er und schüttelte ihr noch einmal die Sand, und dann ging er; er wollte lieber Frida entgegen gehen, das war besser als hier innen zu fizen. Er hatte Herzklopfen. Da sah er sie schon auf sich zukommen.
Obgleich es dunkel war, die Beleuchtung nicht so taghell wie drinnen in der Stadt, erkannte er sie schon von weitem. Sie trug das gleiche Matrosenhütchen mit blauem Band wie im vorigen Sommer; das war zwar noch etwas verfrüht, aber es paßte zu ihr. So frühlingsfrisch!
Ein Gefühl quoll in Wolfgang auf, als sie vor ihm stand, das er sonst Frauenzimmern gegenüber nicht gekannt hatte: ein brüderliches Gefühl inniger Zärtlichkeit. Ach, sie hatte es doch wohl nur gut gemeint!
Stumm grüßte er, sie aber sagte froh:„ Ach, Du, Wolfjang?" und streckte ihm die Hand hin.
Wie früher schlenderte er neben ihr her; sie hatte unwillfürlich ihren Schritt verlangsamt. Sie wußte nicht recht, wie sie wieder mit ihm anfangen sollte, aber das glaubte sie fühlen: böse war er nicht mehr.
zu
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Wir reisen morgen," sagte er.
„ Nanu, wohin denn?"
Und er erzählte ihr's.
Mitten darin unterbrach sie ihn. Bist Du mir böse?" fragte sie ihn.
Er schüttelte verneinend den Kopf, aber weiter ging er nicht darauf ein.
Alles, was sie ihm sagen wollte, daß sie nicht anders gekonnt hätte, daß Hans ihn ausbaldowert", daß sie's doch feiner Mutter versprochen und daß sie selber so große Angst um ihn gehabt hätte, unterblieb. Es war nicht nötig. Es war, als sei das Vergangene nun tot für ihn, als hätte er es
ganz vergessen.
Als er dem interessiert zuhörenden Mädchen von der Riviera, wohin er nun reisen würde, erzählte, beschlich es ihn leiſe doch wieder wie neue Lebensfreudigkeit. Ah, nur heraus hier, heraus! Benn er erst dort war, würde alles besser werden! Er machte sich noch kein rehtes Bild, wie es eigent lich dort sein würde; mit halbem Ohr rur, nein, gar nicht hatte er zugehört, wenn die Mutter ihm vom Süden gesprochen hatte, es war ihm ja alles ganz gleichgültig gewesen. Nun empfand er es selber wie eine Wohltat, daß er wieder Teilnahme hatte. Er atmete tief auf.
bat sie.
,, Schickst Du mir auch' ne schöne Ansichtskarte von da?" ,, Natürlich, viele!" Und dann legte er den Arm um ihre schmalen Schultern und zog sie an sich. Und sie ließ sich ziehen.
Auf offener Straße, an deren Rändern die Büsche schon fnospten und der Flieder im ersten Safte schwoll, standen sie I und hielten sich umfaßt.
,, Komm jesund wieder," schluchzte sie.
Und er füßte sie zart auf die Wange:" Frida, ich muß mich wirklich noch bei Dir bedanken!"
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Als Frida am anderen Morgen ins Geschäft ging die Uhr war halb acht sagte sie zur Mutter: Nu is er fort," und blieb nachdenklich den ganzen Tag. Lange Wochen hatte sie nicht mit Wolfgang gesprochen gehabt- da war es ihr auch ganz gleichgültig gewesen aber seit gestern abend war ihr weh ums Herz. Sie dachte viel an ihn, sie konnte ihn gar nicht vergessen.