Dämmern. Es kam einem in den Sinn, daß am Himmel bald herbstliche Wolken jagen werden und Fuhren beginnen vorüber- zutöjen.—_ Kleines Feuilleton. Rabelais über Kolonialpolitik. Im ersten Teil seines zweiten Pantagruelbnches erzählt der grohe französische Satiriker Rabelais (1493— 1553),„wie Panwgruel in Dispodien eine Utopter-Kolonie anlegte". „Merkt also wohl, ihr Weinzähne, daß die rechte Art, ein neu erobert Land in guten Stand zn setzen und für sich zu gewinnen, nicht daraus hinausläuft(wie die irrige Meinung gewisser thranni- scher Geister zu eigenem Schaden und Unehre war), die Leute aus- zuplündern, ihnen Gewalt anzutun, sie zu knechten, übel zu be- handeln und mit ehernen Ruten zu streichen, kurzum sie gleichsam aufzufressen,— wie denn schon Homer einen tyrannischen König Demoboros heißt, will sagen Leuttfresser. Nein: wie ein neugeboren Kindlein muß man sie auffüttern, in den Armen wiegen und lind behandeln; wie einen frischgepflanzten Baum sie stützen, festigen, vor allen Gewalttätigkeiten, Ungemach und bösen Zufällen schützen; wie einen Menschen, der nach einer langen, schweren Krankheit wieder zu erstehen anfängt, muß man sie pflegen, schonen und kräftigen. Dergestalt daß sich in ihnen der Glaube festsetzt, es gebe in der ganzen Welt keinen König noch Fürsten , den sie sich weniger als Feind wünschten und inniger als Freund... So gewann Alexander von Mazedonien die Herrschaft über die ganze Welt. So ergriff Herkules von allem festen Land Besitz, in- dem er das Menschengeschlecht von den Ungetümen, Bedrückungen, Plagen und Thraimeiungen befreite; indem er die Völker wohl traktierte, sie billig und gerecht hielt und ihnen mildes Regiment und schickliche Gesetz gab statt des Gegenteiles; indem er da ergänzte, wo Mangel war, und da beschnitt, wo Uebersluß herrschte; indem er alles Vergangene verzieh und alle Beleidigungen in ein ewiges Vergessen hüllte. Das sind die Wundcrtropfen, die Zauber- und Liebessäftlein, durch die man friedlich für sich gewinnt, was man zuvor mühselig hat erobern müssen... Wer anders handelt wird nicht allein das Erworbene verlieren, sondern sich auch noch den schmachvollen Vorwurf gefallen lassen müssen, er habe ganz zu Unrecht von allem Besitz ergriffen. Was man daraus folgert, daß ihm die Beute unter den Händen geblieben ist. Und steht er selbst sein ganzes Leben lang im ungestörten Genuß: es wird doch, wenn daS Besitztum auch erst in seiner Leibeserben Fingern zerrtimt, ihm, dem Verstorbenen, die Schmach anhaften und sein Gedächtnis verflucht sein als eines Räubers und Rechtsbeugers. Wie es denn heißt:„Unrecht Gut tut ketn'm Enkel mehr gut..." Der„März", der die Stelle ausgräbt, fügt spottend hinzu: Mit welcher Genuatuung darf sich der preußische Assessor von gestern und heute des Kontrastes dieser wahrhasten Utopier-Kolonie gegen seine eigenen Taten, Meinungen und Erfolge bewußt werden, wie sie im schwärzesten Afrika und in den Grenzlanden gegen Frankreich , Dänemark und Polen so glorreich zutage traten. Theater. Deutsches Theater:„Der Gott der Rache", Drama in drei Akten von Schalom Asch . DaS ursprünglich im jüdisch- deutschen Idiom geschriebene Stück des jungen Autors interessiert im ersten Alte durch die anschauliche Kleinmalerei des fremdartigen israelitisch orthodoxen Milieus und einige Ansätze intimerer Choral- teristik, aber bringt es dann zu keinerlei Entwickelung. die wärmere Anteilnahme zu wecken vermöchte. Die dramatische Darstellung der traurigen Vorgänge gebt nicht wesentlich über das, was auch im Nahmen einer kurz resümierenden Zeitungsnotiz hätte Platz finden können, hinaus, ihr mangelt überzeugende Jllusionskrast, und sie entschädigt für die Häufung des Peinlich-Drückenden nicht durch den Ausblick in verborgene Seelentiefen. Auch stehen die Konflikte nicht, wie in den„Juden" des Russen Tschirikow und in dem„Ghetto " Heyernians zu einer all- gemeineren Situation des Judentums in innerer Beziehung, so daß sie hierdurch eine besondere Art Bedeutsamkeit erhalten könnten. Der ostentative am Schluß minutenlang anhaltende Beifall, mit dem das Schauspiel aufgenommen wurde, war so welchen Maßstab man immer anlegen mochte— schwer begreiflich. Das Kostüm konnte doch über die grelle mit den gewaltsamsten Mitteln arbeitende Melodramatik der letzten beiden Akte unmöglich wegtäuschen. Die Handlung spielt in einer polnischen Provinzialstadt im Hause Jankels, der es durch das schmähliche Gewerbe des Mädchen- bandels zu einigem Wohlstand gebracht hat. Im Parterre treibt er das schmutzige Geschäft, aber oben in der sauberen friedlichen Wohnung möchte er durch fromme Werke sich von dem Zorne Gottes loskaufen. fsil zärtlichster Liebe hängt er an der Tochter, die ihm sein Weib, clbst eine frühere'Prostituierte, geboren. Ihre Reinheit, die strenge jüdische Gläubigkeit, in der er sie erzogen, sollen sein Sündenkonto entlasten, ihn in der Achtung der Gemeinde wieder herstellen. Er läßt nach altem Brauch die heiligen Bücher der Thora für das Mädchen abschreiben und beauftragt den Heiratsvermittler, einen frommen israelitischen Jüngling aufzutreiben, der sie gegen gute Mit- gift zn heiraten willens wäre. Der Schwiegersohn soll bei ihm wohnen und nichts anderes tun, als die Sprüche der Thora,„auf der die ganze Welt ruht", auswendig lernen, damit die Familie de-Z Segens teilhast werde, und der Höchste wenigstens das Kind in Gnaden schone. Er will dann auch zu einem ehrlichen Geschäft sich lveuden. In die Angst vor der Vergeltung, in die berechnenden Lohngedanken leerer Werkgercchtigkeit klingt etwas wie ein Unterton aufrichtiger Scham und Reue hinein, der wenig zu dem ganzen Bild«, paßt, indessen, nach des Dichters Absicht, den Mann in den Zusammenbruche seines Schicksals des Mitleids würdig machen soll. Ganz unklar und darum auch uninteressant bleibt das Mädchen. Kaum das flüchtigste Streiflicht erhellt ihr inneres Gcwordensem und Wesen, keine psychologische Analyse läßt ihren Fall als unent» riinibar verstehen, während doch die Verkettung von Notwendigkeiten, die kein Gebet und keine Rene des Schuldigen abzuwenden vermag, den Angelpunkt der Dichtung bilden sollte. Fast nichts im ersten Akte, wo ihr die Eltern von der nahen Hochzeit sprechen, deutet darauf hin, daß Riwkele anders ist, als JanlelS Phantasie sie träumt. Die Verführungsgeschichte hat das rein Aeußerliche einer abgerissenen Anekdote. In dem Treiben der Mädchen, die im Parterre logiert sind, überrascht kein origineller Zug. die Zeichnung schwankt da zwischen nüchtern glattem Naturalismus und billiger Sentimentalität sie quält und peinigt. Eine alte Dirne schmiedet mit ihrem Zuhälter ein Komplott, die Tochter Jankels zu verschleppen. Riwkele, die in dem ersten Akt erzählte, daß sie eines der Mädchen unten gern habe, schleicht heimlich in der Nacht die Treppe herunter und läßt sich in einer Szene, deren forcierte Widerlichkeit alles stühere noch über- trifft, von ihrer Freundin ins Garn locken. Der Schlußakt ist mit dem Jammer Janlels ausgefüllt. Seiner rau, die mit dem Zuhälter auf gutem Fuße steht, gelingt es, durch ärtlichkeiten und Geschenke von ihm den Aufenthalt der' Tochter zu erfahren. Doch der Vater stößt die Wiedergefundene, die ihre Schande nicht verbergen kann und sich trotzig auf ihrer Mutter Bei- spiel beruft, in wildem Grimm von sich. Die entweihte Thora läßt er aus dem Hause tragen. Der„Gott der Rache" hat das Einzige, an das sein menschliches Gefühl und seine Hoffnung sich noch ge« klammert hielt, in den Staub getreten. Die Aufführung war ausgezeichnet. In erster Reihe standen Schildkrauts Jankel, Hedwig Mangel in der Rolle der Mutter und Fräulein E i b e n s ch n tz in der der Tochter. Ihrem Spiele mag der Autor den Hauptteil des äußeren Erfolges zu danken haben. 6t. Schiller-Theater Nst„Das letzte Mittel", Schwank von Philipp BergeS. Zweierlei Tuch ist nicht vertrete», wie im Lustspielhaus an der Friedrichstraße , das lediglich für„KempinZky- Stimmung" zu sorgen hat. Dennoch ist dieser neueste Schwank ein Treffer, dazu noch um einige Nuancen besser als das Kadel- burgsche„Husarenfieber". Der zweite Akt läßt sogar einen An« lauf zu literarischer Qualität verspüren. Die Handlung beginnt im Bureau eines Berliner Rechtsanwalts. Hier wird dem Zuschauer bereits die ziemlich vollständig ausgefüllte Musterkarte der meisten Personen vorgeführt, die dann in einem bayerischen Gebirgskurort das amüsante Ullspiel fortzusetzen und eS mit gleicher Spannung zu beenden haben. Die Ingredienzien sind gut gemischt, wenn auch bewährte alte Bekannte. Da ist der Berliner Restaurateur. Couleur: gemütlicher Junggeselle und Weiß- bierphilister. Da ist die böse Schwiegermutter des Fabrikanten(auS den„Fliegenden Blättern "). Die Beiden werden am Ende des Schlußaktes ein glückliches Paar. Die nicht minder bekannte spanische Artistin mit dem blitzenden Dolch im Strumpfband ist diesmal zur Abwechselung in das Habit einer Russin gesteckt. Sie hat natür- lich statt Blut Quecksilber und— was sich gewiß sehr„zeitgemäß" ausnimmt— eine tüchtige Portion Dynamit in den Adern, weshalb sie fortwährend explodiert. In getreuer Befolgung des Satzes, daß sich die Extteme zu berühren pflegen, stellt der Verfaffer dem der« schmitzt dumm scheinenden Berliner Advokatenschrcibcr den gleich» artigen Toni, dem„besseren" Dienstmädchen aus Spree-Athen die Kuhmagd Cenzi gegenüber. Und so fort. Beleckte Bildung und ländliche Kraftnatur halten sich die Wage. Bayerisch Land und Voll scheint der Verfasser allerdings nur v»m Hörensagen zu kennen auf berlinischem Boden dagegen heimischer zu sein. Es fehlen weder drastische Lokalwitze, noch Anspielungen aus gewisse lokale Berühmt- heilen aus Scherlschen ZeittmgSfabnlen. Der Reklameagcnt Hersch- selber ist zweifellos ein witziger Einfall, obgleich er von A. MehlS Hiihneraugenoperateur Hirsch und Herrn Alsted Holzbock erborgt zu sein den Anschein hat. Aber die Figur ist riesig spaßhaft in jeden, Falle, zumal, wenn sie in so guten„Händen" ruht, wie bei Max Marx ; denn Herschfelder muß unverfälscht„reden" können, mit de Händ' wie mit de Füß'. Außerdem kommt zustande: eine Szene k la Romeo und Julia; nur daß die beiden, nämlich der Restaurateur Stülpnagel(Fritz Beckmann ) und die drakonische Schwiegermutter, nunmehr seine.�u- künftige"(Asta Hill er) zu gleicher Zeit auf der Letter zum Fenster hineinsteigen. In ehrbarer Absicht natürlich: sie wollen verhindern, daß sich der Fabrikant mit der von ihm auf Trennung von Tisch usw. geschiedenen Frau wieder versöhnt. DaS ist inzwischen aber schon geschehen. Daß schließlich auch der Rechts- anwalt seine Stella(Maria Mallinger) kriegt und somit den Restaurateur Stülpnagel als Schwiegervater in spe in die Arme schließen kann, verdankt er dem liebenswürdigen Schwankdichtcr, der sich persönlich von der Rampe aus vom durckffchlagenden Erfolg seiner lustigen Mache überzeugen durste. o. k. Physiologisches« Der sechste Sinn. Auf die Frage, wieviel Sinne hat der Mensch, Wird seder antworten: fünf, nämlich Gesicht. Gehör, Ue-
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24 (21.3.1907) 57
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