an der anderen, indem Du meine Seele jener raubst, wirst SDu ja nur den Leichnam meiner Seele erhalten. So Hab Erbarmen mit mir. laß mich frei atmen, laß mir diese Liebe — sonst Meiß ich nicht, wie das noch enden wird. Ich fürchte, ich fürchte sehr, daß ich vergebens schreibe: ich habe keine Hoffnung, daß Du Dich entschließen wirft, mein Flehen zu er- boren; aber ich will's versuchen.... Erst jetzt habe ich be- griffen, was leben heißt, ertöte dieses Gefühl nicht in mir, sei großmütig, gib mir das Recht auf die Seele, die Liebe, »as Leben zurück!" Abgesandter Brief. „Liebe Lisa ! Meinem Versprechen gemäß schreibe ich Dir im Dorfe, obwohl dieser Brief erst in Wilna , wo ich mich drei Tage aufhalten werde, in den Briefkasten kommen wird. Lange schon habe ich keine so schöne Reise gemacht. Eine prachtvolle Schlittenbahn. Ich logiere beim Verwalter, Ißarfion Silytsch, einem abgefeimten Spitzbuben, der übrigens »in tüchtiger Landwirt ist. Madame Parfene füttert mich —- gleichsam in einer Ekstase von Gastfreundschaft— mit allerhand guten Sachen. Morgen reisen wir ab. Nun, leb wohl, ich küsse Dich und die Kinder. Erinnere Wassili daran, er soll im Zollamt die Zigarren holen. Dein mit ganzer Seele ergebener P. Komorin." Rlchik ab' gesandter Brief, -„Einmal, wenigstens ein einziges Mal, möchte ich Ihnen alles heraussagen, was sich in meinem Herzen angehäuft, was mich niederdrückt und beklemmt und was ich unter heuch- lerischem Lächeln, Schmeicheleien und kriecherischem Wesen verbergen mutzte, obwohl eine brennende Schamröte dabei Meine Wangen bedeckte, und ich in meinem ärmlichen Chambre garnie, wo wir zu Dreien Hausen, mir die Hände beißen mußte, um durch lautes Schluchzen Mutter und Schwester nicht zu wecken. Doch jetzt will ich Ihnen alles, alles heraus- sagen: diesen Genutz will ich mir gönnen, nachher komme Meinetwegen die Not, der Hungertod, mir ist's egal. Lieber den Tod, als ein ewiges Verletzen der menschlichen, weiblichen Würde. Auch ich mutz doch einen Moment der Genugtuung haben. Oh. beim bloßen Gedanken daran, wie Ihr wohl- genährtes, gepflegtes,„ehrwürdiges" Gesicht sich in Staunen und Entrüstung verzerre« wird darüber, daß irgendeine nichtige„Statifnn" Ihnen die Wahrheit sagt,— oh, Herr Direktor, beim bloßen Gedanken daran empfinde ich eine un- geheure Freude, ich lache laut, ich denke daran, was ich fast vergessen hätte: daß ich noch jung bin, daß mein Leben noch Nicht ganz darauf vergeudet ist. um mit dem Präsentierteller Mlf der Bühne zu erscheinen. Vor zwei Jahren hieß es überall: in Ihrem Theater arbeiten bedeute dasselbe, als in des Sultans Harem leben, Und wenn eine Schauspielerin sagte: ich habe eine Saison bei Saarow gearbeitet, so klang das wie ein Bekenntnis:„Ich war eine Geliebte."... Ich hatte aber einen Trost: weder war ich besonders schön, noch besonders elegant und ich hoffte, daß Sie inmitten der glänzenden Schmetterlingsschar, unter meinen luftigen und hübschen Kameradinnen das bleiche, hagere Mädchen mit dem sorgenvollen Blick nicht einmal be- merken werden.... Und ich mutzte doch meine alte Mutter und eine schwindsüchtige Schwester ernähren. Ich wußte, daß die Gage bei Ihnen so sicher war, wie sonst selten in der Provinz, denn Sie hatten ein Subsidium von der Stadt und waren selbst einer von deren Vertretern. Für die Meinigen wär' ich vor einer Tagelöhnerarbeit nicht zurückgeschreckt, und darum war die von Ihnen gebotene Gage von 50 Rubel ein ganzer Reichtum, ein rettender Anker für mich! Nun, und so ging ich zu Ihnen.... Und glücklicherweise hatte ich mich nicht geirrt— meiner als Weib begehrten Sie nicht— Gott hat mich davor bewahrt.... Aber ich konnte es mir gar nicht denken, daß man, abgesehen von einem Liebesverhältnis, eine Frau nvt so viel klebrigem Schmutz besudeln könne, mit dem Schmutz kleinlicher ätzender Beleidigungen und Herabsetzungen, Mit denen Sie uns, bescheidene Arbeiterinnen, überhäufen. -„Ach, eine Stattstin! Sie zittert, daß man sie nicht wegjagt! Wozu viel Federlesens mit ihr machen!" Und danach handelten Sie auch. Wie haben Sie sich benommen? Was für Reden haben Sie in unserer Gegenwart geführt? Kam Ihnen, wenn auch nur vorübergehend, der Gedanke, daß unter uns sich eeine, anständige Mädchen befinden? Ihrem schönen Beispiel folgten, um Ihnen Spaß zu machen, die meisten„Kollegen"— feie Schauspieler, und hinter den Kulissen herrschte eine rohe, hanale.Atmosphäre, Auf Ihren berüchtigten Soupers, aus denen alle erscheinen mußten, denn ein Nichterscheinen galt als Demonstration und wurde der Betreffenden sehr übel angerechnet, mußten wir die größten Gemeinheiten hinunter- schlucken samt den Austern und Wildpretpasteten, welche zynischen Anekdoten, welche schändlichen Anspielungen mußten wir anhören und dursten beileibe nicht übel nehmen, ja nicht einmal erröten.... Sie haben eine Tochter. Ich sah sie in der Loge. Sie ist ein schlankes, blondes Fräulein.... Während ich in der „stummen" Menge stand, konnte ich alles beobachten, was in der Loge vorging. Das Fräulein mit dem lieben, unschuldigen Gesichtchen schaute gleichgülttg auf die Bühne und aß Bonbons aus einer großen Bobonniere, die Sie ihr gebracht. Sie beugten sich so liebevoll und zärtlich über sie, Sie sahen in ihrem Vaterstolz so patriarchalisch aus.... Und da kam mir unwillkürlich der Gedanke, wie es wohl wäre, wenn Ihre Tochter einem Ihrer Soupers im Hotel du Nord beiwohnen würde.... Wie es wäre, wenn irgend ein... wählen Sie selbst einen bezeichnenden Namen... ihr reines, jung- sräuliches Ohr mit irgend einer NuMmer aus jenem Re- pertoire verletzen würde, mit dem Sie das Gehör Ihrer Untergebenen erfreuen, wenn Sie uns einer Unterhalwng würdigen? Wie würden Sie da handeln? Denken Sie mal nach! Und nur darum, weil wir hungrig und Hülflos sind, weil wir Ihrer bedürfen, um irgendwie unser Leben zu stiften, während Sie sich mit uns nicht zu genieren brauchen — an Stelle- einer Entlassenen können Sie ja Hunderte anderer bekommen— nur dämm glauben Sie ein Recht zu haben, unsere jungsreuliche Keuschheit zu verletzen, unsere weibliche Würde zu verhöhnen, und wir, wir dürfen nur lächeln und müssen alles mit stlavischem Gehorsam über uns ergehen lassen. Aber ich kann es nicht mehr, ich ersticke. Ich will Ihre abscheulichen Worte nicht wiederholen, die nieder- zuschreiben ich mich schäme und nach denen ich, eine elende Statistin,_ zu sagen wagte, daß Sie sich vergessen.... Ich will diese Worte nicht wiederholen, aber mögen sie Ihnen in den Ohren klingen, lvenn Sie diesen Brief lesen, wenn Sie Ihre Tochter anblicken, und mögen Sie Scham empfinden, Sie grausamer, satter, zynischer Mensch. Und mögen alle, die noch jung sind, die noch an Wahrheit und Reinheit glauben, Ihnen die Benennung ins Gesicht schleudern, die Sie verdienen. So, jetzt können Sie mich hinausjagen, ich werde Wäsche waschen, ich werde betteln gehen, um meinen Lieben Brot zu schaffen, aber endlich, endlich Hab' ich Ihnen doch alles gesagt. Nadeschda Tumanskaja." Abgesandter Brief. -„Sehr geehrter Herr Direktor! Gestern war ich sehr aufgeregt, ich bitte Sie, mir mein kindisches Benehmen zu verzeihen. Am Bette meiner schwerkranken Schwester, der es mit jedem Tage schlechter geht, werden meine Nerven bis aufs äußerste gespannt. Ich hoffe, daß Ihre in den Schau- spielerkreisen genugsam bekannte Humanität Ihnen helfen wird, meine Schroffheit zu entschuldigen und den unlieb, samen Vorfall zu vergessen. Ueberzeugt von Ihrer Güte- verbleibe ich ergebenst N. Tumanskaja.� (Schluß folgt.) flinchdruck verboten.) !>seues aus der XTccbirifc. Von W. Berdrow. Wer sich in dieser sonderbarsten aller Welten ein wenig tiefer und nicht nur an der Oberfläche umgesehen hat, dem kann es nicht entgangen sein, daß zu den einträglicheren Gewerben, wenn eS mit dem richtigen Verstand und Fleiß betrieben wird, das der Lumpen» sammler gehört. Natürlich, denn kann man wohl in einem Zweige der menschlichen Beschäftigung mit weniger Unkosten arbeiten, alS wenn man sich einzig damit befaßt, diejenigen Dinge zu Gelde zu machen, die die anderen als wertlos weggeworfen haben? Man sagt es den Chinesen nach, daß sie allemal dort sich einstellen und eine gesegnete Ernte halten, wo die weiße Raste abgewirtschaftet hat. Diese Chinesen sucht heute die gesamte Industrie bewußt oder un» bewußt nachzuahmen, und sie hat ihre sehr triftigen Gründe dazu. Vorüber sino, wenigstens für die älteren 5kulturstaaten, die glück» lichen Zeiten, wo man nur mit der Wünschelrute den Boden zu schlagen brauchte, damit er tausendfältige Frucht trug. Vorüber die Zeiten, wo man Wälder ohne Maß und Zahl verwüsten konnte,
Ausgabe
24 (8.5.1907) 88
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