„ßoITft, 8c Necousu. Sie IjflBen ja versucht, sie viir Weaznenaaaiercn, ich weif; es wohl." —„Ah, dieser leibhaftige Teufelsjunge... mit seinem Gesicht wie Hans Tummerjahn... er hat's noch dicker hinter den Ohren als wie sein Vater... und mit Reden wird der sich nie'reinreiten... Wahrhaftig, mein Junge, Du bist mir über!... Gut denn: rücken wir'raus mit dem Schutt." Und Le Recousu �og unter seinem Rock eine lederne Geldkatze hervor, wie die reifenden Viehhändler sie tragen. —„So, hier hast Du Deine zweitausendzweihundert Frank." —„Ich habe gesagt, zweitausendfünfhundcrt, Le Recousu, und des weiteren das Engagement meiner Gesellschaft." —„Na. auch gut: man muß wahrhaftig zu allem Ja sagen, was dieser verwünschte Bescaps will." —„Sie zahlen mir das Geld bei Uebernahme, Le Necousu. und ich bitte Sie. niitzukommen, um die Uebernahme vorzunehmen, da ich abreisen möchte... ich meinerseits reise ab." „Gleich jetzt? Mach' keinen Unsinn... Du willst doch nicht eine andere Truppe zusammenbringen?" --„Nein, mit meiner bisherigen Existenz habe ich ab- geschlossen." —„Du gehst zu einem anderen Geschäft über?... Was für'n Schimmel willst Tu reiten?" —„Sie sollen es später erfahren." —„Wir sind also einig, nicht wahr?... Dann geh' immer voran... ich komme Dir nach... ich muß nur erst noch die sechste hier hinter die Binde gießen... ich habe sonst nicht mein Maß." lFortsetzung folgt.1 (Nachdruck verboten.) Die Kleine putzmaebmn. Skizze von Wilhelm Scharrelmann » Bremen . l. Sie hätte sich ganz gut auf Jahrmärkten und Messen sehen lassen können. In einem zierlichen Kleidchen mit falschen Spitzen und Trotdeln daran, mit einem koketten Hütchen auf dem Kopfe, einem Blumenstrauß in der Hand und den stetig wiederhollen Worten:„Meine Herrschaften, gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle,— ich bin die Zwergin Chrysantheme, zwei Fuß zehn Zoll groß, wiege 79 Pfund und bin 2z Jahre alt," wäre sie eine Attraktion für eine Schaubude gewesen. Wirklich, sie war zum Erbarmen klein geblieben, und nur der Kopf, der plump und ungefüge auf den schwachen Schultern faß und den Hals in die Brust hinabgedrückt zu haben schien, hatte seine natürliche Größe. Das Kleinste und Zierlichste aber an ihr waren die Hände. Man konnte sich kaum etwas Zier» licheres, Besonderes und Gewandteres denken, als Jeanettes Hände. Tie kleinen, feinen Finger arbeiteten so sauber und nett mit Nadel und Faden, wußten die kleinen Blumen so zierlich zu legen, die feinen Drähte, mit denen die Rosen, und Fliederzweige sich aufrecht hielten, so natürlich zu biegen, daß alle Kunden ihre helle Freude daran hatten. Die meisten wünschten auch gleich, wenn sie einen Hut bestellten, daß ihn„die kleine Dame" und sonst niemand garnieren sollte— und darum saß sie denn den ganzen Tag hinter den Gardinen an dem großen Puhtische auf einem Kinderstühlchen, das zum Hinauf- und Hinunterschrauben ein- gerichtet war, und garnierte die Hüte, mit denen Sonntags die jungen Damen auf der Promenade einherstolzierten und sich bc- wundern ließen. Sie war die Tochter armer Leute gewesen und war als Ziehlind zu der Frau Klaußner gekommen, als ihre Eltern gc° storben waren, und die hatte sie zur Putzmacherin ausbilden lassen. Immer war sie lustig und gesprächig, trotzdem sie niemals daS Haus verließ und den ganzen geschlagenen Tag hinter den weißen Gardinen in der halbdunklen Stube saß, die auf einem großen weißen Plakat, daS man ans Fenstar geklebt hatte, allen Vorüber- gehenden die Aufschrift zeigte:„Hier wird Putz gemachtl" Denn draußen auf der Straße durfte sie sich nicht sehen lassen, ohne daß die Kinder hinter ihr dreinliefen und riefen:„Eine Zwergin l Eine Zwergini" Und das war so peinlich und so beschämend, daß sie es sich lange abgewöhnt hatte, überhaupt daS Haus zu verlassen. Rur rn den Garten schlüpfte sie zuweilen, der hinter dem Hause lag und der so eng und dunkel war. daß nicht einmal die beide» Ge- ranien recht weiter wachsen wollten, die dort auf einem kleinen Bort standen und feuerrote Blüten auf übermäßig langen Stielen trugen. Nein, auf die Straße ging sie so leicht nicht wieder. Sie vergaß den Auflauf nie, der damals entstand, als sie eines Mittags bei warmem Frühlingswetter ahnungslos auf die Gasse gegangen war, um sich einmal umzusehen in der neuen Gegend. Sogar die großen Leute hatten ihr nachgesehen und gelächelt, und die Kinder zogen in hellen Haufen mit ihr, so daß sie zuletzt die Schürze vor das Gesicht nahm und davonlief, schneller und immer schneller. bis sie sich mit den Füßen in ihr Kleid verwickelte und auf dai Pflaster stürzte. Und die Kinder johlten und schrien hinter ihi drein, und die Fenster in den Häusern wurden aufgerissen und ncngicrige Weiber blickten herunter— ach, es war entsetzlich ge- Wesen. Es schauderte sie noch, wenn sie daran dachte. So begnügte sie sich damit, hinter ihrer Gardine die Leute zu l'cobachten, die in der enge» Gasse vorbeigingen oder aus de» gegenüberliegenden Fenstern schcniten. Dadurch lernte sie mit der Zeit jeden kennen, der in den Häusern heruni wohnte. Sie kannte die Nachbarn schon mn Sckwitt, wenn sie die Gasse heraufkamen, oder an der Stimme, wenn sie einander einen Gruß zuriefen, kannte ihre Gewohnheiten, ihre Alltags, und Sonntagskleider. Gerade gegenüber ivohiite eine Witwe, die an Logisleute vermietete. Alle paar Wochen schaute auö ihren Fenstern ein Fremder hervor, zuerst ein Friseurgehülfe mit seingebranntem Haar, dann ein Schreiber, später ein Reisender, der nur wenige Tage blieb. Dann stand die Wohnung eine Zeitlang leer. � Eines Abends gewahrte sie dort plötzlich wieder einen neuen Gast. Es war ein junger Mann, der mit gelangweiltcm Gesich: aus dem offenen Fenster in die Gasse sah und die Fronten der Häuser musterte. Er hatte lockiges Haar und trug eine mächtige, bunte Krawatte, deren Enden im Winde flatterten. Sie bewunderte ihn eine ganze Zeit lang, bis er sie plötzlich bemerkte, weil sie die Gardinen ein wenig zur Seite geschoben hatte und ihr im selben Augenblick eine Kußhand zuwarf. Er- schrocken ließ sie die Gardinen fallen und errötete über und über. Einige Stunden nachher wußte sie, daß er Signorelli hieß. ein Künstler war. am„Mctropol-Theater" allabendlich Vorstel- lungen gab und einen kleinen dressierten Scidenpudcl besaß, den er behütete wie seinen Augapfel. Und dann wurde sie mit ihm jeden Tag bekannter. Er grüßt« lächelnd zu ihr hinüber, wenn sie wegen des schwülen Sommer- wetters das Fenster geöffnet hatte und er sie hinter dem Tisch bei ihren Hüten, Federn. Blumen und seidenen Bändern sitzen sah, und eines Tages, als er die Straße hinuiitcrschlcndcrte, guckte er durch das Fenster in die Stube und rief:„Guten Abend. Fräu- leinckenl" Sie wurde feuerrot und bückte sich tiefer auf ihre Arbeit und stach sich mit der feinen Nadel in den Finger. Uni dann dachte sie Tag und Nacht an ihn, der schön und so kräftig und stark war, und so lässig seine Zigarette zwischen den Lippen hielt, und an den Fingern goldene Ringe mit funkelnden Steinen trug, die unzweifelhaft echt waren und gewiß ein Ber - mögen darstellten. Und dann sah sie eines Abends spät, als sie noch allein in der dunklen Stube saß und auf die Straße hinausschaut«, und auf dem regenuassen Pflaster der gelbe Lichtschein der Laterne lag, daß er mit einer Dame nach Hause kam, die gerade vor ihrem Fenster den Regenschirm zusammenklappte und sagt«:„Also hierhin hast Du Dich verkrochen, AloysI" und' dann hörte sie beide leise lacken und die Tür hinter sich schließen. Diese Dame blieb die nächste Zeit bei ihm. Täglich kamen sie zusammen heim, und sie hörte von der Nachbarin, daß es seine Gemahlin sei. Tann mußte er dieser von ihr erzählt haben, denn auch sie nickte, wenn sie am.Fenster vorüberging und daS blasse Gesicht der kleinen Putzmacherin gewahrte und lächelte ihr zu. m. Einige Tage später klopfte es eines AbcndS noch spät an ihre Stubentür. als sie allein hinter ihrem Tische saß und arbeitete, und dann traten Herr Signorelli und seine Gattin ein und wollten Seidcnband kaufen, und wäbrcnd sie, ganz verwirrt, mtt zitternden Händen und unter leisen Worten ihre Vorräte zeigte, beobachteten die beiden sie bei jeder Bewegung und nickten sich zu und dann begann er mit seinem Anliegen herauszurücken, daß es dumm von ihr sei, hier hinter den Mauern zu sitzen, und ungesund sei es auch. Sie solle doch mit ihnen gehen. Sic könne viel Geld verdienen und sie solle doch vernünftig sein. Er garantiere ihr im Jahre lOOV Mark,— wenn sie sich entschließen könne, mit ihm zum Theater zu gehen. Sie brauche nichts besonderes dazu zu lernen, nur zeigen solle sie sich dem Publikum. Gewiß, er würde ihr Bedenkzeit lassen und morgen einmal wiederkommen und fragen. ob sie es sich überlegt habe. Putz machen könne sie schließlich jeden Tag wieder und man müsse dem Glücke die Hand bieten. Morgen reise er weiter und sie müsse selbst wissen, was sie tun wolle. Und die Dame nickte zu jedem Worte, das er sprach und dann flingen sie und nickten und lächelten wieder, und die Dame, die eine Frau war, wandte sich in der Tür noch einmal wieder um und rief:„Uebcrlegen Sie es sich. Fräuleinchen l" Sie aber stand wie ein kleine« Schulmädchen in der dunkelsten Ecke des Zimmers mit klopfenden Pulsen und weinte, leise und wimmernd, als habe man sie geschlagen., �. Also dazu war sie ihm gut genug, daß er m,t ihr auf Jahr- markten und Messen herumziehen und sie' dem Publikum vorstellen wollte, wie er sein Pudelhündchen zeigte I Sie ballte zornig die kleinen Hände und preßte die Lippen aufeinander. Und diese Dame, die seine Frau war,— es müßte ein vorzüglicher Spaß für sie sein, wenn sie den Leuten das kleinste
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24 (20.11.1907) 226
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