(Mifgefcttfeft!f(tr. ES ist die Seele des ganzen Mechanismus, die »Unruhe", die ihrem Namen alle Ehre macht. Auf geheimnis- volle Weise steht sie unten mit dem Anker in Verbindung, denn wir bemerken, dast die Bewegungen beider zeitlich zusammenfallen. Dah sie außerdem bei jeder Schwingung durch den Anker resp. oas Steigrad einen kleinen Antrieb bekommt, versteht sich von selbst, denn sonst müßte sie doch einmal stehen bleiben. Die schrägen Endflächen der Steigradzähnchen, die wir vorhin mit der Lupe deutlich gesehen haben, treiben eben den Anker an und zugleich die Unruhe. In der Mitte der letzteren erblicken wir eine haarfeine Feder, die sogenannte Spirale, durch deren elastische Kraft das Schwungrädchen nach jeder Schwingung zur Umkehr ge- zwungen wird, wobei die Feder regelrecht„atmet". Wir kennen sie schon von unseren gelegentlichen Versuchen her, die Uhr zum avancer oder retarder(Schneller- und Langsamergehen) zu ver- anlassen. Zu diesem Zwecke hatten wir einen kleinen Hebel ver- schoben, an dessen kurzem Ende sich ein feiner Spalt befindet, der die letzte Windung der Spirale umfaßt und je nach seiner Stellung mehr oder weniger stark festhält.— Da tp�r jetzt schon etwas sicherer geworden sind, riskieren wir einen direkten operativen Eingriff in den Organismus unseres Maschinchens: wir nehmen ein angespitztes sauberes Streichhölzchen zur Hand und legen es ganz behutsam von der Seite an die Unruhe, ohne die Spirale zu berühren oder aber mehr Druck anzuwenden, als wenn wir etwa eine Postkarte mittels des Stäbchens anheben wollten. Das Rädchen steht nun still, wir sehen seinen Kranz mit allerlei Schräubchcn besetzt, bemerken weiter, daß er aus zwei verschiedenen Metallen, Messing und Stahl, zusammengesetzt ist, ja vielleicht auch, daß er an zwei Stellen durchschnitten ist. Wie man sieht, ist die Unruhe ein sehr feiner Maschinenteil; um dem Leser einen Begriff von ihrer Subtilität zu geben, brauchen wir nur folgendes zu sagen: �ede Schwingung der Unruhe soll genau ein Fünftel Sekunde, nicht mehr und nicht weniger betragen; eine Abweichung hiervon um ein Vierhunderttausendfiel Sekunde, begangen von der Unruhe einer hochwertigen Präzisionsuhr, erregt bei dem Kenner scyon ein Stirnrunzeln l (Nachdruck verboten.Z l�acb cler Scbeiclimg. Skizze von Ilse F r a p a n- A k u n i a n(Genf ). I. Die ganze Welt lag wie erstickt, wie ertrunken im tiefen, weichen Schnee.„Heut wird's halt emal net Tag," brummte die Frau des Friedensrichters, die eben mit ihrem Nähzeug unterm Arm in die Amtsstube guckte.—„Ich muß Dich dann wieder bemühe, Alter, ich kann emal wieder das Nadelöhr net finde." Der stattliche Weißbart schob sich die goldene Brille auf die Stirn hinauf und begann mit Vorsicht und Sachkenntnis das Ge- schüft des EinfädelnS.„Wahrlich, ich sage Euch, es wird eher ein Kamel durch ein Nadelöhr—" begann er mit Salbung,„ehe daß ein böses Weib in den Himmel--* Hier wurde er durch die Frau Friedensrichter unterbrochen, die ihm mit der eingefädelten Nadel einen heimtückischen kleinen Stich in die Hand versetzte.„So, Alter, da haste's jetzt I" lachte sie auf und flüchtete sich schnell nach der Tür. Dort aber besann sie sich, daß sie nach dem Ofen hatte sehen wollen, sie legte ihre Näharbeit auf den Stuhl an dem großen grünblauen Kachelofen und begann in den Kohlen zu rühren.—„Die kommen lange nicht, gelt? Es ist bereits bald zehn Uhr," sagte sie. „Aha, Du spitzest aus das geschiedene Ehepaar, jetzt wird's mir bann klar, warum Du den Ofen heut schon gar nie vergissest, wie- wohl das Thermometer draußen auf Null steht," spöttelte der Friedensrichter, behaglich in den Armstuhl zurückgelehnt.„Es ist mir nur leid, daß ich Dich net zu der Verhandlung einladen darf, Frau, so neugierig Du auch wärest." Mit großer Eilfertigkeit verließ die Frau ihre Scheinarbeit und kam zu dem Friedensrichter, den sie aus lustigen braunen Augen überredend anblinzelte. „Jesses Gott. Alterle, warum darfst es net tun? Hast gewiß wieder kalte Fuß kriegt übernr Warten. Der Termin ist auf zehn Nhr, gelt? Aber so sag's mir doch, warum kann ich net zuhöre? Gleich bring ich Dir Deinen Fußsack, Alterle. Aber so red' emall"-- „Weil— weil Du'ö net hören magst." „Was? was? Freilich mag ich'S höre. Weißt, ich mach Dir geschwind en Glühwein. Alterlei" „Wär net übel, jetzt, zum Termin. Ein Richter muß kühl und nüchtern sein, Frau, e-S hilft Dir net I" Die hübsche, neugierige Frau legte ihren Arm um des Mmmcs Schulter.„Gelt, Alterle, bist ftoh, daß Dil mich hast?" Und wie er nur schlau lächelte, fuhr sie fort:„Denk' auch Du, wenn ich Dich verlasien Hütt', wie die Lina Goßwylcr ihren Mann, nein wie greulich!" „So greulich ist die Lina net, im Gegenteil, es ist en nettes, junges Fraule t" „Ach Du mein verliebtes Mandls, ein glattes Gesicht ist immer unschuldig I" rief die Frau und zog ihren Arm zurück, aber im selben Augenblick fuhr ihr der Mann streichelnd über die vollen Backen. „Und Du, mein wunderfitzigS Weible, bist auch so unschuldig wie Du glatt bist. So unschuldig, daß Du net emal hören kannst, wenn man von bösen Weibern redet I Und weil Du's net kannst, darum kann ich Dir net gestatte, daß Du die Verhandlung mit an-» hörst, denn es wird von bösen Weibern geredet werden." Lachend und schadenfroh schob er die Angegriffene von sich, die ihm eine Faust machte, ihr Nähzeug über den Arm warf und auf die Zwischcntür wies. „Erlaub's oder erlaub es net-- ich sitz in der Stube und horch, die Wand ist net von Eisen." „Los' auch Du, Frau, warte, warte!" rief er ihr nach,„Du kannst die Tür aufmache I Es ist mir lieb, wenn Du's hörst, im Gegenteil! Daß Du Dir ein gutes Beispiel nimmst an dem bösen Weib, ein abschreckendes, wenn Du emal e Schwiegermutter wirst!" Sein lautes Gelächter endete mit einem Auffchrei, die lustige Frau hatte ihn geschwind zum Abschiede mit der Feuerzange inS Bein gekniffen. II. Das verschneite Pförtchen draußen gab einen feinen Glockenton, jemand klopfte sich, mit den Füßen stampfend, den Schnee ab,_ ein Pochen an der Tür, ein kräftiges: Herein I und die Gestalt eines jungen Mannes, der den Hut in der Hand hielt, erschien auf der Schwelle. „Bin ich zu ftüh?" fragte er mit leiser Stimme, während er die Blicke in dem behaglichen Raum, der nur wenig von einem Amts- lokal hatte, spazieren ließ. „Eher zu spät," sagte der Friedensrichter und blickte zerstreut und feierlich von dem vor ihm aufgeschlagenen Folianten in die Höhe, „gleichwohl ist die andere Partei noch nicht erschienen." Der junge Mann nahm Platz. Mit gesenktem Kopf, den Hut zwischen den gespreizten Knien saß er da, hob alle Augenblicke den Kopf, um nach der Uhr zu sehen, die mit ihren: harten metallischen Pendelgang ausdringlich die Stille uuterbrach, schreckte bisweilen in die Höhe und starrte durch das Fenster,— hinter dem in zarten Umrissen der UeUiberg mit den schönen weißschimmernden Villen am Fuße fichtbar war,— und sein hübsches, ernstes Gesicht mit den dunklen Augen und dem herabhängenden Schnurbart färbte sich röter und röter. „Ihre Frau kommt lange nicht," sagte der Friedensrichter von dem Buche auffchauend. Der junge Mann errötete noch mehr.„Sie wisien eS ja wohl, wir sind geschieden." erwiderte er düster und mühsam. „So, so, wie lange denn?" „Am fünsukdzwanzigsten November ist es ein Jahr gewesen." „Sie haben das Datum gut im Kops. Ihre Frau ist wieder bei den Elten :, deucht mir?" Ein Nicken und ein Seufzer war die ganze Antwort. „Haben Sie eppe Trauer, daß Sie de Flor am Arm trage, Herr Großwyler?" „Mein Schwager in Schaffhausen ist letzthin gestorben, ich glaube-- draußen ist jemand." sagte der junge Bauer und stand auf. Niemand kam.„Nein, nein, es ist nichts, sitzen Sie nur. So. so, in Schaffhause l Da ist Ihre Schwester aber zu bedauern, so ganz allein!" „Doch nicht, meine-- die Mutter ist bei ihr." Der Friedensrichter fuhr hram: und schob sich die Brille auf die Stirn.„So, so, auf längere Zeit eppe?" „Für immer, aber jetzt het die Pfort' geklunge." „Nit«mal! Bezwinge Sie Ihre Ungeduld, Herr Goßwyler. So, so, für immer? Da sind vielmehr Sie jetzt allein, kann mer sage." „Ich muß doch emal hinausschaue," sagte der junge Maim und sprang an die Tür. „Sitze Sie nur ab. Ihre Frau hat Sie scheint's vorlade lasse, wisie Sie warum?" „Ich weiß eS gewiß net, und eS ist so arg heiß da hcrinne, erlaube Sie," damit faßte er nach der Klinke und tat einen Sprung hinaus. Im Zimmer nebenan rührte es sich, die Frau Friedensrichter riß die Tür auf. sie war ganz aufgeregt. „Die alte Großwylere ist nach Schaffhause? Nein aber I Der Drach ist also fort? Jesses Gott , der arme Bursch dauret mich, ich kann'S garnet sage, wie sehr." „Gang, mach, mach fort, sie ist an der Pforte I" winkte der Friedensrichter. Da kam eine zierliche, sehr junge Frau in die Amtsstube. Sie grüßte ein wenig verlegen, nahm das weiße Woll- tuch ab, das ihr schmales Gesichtchcn einrahmte, strich sich daS dunkle feine Tuchkleid glatt und setzte sich auf denselben Stuhl, der bisher von dem jungen Manne eingenommen worden Ivar. „Er:st noch nicht da", sagte sie mit beklommener Stimme, „wenn ich nur nicht lange da warten muß." Der Friedensrichter hatte sein Buch verlasien, wohlgefällig be- trachtete er die hübsche Besucherin.„Ihr Mann ist schon hier ge- Wesen, er hat aber daS Warten net könne ertrage," sagte niit ftennd- lichcm Ton der Gesetzeshüter. Die Frau fuhr zusammen, sie blickte in alle Ecken, dam: sagte sie mit gesenktem Kopfe:„DaS Kind wollte so lange net schlafe, und ich mag es selbst der Mutter net ganz überlasse, da eS doch keinen Vater hat; Sie wisse wohl, wir sind geschieden," setzte sie fast flüsternd hinzu.
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25 (16.5.1908) 95
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