Schnäpsen, indem er Kenntnis von verborgenen Dingen vor» spiegelte: indem er allen Ernst, besonders grobe Arbeit, fort» scherzte: indem er, in? Notfall, durch Vortäuschung geistiger Schtoäche und körperlicher Uedel Mitleid zu erwecken wußte, besonders wenn dieses sich in einer Tasse Kasse mit Brannt- wein oder einem halben Pfund Schnupftabak äußerte. Er verstand Schafe zur Ader zu lassen und Ferkel auszuschneiden: glaubte mit der Wünschelrute Quellen zu finden: behauptete, den Barsch ins Netz locken zu können: heilte allerlei leichte Uebel bei anderen, behielt aber seine eigenen: sagte bei Neu- mond schönes Wetter voraus, wenn es einen halben Monat geregnet hatte: opferte fremdes Geld unter einem großen Stein am Strande, wenn der Strömling kommen sollte. Er konnte aber auch eine Menge Schlechtigkeiten, wie er behauptete: Täschelkraut aufs Feld des Nachbars bringen, die Kühe gelt(unfruchtbar) machen, Hexenschüsse austeilen und so weiter. All das umgab seine Person mit einer ge- wissen Furcht, so daß man ihn gern zum Freund haben wollte. Seine Verdienste, denn die besaß er auch und ihretwegen war er unentbehrlich, bestanden darin, daß er schmieden und tischlern konnte. Aber seine unglaubliche Fähigkeit, alles zu machen, was auffiel, erhob ihn zu einem gefährlichen Neben- buhler: denn was Carlsson unter dem Stalldach oder draußen auf dem Felde tat. fiel nicht so sehr auf. Blieb Norman, ein tüchtiger Arbeiter: der mußte Gustavs mächtigem Einfluß entrissen und der regelmäßigen Feldarbeit wieder gewonnen werden. Carlsson hatte also ein gehöriges Stück Arbeit zu leisten und außerdem nicht geringe Schlauheit zu entwickeln, um durchzudringen; da er aber der klügste war, siegte er. Mit Gustav nahm er den Kampf gar nicht erst auf: den ließ er laufen, nachdem er dessen Bundesgenossen Norman durch allerlei Vorteile von ihm fortgelockt hatte. Das war nicht so schwer, denn Gustav war, gerade herausgesagt, etwas geizig und behandelte Norman auf den Jagden meist als Ruderer, der nie den ersten Schuß tun durfte: kriegte er wirklich einen Schnaps, nahm Gustav heimlich derer drei. So brachten die Vorteile, die Carlsson dem Norman aus- wirkte, höherer Lohn, neue Strümpfe, ein Hemd und andere Kleinigkeiten, diesen bald zum Abfall: zumal Carlssons steigende Macht mehr versprach als Gustavs sinkende. (Fortsetzung folgt.) (Nachdrua BnCottnOt Die(Ir lacken des natürlichen Zodce. Von Georg Wölfs. Von den zahllosen Fragen und Rätseln, die von der immer tiefer dringenden Raturwiffenschaft aufgeworfen und bisher nicht oder nur unvollkommen beantwortet und gelöst worden sind, ist in letzter Zeit wieder ein Problem in lebhaftere Diskussion ge- rückt, das wohl seit den Kindertagen der Menschen die Gemüter erregt und gefesselt hat, die Frage nach der Ursache des organischen Todes, dem alles Lebende früher oder später anheimfällt. Nachdem Religion und Philosophie von Anbeginn an sich mit dieser mäch- tigsten und doch geheimnisvollsten Erscheinung des Lebens— ge- hcimsnisvoll und unerklärt wie dieses selbst— auseinanderzusetzen gesucht haben, hat sich neuerdings, etwa mit Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die exakte Naturwissenschaft dieses Problems bemächtigt und begonnen, mit den Mitteln, die emsige experimentelle Forscherarbeit ihr in die Hände gegeben hat, eine Lösung herbcizustreben. Gibt es einen natürlichen Tod im Reich des Lebendigen, und welches sind die Ursachen eines natürlichen Todes? Die Frage- stclluug könnte fast paradox klingen; denn es weiß jeder, nach soundso vielen Jahren, nach siebzig oder achtzig in der Regel, ist die irdische Laufbahn des Menschen z. B. beendet; was nach diesem Tcde eintritt, bleibt dem exakten Wissen verschlossen und geHort, « wenn nicht in das Reich phantasievollcr Mystik, mindestens einer unentwirrbaren Metaphysik an, die uns sichere Aufschlüsse kaum jemals zu geben'vermag. In der Tat handelt es sich für den exakten Naturforscher auch nicht darum, Aufschluß etwa darüber zu geben, was nach dem Tode mit der geistigen Wesenheit des Lebendigen geworden ist— das kann nicht feine Aufgabe sein—, er will vielmehr mit den Mitteln seiner Wissenschaft zu erkunden suchen, aus welchen Grün- den in einem konkreten Fall der lebendige Organismus dem Tode verfällt. Man wird zu antworten geneigt sein:„Sehr einfach! Weil er durch die Folgen irgendeiner Krankheit nicht mehr lebens- fähig war." Dies ist aber nicht die Antwort auf die Frage nach dem natürlichen Tode des Organismus; denn ein durch Krank- heit zugrunde gegangenes Lebewesen hat eben den speziellen Ein- Wirkungen der betreffenden Krankheitsstoffe oder besser der Kran?» heitsgifte nicht widerstehen können. Wenn also ein Mensch durch Lungentuberkulose, durch Cholera oder durch Typhus vernichtet wird, so stirbt er in diesem Sinne keine? natürlichen Todes, son» dcrn vielmehr durch die Einwirkung von in seinen Körper hinein- gebrachten Fremdstoffcn, den meist durch Bazillen ausgeschiedenen Krankheitsgiften. Weshalb geht nun aber der Mensch auch zu- gründe, der nicht von diesen lebensfeindlichen Bazillen angefallen wird? Warum bleibt er nicht am Leben, wenn ihn keine dieser offensichtlichen Krankheitsstoffe zu belästigen drohen? Daß es tat- sächlich nicht der Fall ist, weiß jedermann. Daß ein solcher nicht von einer akuten Krankheit betroffener Mensch an Altersschwäche schließlich stirbt, ist eine alte Erfahrungstatsache. Daß freilich mit der Todesursache„Altersschwäche" wenig gesagt wird, daß viel- mehr damit nur die Unfähigkeit, der letzten Ursache auf den Grund zu kommen, verborgen werden soll, bedarf kaum einer be- sonderen Erklärung. Der berühmte Biologe am Institut Pasteur, Elias Metschni- koff, hat sich mit der Erforschung der Ursachen des Alterns und des natürlichen Todes viel beschäftigt und eine geistreiche Theorie ersonnen, um das verschiedene Lebensalter in den mannigfachen Tierarten naturwissenschaftlich zu erklären. Denn es ist doch eine merkwürdige Tatsache, daß ein Pferd, natürlich von plötzlichen Todesursachen, mechanischen oder auf irgendeiner inneren Krank» heit beruhenden abgesehen, immer zwischen 39 und 49 Jahren stirbt, Hunde fast immer zwischen 15 und 29 Jahren, der Mensch zwischen siebzig und neunzig Jahren, der Elefant etwa im gleichen Alter usw. Jedenfalls ist unbestreitbar den verschiedenen Tier- gattungcn und-arten ein ganz spezifisches Alter eigentümlich. In der Reihe der Säugetiere erreichen nur wenige Arten, etwa der Mensch, der Elefant, einige anthropoide Affen, ein beträcht- liches Alter, während die große Mehrheit der Saugetiergattungen, vor allem Wiederkäuer und Pflanzenfresser, kein sehr langes Leben haben. Im Gegensatz dazu haben die niederen Wirbeltiere, nament- lich Fische und Reptilien(Schildkröten, Krokodile), ferner die Vögel im Durchschnitt eine bedeutend größere Langlebigkeit. Hechte und Karpfen sollen 199, 159 Jahre und darüber alt ge- worden sein. Ucber die Lebensdauer der auf dem Lande lebenden, in zoologischen Gärten gezüchteten Reptilien hat man genauere Angaben. So sind nach historischen Aufzeichnungen im zoologischen Garten von London hundertfünfzigjährige Schildkröten beobachtet worden. Auch zahlreiche Vögel können ein hohes Alter erreichen und auch darin die meisten Säugetiere überflügeln. Daß Papa- geien sehr alt werden können, ist eine aus vieler Erfahrung be- stätigte und bekannte Tatsache; aber auch Schwäne und Gänse können mindestens so alt wie Menschen werden, wenn sie eines natürlichen Todes sterben. Sodann ist festgestellt, daß in der Menagerie des Schönbrunner Schlosses ein Geier 118 Jahre, ein Adler 194 Jahre und viele andere Vögel ein ebenfalls recht an- sehnliches Alter erreicht haben. Um diese wenig geklärten Erscheinungen des verschiedenen Lebensalters in den einzelnen Tierklassen dem Verständnis näher zu bringen, hat Metschnikoff seine Theorie von der Auto-Jntoxi. kation und Auto-Jnfektion des Organismus durch Darmmikroben (Selbstvergiftung des Organismus vom Darm aus) aufgestellt. die er in seinem kürzlich in deutscher Uebersetzung erschienenen Buche„Beiträge zu einer optimistischen Weltauffassung"(Verlag von I. F. Lehmann, München ), der Fortsetzung seiner„Studien über die Natur des Menschen", weiter zu festigen und durch Tatsachenmaterial zu stützen unternommen hat. Zunächst stellt Metschnikoff unter Bezugnahme auf zahlreiche Autoritäten auf dem Gebiet der vergleichenden Anatomie(Gegenbauer, Wieders- heim usw.) fest, daß bei den niedersten der angeführten Wirbel- tiere, den Fischen, der Dickdarm' sehr wenig entwickelt ist. bei Amphibien. Reptilien und den meisten Vögeln ebenfalls keine große Ausdehnung und Bedeutung erlangt und erst bei den Lauf- vögeln(Strauß. Kasuar. Nandu) und vor allem den Säuge. tieren zu einem mächtigen Teil des Verdauungsapparates ausge- staltet ist. Sodann stellt Metschnikoff fest, daß die Säugetiere eine kürzere Lebensdauer und einen längeren und entwickelteren Dickdarm haben als die übrigen Wirbeltierklassen. Dieses Zusammentreffen zweier Lebenserscheinungen dünkt ihm kein zufälliges, vielmehr scheint ihm die kürzere Lebensdauer durch die morphologische Um» änderung des Verdauungsapparates bedingt zu sein. Es ist zu- nächst eine durch vielfache Versuche festgestellte Tatsache, daß der Dickdarm fast keine Verdauungsfähigkeit besitzt, die Resorption der aufgenommenen und chemisch und mechanisch veränderten Nah- rungsstoffe vielmehr in dem ersten Abschnitt des Darmkanals, dem Zwölffingerdarm und dem eigentlichen Dünndarm, vor sich geht. Der voluminöse Dickdarm stellt nach Mctschnikoffs Anschauung da» her für die Säugetiere in erster Linie eine Ablagerungs- und vorübergehende Aufbewahrungsstätte der nicht verdauungssähigen Nahrungsüberreste dar. Sie ist gerade bei den Säugetieren zu solcher Ausdehnung und Mächtigkeit gelangt, um es ihnen zu er» möglichen, eine größere Menge Fäkalien in ihrem Organismus anzusainmeln und einer so häufigen Darmentleerung vorzu- beugen, wie sie z. B. bei den Vögeln statthat und bei ihnen ohne Umstände jederzeit ausgeführt werden kann, ohne sie irgendwie zu behindern, da ihre Hinteren Extremitäten beim Fliegen nicht in Funktion sind. Bei den Säugetieren liegen die Verhältnisse
Ausgabe
26 (10.7.1909) 132
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten