AnterhalkMgsblatt des Horwärls Nr. 132.' Sonnabend den 9. Juli. 1910 tTicicsdr»« UC botet.) 2] Der Entgleiste. Von Wilhelm Holzamer . Es hatte eine Szene gegeben, eine tüchtige. Mit Kreh schen, das man drei Häuser weit hören konnte. Aber darauf war die Kaiserklar vorbereitet gewesen. Sie war's zwar längst müde, dies Herumzanken mit dem Saufaus von Mann. Ken sie hatte: aber diesmal mutzte es noch sein. Dann und nimmermehr. Sie wollte nicht zu demgewöhnlichen Lumpenzeug" gehören, das sich schlägt und dann verträgt. Das war nun lang genug so-gewesen. Und die Leute hatten ganz recht, wenn sie sagten: Zicglervolk. Ja, einerlei. iZieglcrvolk hin, Zieglervolk her drauf kam's gar nicht an. Hoch oder Niedrig, wie man sich anstellte in der Welt, das war's. Schlechtes konnte ihr kein Mensch nachsagen. Sie hatte ihrer Lebtag gearbeitet, geschafft wie ein Vieh, und ehrlich ihr Brot verdient. Sie toutzte ja, ein Hurras�) tvar sie. Aber was tut das! Der eine ist so. der andere so. Und wenn sie die Laune hatte, dann war sie lustig. Wen ging das was an. Wußte ein Mensch, was ihr manchmal hinter der Ausgelassenheit steckte. War's ihr nicht manchmal, als mützte sie sich was von der Seele toben, wie sich ein Mädel das Kind im Leibe wegtollt. Konnte ein Mensch wissen, datz ihr Lachen ,ind Tanzen und Wihereitzen nur ein Heulen und Schreien war. Aber sie heulte und schrie nicht. Das fehlte ihr noch, datz sie sich vor den Leuten Hinschinitz, damit sie sie bemit­leiden konnten. Um sich hintennach über sie lustig zu machen. um sich ins Fäustchen zu lachen und's ihr zu gönnen. O nein, da waren sie schief gewickelt, und da kannten sie die Kaiserklar nicht. Die drehte ihnen noch allen ein Schwänz- chcn. Ha! Und wenn sie ihre Lustigkeit und leichte Natur nicht hätte, wie hält sie's denn ausgehalten all die Jahre her! Hütt sie lieber saufen sollen? Gelt, das wär der Bande grad recht gewesen. Da hätten sie fest auf ihr hacken können. Denn der Mann kriegt dann immer recht, und wenn er ein noch so großer Lumpenteufel ist, die Frau aber kriegt alle Schuld. 5) nein, dies Freudchcn machte sie den Leuten auch nicht. Grad nicht. Immer den Kopf hoch, geschafft und gerackert und gelacht. Dafür war sie die Kaiserklar. Sie kriegte man soleicht nicht unter. Und nun wußte sie wieder einmal, was sie wollte. Ganz klar und deutlich: aufräumen, und Platz machen für ihren Buben. Der Philipp sollte es einmal gut machen, was der Vater gesündigt hatte. War sie denn schuld, datz der Kerl so geworden war? Gewiß nicht. Leid genug war's ihr. Und sollt's am Ende noch auf den Philipp übergehen nein, da schob sie einen dicken Riegel vor. Einen Riegel wie eine Wagendeichsel. Und gab's nun auch Mord und Totschlag, es sollte doch das letzte Mal sein. In der halben Woche war der Kaiser angehinkt ge- kommen. Er trug einen Maurerkittel und hatte die Kelle in der Hand. Die Klar arbeitete in der Ziegelhütte, als sie's ihr sagten, der Kaiser kam. Da vorn kommt er gehickelt," sagte einer. Die Klar fuhr den aber nicht schlecht an. Latz ihn doch gehickelt kommen, du Maulaff. Wenn Dir das so in die Augen sticht, datz er hickelt. das könnt jedem passieren. Ich wollt freilich, wie ihm der Balken auf den Fuß gefallen ist, er Hütt ihn gleich ganz getroffen. Gott der- zeih mir, aber meiner Scel." Aber Klar!" sagte eine Stimme aus der Lettengrube. Halt's Maul! rief sie dagegen.Ich verantwort, was ich denk. Auf ein Tagdieb mehr oder weniger braucht's unserm Herrgott nit anzukommen." Da rief die Stangin über die Mauer, hinter dem Weißen Rofenbusch heraus: Dein versündigt los' Maul, das straft Gottes Ge- rechtigkeit." *) Bezeichnung in der Mainzer Gegend für Mädchen und Frauen, die recht wild und ausgelassen sind. Aber die Klar lachte nun. Um zuckte es. In ihren Augen war ein Glitzerl?. einmal und stieß dann die Luft aus, wie et# wiehert. oas Stangin!" prustete sie heraus.Gelt als Betschwe,. Ihr mit Euerm Klumpfuß und er mit sei'm Hickelfützchcn, gelt Ihr denkt, Ihr zwei tät't gut zusammenpassen! Tätet -ohr auch. Aber jetzt will ich mal sehen, ob wir zwei auch noch eins tanzen können. Ich will jetzt mal ein Tänzchen mit ihm probieren. Wollt Ihr der Musikant fein. Stangin, kommit mit!" Damit warf sie den Letten, den sie eben von der frisch geformten Ziegel abgestrichen hatte, mit einem raschen, aber festen Wurf in den Rofenbusch hinein und schoß davon. Ich kann mir aber auch selber eins pfeifen," rief sie zurück, als sie einen schmerzlichen Aufschrei gehört hatte. Sie lief, leicht wie ein Reh, über die Lettenhaufen hin, über- sprang die Gruben und verschwand in der letzten Ziegel- zcile. Die anderen lachten: die Stangin rief die gottlosesten Schimpfwörter, die ihr wie Rosenkranzperlen vom Munde rollten: und gleich danach hörte man das Gelärm. Als die Kaiserklar an ihre hohe Haustreppe kam. stand der Kaiser oben und klopfte an die Haustür an. Na, was willst denn, Schepper?" rief die Klar in leichtem Ton hinauf.«Gelt, hineingelassen werden? Ge- pfiffen! Hutzeln! Draus bleibst Dul Geh wieder hin. wo Du hergekommen bist! Hast alles versoffen? Schaff, bis Du wieder was verdient hast. Aber da herein kommst nit. Dein Lebtag nit mehr!" Aufgemacht!" schrie er. Er machte eine fürchterliche Stimme, aber sie war unsicher. Und sie war auch matt., Die Klar lachte. Brüllen willste, Bürschelchen. Aber Du hast ja eine kaputtene Stimm. Wie eine verrost' Gictzkann. Geh hin und schmier sie Widder." Aufgemacht!" schrie er und brummte gegen die Tür. Wer ist hier Herr! Ich oder so ein Lumpenmensch. So eine Hur! Ausgemacht!" Die Klar zischte durch die Zähne, und ihr Mund ward breit bis hinter die Ohren. Was sagst. Alterchen? Ha, ha! Wart mal!" Damit sprang sie die Treppe hinauf. Ein Satz, und sie hatte ihn im Genick gefaßt. Ja, kommst noch mal herein. Kommst noch mal herein, Bürschelchen." Und während sie ihn mit der rechten Hand festhielt. schloß sie mit der Unken die Tür auf. Er wehrte sich und wollte sich losmachen. Er stieß und trat gegen sie. Aber die Klar hatte Kraft wie der stärkste Mann. Und jetzt hatte sie Finger wie Eisenklamniern. Die Tür sprang auf. und sie stieß ihn in den Gang hinein. Langen Wegs fiel er hin. Aber rasch sprang er wieder auf. Er fühlte, datz es galt. Und die Klar ließ ihn ganz ruhig aufspringen. Sie wollte ehrlich mit ihm packen. Gar keinen Vorteil haben. Wie er nun gegen sie ansprang, da griff sie zu. Und eins, zwei, drei lag er. Er trat und stieß und strampelte und schrie, wie ein Buchmarder. Die gemeiiisten Ausdrücke. Kreisch nur," keuchte die Klar.Kreisch nur. Sag alles, was Du willst, aber Dein Fett kriegst Du heut." Und sie rangen. Die Hiebe hagelten nur so. Die Klar war stärker als er. Aber er kratzte und biß. Tut nix," sagte die Klar. Es konimt nit drauf an. Aber Dein Fett kriegst Du!" Er schrie und brüllte. Sie hieb nur drauf. Sie fühlte, wie er matter wurde. Sie ließ aber nicht nach. Sie züchtigte ihn, wie man eine» bösen Buben züchtigt. Er schrie und brüllte nur, rief Feuer und Hilfe. Leute standen unten an der Treppe. Aber die Klar genierte das nicht. Kreisch nur," schnaufte sie.Du Lump!" lind zu den Leuten:Nix Ihr Lcut!'s wird mal Schluß gemacht. Er soll sein Fett kriegen, datz es ihm der- geht, noch über meine Schwell zu treten." Und sie hieb drauf. Als sie ihn immer matter werden suhlte, da setzte sie einen Augenblick aus.