Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 16.

Dienstag den 24. Januar.

Chadbrud DerDoten.)

46) Pelle der Eroberer.

Noman bon Martin Andersen Nerö . Autorisierte Uebersetzung von Mathilde Mann . Zwanzig neue Dinge in der Sekunde formte Belle und schob sie von sich ab. Die Erde wuchs unter ihm zu einer Welt, bie reich was an Spannung und grotesken Formen, Unwahr scheinlichkeiten und den alltäglichsten Dingen. Er bewegte fich unsicher darin, denn da war beständig etwas, das sich verschob und umgewertet oder umgeschaffen werden mußte; die selbst­verständlichsten Dinge verwandelten sich und wurden auf ein mal zu haarsträubenden Wundern- oder umgekehrt. Er ging in einer beständigen Verwunderung umher und verhielt sich selbst den bekanntesten Dingen gegenüber abwartend. Denn wer wußte, welche Ueberraschungen sie bereiten würden.

So hatte er sein ganzes Leben lang Gelegenheit gehabt, festzustellen, daß Hosenknöpfe aus Knochen gedrechselt waren and fünf Löcher hatten, ein größeres in der Mitte und vier Fleinere ringsherum! Und da kommt eines Tages einer der Senechte mit ein paar neuen Hosen aus der Stadt nach Hause, an denen Knöpfe fizen, die aus glänzendem Metall find und nicht größer als ein Fünfundzwanzigörestüd. Sie haben nur bier Löcher, und der Faden soll kreuzweise darüber liegen, nicht von der Mitte ausgehen, so wie bei den alten.

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Oder die große Sonnenfinsternis, auf die er den ganzen Sommer gespannt gewesen ist und die, wie alle die alten Leute sagten, den Untergang der Welt nach sich ziehen würde. Er hatte sich so darauf gefreut namentlich auf das mit dem Untergang. Das würde doch so eine Art Erlebnis sein, und irgendwo in ihm faß eine ganz kleine Zuversicht, daß er für sein Teil wohl damit fertig werden würde. Die Sonnen­finsternis tam auch, so wie sie kommen sollte, es ward oben. drein Nacht wie am jüngsten Tage, die Vögel wurden so still, und das Vieh brüllte und wollte nach Hause laufen. Aber dann wurde es wieder ebenso hell wie vorher, und das Ganze verlief in nichts.

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Und dann waren da ungeheure Schrecken, die sich mit einem Schlage als winzig fleine Dinge entpuppten Gott fei Lob und Dank! Aber da waren auch Freuden, die heftiges Herzklopfen verursachten und ganz einfach zu Langerweile wurden, wenn man bis zu ihnen gelangt war.

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1911

ihnen hatte zehn Spiegeleier auf einmal gegessen, ohne fran zu werden. Und Eier waren doch die Kraft selbst.

Unten auf der Wiese hüpften Irrlichter suchend in den tiefen Sommernächten umher; eins von ihnen hielt sich immer in der Nähe des Baches auf, und stand da und schimmerte auf den Gipfel eines kleinen Steinhaufens, der da mitten in der fetten Wiefe lag. Vor ein paar Jahren hatte ein Mädchen eines Nachts ein Kind hier draußen in den Dünen geboren, und da sie sich nicht zu helfen und zu raten wußte, ertränkte sie es in einem der Löcher, die der Bach schneidet, wo er eine Biegung macht. Gute Menschen errichteten die kleinen Stein­haufen, damit die Stelle nicht in Vergessenheit geraten solle; und über dem Steinhaufen brannte nun die Seele des Kindes in den tiefen Nächten um die Jahreszeit, in der das Mädchen geboren hatte. Belle glaubte, das Kind selber sei unter den Steinen begraben und schmückte von Zeit zu Zeit den Haufen mit einem Farnkraut; aber an dieser Stelle des Baches spielte er niemals. Das Mädchen kam ja übers Wasser ins Zuchthaus auf viele Jahre; und die Leute wunderten sich über den Vater. Sie hatte keinen angegeben, aber Gott und jedermann wußten dennoch, wer es war. Es war ein junger, wohl habender Fischer unten aus dem Dorf, und das Mädchen ge­hörte zu den allerärmsten Leuten, so daß ja doch nie von einer Heirat der beiden die Rede hätte sein können. Das Mädchen hatte dann wohl dies vorgezogen, statt ihm das Haus ein zurennen und um Hilfe für das Kind zu bitten und als Webermädchen mit einem unehelichen Kinde zum Spott und zur Schande im Dorf zu fizen. Und das mußte man fagen, er hielt die Ohren gehörig steif, wo sich gar manch einer ge. schämt hätte und zur See gegangen wäre.

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Jetzt im Sommer, zwei Jahre nachdem das Mädchen ein gekocht war, ging der Fischer eines Nachts am Strande ent lang, mit Fischernetzen auf dem Rücken, dem Dorfe zu. Er war ein hartgefottener Bursche und besann sich keinen Augen­blick, den kürzesten Weg einzuschlagen und über die Wiese zu geben; aber als er schon eine ganze Strecke in die Dünen hineingekommen war, verfolgte ein grrlicht seine Spur, und er wurde bange und fing an zu laufen. Es holte ihn mehr und mehr ein, und als er über den Bach sprang, um Wasser zwischen sich und den Geist zu legen, griff es nach den Netzen. Da rief er den Namen Gottes und rannte finnlos weg, alles im Stich lassend. Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang holten er und der Vater die Netze, die sich in dem Steinhaufen berfangen hatten und quer über dem Bach lagen.

Weit draußen in der nebelhaften Wasse trieben unficht­Da schloß sich der Bursche den Betern an, und der Vater bare Welten vorüber, die mit der seinen nichts zu schaffen ließ das Trinken nach und folgte seinem Beispiel. Früh und hatten; ein Laut von dem Unbekannten da draußen schuf sie spät konnte man den jungen Fischer bei ihren Versammlungen ganz und gar im selben Augenblick. Sie entstanden auf die­felbe Weise wie das Land hier an dem Morgen, als er auf dem treffen, und im übrigen ging er wie ein Miffetäter umher, offenen Zwischendeck des Dampfers stand und Stimmen und ließ den Kopf hängen und wartete nur darauf, daß das Geräusche durch den Nebel hörte: zusammengeballt und Mädchen aus dem Zuchthause nach Hause kommen sollte, damis mächtig, mit Formen, die wie ungeheure Fausthandschuhe er es heiraten fonnte.

wirkten.

Und inwendig in einem war da das Blut und das Herz und die Seele. Das Herz, das hatte Belle selbst ausfindig gemacht, war ein kleiner Vogel, der eingeschlossen war; aber die Seele bohrte sich wie ein Wurm dahin im Störper, wo die Begierde saß. Der alte Dachdecker Holm hatte einem, der an Stehlsucht litt, die Seele wie einen dünnen Faden aus dem Daumen gezogen. Belles eigene Seele war mur gut, fie faß ihm in beiden Augapfeln und spiegelte Bater Lasses Bild, so oft er da hineinsah.

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Das Blut war das schlimmste, dasselbe ließ sich Bater Lasse immer zur Ader lassen, wenn ihm etwas fehlte die bösen Säfte sollten heraus. Gustav dachte viel über das Blut nach und konnte die wunderlichsten Dinge davon erzählen; er schnitt sich in seine Finger, nur um zu sehen, ob es reif war. Eines Abends fam er nach dem Kuhstall herüber und zeigte einen blutenden Finger; das Blut war ganz schwarz. Jetzt bin ich ein Mann!" sagte er und fluchte ganz gewaltig. Aber die Mägde machten sich nur lustig über ihn, er hatte ja seine Tonne Erbsen noch nicht nach dem Boden getragen.

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Und dann war da ja die Hölle und der Himmel und ber Steinbruch, wo sie einander mit schweren Hämmern schlugen, wenn sie betrunken waren. Die Leute im Stein. bruch, das waren die größten Riesen auf der Welt, einer von!

Belle wußte von dem Ganzen Bescheid. Die Mägde er­zählten schaudernd davon, wenn sie an den langen Sommer. abenden den Knechten auf dem Schoß faßen, und ein liebes­kranker Bursche aus dem Innern der Insel hatte ein Lied darüber gedichtet, das Gustav zu seiner Harmonita sang. Dann weinten die sämtlichen Mägde des Gehöfts, selbst dep schneidigen Sara wurden die Augen naß, und sie fing an, mit Mons über die Verlobungsringe zu reden. Melodie vor sich hinträllerte und mit den nackten Füßen in Eines Tages, als Pelle auf dem Bauch lag und eine der blanken Luft herumfocht, sah er einen jungen Mann unten am Steinhaufen stehen und Steine drauflegen, die er au@ seinen Taschen nahm. Dann kniete er nieder. Belle ging zu ihm hin.

" Was machst Du da?" fragte er fühner fühlte sich auf seinem eigenen Gebiet. Betest Du Dein Abendgebet?" Der Mann antwortete nicht, sondern blieb gebeugt liegen. Endlich erhob er sich und spieh Priemsauce aus.

Ich bitte zu ihm, der uns alle richten wird," sagte er und sah Belle fest an.

Belle erkannte den Blick wieder, es war derselbe Aus­drud wie bei dem Manne neulich der von Gott gesandt war. Nur daß kein Vorwurf darin lag.

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Hast Du vielleicht kein Bett, worin Du schlafen fannst?"