itm seinen herabgesunkenen Kopf auf eine kleine Erhöhung !>es Rasens zu betten... Plötzlich aber und sehr unsanft ließ er ihn niederfallen; ein durchdringender Schrei hatte au sein Ohr gegellt:„die Vinskal" durchzuckte es ihn.,. '„der Teufel führt die jetzt her— die Vinskal" Sie war's; sie hatte Peters Abwesenheit zu einem Besuch bei ihrem Vater benutzt und, kaum aus der Hütte getreten, Äen Lärm auf der Straße gehört und die Leute von alleil Seiten in der Richtung nach ihrem Hause zustürzen sehen. Von Angst erfaßt, war sie quer durchs Torf, war durch den Wirtshausgarten gelaufen, und das erste, was sie dort er- blickte, das war ihr Mann, mit Blut überströmt im Grase liegend, und Pavel über ihn gebeugt— unverletzt. Ein wilder Verdacht loderte, Besinnung raubend, toll machend, in ihr auf.„Schurk, das hast du getan!" rief sie, ballte die Faust und schlug Pavel, der stumm und erschreckt zu ihr emporschaute, ins Gesicht. - Da mäßigte Anton den Eifer, mit dem er geholfen hatte, die Füchse aus den Strängen zu wickeln, wandte sich und sprach gelassen:„Nicht schimpfen, lieber bedanken: wenn der nicht zugegriffen hätt, hättest du jetzt einen Mann so dünn wie ein lebzeltener Reiter." Die Aeußerung erweckte Heiterkeit; nur Vinska achtete ihrer nicht, wußte überhaupt nichts von dem, was vorging. Sie hatte sich neben Peter auf den Boden geworfen und war in Schluchzen ausgebrochen. Pavel stand langsam auf von seinen Knien; starren Blickes schaute er zu, wie sie den Ver- wundeten herzte und küßte; mit Fieberschauern hörte er ihr zu, wie sie ihn beschwor, nicht zu sterben, und den rohen Ge- sollen ihr teures Seelchen nannte, ihr Glück, ihr Leben, ihr eines und alles. Leidenschaftlich glühten Pavels Augen sie an; ein weißer Rand bildete sich um seine aufeinander ge- preßten Lippen, und zwischen den dichten Brauen und auf der Stirn ballte sich's zusammen, ein Gewitter von finsteren, qualvollen Gedanken. .lFortsetzung folgt.H lZZachdruS vervolen.l Oer Von Roda Roda . Dl« Geschichte, die ich da erzählen will, ist am S. oder lg. August 1802 passiert. Ich war damals bei meinem Bruder zu Besuch— in Bjeli-Schehir in Bosnien . Mein Bruder ist dort Arzt— schon ieit vielen Jahren. Bjeli-Schehir ist eine Stadt des Islams. Drei Viertel der Be» völkerung sind Moslim. Mein Bruder gilt bei ihnen viel— fast so viel, als war er ihresgleichen. Eines Morgens saß ich mit ein paar Herren auf der Veranda— lauter Beamten, Ocsterreichern— da kam ein junger MoSlim, Edhem-Beg hieß er, vor unser Gartengitter und lud mich ein, ihm zu folgen. Er war beritten und hielt ein anderes, lediges Pferd an der Hand. Ich war zum Reiten nicht gekleidet und noch weniger gelaunt und lehnte ab. Er bat aber dringend, in seinen Worten war Ernst � ich merkte. Edhem-Beg wollte mir mehr sagen, aber nicht hier, vor den Herren. Ich trabte mit ihm davon. Trabte eine viertel, eine halbe Stunde. eine Stunde auf der staubigen Landstraße und wußte nicht, wohin und wußte nicht, warum, Edhem-Beg schwieg. Da fragte ich ihn endlich nach unserm Ziel. „Zur Kula meines Vaters," sagte er. „Kula",„Turm" nennen die MoSlim ihre Sommerbillen. Sie sind auch turmartig erbaut— noch von der Zeit her, wo man sie verteidigen mußte. Ich war noch nie auf dem Turm de-Z alten Hadji Hafis ge- tvesen— wie weit mag? dahin sein? Aber Edhem schonte die Pferde nicht— da dachte ich mir, wir müßten bald da sein. Es dauerte drei Stunden. Dann wies Edhem-Beg auf ein Haus im Grünen— ich fiel in schritt und ließ Edhem-Beg voraus. Denn eS konnten Weiber im Hof sein, die sich vor mir. dem Fremden, erst verbergen mußten. Im ersten Stockwerk des Turms fand ich den alten Hadji, Edhcm-Begs Vater. Drei oder vier ebenso alte langbärtige Männer mit ihm. Der eine mit einer weißen Binde am FeS— also ein Kadi. Der andere ein Mufti, ein Theologe— er trug blaue tosen. Der dritte ein Hadji, Mekkapilger, mit einem gelbgestickten urbantuch. Und wer der vierte war, weiß ich bis heute nicht. Sie hockten auf den SofaS , rauchten und tranken schwarzen Kaffee. Edhem-Beg brachte mir ein Täßchen Kaffee, ein GlaS Scherbet und Marmelade von Rosenblättern. DaS ist die Ladung zn längcrem Verweilen.-» Was mögen sie von mir wollen— und, da Edhem- Veg, der Sohn des HauseS, selbst bedient und mit gekreuzten Annen an der Tür stehen bleibt: Warum sind sie so höflich? Der Kadi drehte eine Zigarette und reichte mir sie. „Bist Du ermüdet?" fragte er nach einer Weile. Er wird hie» wohl den Wortführer spielen. Und wieder nach einer Weile:.Der gnädige Kaiser Franz Josef -» ist er wohl gesund?" „Ich danke," sagte ich lächelnd,.so diel ich weiß, ist er gesund.� Der Kadi— wieder nach einer Weile:.Ob er wohl selbst die Telegramme öffnet, die man ihm schickt?" Ich schwieg, ich wußte nicht recht, waS eS sollte.(DaS Staunen hatte ich mir dortzuland abgewöhnt.)— Da setzte der Hadji seine Pfeife ab und sagte mit kaum unterdrückter Erregung:.Ich, Leute. meine, man kann dem Kaiser gar nicht telegraphieren." Mit einem fragenden Blick auf mich. „Gewiß kann man ihm telegraphieren, Hadji. Und er wird das Telegramm auch bekonimen. Selber öffnen freilich wird ers nicht." Der Hadji nach einer Weile immer nach einer Weile, die MoSlim überlegen, ehe sie reden:„Glaubst Du, daß der gnädige Kaiser heute noch das Telegramm bekommen kann?" „Wenn man es gleich abschickt— warum nicht?" „Ich sage, wir senden es sogleich ab. Wann, meinst Du, kann es in Wien sein?" Es ist jetzt wohl fünf ä la turca, zehn ä la franca. Ich rechne, Edhem braucht drei Stunden nach der Stadt..." „Er wird anderthalb brauchen." „Gut. Dann ist er um zwölf k la franca auf dem Amt. Eine halbe Stunde später hat der Kaiser Euer Telegramm." »In Wien ?" fragten sie verblüfft. „In Ischl . Ich glaube, er ist jetzt in Ischl ." „Oh, nicht in Wien ?"— Sie waren allesamt niedergeschlagen. „Das ist ja ganz gleichgültig— Ischl oder Wien ." „Wenn Du aber gar nicht weißt, Effendüm, nicht sicher weißt, wo der Kaiser ist..." „Macht nichts— die Leute auf dem Telegraphenamt werden eS schon wissen." „Und Du verpfändest uns Deinen Glauben, daß der Kaiser in einer halben Stunde das Telegramm haben kann, wenn er auch nicht in Wien ist— und Ischl vielleicht noch Tagereisen hinter Wien liegt?" Es liegt Tagereisen hinter Wien , und ich verpfände meinen Glauben." Da zuckten sie die Achseln— wie einer, der da sagen will: auch wir haben schon verlernt, uns zu wundern. Sie zündeten neue Zigaretten an. sie tranken neue Tassen, dann begann der Kadi:„Effendüm, hast Du heute den Telal gehört?" „Telal " ist ein Ausrufer, ein Herold. „Er hat am Morgen in Bjeli-Schehir verkündigt: in vier- undzwanzig Stunden wird Rustam Selimagitsch aus Prijedor im Hofe des KreiSgefängnisseS von Bjeli-Schehir gehenkt werdem Hast Du den Telal gehört?" „Nein." „Dann glaube uns, wenn wir Dir's sagen."— Alle fünf blickten mich an. Ich empfand einen Vorwurf in den Blicken. So, als sei ich mit schuld an dem Tod, den ein österreichischer Henker morgen einem MoSlim bereiten wird. Da begann der erregte Kadi wieder:„Effendüm, ich will Dir nichts bcsckönigen, laß Dir die Wahrheit sagen, Bruder: Rustam Sestmagitsch und noch ein anderer, ein Serbe, sind Sägearbeiter gewesen in Prijedor bei der französischen Gesellschaft. Laß Dir die Wahrheit sagen, Bruder: sie empfingen eines Tages ihren Lohn und sollten nach Haus. Aber sie verpraßten das Geld in den Schenken — zwei, drei Tage haben sie getrunken und gepraßt. Haben endlich Rock und Bundschuh in den Schenken gelassen und sind barfuß und bettelarm über's Gebirge gezogen, nach Haus, und haben sich den ganzen Weg geschämt: was werden unsere Weiber sagen, unsere Mütter? Dann hat ein Wanderer sie um den rechten Weg gefragt. Der Wanderer trug einen Rock, Schuhe an den Füßen und noch ein Paar neue Schuhe im Ränzel; und trug auch wohl Geld im Gürtel, denn er ging frei und aufrecht, wo sie schlichen. Da haben sich die beiden durch einen Blick verständigt und sagten ihm: Komm nur. wir führen Dich den rechten Weg— und find mit ihm in den Wald gezogen. Haben dreinial gerastet und dreimal nicht den Mut gefunden; und cndlicki, am späten Abend, als er schon mißtrauisch war und maulte, da hat Rustam Selimagitsch ihn mit einem Knüppel auf den Schädel geschlagen, und der Serbe hat den Mann gehalten." Der Kadi verstummte, die vier andern nickten bekümmert. „Und dann?" „Dann raubten sie ihm das Geld, den Rock und die Schuhe und ließen ihn für tot liegen und stoben davon.— Der Mann aber war nicht tot. er quälte sich noch zwei Tage in der Einsamkeit— und so fanden ihn die Hirten: mit eingeschlagenem Schädel im Walde. DaS Gehirn lag bloß, die Würmer fraßen es schon. Aber laß Dir die Wahrheit sagen, Bruder: die Hirten trugen den Mann zu Tal— und zu den Gendarmen— und die Gendarmen riefen Acrzte— und die Aerzte klaubten die Würmer auS und. vernähten den Schädel— und der Mann lebt und hat die Räuber beim Gericht verllagt."
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28 (11.5.1911) 90
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