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Bis ins Tal hinab hallte das Rufen und Loden und Klagen Dann spekulierte er noch ein Weilchen in der Nähe der Mühle und Jauchzen jener Nacht. In den Wänden des Bösenstein flogen und des Weilers herum. Die weißen Hühnerfedern hatte sicherFeuerauges unruhvoll suchende Schreie hin und wieder, vom lich nicht der Wind bis in die Klippen hinaufgetragen. Sie warnHoheneichen tam Uahs, der Düfterbraunen, Bescheid. Und tief ten ihn. Nun die Leute da unten ihren Schaden weg hatten, drunten, in den Vorwäldern, fuhr höllisches Gelächter und waren sie wohl scharf auf ihrer Hut. Natürlich, und der Fuchs Schnalzen und Wiehern durch die nackten Bäume. Die davon er- durfte dann die Rechnung begleichen wie immer; so dachte Rotwachten, die ans Fenster traten, sahen, wie der Mond im Hoch- schalt in seinem Grimm. Da krähte auch schon ein Hahn, Glucken sturme durch die Geisterwolfen glitt, und sie hörten dumpfes gaderten ängstlich, ein kleiner Lausejunge zeterte: Vadder, der Brausen im Schornstein. Und sie drückten sich enger in die Schlaf- Fur, der Fur! und zeigte mit seinem Finger geradewegs nach ihm schragen und sagten: Der Wode reitet sein wild Gejaid. herauf. Ein Mann rannte ins Haus, daß die Tür knallte, aber Rotschalk wartete sein Wiedererscheinen nicht ab. Auch rostige Wilderereisen schießen giftig, dachte er sich, und ließ das Didicht hinter seiner Zunte zusammenschlagen. Von da an suchte er die Gelegenheit nicht mehr auf.
In einem düsteren Grunde, wo unter vergessenen Tannen goldgrünmoosige Felsen ruhen, wo kein Vogel singt, wo nur ein Wässerlein furchtsam durch die Stille flingt, zwischen dem Bösen stein und dem Hoheneichen, dort kam Greifhilt in Schmerzen. Es war ihr drittes Mutterglüd; früher war Hinzo ihr Herr gewesen, ein kühner Kater, der sich gleichwohl mit Mauh nicht entfernt messen konnte. Nur zwei Käzlein bescherte ihr dieser Frühling, Ringelschwanz und Dunkeltritt, aber dieser Stärke, Klugheit und früher Mut machten ihren grimmen Stolz noch höher. Noch war fein Blatt im Walde fahl, da fing sich Ringelschwanz schon sein erstes Haselhuhn, und Dunkeltritt, seine Schwester, wagte sich um ein weniges später gar an ein geringes Rehtiz. Als der erste Reif sant, zog Ringelschwanz aus, fich ein eigen Revier zu suchen, alle Lehren seiner Mutter im Herzen, die unbefiegbare Kraft des Waters im Leibe.
Meide den lichten Tag, hatte ihm Greifhilt gesagt, meide den Hellen Wald, das laute Laub, den klaren Weg, des Fuchses Pa. des Dachses Schlupf. Meide den Baum, den du zuerst ersteigst, meide einsame Bäume, meide die Bachfurt. Hör auf Markolf und was er ruft, aber sich zu, daß er nicht auf dich hört. Nimm dem Menschen, was dein ist, aber achte, daß er dir nicht nehme, was sein ist. Fürchte stille Menschen, drüd dich vor lauten. Gegen den Hund ist der Baum gut, gegen den Menschen am besten die braune Erde, der graue Fels. Wo keine Bäume fallen, wo teine Hunde laufen, da sollst du wohnen. Was du reißt, was du frißt, reiß es, friß es ferne deinem Bau. Hüte dich vor Dingen, die nicht nach dem riechen, was sie sind. Dein Leben sei Schatten und Geheimnis, mein Sohn...
Also sprach Greifhilt, da Ringelschivanz auszog. Getreulich hielt er sich an die Mahnung. Er hauste sich im dornigen Buschwalde ein, wo die weißen Steinklippen aus dem Berge treten, die einsame Mühle und den kleinen Weiler tief unter fich in Sicht. Die Menschen, die dort wohnten, vermochten ihm nichts anzuhaben. Da herauf verlor sich keiner von ihnen, denn hier gab es für sie nichts zu finden. Er selbst aber erschlich leckere Beute im Dornicht, und was er nicht erschlich, das erlauerte er. Da hatte der Berghase seinen Baß, wenn er von der Weilergemarkung oder vom Krautader hinter der einsamen Mühle heimlief; hier waren drei Haselvölker ausgekommen, hier nahmen die Schnepfen den Herbststand. Und überdies mangelte es nicht an Drosseln, Mäusen, Kleinvögeln aller Art, im nahen Buchenwalde fonnte man zur Not noch auf verspätete Siebenschläfer und auf Eichkazen lustige Jagd machen. Viel besser als all dies aber befamen Ringelschwanz die Hühner im Weiler und in der einsamen Mühle. Nicht ungern holte er sich dort einen Braten, der dann gleich für zwei Tage langte. Er stahl sich im verlöschenden Winterabend bis in die Klippen, die steil über den Strohdächern standen, und wartete geduldig, bis auch das letzte Fenster schwarz wurde. Wenn dann die Häuser schliefen, drang er kühn und still in die Hühnersteige ein und verschwand mit seinem Opfer im Geflipp, ehe die Zurüdgebliebenen sich recht wachgefräht hatten. Weniger glatt ging das in der einsamen, halbverfallenen Mühle. Dort wurden die Hühner des Nachts auf dem Dachboden gehalten. Aber der Sohn Maußens und Greifhilts war nicht bange nach Rat. Er harrte bis tief in die Nacht, dann gab es im Schornstein weder Rauch noch Wärme, und er fuhr getrost ein. Nach getaner Tat gewann er durch die Bodenluke wieder das Freie. Aber er nahm folch dreisten Raub nur zweimal; er litt winterüber feinerlei Not und gedachte seinen schön gepardelten Balg nicht so unzeitig zu Markte zu tragen.
Als der Schnee zum ersten Male frant wurde, war Ringel schwanz so feist und start wie im üppigen Spätherbst. Aber die Hasen begannen den Buschwald und die südsonnigen Slippen zu meiden, und die Haselhühner waren alle geworden. Am meisten ärgerte fich darüber der alte Birkfuchs Rotschalt, der sonst manchen Wintertag in diesem Diebsgelände verbracht hatte. Als er einmal im Nebelmond die Gelegenheit abfundschaftete, fand er die verhaßten runden Tritte und gleich darauf einen angegänzten Hafen. Das war ihm genug.
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„ Ekelhafte Wirtschaft," belferte er in sich hinein, unsaubere Konkurrenz, wohin man sieht. Und nun gar diese Nobeltuer, denen ja schon der halbe Wald gehört. Die habens gerade nötig. uns auch da herunten das bißchen Uebrige zu beschneiden. Da wundert man sich noch, wenn wir Füchse in der Berzweiflung zu stehlen beginnen.. Eine Gemeinheit von diesen Herren, die doch auf Bäume lettern fönnen.. Ja, der alte Reinete hat schon recht gehabt, damals, als er den Hinze an den Pfaffen und die Mistforten und Knüppel ausspielte. Heutzutage möchte man wahrhaftig alles lieber als Fuchs sein."
Und dazu fraß er die Hasenreste auf, die Ringelfchwanz ihm übrig gelaffen. Sie mundeten soweit ganz gut....
Ringelschwanz hatte ihn von sicherer Hochflippe aus beobachtet. Dort lag er im Trockenen und Warmen. Ohne Bedauern sah er den ungebetenen Kunden verschwinden.
So macht man es nicht," spann er vor sich hin, und das will ein Fuchs sein! Bei Tage holt man doch kein Huhn! Immerhin, er ist ja nur ein Fuchs, und ich bin Ringelschwanz, Maußens und Greifhiltens Sohn, der Wildkater. Das ist der große Untere schied... ( Fortseßung folgt.)
Notizen von Robert Breuer
„ Die Geschichte der Bildnismalerei spiegelt die ganze Entwickelung des eigentlichen malerischen Könnens im technischen Sinne am unverfälschtesten wieder." ( Woermann,)
Die florentinische Porträtkunst der Frührenaissance freut sich an einer zierlichen, anmutigen Aeußerlichkeit. Lionardo will mehr. Er sagt:„ Die Seelenzustände bewegen das Antlitz des Menschen in. verschiedenerlei Weisen. Da ist einer der lacht, ein anderer weint, einige freuen sich, andere sind bekümmert; die zeigen Zorn, jene Mitgefühl, der bewundert, der andere steht entsetzt, die sehen dumm und albern drein, jene gedankenvoll und vorschaulich. Und durch diese Seelenzustände müssen die Hände und so die ganze Person in Uebereinstimmung mit dem Gesicht versetzt werden." dringt in die Seele der Menschen; er sucht den äußeren Formen geistige Ursachen, er spürt die Absichten des Willens in der Haltung des Körpers, die Regungen der Gefühle in der Spannung der Haut. Der Psychologe wird von dem Anatom bedingt, fast möchte man sagen: von dem Mathematiker. Das ist gerade das Wundersame, oder besser die naturgewachsene Größe von Lionardos Bildnissen, daß sie die unverfälschte, unverfüßte Wirklichkeit geben, daß fie die bewußte mit Achsen und Querachsen, Loten, Winkeln, Kreisen und Zahlen erhaltende Rechnung nicht verleugnen und daß sie dennoch mehr sind als eine projizierte Proportion, mehr als eine Synthese aus Knochen, Fleisch, Haut, Muskeln und Nerven. Sie sind von einer feineren, subtileren, höheren Sinnlichkeit, von einer Schönheit, die man mit den Augen, mit dem Herzen, mit der Seele lieblosen möchte, von einer ewigen Schönheit und einer unbesiegbaren Natur. Diese föstliche zauberische Wirkung ergibt sich nicht nur aus der unbegreiflichen Art der Malerei, die an Pinsel und Technik gar nicht denken läßt, fie wird getragen und verstärkt durch das Stüd Landschaft, das hinter den Körpern auftaucht. Man betrachte die Landschaft auf der Mona Lisa ...sie wirkt in ihrer unbestimmten Ausführung wie ein Traum. Sie hat einen andern Grad von Realität als die Figur, nur das ist keine Laune, sondern ein Mittel, den Eindruck des Körperhaften zu gewinnen. Der Erfolg ist der, daß im Salon caré des Loubre, wo die Mona Lisa hängt, alles andere neben ihr flach erscheint, selbst Bilder des 17. Jahrhunderts."( Wölfflin.)
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Wir glaubten an Traumgebilde, wenn wir nicht allzu gut wüßten, welche Fülle fünstlerischer Erwägungen, welche Zahl von Experimenten hinter jeder Form, jedem Binselstrich steht. Da ist das Frauenbildnis aus der Galerie Liechtenstein( Wien ). Die scharfen Blattstrahlen des erotischen Gewächses, die geringelten Roden, die Miederichnürung, die Borte des Wiederausschnittes, rechts das freie Eddhen alles leitet zu den großen Formen dieses Gefichtes, dieser Büste. Die Frau ist auf dem Bilde die Hauptsache, es ist alles nur ihreiwegen da, alles fließt um sie herum und ist doch fest in ihr veranfert. Und gerade dadurch wirkt sie so fühl und hochmütig, so grausam und unbeirrt. Wir sehen also: durch rein optische, rein bildmäßige Mittel rollt Lionardo eine Seele vor uns auf. Das ist das Größte, ivas der Maler jeweilig seiner Zeit und in getvissen Grenzen der Etvigfeit zu leisten vermag. Das ist mehr als Naturalismus, und sei es der raffinierteste. Mit dem Naturalismus beginnt jede Entwickelungsreihe Lionardo ist ein Höhepunkt. Gewiß, er ist ein technischer Neuerer, ein optischer Bionier, ein psychologischer Entdecker; aber in erhöhtem Maße ist er ein Souverän, der alle Mittel und Ziele der Zeit zur Vollendung bringt. Er hat es nicht so sehr nötig, sch ein Instrumentarium zusammenzusuchen, da er in der Lage ist, ein Lied von der Schöns heit zu spielen. Im letzten Grunde will er nur die Natur geben, wie er fie sieht aber, was er sieht, ist Schönheit, und was er gibt, find nicht Stizzen, sondern Werke. In seinem Malerbuch heißt es: Will der Maler Schönheit erbliden, die ihn zur Liebe bevegen, so ift er Herr darüber, sie ins Dasein zu rufen, und toill ex
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101 AMOL