- 532 haltlos zwischen Tinnenlitzel und Ekel hin» und herpendelnd; heute verdammend, was ihm gestern noch teuer geschienen; herrisch-brutal, «goistisch-dllnlelhaft, zynisch-wild, voll Menschenverachwng; und doch »ieder ungewöhnlich zarten edlen Regungen unterworfen ein verfallzeitler, eine durch und durch dekadente Natur. So gibt er sich auch als Schriftsteller. Der Räsonneur steckt ihm im Blute. Seine zahlreichen literarischen Abhandlungen. Kritiken, Streikartikel beweisen eS Tay für Satz. Objektivität ist ihm fremd. Er schlägt Brestben. reiht Mauern ein, wo seine Feder hinspritzt. DaS geschieht aber doch alle» nur um seiner selbst willen. Immer bestrahlt er sein Ich. Streiter für eine neue Dichtung ist er nur insoweit, als er sie in s i ch verkörpert erachtet. Vom psycho- logischen Standpunkt gesehen ist das wohl lehrreich, dennoch so arrogant-einseitig, als den Leier ermüdend. Was allenfalls noch für die Literaturphilologen Kompost bedeutet, um daraus ein paar Kömer zu klauben, kommt für das allgemeine Interesse nicht in Frage. Bleibt Conradis dichterische Produktion zu betrachten. Obenan stehen da seine.Lieder eines Sünders*; in ihnen offen» vart sich der Künstler Conradi am reinsten und tiefsten. Seine formale Meisterschaft ist unbestritten. Wurf und Pracht seiner Vers- spräche überholen selbst Herinann Lingg und Robert Hamerling . von denen er unverkennbare Anregungen empfangen, bei weitem. Doch da« ist nicht da? spezifisch.Moderne' an der Conradischen Lyrik. Reu ist der S u b j e k t i v i S m u», der hier in vorher unbekannter, nachher kaum jemals erreichter rücksichtsloser Kühnheit seine Triumphe feiert. Ein Analytiker reih» die letzten Hüllen von seiner Seele weg. um sie in völliger Nacktheit zu zeigen. Nun sehen wir sie voll brünstiger Leidenschaft die Strahendime umschlingen, im Schlamm der Lüste versinken, imrein, sündig, räudig geworden wieder emportauchen, um sich, gestachelt von Ekel und Reue im Erfassen höchster idealer MenschhcitSziele gesund zu baden. viel eingebildetes Märtyrertum müssen wir über uns ergehen lassen und unendlich mehr Schwulst und kokette Phrase; allein der Dichter siegt durch die glutende Kraft feiner Ausdrucksmittel selbst bann, wenn wir uns angewidert von ihm abwenden. Gleichwohl stehen und fallen die meisten Gedichte mit Conradis Persönlichkeit; nur einige tragen jenes Gepräge, da» unvergängliche Schönheit und Jugend verheiht. Was in der Lyrik am Platze ist. verliert jedwede Berechtigung in Dichtungen erzählender Gattung. Die novellistischen Skizzen, die Conradi als Erstlinge unter dem Titel.Brutalitäten" veröffentlichte und die nun wieder in feine Gesammelten Werke aufgenommen wurden, hat er selbst al» Versuche bezeichnet. Um naturalistisch zu erscheinen, bestrebt er sich krampfhaft. hinter die Objekte zu treten und Menschen zu charak- teristeren. Nur einmal gelang ihm da» in der er- »retfenden KindererzShtung.Karl. Sonst aber verfällt er au« einer Ungeheuerlichkeit in die andere und bringt einen Hausen «rdtchteter Monstrositäten zusammen, nur lediglich zu beweisen, dah er ein Analytiker sei. Mehr al» geitdokumente. denn als Kunstwerke treten seine beiden Jch-Romane.Phrasen" und.Adam Mensch' hervor. In der Hauptperson de» ersteren hat er sich selbst, in den Nebenfiguren seine Jugendfreunde, Studiengenossen und Mit- ftreiter festzuhalten unternommen. Der Roman gibt ein verzerrtes, obzwa» echter dichterischer Bruchstücke nicht entbehrende» Spiegelbild von der geisttgen Disziplinlosigkeit und trostlos skeptischen Skrupel- lostgkeit der jungen Intellektuellen au» den achtziger Jahren. In .Adam Mensch" hingegen feiert Conradi ».Jndivrdualismu»" er» schreckende Orgien. Zwar nimmt der Dichter«inen Anlauf zu künst- lerischer Gestaltung, indem er in dem Titelhelden einen Ausbund an klügelndem Egoi»muS und sexueller Raubgier verkörpert. Zugegeben, bah derartige Subjekte herumlaufen. Aber Conradi schildert doch nur wieder sich selbst: den Nietzscheschen. Herrenmenschen" in seiner genialisch sich gebärdenden Studentenmoral, dem jede» Weib als Dirne gut Knug ist, sich an ihr die Stiefel abzuwischen. Dieser in Animier- eipen herumdösende, mit Kellnerinnen poussierende.Dr. Adam Mensch", dem.im übrigen alles Dreck' und daher.zwecklos" ist, ist doch eben Hermann Conradi . Der Roman zog ihm eine Anklage wegen Gotteslästerung zu. Den Verhandlungstermin hat er aber »ficht mehr erlebt. Sieben Monate vor seinem am 8. März in Würzburg erfolgten Tode veröffentlichte Conradi noch die gewalttge» Aufsehen erregende BroschüreWilhetm II. und die junge Generatton". Hatte er in den »Phrasen" noch immer zwischen Aristokratie und Sozialismus ge- schwankt, so stellte er in dieser Schrift endgülsig sein ZukunstSideal auf. Es heifit: moderner Individualismus. Für Conradi selbst und, wie die spätere Entwickelung gelehrt hat, für die jüngst- deutsche Literatur überhaupt, ist daS BekennwiS zu dieser Anschauung Äußerst charakteristisch. Einmal an diesem Wendepunkt angelangt. Hütt« sich auch Conradi obwohl bis zum Tode der charakter- festeste Kämpfer von allen höchstwahrscheinlich.rückwärts konzen- trtert" in das Lager des Bürgertums, dem er entsprossen war. ES fragt sich also sehr, ob er, würde er leben geblieben sein, heute ein anderer wäre, als seine Mitstteiter, die samt und sonders längst die Aahne der radikalistischen Jugend verlassen haben. Zweifelhast bleibt aber auf alle Fälle, ob Conradi vom Subjektivismus, der fein ganzes Dichten und Trachten unterband, jemals losgekommen wäre, »an ein wirklich bedeutendes Kunstwerk zustande zu bringen. _ ErnstKre o w» k i. Die T)xtzc und unsere Säuglinge. Die hejßxn Monate sind es, in die das Maximum der Säug- lingssterblichkeit und der Erkrankungen fällt. Und stets sind eS Magen- und Darmleiden, die Brechdurchfälle, die Säuglingscholera und Krämpfe, die das Leben der Neugeborenen gefährden. Da der Einfluß der heißen Tage offenbar war, glaubte man, daß die Hitze einen indirekt schädigenden Einfluß aus den Säugling ausübe, indem sie zur Verderbnis der Milch, zur üppigen Vermehrung krank- machender Keime Anlaß gäbe. Natürlich find diese Annahmen richtig: Niemals schneller verdirbt die Milch als an warmen Tagen. Aber wollte man sie noch so sorgfältig durch Sterilisierung und Kühlung konservieren, immer würde sie als Schädlichkeit auf den Darm des Säuglings wirken. Denn die Hitze zersetzt nicht allein die Milch, sondern auch der Organismus des Säuglings wird durch sie mit verheerender Kraft getroffen. Das Sommersterben ist also veranlaßt durch zwei Faktoren, die ineinandergreifen, um mit mehr als doppelter Wucht wirksam zu werden: durch falsche Er- nährung und durch Ueberhitzung. Die Erkenntnis des Spieles dieser zwei Kräfte ist nicht bloß theoretischer Natur, son- dern so lange von höchster Bedeutung, solange es nicht gelungen ist, allen Säuglingen die natürliche Nahrung zukommen zu lassen, solange noch alljährlich Tausende und Abertausende Kinder, sei es aus Unwissenheit oder sei es aus sozialer Notwendigkeit, mit der Flasche ausgezogen werden. Denn dann mag man, wenn man sich über die Bedeutung der Hitze für den Säuglingsorganismus klar ist, wenigstens den Versuch machen, diese eine Gefahrenquelle zu verstopfen. Genaue statistische Beobachtungen haben nämlich ergeben, daß die große Säuglingssterblichkeit sich nicht schlechthin auf alle Sommermonate gleichmäßig verteilt, sondern daß fie nach heißen Tagen lawinenartig anschwillt. Es lag daher nahe, diese Todesfälle mit den Hitzschlägen der Erwachsenen in Vergleich zu bringen. Und in der Tat, wenn man nach den Bedingungen forschte, unter denen die Todesfälle der Säuglinge vonstatten gingen, fand man dieselben, die zu den tödlichen Hitzschlägen der Erwachsenen führen. Der Hitzschlag wird veranlaßt durch Wärme- stauung. Normalerweise entsteht in jedem Organismus Wärme durch Verbrennung von Nahrungsmitteln und durch die Tätigkeit der Muskeln. Ein Teil dieser Wärme bleibt im Körper und hält die Eigenwärme der Warmblüter und des Menschen aus einer kon- stvnten Höhe, der überschüssige Teil wird vermittels außerordentlich präzis funktionierender Regulationsvorrichtungen, die ihren Sitz im Gehirn haben, an die Außenwelt abgegeben. Dies geschieht durch die AuSatmungsluft, durch Wärmestrahlung von der Körperober- fläche und schließlich durch die Schweißverdunstung. Beide letzteren können aber nur dann in Funktion treten, wenn das augenblicklich wirksame Milieu keine Hindernisse bietet. Wärme kann nur dann ausgestrahlt werden, wenn die Hüllen des Körpers, die Kleidung, die Strahlen hindurchlassen. Schweiß ebenso kann nur als Wasser- dampf auf der Haut verdunsten, wenn die Kleider durchlässig und trocken und die Lust noch wasserdampfaufnahmefähig ist. Sind diese Uentile aber verstopft, so vermag die Hitze nicht abzufließen und der Körper überhitzt sich. Mit dem Wärmeregulationszentrum zugleich werden auch andere lebenswichtige Zentren gelähmt, und es tritt dann unter den Zeichen des Hitzschlages der Tod ein. All die Vorbedingungen für das Zustandekommen eines Hitz- schlage? sind nun in dem den Säugling umgebendenKlima" er- füllt. Statt ihn nur mit einem dünnen Tuche zu bedecken und ihm in heißen Tagen jede Möglichkeit zur freien Bewegung und damit zur Erzeugung von Lustzirkulation zu geben, wird er, wie eS seit alters her Gewohnheit ist, fest gewickelt und mit einem Federbett zugedeckt, so daß jede Bewegung unmöglich gemacht wird. Eine Wärmeabgabe durch Strahlung gelingt nicht mehr. Zudem benäßt der Säugling seine umhüllenden Windeln und macht deren Gewebe zur Passage und Aufsaugung des Wasserdampfes untauglich. Der springende Punkt aber ist das Wohnungsklima. Deswegen sterben so viele Säuglinge der weniger bemittelten Schichten, weil die Wohnungen dieser in keiner Weise den mindesten hygienischen Anforderungen entsprechen. Die Proletarierwohnung ist stark be- bölkert. Im Sommer ist in ihr die Temperatur höher als im Freien, die Lust stagniert völlig. All diese Schädlichkeiten des Klimas treffen nun auf einen Organismus, der durch eine falsche Ernährung in seiner natür- lichen Widerstandskraft geschwächt ist. Dies ist zuviel für das zarte Leben des Säuglings. Und jedes plötzliche Ansteigen der Luftwärme stört die unzureichende Wärmeregulation derartig, daß der Tod im Hitzschlage die Folge ist, nur daß er beim Säugling unter dem Bilde einer Folge von Darmkatarrh und Krämpfen eintritt. Der beste Schutz gegen diesen Würgeengel ist also die Ernährung durch die Mutter. Unterstützt und vervollkommnet aber werden diese Maßnahmen durch Schaffung eines hygienischen Milieus, als da ist: hinreichende Gelegenheit zur Wärmeregulation durch Schweiß- Verdunstung. Besonderes Gewicht ist auf diesen letzte,, Punkt über- all da zu legen, wo die natürliche Ernährung nicht möglich ist. Dr. S. T Wprantwortl. Redakteur: Albert Wach». Berlin . s= Druck u. Verlag: vorwärtsBuchdruckerel u.Verlagsanjtalt Paul SingerÄCo., Berlin sw.