schafft, ist unmöglich zu sagen: das Entscheidende muß sein. daß jeder ausrichtet, was er kann." Ausgezeichnet!" rief Brun,ausgezeichnet!" Der alte Philosoph war so recht in Laune. Pelle hatte ihn für un- gewandt und weltfrenid gehalten und war erstaunt. Welch einen praktischen Blick er für oiele Dinge hatte. Die Sache ist die, daß dies etwas Neues ist," sagte der Alte und rieb sich die Hände.Mit dem Alten war ich fertig, als ich zur Welt kam: da war nichts mehr, was mich reizte: ich sei degeneriert, hieß es. Ja, freilich! Nun will der alte Bücherwurm seinen Ahnen doch zeigen, daß auch in seinen Adern tatkräftiges Blut fließt. Nun haben wir beide die Stelle gefunden, von wo aus die Welt umgekippt wird, mein lieber Pelle, ich glaube, wir haben sie gefunden! Und nun arbeiten wir darauf los." Ja, da war genug zum Zugreifen. Aber jetzt waren es Realitäten, und Pelle hatte ein angenehmes Gefühl, wieder Boden unter den Füßen zu haben. Dies war doch etwas anderes, als einsam auf seinem eigenen Gedanken durch den Raum zu reiten, beständig in Gefahr, herabzufallen: hier bahnte er sich seinen Weg sozusagen mit den Händen. Es war so geordnet worden, daß der bisherige Besitzer des Geschäfts es noch eine Weile leitete, während sich Pelle mit dem ganzen Betrieb vertraut machte, die Maschinen und die Buchführung kennen lernte. Er war ununterbrochen im Gange, nutzte seinen Tag aus und schlief des Nachts wie ein Stein. Das Gehirn klapperte nicht mehr fortwährend wie ein Kessel, der beständig kocht, der Schlaf löschte auch darunter das Feuer. Es handelte sich darum, eine Schar zu werben, die sich ganz aufeinander verlassen konnte, und Pelle kündigte un- erschrocken allen Kameraden, die sich nicht dazu eigneten, unter neuen Formen zu arbeiten, und nahm andere an. Der erste, an den er sich wandte, war Peter Dreier. Ellen riet davon ab.Du weißt ja, daß er mit der Polizei auf schlechtem Fuß steht," sagte sie,Du kannst ohnedies schon Kampf genug bekommen." Aber Pelle hatte das Bedürfnis, einen an seiner Seite zu sehen, der imstande war, die Dinge von einem neuen Gesichtspunkt aus zu betrachten, und ein volles Verständnis für das hatte, um was es sich handelte. Egoisten taugten nicht. Und dies mußte gerade für einen etwas sein, der sich mit all dem Bestehenden in den Haaren lag. (Fortsetzung folgt.) 83 t�acfcbucb eines entlassenen Sträflings. Gnadenbrot. Im Stübchen neben der Kammer darf ich schlafen. Der größere Bub zuckt zusammen, als ich mich zu ihm lege. Alle Gespenster dieser Nacht erschraken vor meinein Grauen. Erst der Tag be- schwichtigte sie und der Mittag hieß mich willkommen mit einem müden mitleidsvollen Lächeln. Die Menschen legten ihre Hände aus meine Wunden, sie durch Schweigen zu schützen. Andere gaben meinen Feinden Fußtritte, mich dadurch froh zu machen. In mir selbst suchte die Frechheit zu frohlocken, um andere Stimmen zu übertönen: das trübselige Heldentum von der Galeere her, das jeder Verbrecher an sich trägt wie einen Nimbus. Den Pensionsherren meiner Hausleute junge Beamten mittleren Grades, neue Ge- sichter bot ich ein pornographisches Feuerwerk, mit dem Geächtete die bösen Geister des Gewiffens und der Schande bannen möchten. Wenn einer gehängt wird, sagt er:nur nicht sentimental sein" und zieht eine Fratze fürs Volk. Mit Heinz las ich im katholischen Katechismus vom Findelkind Moses und anderen biblischen Buben, die große Männer wurden. Das ist ein Stichwort für ihn und er holt eine Schachtel her, in der seine großen Männer verwahrt find. Die hatte er mit dem starken Sinn unverängstigter Kinder für sich gefordert, als die Mluttcr die Sachen Glümers, der verschwunden und verschollen schien, zusammenpackte. Wenn die Mutter erzählt, wie der Bub damals von Sinnen war, ist ihr Geficht ein zuckendes Spiel von Schrecken und Stolz. Die Gendarmen hatten mein Zimmer ver- riegelt und Heinz glaubte es nicht. In der Frühe, im Hemdchen, aus dem Bette heraus, kam er vor die Tür, klopfte, rüttelte und flehte:Lümer, mach uff!" Nachts ließ es ihm keine Ruhe. Er schrie und fieberte und wanderte am Tag wieder im ganzen Haus um, durch alle Stuben und Stockwerke, bis hinauf zum alten Wäschmareile, das er bei der Hand faßte und zur Treppe zog: , Lümer suchen!" In Waldshut . während der Untersuchungshaft, als ich noch bürgerliche Kleider tragen durfte, hat Heinz mich be- sucht und in lachender Freude seine famtfeinen Händchen um meinen Hals gelegt, der doch schon für den Scharfrichter gerichtet' war. Wie anders standen des Buben Augen später in der Frei- burger Besuchszelle vor dem eisernen Gitter und dem weißhaarigen Oberaufseher, der eine goldverzierte Uniform und Ehrenzeichen trug. Wie sah neben ihm der Sträfling aus: im facksteifen Zwillich, brustwärts die Eisenblechnummer, in der Hand die Ge» sichtsmaske. womit man Kinder wohl grausen macheu kann. Heinz konnte damals nicht loskommen von dem starren Blick und dem Schöße der Mutter. Draußen dröhnte das schwere Gefängnistor und erschütterte die junge Seele. Nun sind wir wieder vereint und Kinderlippen liebkosen mein Gesicht. Aber des�Buben Haus kann doch nur ein Gefängnis für mich sein, verschlossener fast als das Frcrburger, wo doch zweimal täglich der Einzelhof seine Gitter geöffnet hatte, als Käfig für Freiluft. Die Bonndorfer Gaffen dürfen mich nicht sehen, keinen Fuß breit vor die Tür, wo die Gier, mich zu erspähen, auf Lauer liegt wie eine Katze im Sprung. Manchmal kommt diese Neugier und streckt ihr Sammetpfötchen in mein Gefängnis. Die Lüberline schaut mich an, als ob sie sagen wollte: menschlich ist alles. Pfendlerbäck, der in der Freiburger Besuchszelle die Tränen nicht hatte verheben können, lästert jetzt das heilige Gesetz: was kann Gutes dabei herauskommen, wenn schon ein Paragraph zehntausend Menschen unglücklich macht? Das Wäschmareile streichelt mich mit den Worten:Dees ist des Aergscht no lang it" als ob sie in hintergründigen Gedanken von anderen was Aergeres wüßte, und nicht plaudern dürfe. Und Schoffele, ihre Tochter, die mit heißen Lippen eine armselige Fugend trägt, spricht nur wieder m Blicken: weshalb bist du nicht zu mir gekommen? Und die im Haus und im engsten Kreise erzählen von Leuten in der Stadt überall, von hochmütigen Herren und Zentrumsbauern, daß über meiner Tat ihr Mitleid steht wie ein flatterndes Tuch zu Abschieb und Friedensschluß. Sie sagen von der Tat: ein dummer Streich, eine schwache Stunde. Das ist nicht tief, aber barmherzig. Auch das Gesetz ist nicht tief, und doch grausam dazu. So unerhört neu ist dieses Erbarmen für einen, der als land- streichender Flüchtling durch Frankreich sich nur als Verworfener fühlte und in zehn Gefängniffen ein Büßender war und dem dort wie hier die strafende Gerechtigkeit vor Augen stand als Furie oder Friedensengel. Und nun kommt das Volk und seine Stimme nm- schmeichelt mich wie göttliches Recht: dn bist gefallen und nicht ge- sunken. Wir kennen dich ja und haben dich lieb. Du auch von mir verkannte und verachtete Stadt Bonudorf. ich preise dein Volk, das geistlich arm und so reich an innerstem Ehristentum ist. Hätte ich hier nicht bleiben und aus zertrümmerten Steinen ein neues Heim bauen sollen? Heinz wäre mein Halt und der zurückgelegte Weg meine Warnung gewesen. Die Waldarbeiter von Tillendors hätten mich wohl als ihresgleichen angenommen und ich hätte ans kleinem Tagwerk mich hinausarbeiten können zu ver- söhnenden Dingen. Doch hielt es mich kaum acht Tage lang im Hause der besten Gastleute, von denen ich meinte, sie gönnen mir das Gnadenbrot nicht, das ich in großen Portionen vertilgte. Da jeder Strafhäusler auch ein Vielfraß wird. So floh ich von den Freunden und suchte die fremden Fernen. Das Mitleid der anderen hatte dem Geächteten Mut gemacht und er ging tapfer zur Bonndorfer Bahn, zum ersten Frühzug, während die dunklen Gaffen im letzten Atem der Nacht liegen. In der Stationshallc stand als scharfer Schatten ein schlanker schöner Mann mit großem Hute: der Bonndorfer Bikar und Zentrums- redakteur, der neben dem Gotteshause seine Teufelsküche hält. Wir schauten aneinander vorbei wie zwei feige Tiere und im Zuge konnte ich das Gefühl nicht los werden, daß der andere wie eine Tigerkatze mir im Genick sitzt. Wie jung und mächtig ist dieser Mann? Politisch der Gewaltigste im ganzen Bezirk. Seine Seel- sorge umklammert das Schicksal aller Hörigen der Kirche. Ist nicht auch mein Opfer bei ihm im Beichtstuhl geseffen und hat seine llnkeuschheit vor ihm ausbreiten muffen, ehe Gendarm und Richter die arme Jugend prostituierten? Aas wußte e? damals von ihr und von mir? Eines Priesters Mffen ist wie ein Grab. So unergründlich verschwiegen ist nichts wie das Beichtgeheimnis. Aber der Beichtiger ist auch nur ein Mensch und dieser- leitet den Vinzenzverein. Dessen Vercinsdienerin trägt auch das liberale Amtsblatt aus. Sie und ihr Töchterchen. Darf man nicht ge- legentlich fragen, wer dem roten Redakteur die Zeitung bringt? Nun ja, das Töchterchen macht auch sonst Gänge für den Glümer und bekommt Geld dafür. Dieser Mensch soll ja ein Kinder- narr sein.» So ist der Herr Bikar Herr über Leben und Tod. Ich aber bin ein armer erbärmlicher Mensch und sehe Gespenster im Versal- gungswahn. Ein Falscheid soll geschworen worden sein mir zuleide, um meine Verderber zu decken. Ich soll Rache für Rache nehmen. sagt ein Zeugender. Aber das Unglück muß moralisch sein: halt reinen Mund und laß die Tigerkatze dein Genick zerfleischen. In Station Neustadt ist der Vikar mit feinen Bauern ver- schwunden. Die Fahrt durchs Höllental bleibt ohne Erlebnis. Feierlich grüßt den Fliehenden das winterschwere Gebirge. Erst in Freiburg klirren meine Ketten wieder. Roch einmal muß ich ins Landesgesängnis. Heute hat das mächtige hochummauerte Haus doch ein ander Geficht. Die Auf- seher im Torbau sagen.Grüß Gott" und find wie Hotellente zu einem bewährten Gast. Der Direktor, Major Kopp(unter General Glümer war er Leutnant im großen Kriege), fragt ohne AmtSstil