Ilnterhaltimgsblatt des Horwärts Nr 110. Dienstag den tfr Juni 1918 15) Das entfesselte SchicksaU Noman von Edouard Rod . Das Innere erschien noch düsterer. In der vollständigen Umwälzung hatte man noch nicht Zeit gefunden, die Unord- nung. welche durch die häufigen gerichtlichen Untersuchungen entstanden war, zu beseitigen. Bücherschränke. Schreibtische, alle Spinde waren geöffnet. In den unbenuhten Gesell- schaftszimmern standen die Möbel durcheinander, die Teppiche waren aufgerollt. Kleinigkeiten lagen verstreut aus Kon- solen, Tischchen, Klavier und Kaminen umher. Niedliche Schnurrpfeisercien, feine Skulpturen, alte Bronzen sahen jetzt so kläglich aus wie in dem wirren Durcheinander eines Trödlerladens. Aber hatten auch die brutalen Hände der Polizei dem Heim jede Gemütlichkeit genommen, es blieb doch die Zuflucht der Kinder. Hier waren sie wenigstens geschützt vor den neugierigen, boshaften und falschen Blicken, die sie den ganzen Tag ertragen mußten: sie waren zu Hause, allein und konnten sich ihrer Verzweiflung überlassen. Trotzdem sie Geschwister waren, waren die drei jungen Wesen voneinander völlig verschieden. Das gleiche Schicksal hatte sie getroffen: aber jeder von ihnen empfand es durch sein Temperament anders. Der Aelteste, Roland, war eben großjährig geworden. Er war also das.Haupt der Fannlie und hatte Entscheidungen zu treffen. Marnex überließ ihm gern die ganze Verant- Wartung. Er war sehr groß, sehr mager, und seine tief- liegenden Augen gaben ihm ein asketisches Aussehen. Von feiner Mutter hatte er die blonden Haare, den blassen Teint und die längliche Gesichtsform. Das einzig Schöne an ihm war die hohe, wie gemeißelte Stirn. Er interessierte sich leidenschaftlich für Geschichte und studierte in Chartes. Seine Begeisterung für alte Pergamente erregte manchmal den Spott seines Vaters, dessen Tatkraft und Lebendigkeit diese Leidenschaft nicht begriff. Seine Kurzsichtigkeit hatte ihn vom Militärdienst befreit, und häufige Neuralgien hinderten ihn oft an seiner Arbeit. Er versuchte, seinen Organismus durch Sport zu kräftigen. Doch blieb er übermäßig empfind- lich, er war Neurastheniker. Der Kontrast zwischen seiner schwachen Gesundheit und seinem intensiven Innenleben klassifizierte ihn unter diejenigen, von denen man sagt, daß der Geist den Körper aufreibe. fünfzehn Monate jünger war Paul, der jetzt gerade in die Ecole Centrale eingetreten war. Er glich im Teint und in der Haarfarbe seinem Vater: er hatte bereits einen Schnurrbart, auf den er sehr stolz war: kräftig, aufbrausend. eifersüchtig, fiel er in seiner Stimmung leicht von einem Extrem ins andere. Bald war er begeistert, bald deprimiert. Er arbeitete ebenso gern, wie er sich amüsierte. Seine Kraft, seine Sicherheit, seine Tollheit machten ihn unter seinen Kameraden populär. Er handelte impulsiv, ohne Nachdenken, gab aber nie zu, sich geirrt zu haben. Lermantes liebte diese anschmiegende und gefährliche Natur, dieses feurige Tempe- rament, das dem seinen glich. Es versprach einen tüchtigen Kämpfer, der sich den immer schwerer werdenden Anforde- rungen, die das Leben stellt, anpassen würde, und er sah in feinem zweiten Sohn seinen geistigen Nachfolger, denjenigen. der das. was er überlieferte erhalten würde, und zog ilm Roland vor. dessen vorzügliche Eigenschaften er ein wenig verkannte. Ihre Schwester Nen6e war kaum achtzehn Jahre alt. Sie glich Roland und hatte wie er ein längliches, blasses Gesicht. Eine Fülle feiner Haare von der Farbe reifen Getreides und große, graue Augen, die manchmal goldbraun aussahen, waren ihre ganze Schönheit. Ohne hätzlich zu sein, hatte sie nichts Anziehendes: ihrem Teint fehlte die Frische. Sie besaß jene scheinbare Vernunft mutterloser Mädchen, die sich früh- zeitig der Führung des Haushalts widmen: sie hatte dessen Leitung gerade übernoinmen, als das Gewitter ausbrach. Ihr Benehmen war ruhig und vornehm und sie hatte eine jener schönen, ernsten Stimmen, die ein klare Seele enthüllen, eine Stimme, die herzbewegend war. wenn sie sang. Sie hatte viel Gemüt, und die leiseste Erregung wirkte lange bei ihr nach. Aber sie''--�and sie so gut zu verbergen, daß nur sie allein darum wußte. Nun weinte sie schon seit Monaten die Nächte hindurch, oh.re daß jemand ihre Tränen sah. Ihre Tante Angele hielt sie für gefühllos und verfehlte nicht zu bemerken, daß ihre Tochter Hortense an ihrer Stelle schon vor Schaut und Kummer gestorben wäre. Minna, ein deutsches Dienstmädchen, öffnete den drei jungen Leuten die Tür. Alle anderen Dienstboten waren entlassen: sie und Josephine, die savoyardische Köchin, waren die ganze Bedienung. Minnas kleine Augen gingen prüfend über die Gesichter der Ankommenden: ihr Mund zog sich zu eine Grimasse zusammen, die bedeutete: es scheint schlecht zu stehen. Aus ihrem verschlossenen Gesicht erriet man nicht, ob Schadenfreude oder Mitleid sie bewege. Die drei wollten diese Blicke vermeiden und eilten in ihren gewohnten Zu- fluchtswinkel. in Rolands Zimmer. Es war ein kleiner, mit Büchern angefüllter Raum, mit antiken Möbeln ausgestattet. Die von einem Perserteppich bedeckte Chaiselongue war der einzige bequeme Sitz im Zimmer. Roland ließ sich darauf fallen und begann zu schluchzen. Er hielt sich den Mund mit der Hand zu. um seine Stimme zu ersticken, der Körper war von Schauern geschüttelt. Rense eilte zu ihm, sie küßte ihn, und in ihrer eigenen Verzweiflung suchte sie Trostesworte um ihn zu beruhigen. „Nein. Roland, so darfst Du Dich nicht gehen lassen. Wir haben eine Pflicht zu erfüllen und müssen unsere Kräfte für den Kampf auftparen. Vater braucht uns so nötig! Hast Du nicht gesehen, wie er uns angesehen hat, als ob er uns um Mut bitten wollte? Er muß nun auch merken, daß wir mutig sind und Vertrauen zu ihm haben. Besonders heute nach diesem schrecklichen Tage. Ach, m?in Gott, denke doch, wie er leiden muß, wenn er es abgeschlagen hat, uns zu sehen." Während sie Roland so zu beruhigen versuchte, ging Paul aufgeregt auf und ab. Das Gefühl, das sich bei seinem Bruder in Schmerz äußerte, machte sich bei ihm in Zorn Luft. Leichenblaß, mit zusammengepreßten Lippen, rang er die Hände und warf die Elegenstände im Zimmer durcheinander, in dem Bedürfnis, seine ohnmächtigen Kräfte zu gebrauchen. In das Schluchzen seines Bruders warf er von Zeit zu Zeit einen wütenden Ausruf, eine Verwünschung. „Alle sind sie gegen ihn," schimpfte er.„die Richter, die Geschworenen, die Zeugen. Plan sieht, daß sie ihn zugrunde richten wollen. Alles was sie sagen, ist vorbereitet. Ach, die Lügner, die Kanaillen!" Voller Verzweiflung streckte er die Faust ins Leere. Er war allein, schwach, besiegt, und seine Henker triumphierten. „Und diese Sachverständigen! Ein Haufen Aktenschmierer. Bnreaumenschen! Was verstehen sie von Papas Geschäften! Sie schmieren Zahlen hin. Wie bei einer Steinigung kommt ein jeder und wirft seinen Stein auf ihn. Und mit gebundenen Händen niüssen wir alles mit ansehen, ohne ihm helfen zu können!" „Wir müssen versuäten. ihn durch unser Vertrauen zu stärken," sagte Rcnäc. Paul zuckte die Achseln. „Das ist zu wenig!" Was ist das? Er braucht mehr, eine energische Tat. Initiative, etwas Entscheidendes. Wir wissen selbst nicht was." Trotz ihrer Jugendkraft fühlten sie sich so wehrlos wie ihr Vater selbst. Einst so stark im Kampf, war er setzt vor seinen Richtern jeder Macht beraubt, machtlos zwischen zwei gleichgiiltigen Gendarmen, die sich den Schnurrbart zwirbel- ten. Gegen ihn und also auch gegen sie richtete sich eine un» geheure Macht auf. Die roten und schwarzen Roben, die Uniformen, die Henker, die man hinter diesem Apparat vermutete, alle waren sie nur Teile eines Ganzen, jener ab- straften Kraft des Gesetzes, das die Schuldigen und Wider- spensftgen durch ein fast ebenso verhängnisvolles Spiel vernichtet, wie die Natur die Ausnahmen»der Ungeheuer aus- rottet. Es war diese latente Kraft in d?r Tiefe des sozialen Lebens, an die man ebensowenig denkt wie an die Macht des Meeres, wenn man sich auf festem Bod>4 befindet, und deren unbeugsame Kraft man erst fühlt, wenn man ihr getrotzt hat. Ausdauernd, unüberwindlich, unerbittlich dringt sie gegen ihre Opfer vor und zerschmettert sie. Vielleicht, um sich von
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30 (10.6.1913) 110
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