und vollends zu überwältigen. Unwillkürlich legte er aber seine Hand an seinen eigenen Bater und suchte denselben mit festem Arm von dem Gegner loszubringen und zu beruhigen, so daß der Kampf eine kleine Weile ruhte oder vielmehr die ganze Gruppe unruhig hin und her drängte, ohne auseinander zu kommen. Darüber waren die jungen Leute, sich mehr zwischen die Alten schiebend, in dichte Berührung gekommen, und in diesem Augenblick erhellte ein Wolken- riß, der den grellen Abendschein durchließ, das nahe Gesicht des Dtädchens, und Sali sah in dies ihm so wohlbekannte und doch so diel anders und schöner gewordene Gesicht. Vrenchen sah in diesem Augenblicke auch sein Erstaunen, und es lächelte ganz kurz und ge- schwind mitten in seinem Schrecken und in seinen Tränen ihn an. Doch ermannte sich Sali, geweckt durch die Anstrengungen seines Vaters, ihn abzuschütteln, und brachte ihn mit eindringlich bitten- den Worten und fester Haltung endlich ganz von seinem Feinde weg. Beide alte Gesellen atmeten hoch auf, und begannen jetzt wieder zu schelten und zu schreien, sich voneinander abwendend; ihre Kinder aber atmeten kaum und waren still wie der Tod, gaben sich aber im Wegwenden und Trennen, ungesehen von den Alten, schnell die Hände, welche vom Wasser und von den Fischen feucht und kühl waren. Als die grollenden Parteien ihrer Wege gingen, hatten die Wolken sich wieder geschlossen, es dunkelte mehr und mehr, und der Regen goß nun in Bächen durch die Luft. Manz schlenderte vor- aus aar den dunklen, nassen Wegen, er duckte sich, beide Hände in den Taschen, unter den Regengüssen, zitterte noch in seinen Gesichts- zügen und mit den Zähnen, und ungesehene Tränen rieselten ihm in den Stoppelbart, die er fließen ließ, um sie durch das Weg- wischen nicht zu verraten. Sein Sohn hatte aber nichts gesehen, weil er in glückseligen Bildern verloren daherging. Er merkte weder Regen noch Sturm, weder Dunkelheit noch Elend; sondern leicht, hell und warm war es ihm innen und außen, und er fühlte sich so reich und wohlgeborgen, wie ein Königssohn. Er sah fort- während das sekundenlange Lächeln des nahen, schönen Gesichts und erwiderte dasselbe erst jetzt, eine gute halbe Stunde nachher, indem er voll Liebe in Nacht und Wetter hineinlachte, und das liebe Ge- ficht anlachte, das ihm allerwegen aus dem Dunkel entgegentrat, so daß er glaubte, Vrenchen müsse auf seinen Wegen dies Lachen notwendig sehen und inne werden. lFortsetzung folgt.) Vas gemarterte Silen. Von A r t u r Fürst. An der Grenze des Berliner Vorortes Groß-Lichterfelde und der früheren Domäne Dahlem, deren Gebiet ganz allmählich zu einem deutschen Oxford heranwächst, hat sich ein großes Wissenschaft- licheS Institut angesiedelt, das einen sehr prosaifch und langweilig klingenden Namen führt, das aber sehr viel des Interessanten und Anregenden in seinen Mauern birgt. Es ist das von Geheimrat Adolf Martens geleitete Königliche Materialpriifungsamt. Seine Aufgabe ist es, alle Stoffe, die ihm von Behörden oder auch aus der Privatindustrie zur Prüfung übergeben werden, aufs genaueste auf ihre Festigkeit im allgemeinen oder ihr Verhalten unter be- stimmten Verhältnissen zu untersuchen. Da an das Amt täglich Materialien der verschiedenartigsten Gattungen gelangen, über die es ein autoritatives Gutachten abgeben soll, so ist sein Arbeitsgebiet sehr ausgedehnt. Alle Prüfungen werden auf streng wissenschafrlicher Basis vollzogen. Ein Hauptbetätigungsfeld der Lichterfelder Anstalt ist der Dauerversuch. Man hat in der Praxis längst beobachtet, daß alle Materialien verschiedene Festigkeiten zeigen, je nachdem sie nur vorübergehend oder dauernd in einer bestimmten Weise beansprucht werden. Ein eiserner Pfeiler zum Beispiel, auf dessen Haupt man ein so schweres Gewölbe gepackt hat, daß seine Bruchfestigkeil dem Gewicht gerade noch Widerstand zu leisten vermag, wird das Gewölbe vielleicht ein paar Tage tragen, dann aber plötzlich zusammenbrechen. Noch rascher wird dieser Zusammenbruch vor sich gehen, wenn die Be- lastung deS Eisens in ihrer Größe fortwährend wechselt, wie das zum Beispiel bei Maschinenteilen der Fall ist. Um über diese Er- müdungserscheinungen im Eisen nähere Kenntnis zu gewinnen, sind in dem Materialprüfungsamt eine Reihe von Maschinen aufgestellt, die verschiedene Eisensorten einem geradezu fiirchterlichen Examen unter- werfen. In eine solche Maschine ist ein Flußeisenstab von etwa zehn Zentimeter Länge ganz fest eingespannr. Durch eine hydraulische Presse wird auf diesen Eisenstab bald mit einer Kraft von BOll Atmosphären, bald mit 3000 Atmosphären gedrückt. Diese außcrordent- lich verschiedenen Beanspruchungen, wechseln in dem kurzen Zeitraum von einer Minute immer fünfzigmal miteinander ab. Fast in jeder Sekunde also wird das Eisen einmal mild und einmal kräftig gedrückt. Jedoch ist die Höchstbeanspruchung hier so gewählt, daß sie weit unter der Grenze bleibt, bei der im Eisen unter normalen Umständen eine bleibende Formverändcrung einlreten würde; das heißt: Flußeisen, das mir jedem Quadrat- zentimeter seines Querschnitts eine Last von 3000 Kilogramm tragen soll seine Atmosphäre bedeutet Belastung von einem Kilogramm auf jeden Ouadratzenlimcter), ist dazu mit Leichtigkeit imstande. Aber wie die physikalisch kleinsten Teile der lebenden Substanz, z. B. der Muskeln des tierischen und menschlichen Körpers, die Moleküle, einer Ermüdung unterliegen, die ihre Aktions« und Widerstandsfähigkeit schwächt, so geht es auch den Molekülen des Eisens. Wenn man einen eisernen Stab in so unerhörter Weise martert. Ivie dies in der Maschine des Materialprüfungsamtes geschieht, so kann er schließlich auch einer Belastung, die weit unter der Grenze seiner normalen Tragfähigkeit liegt, nicht mehr Widerstand leisten und bricht an der Stelle seines kleinsten Querschnitts entzwei. Da das Flußeisen in unserer Maschine eine so menschliche Re- gung zeigt, ivie die Ermüdung cS ist, kann man ihm auch seine menschliche Teilnahme, sein Mitgefühl nicbt versagen. Der Stab ist ein wahrer Märtyrer der Wissenschaft. Es wird an ihm eine ge- radezu raffiniert bösartige Vivisektion vorgenommen. Täglich sieb- zehn Stunden lang wechseln sekundlich die Belastungen, mit denen man ihn beansprucht, und das Flußeisenstück erduldet diese Quälerei nun bereits seit dem 10. April des Jahres 1910. Einst wird kommen der Tag, an dem es in seiner stummen Sprache auffchreit:.Ich kann nicht mehr 1" und in zwei Stücke zerspringt. Dann kommen die Professoren des Prüfungsamts mit ihren Schneideinstrumenten und Mikroskopen und sezieren die Leiche aufs genaueste. Denn' solch eine Bruchstelle spricht für sie eine deutliche Sprache der Wissenschaft- lichen Belehrung. Da die chemische Zusammensetzung des Eisens nicht an allen Stellen genau die gleiche ist, weil es in einem, wissenschaftlich genommen, sehr rohen Prozeß erzeugt wird, so ist es außerordentlich wichtig, zu wissen, an welcher mikroskopisch kleinen Stelle der Bruch begonnen hat. Das ist der schwäckiste Punkt im Eisen gewesen, und diese Art der Zusammensetzung muß also künstig bei der Fabrikation, lo weit wie es möglich ist. vermieden werden. Dieses und vieles andere lehrt die genaue Untersuchung einer solchen Bruchstelle. Man hat zum Beispiel auch gefunden, daß eine noch so geringe Verletzung in der Oberfläche des Eisens, ein mikroskopisch Neiner Defekt genügt, um die Dauerhastigkeit des Materials bei der Prüfung ganz be- deutend herabzusetzen. An den Bruchstellen von sorgfältig auf- bewahrten, bereits bei früheren Versuchen ähnlicher Art zersprungenen Eisenstücken kann man deutlich erkennen, wie die Zertrümme- rung an solchen defekten Stellen ihren Ausgang genommen hat. Es bilden sich um die Wunde herum langsam, ganz langsam Bruchzonen, die immer mehr in das Innere fortichreiten, bis dann ganz plötzlich der verringert« Querschnitt völlig in die Brüche geht. Es ist wie bei einer fressenden Wunde im menschlichen Körper. Man hat hier die Erklärung für so manche Explosion von stark belasteten Dampstohren, Ventilkörpern oder auch Dampfkesseln, deren Ursachen man sonst gar nicht er» gründen konnte. Die Fabrikanten wissen nun, daß sie bei der Her- stellung solcher Gefäße für hohe Drucke, auch wenn die zu erwartende Höchstbeanspruchung der Wandstärken weit, weit unter der normalen Bruchgrenze bleibt, aufs sorgfältigste vorgehen müsseit. damit die Wandungen keine Verletzung durch noch so geringfügige Ucberhitzung im Feuer des Ofens oder durch einen mechanischen Eindruck erleiden. Viel« Unglücksfälle mögen dadurch schon vermieden worden sein. Andererseils wird durch solche Versuche auch bekannt, welchen Di- mensionen man bestimmte hohe Belastungen ruhig anvertrauen darf, und es wird dadurch Verschwendung von teuerem Material vermieden. Alle diese Folgerungen kann man aus dein Martyrium deS Eisens aber nur darum ziehen, weil die Kräfte, die auf den Prüf- stab einwirken, und ihre Dauer in diesem streng wisscitschastlich ge° leiteten Amt aufs allergenaueste gemessen werden. Der Wechsel der Atmosphärendruckc vollzieht sich mit Hilfe geeichter Manoineter, die elektrische Kontakte betätigen, völlig automatisch und ist immer absolut gleichmäßig. Trotzdem aber werden die Vorgänge noch einmal durch selbstregistrierende Schreibapparate überwacht, die in Kurven jeden Augenblick der Prüfung ganz genau aufzeichnen, so daß man nach Beendigung des Examens, auch wenn es viele Jahre hindurch gewährt hat, alle dem Stab auserlegten Martern ihrer Art und Größe nach genau fixiert in Händen hat. Häufig gelangen an das Amt sehr große Fabrikationsstücke, bei denen durch einen einzigen Versuch festgestellt werden soll, welche Kraft sie im äußersten Fall aushalten können, ohne zu zerbrechen. Da. sind Drahtseile oder schwere Ketten auf ihre Zugfestigkeit, Schubstangen auf ihren Druckwiderstand oder Träger auf Biegung zu unlersuchen. Um solche Stücke, zu denen sich' noch Kranhaken, gewaltige Taue oder Eisenbahnschienen gesellen, zu zertrümmern, find Maschinen von sehr großer Kraft erforderlich. Das PrüfungS- amt besitzt eine hydraulische Presse, aus ungeheuren stählernen Klötzen zusammengesetzt, die einen Zug oder Druck von 600 000 Kilogramm auszuüben vermag. Da jedoch für die heutige, immer riefen» haftere Apparate erzeugende Großtechnik auch das nicht mehr genügt, so ist jetzt eine Presse im Bau. die mit einer Kraft von 3 Millionen Kilogramm zu ziehen oder zu drücken vermögen wird. Dieser Gewalt werden auch die stärksten Konstruktionsteise nicht zu widerstehen ver- mögen. Am meisten aber wird das Amt zur Prüfung von Bau- Materialien in Anspruch genommen. Da sind Zement und Beton auf ihre Druckfestigkeit und ihre Wetterbeständigkeit zu prüfen, da werden ausgedehnte Brandproben veranstaltet oder Deckengewölbe provisorisch aufgestellt, um zu beobachten, ob sie eine bestimmte Be- lastung aushalten können. Der große Hof dieser Abteilung sieht auS, wie eine vom Feinde zerstörte Stadt, denn überall stehen Ruinen uinher, die von Versuchen aller Art zurückgeblieben sind. In langen Reihen liegen dort augenblicklich auch große Probeblöcke von allen den Gesteinsarten, die jetzt besonders gern zur Verblendung von HauSfronten benutzt werde». Sie sollen genau auf
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30 (30.9.1913) 190
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