Anekdoten aus Utopien.

Der geheilte Größenwahn.

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Einen Utopier befiel einmal eine geheimnisvolle Krankheit. Er schrie laut, daß er mehr wert sei als die andern und deshalb mehr Rechte haben müsse als die andern, mehr Kleider, mehr Speisen, mehr Land und Häuser.

Die Werzte gingen zu Rate. Sie wußten lange nicht, was das für eine lächerlich unheimliche Krankheit sei.

Endlich entdeckte einer, daß es der plötzliche vereinzelte Aus­bruch einer schrecklichen Volkskrankheit sei, die außerhalb Utopiens furchtbar verbreitet... Größenwahn!

Wie war der Unglückliche zu heilen? Man mußte etwas Lustiges versuchen. Also holte man aus dem Museum einen Purpur­mantel, eine Strone und ein Szepter, Dinge, die einmal der König von Albanien hinterlassen, nachdem er den Rest seiner Tage in Utopien verbracht. Der Kranke wurde mit den prunkenden Zeichen unendlicher Macht ausgestattet, wurde auf einen Thron gesetzt, und man flehte zu ihm: Herr, regiere uns! Uns hundert Millionen Menschen mit der Fülle Deiner Weisheit und der Wunderkraft Deiner Energie.

Der Kranke grinste. Endlich erkannte man seine Größe an. schmückte sich und begann zu regieren.

Er

Nach drei Tagen aber schrie er noch stärker und schimpfte Nehmt das Zeug weg, nehmt das geug weg! Glaubt Ihr, daß ich ein Narr sei und mir einbilde, daß ich meinen Willen aufzwingen kann, wo ich doch gar nicht weiß, was ich von Euch will... Doch weil ich größer bin als Jhr andern... Er verlor sich in ein un­verständliches Lallen.

Er ist noch nicht gesund, sagten die Aerzte. Sie gingen wieder ins Museum, entnahmen ihm eine düstere Sutte und hingen sie über den Kranken. Dann gossen sie ihm mildes Del in die Kehle, damit seine Stimme recht sanft und voll töne. Und sie sagten zu ihm:

So, nun gebiete über uns Sünder, verkünde uns das ewige Heil und die ewige Verdammnis, wie es Dir Recht scheint. Du haft nun Macht über das Leben hinaus, in alle Unendlichkeit.

Das gefiel dem Kranken und er ließ die Utopier an sich vor­überziehen, segnete sie entweder oder verfluchte sie und verhieß ihnen eine herrliche Zukunft oder grausame Qualen.

Nach acht Tagen war der Krante sehr niedergeschlagen und bat: Entbindet mich von dem Amt. Das kann kein Mensch wissen. Seht, ich müßte doch erst über mich selbst das Urteil der Ewigkeit fällen. land verdammt, ich weiß nicht, welches Los ich mir zuerkennen soll. Es ist zu grauenhaft, einem Menschen zuzumuten, über das Seelenheil von Menschen zu entscheiden. Gebt mir, was meiner Größe angemessen ist, die über Euch alle hinausragt alle... alle.

Ein Rückfall, sagten die Aerzte sorgenvoll. Wir müssen ein lettes, das schärfste Mittel antvenden. Ein sehr gefährliches. Und sie holten aus dem Museum einen Inappen bunten Rod mit blanken Knöpfen und allerlei farbigem Aufpuz, eine ähnliche Müge, einen Säbel und ganz enge Hosen. In den Mund aber taten sie ihm eine Kindertrompete. Kaum hatten sie ihn also angetan, liefen sie ängst lich davon und riefen ihm zitternd zu: Allmächtiger, sei gnädig. töte uns Arme nicht, wir wollen Dir auch Lieder singen, und Geschenke weihen und uns beugen. Töte uns nicht, Du Alleskönner, Du leberrechtler. Erbarme Dich unser o Leutnant.

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Der Krante recte sich empor und trompete schrill: Canaillen, Wackes, wartet, ich will Euch lehren, den heiligsten Rod nicht zu ehren. Respekt, Gesindel! Ehrfurcht, Krethi und Plethi! Marsch, marsch! Utopia! Gebt Feuer! Diese Notte muß in ihrem Blut ersticken. Ich will's, ich befehl's, denn ich-- ich ich bin das Baterland, ich bin Utopien. Schießt, haut mehr Blut, mehr Blut!

So schrie er zwei Wochen lang und war sehr vergnügt. Und die Utopier famen und knallten unablässig in die Luft, daß es eine Art hatte. Dann wurde es plößlich um ihn leer, niemand ließ sich mehr blicken. Da wurde der Krante ganz fleinlaut und seufzte. Nun habe ich das ganze Bolt abschießen lassen, niemand ist mehr da, der mir Respekt eriveist und für mich sorgt... Was fang ich

nun an!

Der Leutnant weinte. Allmählich wurde er ruhiger und flagte: Wenn ich doch nur wieder ein ganz gewöhnlicher Mensch wäre, wie alle anderen. Das ist zu entsetzlich. Wie kann man so was einem Menschen zumuten?

Das war die Krisis.

Er ist geheilt, sagten die Aerzte vergnügt. Das Mordsgeschäft.

In Utopien errichtete einst trupp eine Filiale. Niemand wußte, warum. Niemand faufte also.

Da erschienen Vertreter der Firma bei den Räten der Weisheit, in den Zeitungsredaktionen, bei den Jugendlehrern und sprachen zu jedem: Wie nun, wenn Utopien vom Feind überfallen wird, Ihr wäret, waffenlos, vernichtet! Ihr braucht Kanonen, Panzerschiffe! Ihr müßt das Volt über seine Lebensgefahr aufllären, es soll auch fügten sie zwinkernd hinzu Euer Schade nicht sein. Die Utopier sahen das ein. Warum sollten nicht schließlich auch

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fie solche Dinge haben, wenn man sie ihnen anbot! Und sie be stellten viele Stanonen und Panzerschiffe. Als der große Auftrag bollführt war, famen die Agenten der Firma und legten jedem der patriotischen Werber heimlich ein Goldhäuflein hin. Da wußten die Utopier nun wieder nicht, was das sollte und ließen das Zeug ruhig liegen. Nach einiger Zeit aber fam die Rechnung von Krupp für die gelieferten Waren. Das fanden die Utopier unendlich lächerlich. Wie, diese Leute lassen sich den Patriotismus bezahlen; was als eine selbstlose Spende der Nächstenliebe angenommen war, erwies sich nun als ein gemeines Geschäft?

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So verweigerten die Utopier jegliche Zahlung. Krupp aber drohte zu prozessieren. vor dem Gericht in Essen . Nein, das wollten die Utopier durchaus nicht in diefes verfluchte Europa reisen. Man lenfte mithin ein und versprach zu zahlen, mit dem, was sie hatten.

Die Utopier aber hatten auf ihrer Insel ein wundersames Gift. Das war so start, daß es die Menschen tötete, wenn sie nur daran dachten, sofern sie das furchtbare Gift im Hause besaßen. Man benutzte es, wenn alte Utopier keine Freude mehr hatten zu leben und zu sterben begehrten.

Das schicken wir Euch, erklärten die Utopier nach Essen . Sehet dann zu, daß bei Euch zu Lande jeder darüber aufgeklärt werde, daß es patriotisch sei, sich und die andern zu vergiften. Laßt in Eure Pflicht sei, das Gift zu erwerben und es zu gebrauchen. Dann steigt Zeitungen schreiben( gegen heimliche Bezahlung), daß es für jeden der Stoff im Preise und Ihr seid hinlänglich bezahlt.

ein ganzes Volf vergiften, bloß damit wir unser Geschäft machen. Wir können doch nicht, erwiderten die Kruppagenten schaudernd, Wie ruchlos feid Ihr topier.

Ruchlos? lachten die Utopier, wollen wir nicht mit der Münze zahlen, die Ihr uns lehrtet? Kurt Eisner .

Kleines Feuilleton.

Aus dem Leben.

Mistral und der Ruhm. Die Stärke und wundervolle Geschlossenheit in dem menschlichen Wesen Frederic Mistrals, der nun dahingegangen ist, offenbart sich wohl mit am schönsten darin, daß Ruhm und Reichtum weder auf sein Fühlen noch auf seine äußeren Lebensgewohnheiten einen Einfluß gewinnen konnten." Was soll ich vor neun Jahren der Schöpfer von Mirèio", als ihm der Nobel­nur mit all diesen Hunderttausenden von Frank anfangen", feufzte preis verliehen wurde. Ich bin daran nicht gewöhnt. Wenn man dreiviertel Jahrhunderte lang wie ich von Sardellen und Zwiebeln lebte, nimmt man nicht mehr neue Gewohnheiten an". Und er ver­wendete das Geld für sein geliebtes Heimatsmuseum von Arles : und blieb Bauer, wie er das sein und bleiben wollte.

Und doch hat Mistral die stilleren, die schönsten Freuden des Ruhmes gewürdigt, die Freuden eines Ruhmes, der dem Lärm der Welt abhold bleibt. In einem rührenden Selbstbekenntnis hat er davon gesprochen; vor wenigen Jahren erst, als man ihn zum Mit­glied der Academie Française machen wollte und er lächelnd und nein, nicht in die Akademie," sagte er damals zu Maizière, der auf heiter diese Ehre zurüdwies, ohne sie gering zu achten. Nein, die geplante Wahl Mistrals anspielte. Nicht aus Widerwillen, nicht aus Bescheidenheit, erklärte er seine Ablehnung, es würde mir web tun, wenn man von mir glaubte, ich wüßte diese Ehrung nicht au schäzen. Aber der Ruhm ist nach meinem Gefühl nichts für Leute meines Alters."

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Und sinnend fuhr er fort: Ich lernte ihn eines Tages kennen, den Ruhm. Mirbio" war beendet, ich war in Paris , ich fannte wenig Menschen. Man riet mir, mein Buch in die Zeitungss redaktionen zu tragen, und der Freund, der mir diesen Wink gab, meinte dabei:" Laß nur in jeder Nedaktion gleich zwei Exemplare, bennt eins geht immer verloren." Und so ging ich durch die Re daktionen, meine Bücher unterm Arm, ohne große Hoffnung. Und Dann, ja dann fam ein Morgen, da erwachte ich von Lob und Lorbeer überhäuft. In den Schaufenstern sah ich mein Bild, in den Journalen mein Porträt." Der Ruhm?"" Dh nein, noch nicht. Umstände fügten es, daß ich eine bekannte Persönlichkeit wurde, mein junger, von der Sonne des Südens gebräunter Kopf war da mals dem Publikum so vertraut, wie die Gesichter der populären Männer. Wenn ich über den Boulevard ging, fah ich Leute sich an­stoßen, hörte leise meinen Namen flüstern. Aber das war nicht der Nuhm. Nein, noch nicht. Der fam eines Abends, da ich einem jungen Manne und einer jungen Frau begegnete.

Dürftig waren sie gekleidet und ihr Benehmen verriet eine gegenseitige zärtlichere und hingebendere Beschäftigung als ein Interesse für Literatur. Als die Nacht fam, verloren sie sich in einer stillen Allee des Bois; gleichgültig gegen mein Lächeln gingen sie Hand in Hand dahin, verloren in ihren füßen Traum, den Liebestraum, der die Großen wie die Kleinen, die Armen wie die Reichen in seine Arme schließt. Und als ich damals dicht an diesen beiden Glücklichen vorüberging, da hörte ich, wie die junge Frau einen Namen flüsterte." Den Ihren?" Nein. Sie sagte: Mirèio". Und an jenem Abend, da lernte ich den Ruhm kennen, den wahren Ruhm..."