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um 18 514 000 M. höher. olS sie im Etatsvoranschlag an- gesetzt worden sind, und ferner sind die verschiedenen Ver- waltungseinnahmen unter Einrechnung der oben bereits er- wähnten Mehreinnahme bei der Heeresverwaltung uni 4 908000 M. über daS Etatssoll hinausgegangen. Danach über st eigen im ganzen die ordent- lichen NeichSeinnahmcn den Voranschlag um 15 943 000 Mar!, und da die Ausgaben, einschließlich der vorläufig aus ordentlichen Mitteln dcS Reiches gedeckten Ileberschreitung des Reichsinvalidcnsonds von 813000 M. um 11286000 M. hinter dem Voranschlag zurückbleiben, so er- gibt sich für das Rechnungsjahr 1906 gegen die Voraus- sctzungen des Etats ein Mehrcrtrag von 27 229 000 M. Aeußerlich erscheint danach der Abschluß als ein recht günstiger; sieht man aber näher nach, verschwindet bald dieser Eindruck, denn dann zeigt sich, daß die Mehr- einnahmen vornehmlich auS der Reichsbank, der Brau- und Zuckersteuer stammen, während die Einnahme auS den Zöllen, dem ReichSPostdienst, der ReichserbschaftSsteuer und der neu- eingefiihrten Fahrkartenstcuer nicht unbedeutend hinter den Erwartungen zurückgeblieben find. Deutlich ergibt sich daraus, wie verfehlt die Porto- Verteuerung und die Besteuerung der Eisenbahnkarten sind, die unS die einfältige Steuerpolitik des Zentrums und der Nationalliberalen aufgehalst hat. Aber noch ein anderes nichts weniger als befriedigendes Ergebnis zeigt die Etatsabrechnung, nämlich, daß der Witwen- und Waisenfonds diesmal keinen Pfennig aus den Zollerträgen erhält. Während der Zollkämpfe in den Jahren 1901/02 wußte bekanntlich das Zentruni, um die zu ihm haltenden Arbeiter mit der erhöhten Belastung ihres Lebensunterhaltes durch die neuen Zölle zu versöhnen, im Reichstage durch- zusetzen, daß in daS Zolltarifgesetz ein Paragraph ausgenommen wurde, der bestimmte, daß der überschüssige Ertrag verschiedener LebenSmittelzölle zur Bildung eines Witwen- und WaisenfondS benutzt werden solle. Im Reichs- tage wurde damals die jährlich an diesen Fonds fallende Summe auf 70 bis 80 Millionen Mark berechnet. In Wirklichkeit konnten schon im vorigen Etatsjahr der geplanten Witwen- und Waisen- Versicherung nur 22 Millionen Mark überwiesen werden, und in diesem Jahre erhält sie gar nichts. So hat die schlaueArbeiterpolitik" des Zentrums dazu geführt, daß zwar dem Arbeiter seine Lebensmittel verteuert worden sind aber die ihm als Entschädigung dafür verheißene Ver- sorgung seiner mittellosen Hinterbliebenen auf recht zweifel- hafter Grundlage steht._ fiaurnanns Kanena. Herr Naumann hat sich unrühmlich unterworfen. Er. der vor wenigen Wochen erst die stolze Losung zum Kampf um daS Reichstagswahlrecht für Preußen auS- gegeben, daS NeichStagswahlrecht für den Angelpunkt der ganzen Blockpolitik erklärt hatte, ist bereits kläglich wieder zu Kreuze gekrochen. Zu Kreuze gekrochen vor densub- altemen Geistern", wie dasBerliner Tageblatt" seine Wahlrechtswidersacher nannte, vor denalten Weibern" und satten Gesellen", wie ein Hirsch- DunckerscheS Organ die FreisinnS-Diplomaten betttelte, die von einem ernsten Kampfe und einem Volkssturm nichts wissen wollen, um auch ferner als Handlanger BülowS und seiner agrarischen Auftraggeber eineBlockpolittk" der Volksausplünderung und imperialistischen Abenteuer treiben zu können i Herr Naumann hat sich unterworfen. Aber dieses Opfer der politischen Ueberzeugung, daS Herrn Naumann endgültig zu einer nicht mehr ernst zu nehmenden Person macht, genügt den freisinnigenStaatsmänner" noch nicht. DieVossische Zeitung" überschüttet den reuigen Sünder noch obendrein mit beißendem Hohn. DieVoss. Ztg." weist Herrn Naumann nach, daß er binnen sechs Wochen nicht einen einfachen, sondern doppelten Frontwechsel vollzogen habe, in sechs Wochen also drei Meinungen vertrat. Zuerst, im Juli war er ganzStaatsmann". Vlockenthusiast, der sich mit Verheißung der Bülowschen Flickreform zufrieden geben wollte. Dann kam der Umschwung. Wie dieVoss. Ztg." feststellt, infolge einerlebhaften Fehde" Naumanns mit dem Vorwärts". Naumann gab die Losung aus: Ohne das Reichstagswahlrecht für Preußen keine fernere Blockpolittk I Im Herbst müssen die Wahlrechtsfanfaren zum Volkssturm ertönen l Als bann aber diealten Weiber" undsubalternen Geister" deS Freisinns dennationalsozialen Eiferer" ab- kanzelten, trat Herr Naumann schleunigst wieder den Rück- zug an 1 Und statt den reuigen Sünder mit offenen Armen auf- zunehmen, hält dieVoss. Ztg." ihm in einem langen Artikel erbarmungslos all feine grotesken Zickzackfahrten vor! Das freisinnige Blatt stellt dem Naumann vom 14. Juli den Naumann vom 31. Juli gegenüber dem diplomattschen Blockenthusiasten und Wahlrechtsmakler den rabiaten Wahl- rechtsstürmer, der dann wieder so jämmerlich zusammen- klappte! Fast scheint eS, als ob das Blatt Herrn Naumann in seiner eigenen Partei unmöglich machen wollte l Herr Naumann kann jetzt wieder über die schlechten polemischen Sitten der sozialdemokrattschen Presse klagen! Zum Schluß stellt dieVoss. Z t g." fest: Sucht man daS Fazit der Erörterungen über die Formel alles oder nichts", die von der Sozialdemokratie mit Eifer verfochten wird, so wird man kaum fehlgehen, wenn man zu dem Schluß kommt, daß sie von der weit überwiegenden Mehrheit der bürgerlichen Linken abgelehnt wird, und daß die Fraktionen, unbeschadet ihres prinzipiellen Standpunktes, sich die Prüfung jeder Vorlage und auch deren An- nähme für den Fall vorbehalten, baß sie einen wesentlichen Fort« schritt, eine Etappe ans dem Wege zum allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrecht bedeutet. Damit erledigt sich zugleich die Frage, ob die bürgerliche Linke, wenn nicht klipp und klar das Reichswahl« recht auf Preußen übertragen wird, aus dem Block" auszuscheiden habe, wie eS der Sozialdemo« kratie und dem Zentrum gerade recht wäre." Der Freisinn will also ein neues Klassenwahlrecht akzep- tieren, um denBlock" zu retten l Und er will diesen Wahlrechtsverrat damit beschönigen, daß eine solche Scheinreform ja immerhin eineEtappe awf dem Wege znm ReichStagSwahlrecht" sei. Diese verlogene AuSrede wird von dem freisinnigen Abgeordneten Traeger imHamb. Fremdenblatt" folgendermaßen charakterisiert: Unter diesen Umständen sollen nach der Meinung jener Be» dächtigen die Linksliberalen die Forderung jetzt aufgeben, weil sie< bis auf weiteres nicht durchzusetzen sei. Ja, bann könnten sie gleich ihr ganzes Programm umarbeiten, bei besten Aufftellung sie vollkommen überzeugt waren, daß jene Verwirklichung schwere Kämpfe kosten werde. Und bei dem Schwergewicht, mit dem Preußen auf das Reich drückt, ist gerade diese Forderung die wichtigste. Der Satz: Alles oder nichts, mag nicht überall gerechtfertigt sein, gerade hier aber beansprucht er volle Geltung. Eine teilweise Acndcrmig, wenn auch zum besseren, wäre gefähr- licher als der gegenwärtige Zustand..Es würde der nach einer vorläufigen Befriedigung unausbleibliche Stillstand eintreten und für den Fall dcS WiederauftauchenS der alten Forderung Lage und Aussicht crschwertund ver- schlimmert sein. Sie wird aber immer von neuem wieder erhoben werden, so lange im Reiche das Wahlrecht nicht geändert ist. Und jetzt soll sie fallen, sang- und klanglos, freiwillig. ohne Kampf und Versuch, nur um jenen noch etwas mystischen Block nicht in Verlegenheit und Gefahr zu bringen. Wenn dies der erste Erfolg der Blockpolitik ist, dann dürfte der entschiedene Liberalismus wirklich sich nicht dazu beglück- wünschen. Freilich werden hier und da Stimmen laut, die schon als einen Erfolg preisen, daß der Herr Reichskanzler über- Haupt an eine Reform des preußischen Wahlrechts denkt; eS gibt bescheidene Leute! Auch gibt eS außer den zünftigen Diplomaten noch freiwillige, die nie abgeneigt sind, den Spuren der Bedächtigen zu folgen. Dazu gehört das V o l k im großen und ganzen nicht, das Offenheit und Geradheit vor- zieht und wissen will, woran eS sich zu halten hat. Auch dem im Kampfe Besiegten versagt eS Achtung und Vertrauen nicht. während der vor dem Kampfe Zurückweichende nicht gleich verständnisvoller Teilnahme begegnet." ein Kiß Im baäischen Ißlocfi. AuS Baden wird uns geschrieben: Der LaudtagSwahlkreiS Lörrach-Land ist für den liberale» Block deSMustcrländleS" schon lange eine gefährliche Klippe. Der Freisinn weist dort noch eine beträchtliche Stärke auf, nachdem er noch vor wenigen Jahren das LandtagSmandat im Besitz gehabt hatte, und so wurde es für die vereinigten Liberalen schon bei den letzten Landtagswahlen im Oktober IVOS recht schwer, bei der Aus- Wahl des Kandidaten sich auf einen Angehörigen der national- liberalen Partei zu einigen, die dort immerhin noch die stärkste ist. Ein unglücklicher Zufall wollte eS, daß dieser Erwählte deS Blocks, noch ehe die Kammer zusammentrat, plötzlich starb, und nun begann der Zank um die Kandidatur bei den beiden Blockparteien aufS neue. Auch diesmal heimsten die Nationalliberalen die Kandidatur und damit daS Mandat ein, wiederum aber, um sich nur kurze Zeit desselben zu erfreuen. Der neue Abgeordnete, LandgerichtSrat Obkircher- Mannheim , wurde im Sommer d. I. zum Direktor bHrdert und muß sich deshalb jetzt einer Neuwahl unterziehen. Nun gerieten die Herren vom Freisinn und dem National- liberaliSmus abermals ganz gründlich hintereinander. Die letzteren beharrten mit aller Energie auf die Wiederaufstelluug ObkircherS, der seit der Berufung von Dr. WilckenS-Heidelberg ins Kammer» Präsidium als anerkannter FraktionSführer galt und im Kampf gegen daS Zentrum nicht zu entbehren war; der Freisinn anderer- seitS wollte nun endlich wieder einmal einen der Seinigen unter- bringen und hatte für den Posten seit langem schon den vor zwei Jahren in Lörrach « Stadt durchgefallenen ehemaligen Abgeordneten Rechtsanwalt V o r t i s ch in petto. Erst wurde der Zank lange Wochen im stillen ausgetragen, bis vor etwa 8 Tagen unsere MannheimerVolksstimme' dem Versteckenspiel dadurch ein Ende machte, daß sie auf Grund bester Informationen mitteilte, Herr Obkircher habe, gekränkt durch die freisinnigen Gegentreibereien, resigniert auf das Mandat von Lörrach-Land Verzicht geleistet und das Offert seines in Heidelberg « Stadt gewählten Parteifreundes Profeffor Rohrhur st akzeptiert, sein Nachfolger im Mandat zu werden, da er sich aus GesundheitS- und Berufsrücksichten seit langem nnt Rücktrittsgedanken trage. Anfänglich versuchte die national- liberale Presse diese Mitteilung mit allen Mitteln der VerdrehungS- und Vertuschungskunst zu dementieren, bis jetzt durch eine freisinnig- offiziöse Kundgebung plötzlich der Vorhang von dem Bilde deS libe- ralen Bruderzwistes gezogen und damit alle Angaben unseres Pattei- blatte? als richtig anerkannt wurden. Alan erfährt jetzt, daß am letzten Sonntag im Lörracher Land- kreise eine freisinnige Vertrauensmännerkonferenz stattfand, in der über den bisherigen Vettreter des Kreises, den geliebten Blockbruder Obkircher in ganz maßloser Weise losgezogen wurde. Man nannte ihn einen dem Freisinnaufoktroyierten B e a m t e n a b g e o r d n e t e n", der die Interessen deS Kreises aufs schlimmste vernachlässigt habe, und verlangte seine Ersetzung durch einen Angehöngen der eigenen Partei. Ja, man ging sogar so weit, ein Komitee mit der Ermächtigung zu Verhandlungen mit anderen Parteien zu betrauen, um, wenn irgend mög- lich, eine Mehrheit gegen die nationalliberalen Blockfreunde zusammenzubringen. Und dies im selben Augenblick, wo auch in Baden die nationalliberale Preffe mit vollen Backen die Einigkeit dcS liberalen Blocks im Kampfe gegen die Sozialdemokratie ausposaunt und dem Freisinn insbesondere jede Gemeinschaft mit letzterer im preußischen Wahlrechtskampfe zu verleiden sucht. Die natioualliberale Presse wettert deshalb auch nicht übel über den freisinnigen Verrat" mitten im ttefsten Blockfrieden und kündigt bereits Repressalien gegen denVerräter" an. DaS Vorkommnis ist für die lveitere EntWickelung des Block- gedankcnS in Baden nicht ohne Bedeutung. Die Demokraten werden sich wohl oder übel ihrer ehemaligen Bundesfreunde aus der Zeit des gemeinsamen Kampfe« gegen den alleinherrschenden Nationalliberalismus annehmen müssen, und so droht dem badischen Blockschiff an der Lörracher Klippe in der Tat schwere Havarie. Der Ausgang der Wahl, die Mitte Oktober stattfinden soll, ist bei diesem Stand der Dinge noch höchst ungewiß. Rund 1b00 nationalliberalen Stimmen standen in den zum Bezirk zählenden Otten bei der letzten ReichStagSwahl etwa 850 freisinnige, 950 sozialistische und 480 klerikale gegenüber; eS läßt sich gegen die Naiionalliberalen also sehr wohl eine Mehrheit bilden. Daß das gentium mit Wonne bei der Hand ist. dem.Kulturkämpfer" Obkircher den Todesstoß zu versetzen, indem eS sich gegen ihn auf die freisinnige Seite schlägt, braucht nicht erst besonders betont zu werden. Die Entscheidung liegt also bei der S o z i a l d e m o- kratie. die bei dieser Gelegenheit wieder einmal die Mittel in der Hand hat, um den seit den letzten ReichStagSwahlen mächtig geschwollenen Kamm der Herren um Baffermann etwa» zurückzu- schneiden. Bei einer taktisch geschickt und energisch geleiteten Wahlarbeit ist es sogar nicht ausgeschlossen, daß unsere Partei mit einem direkten Erfolg aus dem Wahlkampf heimkehrt. ein aweit« Breslau . Inmitten der internationalen Jndustricbevölkerung am Nieder« rhein spielte sich am Dienstagabend ein Borfall ab, der lebhaft an die bekannte Handabhackeraffäre in Breslau erinnert. Bekanntlich besteht im rheinisch- westfälischen Jndusttiegebiet ein beständiges Gehen und Kommen unter der Arbeiterschaft, eine Art Völker- wandening im Kleinen. Zum 1. September waren auS der G e- meinde Hamborn allein rund 1200 Abmeldungen zu verzeichnen. Etwa 400 davon entfielen auf Bergarbeiter, die bisher auf der ZecheNeumühl" beschäftigt waren. Diese Leute waren durch einen Agenten Köhncn für die ZecheHelene" bei Oschersleben angeworben, ein anderer Teil wollte nach West- fälischen Zechen. So bot der Bahnhof Neumühl am Dienstag nachmittag ein gar buntscheckiges Bild, da? richtige Auswanderer- bureau. Ein von dem genannten Agenten bestellter Extrazug sollte die Bergleute mit ihren Familien aufnehmen und nach Sachsen bringen. Da es aber dem Agentenan den nötigen Moneten fehlte, um den Zug zu bezahlen, so machte sich nach dem stundenlangen Umherliegen um den Bahnhof herum allmählich eine ärgerliche Stimmung bemerkbar, die noch dadurch erhöht wurde, daß sich daS Gerücht verbreitete, daS Geld für de» Zug fei längst eingetroffen, die Aushändigung werde aber zurück- «ehalten, um die Leute an der Abreise zu hindern!! Wie daS Gerücht unter der Masse entstanden, sei dahingestellt, jedenfalls waren viele von der Richtigkeit des Gerüchts überzeugt. Und da nun Geistliche, Polizeikommiffar, Bürgermeister und Zcchcnbcamte die Leute durch allerlei gütliche Zureden zu bewegen suchten, zu bleiben, so war es eigentlich nur'natürlich, daß man daS Gegenteil erreichte. Die Arbeiter wurden zum Teil unruhig und allerlei gereizte Bc- merkungen schwirrten durch die Luft, zudem hatte ein Teil der Ar- beiter seine Sachen bereits verladen, andere waren dabei, kurzum: ein AuSwandererbild. Nachdem man nun auf gegnerischer Seite ein- sah, daß die Leute sich absolut nicht halten lassen wollten, trat da? ein, was bei preußisch-deulscher Schneidigkeit in solchen Situationen fast regelmäßig eintritt, die Polizei ging vor. Zwar waren die Leute genügend aufgefordertauseinander" zu gehen I Auch erbot sich der Bürgermeister, für Unterkommen zu sorgen, wenn sie bleiben würden, doch wer hörte denn in der inzwischen erregt ge- wordenen Volksmenge noch auf solche Aufforderungen. Plötzlich flogen von etwa zwanzig kräftigen Polizeifäusten die Säbel an» der Scheide, und nun ging«S blindlings auf die wehrlose Menge los! Im Nu erfüllte die Lust ein einziges großes Jammergeschrei. In einer benachbarten Wirtschast weinten erwachsene unparteiische Zuschauer der Szene vor ohnmächtiger Wut über daS Vorgehen der Polizisten. Ein vollständig unbeteiligter Fuhrmann, der auf dem Bahnhofe zu tun hatte, wurde von einem halbenDutzendSäbeln so lange bearbeitet, bis er amBoden lag. Die zur Abwehr der Säbelhiebe hoch- gehobene Hand wurde zwar nicht direkt abgehackt, wie m Breslau , wohl aber gespalten! In alle Winde stoben die Attackierten, an Gegenwehr war kein Gedanke. Wieviele heute mit zerschimdenen Gliedern daniederliegen, ist noch nicht bekannt, doch dürfte ihre Zahl erheblich sein. ES verdient aufS schärfste kritisiert zu werden, baß in Gegenwart deS Bürgermeisters ein solcher Befehl zum Draufhauen gegeben werden konnte. Hat man denn gar keine Kenntnis der Volksseele? Weshalb überließ man die Leute nicht ihren eigenen Entschließungen, ob sie bleiben oder fahren wollten? Hatten sie stundenlang vergeblich auf die Abfahrt ge- wartet, so konnte man sie auch noch länger am Platze lassen! Der Borgang bildet ein neues Blatt in der Ge- schichte preußischer Polizei-Attacken auf wehr- lose Bürger._ niarohke. In der Pariser Presse macht sich eine gelinde Aufregung über den Verlauf des letzten Gefechts vor Casablanca be- merklich; der Ministerpräsident Clcmenceau hat persönlich die Vertreter der Blätter zu beruhigen gesucht und besonders die Behauptung einiger Korrespondenten bestritten, daß die Angriffe der Marokkaner beinahe das französische Lager gefährdet hätten. Jedenfalls geht aus den ver- schiedenen Darstellungen hervor, daß die Marokkaner mit großer Verve angegriffen und die französische Abteilung vom Lager abgeschnitten hätten, wenn nicht die Arttllerie die Angreifer schließlich auseinander gesprengt hätte. In der H u m a n i t ü" fordert Genosse I a u r ö S die sofortige Einberufung der Kammern. Die Diktatur einer Ministergrnppe, die Entscheidungen von großer Tragweite treffe, müsse aufhören, das Parlament müsse sprechen. Seine Forderung ist. alle Signatarmächte aufzufordern, durch eine gemeinsame Aktton und unter gemeinsamer Verantwortung Leben und Besitz ihrer Landesangehörigen zu sichern. Die Meldungen des heutigen Tages sind die folgenden: Paris , 4. September. Ein Telegramm des Generals Drude an den KriegSmiuister meldet, daß gestern bei Casablanca zwei Gefechte stattgesunden haben. Der General, der um fünf Uhr morgen? das Lager mit 2300 Mann Infanterie. Kavallerie und Artillerie zum Zwecke einer Rekognoszierung verlassen hatte, stieß bei Sidi Alumen auf 0000 Marokkaner, die er in die Flucht trieb. Auf dem Rückmarsch zum Lager wurden die Truppen in der Nähe des Lagers von einer neuen Mahalla angegriffen. Der General traf um 2 Uhr wieder im Lager ein. Die französischen Verluste beiragen 8 Mann tot, 17 verwundet. Paris , 5. September.Petit Parisien' berichtet aus C a s a- b l a n e a, daß die Aufklärungsabteilung vorgestern abend, als sie nach Casablanca zurückkehrte, gegen die wiederholten Angriffe der Marokkaner Karrees bildete und sie so abwehrte. PariS , 6. September.Matin" erfährt aus Casablanca , daß daS vorgestrige Gefecht eine Ausdehnung von 10 Kilometern ae- habt habe. Die Marokkaner seien so erbittert gewesen, daß sich mehrere ihrer Reiter in die Bajonette der Legionäre stürzten. PariS , 5. September. Der Kampf vom 3. September ist viel gefährlicher gewesen, als es selbst nach dem Telegramm deS AdmiralS Philibert, dessen lakonische Kürze auch in Paris auf- gefallen ist, anzunehmen war. Wenn auch die Nachricht, daß die Marokkaner beinahe daS ftanzösische Lager angegriffen hätten, von Clemenceau aufs entschiedenste bestritten wird, so steht doch fest, daß die sehr gut geleiteten Marokkaner, nachdem sie durch die RekognoSzierungskolonne zurückgeschlagen waren, eine Umgehung der französischen Truppe geschickt ausführten und die Soldaten beim Rückmarsch vom Lager abzuschneiden versuchten... s.Berl. Tgbl.") Paris , 5. September.Petit Parisien" undG a u l o i S" glauben zu wissen, daß Clemenceau und Picquart sich gestern mit dem Gedanken beschäftigten, neue Berstärkungen abzusenden, aller- di»gs habe General Drude bis jetzt leine ftischen Truppen an- gefordert. PariS , 4. September. In einem von der..Agence HavaZ" ver­breiteten Interview über die Lage in Marokko bestätigte Clemenceau zunächst die schon bekannten Tatsachen und fuhr dann fort: General Drude hat getan, was wir von ihm ver« langten. Wir sollten ihn zn dem gestrigen Tag beglückwünschen, da