spürte, ein bißchen Zug in die Debatte zu bringen. Er erhob sich also und hielt unter Anlehnung an den verstorbenen oder vielmehr geköpften Johannes den Täufer eine ergreifende Büßpredigt über das sündige Berlin . Vor den Füßen einer alten Dame, die auf der Zuschauertribüne saß, bildete sich eine Lache von Rührungstränen. Und daS �>aus war so überwältigt, daß es Schluß machen mußte. Da der Etat fertig ist, wollen die hohen und frommen Herren erst so gegen den 20. Juni wieder zusammentreten, um am Wohl des preußischen Staates und am Seelenheil der sündigen Menschheit zu arbeiten. Steuerdilettantisnius. In der Börsenpresse wird mit Behagen ein als offiziöse Kund- gebung stigmatisierter Artikel der„Berliner Politischen Nachrichten" abgedruckt, der den in den konservativen Anträgen zur Finanzreform liegenden„SteuerdilettantismuS" scharf mitnimmt. Der Artikel beklagt bitter, daß die konservativ-klerikale Kommissionsmehrheit so wenig Federlesens mit den Regierungsvorschlägen machte: „In eine sachgemäße Beratung der für die ganze Reform so äußerst wichtigen Besitzsteuern wurde nicht mehr eingetreten. Auf eine materielle Beratung der Erbschastssteuervorlage ließ man sich nicht ein, ging vielmehr soweit, auch diejenigen technischen Verbesserungen, die in der Novelle zum Erbschaftssteuer- gesetz vorgeschlagen waren und eine Erhöhung der Sätze über- Haupt nicht bedeuten, ohne Debatte en bloc abzulehnen, ob- gleich in der ersten Lesung eine erschöpfende und sachgemäße Debatte zur Annahme eines großen Teiles der Bestimmungen geführt hatte. Während hier eine Vorlage der verbündeten Regierungen ohne ernstliche Erörterung zurückgestellt wurde, hielt es die Kommission auf der anderen Seite für angebracht und er- laubt, in einer zweitägigen Beratung eine Reihe von Anträgen anzunehmen, die sich von vornherein als ein Aus- flstiß von Steuerdilettantismus erwiesen, und die, wenn wirklich zum Gesetz erhoben, dem Reiche keine Ein- nahmen zuführen, dafür aber die deutsche Volkswirtschaft aufs schwerste schädigen würden. Die Wertziiwachssteuer auf Immobilien wurde auf Grund einer an sich ziemlich mangelhaften Abschrift der Kölner Wert- zuwachsordnung angenommen, ohne daß man dabei auf die zahl- reichen Bedenken und sachlichen Schwierigkeiten überhaupt ein- gegangen wäre, die in: Laufe der letzten Jahre in der Finanz- Wissenschaft und der praktischen Kommunalpolstik Gegenstand genauer und eingehender Beratung gewesen find. Noch schlimmer stand es mit der Frage der Einführung einer Reichsumsatzsteuer. Ucber die prinzipielle Berechtigung einer solchen, über die Frage, wer die Umsatzsteuer trägt, welcher der öffentlichen Körperschaften sie zusteht, über all dies wurde kaum ein Wort verloren. Am bedauerlichsten war vielleicht die Art und Weise, wie die Steuer auf Wertpapiere behandelt wurde. All die jahrelangen Verhandlungen der Einzellandtage über � die Berechtigung einer Gesellschaftssteuer, all die Erörterungen des Reichs- tageS selbst über die Möglichkeit einer Hebung des heimischen Kapitalmarktes, einer Heranziehung fremden Kapitals, all dies schien für die Mehrheit der Kommiision nicht zu existieren. Ohne sachliche Prüstmg wurden Beschlüsse gefaßt und Steuersätze an- genommen, von deren Folgen und Tragweite niemand im Augen- blick sich Rechnung zu geben vermag. Es braucht nicht erst be- tont zu werden, daß von einer Ertragsbcrechnung der neuen Steuern nicht die Rede war. Es ist unter diesen Umständen kein Wunder, wenn die Erträge der neuen Steuern bereits auf 200 Millionen Mark angegeben werden." Ter Artikel schließt mit der Hoffnung, daß die Beschlüffe nicht erst ans Plenum gehen, sondern in der Kommisston noch begraben werden— eine Hoffnung, die aller Voraussicht nach fehl geht, denn es erscheint ausgeschlossen, daß die Kommisstonsmchrheit ihre eigenen Beschlüffe w dem Moment verleugnet, in dem die Regierung mit Fachmännern die Durchführbarkeit zu erörtern beginnt. Die Kritik der Berufsgenossenschaften an der Reichs- Versicherungsordnung. Ein außerordentlicher Vcrbandstag der Berufsgenoffenschaften, der gestern in Berlin tagte, nahm in sehr entschiedener Weise Stellung zu dem Entwurf der Regierung über die Reform der Arbeiterversicherung. Der Veranstaltung wohnten unter anderem vom Reichsamt des Innern Ministerialdirektor Caspar und vom Reichsversicherungsamt Geheimrat Siefarth bei. Außerdem waren einige Reichstagsabgeordneten eingeladen und erschienen, u. a. die Abgeordneten Pauli-Potsdam, Stresemann und Genosse Robert Schmidt vom Zentral-Arbeitersekretariat in Berlin . Die Ver» sammlüng war sehr zahlreich besucht und nahm einen sehr cnt- schieden oppositionellen Standpunkt gegen die Regierungsvorlage ein. � Fünf Referenten, die über die einzelnen Abschnitte der Vor- läge sprachen, sparten, nicht mit ihren oft recht herben Angriffen gegen die Stellung der Regierung, und was die Referenten ver- säumten, das holte reichlich die Diskussion nach. Befriedigt waren die Herren von den Aenderungen, die die Berufsgenoffenschaften berühren, nicht. Vor allem wiesen sie jede Einmischung einer anderen Instanz bei der Rentenfestsetzung oder Rcntenherabsetzung zurück. Das Versicherungsamt, das nach der Vorlage der Regierung die ersten Erhebungen über Rentenansprüche vornehmen soll, wurde als eine Einrichtung erachtet, die keine Gnade vor den Augen der Herren in den Berufsgenossenschaften finde» kann. Man witterte in dieser Machtbefugnis des Versicherungsamtes einen Eingriff in die Selbstverwaltung das heißt. Selbstherrlichkeit in der Rentenfestsetzung der Berufsgenoffenschaften. Die Herren konnten sich dabei auf das vorzügliche Lob über ihre bisherige Tätigkeit, das ihnen vom Reichsversicherungsamt in den Jahresberichten ge- spendet wurde, berufen. Einer Mitwirkung der Arbeiter an der Rentenfestsetzung sprach man jede Berechtigung ab. Direktor Meesmann bezeichnete die Mitwirkung der Arbeiter in der Invalidenversicherung als recht überflüssig nach den bisherigen Erfahrungen und die neue Einrichtung für die Berufsgenossen- schaften bedinge nur eine neue unproduktive Ausgabe in der Arbeiterversicherung. Ten Bemühungen, das ReichSversichcrungSamt zu entlasten, stimmte man zu. Man ging aber nicht soweit wie die Regierungs - vorläge, das Reichsversicherungsamt als Rekursinstanz vollständig aufzuheben. Wie weit die Rekursinstanz für die Arbeiter auf- gehoben werden soll, darüber ließe sich noch im einzelnen reden. Z u st i m m e n d äußerte sich Justizrat Neiffer zu der Bestimmung, daß Renten von 20 Proz. auf längere Zeit und in Abstufungen festgesetzt werden können. Sehr entschieden mißbilligte aber der» selbe Redner die neue Begriffsbestimmung über Erwerbseinbuße. Nach der Vorlage soll auf die Ausbildung des Arbeiters bei der Rentenabmessung Rücksicht genommen und erwogen werden, welche Arbeit dem Verletzten im Hinblick auf seine Ausbildung noch zugemutet werden kann. Man befürchtet hier, daß die Berufsinvalidität eingeführt werden könnte und verlangt deshalb die Beibehaltung der bisherigen Auslegung der Erwerbs- einbüße, die keine Rücksicht nimmt auf die besondere soziale Stellung des Verletzten.— Desgleichen wandte man sich dagegen, daß die Rente ruht, sobald der Verletzte wieder den Verdienst wie vor dem Unfall erreicht. Eine solche Bestimmung würde nach Meinung des Referenten vielfach zu einer minderen Ausnutzung der Arbeitsfähigkeit des Verletzten führen, denn jeder Mehrverdienst des Verletzten käme ja nur der Berufsgenossenschaft zustatten. Man versprach sich schon von der bisherigen Rechtsprechung eine ge- nügende Berücksichtigung der Lohnverhältnisse bei Herabsetzung der Rente. — Im Zusammenhange damit wollte man nichts davon wissen, daß der Arbeiter die ihm von der Berufsgenossenschaft nach- gewiesene Arbeit annehmen muß; denn damit würde nur bei den Arbeitern, denen sich keine Arbeitsgelegenheit bietet, die falsche Vorstellung erweckt, sie müssen von der Berufsgenossenschaft auch Arbeit erhalte», wenn sich keine Gelegenheit zur Arbeit bietet. Die Uebernahme dieser Verpflichtung erschiewden Herren doch bedenklich. Die Herabsetzung des Reservefonds löste bei den Herren große Befriedigung aus, die Berufsgenossenschaften sehen hier nach jahrelangen Bemühungen ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Die Ueberwachung der Unfallvcrhütungsvorschriften wollen die BerufSgcnossenschaften selbst in der Hand behalten. Direktor Schauseil von der SccberufSgenossenschaft lobte die humane Gesinnung der Unternehmer, Unfälle zn verhüten; man müsse sich deshalb sehr gegen die Absicht der Vorlage wenden, den Arbeitern ein Stück Aufsichlsrecht zu übertragen. Das hieße, die Arbeiterkontrol- leure einführen. Und da für solche Posten in der Regel Sozialdemo- kraten gewählt würden, öffne man der sozialdemokratischen Agitation im Betriebe Tür und Tor. — Auch dem Versicherungsamt will der Redner jede Befugnis absprechen, in diese Sphäre der Verwaltungs- tätigkeit der Berufsgenossenschaften einzugreifen. Der Seeberufs- genofsenschaft stand es nach den bisherigen Erfahrungen wohl am wenigsten an, diese Einwände zu erheben, denn aus ihrem Kreise stammt ja der berühmte Ausspruch in bezug auf die Herbei- führung derUnfallverhütungsvorschrifteu:„Die Welt will betrogensein." Herr Direktor Caspar vom Reichsamt des Innern hatte gegenüber diesen Angriffen einen schweren Standpunkt und seine Bemühungen, den Herren klar zu machen, daß sie in ihrer Kritik zu weit gehen und doch verschiedene Uebelstände bei der Rentenfestsetzung bekannt seien, begegnete nur einem all- gemeinen, lebhafren Widerspruche in der Versammlung. In der nachfolgenden Diskussion trat ein Redner nach dem andern mit großer Schärfe gegen die Ausführungen des Vertreters vom Reichsamt des Innern auf. Herr Baurat Fetisch sah in der Reichs- Versicherungsordnung einen Schlag gegen die Selbstverwaltung der Be- rufSgenossenschaften. Der Arbeiter sei nicht der wirtschaftlich schwächere Teil, sondern der Mittelstand, der auch in der Berufsgenossen- schaft stark vertreten sei. Die Berufsgenossenschaften müssen deshalb jede neue Belastung ablehnen. Baurat Jung, der Vorsitzende einer Eisen- und Stahlberufsgenoffenschaft, beschwor die Regierung in hochtönenden Worten, wieder zu den Motiven zurückzukehren, die bei Schaffung der Unfallversicherungsgesetze maßgebend waren.„Ich glaube"— so führte der Redner mit starker Betonung aus—,„die Regierung treibt heute ein gefährliches Spiel. Wir sind ihr bisher willig gefolgt; wenn sie aber unsere guten Absichten verkennt, dann werden wir uns zurückziehen. Die Folgen, die daraus entstehen, mag sie sich selbst klarmachen."— Noch entschiedener äußert sich Zimmer- meister Nieß-Braunschweig, der Vorsitzende der Hannoverschen Bau- getverksberufsgenosseuschaft. Er sieht in der Vorlage einen schweren Eingriff in die Verwaltungsbefugnisse der Berufsgenoffenschaften. Nachdem Graf Posadöwsky mit seinen Diktaturgelüsten zurück- getreten ist. sähe er zu seinem Erstaunen, daß die Regierung wieder darauf zurückkomme. Nicht mit Unrecht ivandte sich dieser Redner gegen die Bevorzugung der staatlichen Betriebe, die der Aussicht über die Jimehaltung der Unfallverhütungsvorschriften nicht unter- stellt werden sollen. Der Redner konstruiert hier ein Sonderrecht gegenüber der Privatindustrie, wofür jede Begründung fehle. Nach dieser Debatte wurden dann einstimmig die sehr umfang- reichen Thesen, die im Sinne der Referate gehalten waren, von der Versammlung angenommen. Das Ergebnis der Verhandlungen kann man dahin zusammen- fassen, daß das Wenige, was die Vorlage zugunsten der Arbeiter enthält, von den Berufsgenossenschaften abgelehnt wird, und die Nachreile, die für die Arbeiter aus der Vorlage entspringen, freudige Zustimmung fanden._ Fürst Eulcnburgs Badereise. Die„B. Z. am Mittag" schreibt über die gestern von uns gemeldete Abreise des Fürsten Philipp von Eulenburg , des ehemaligen Vertrauten und Duzfreundes Wilhelm II. , nach Gastein : „Es ist erreicht. Der Liebenbcrger begibt sich mit Genehmigung der königlichen Staatsanwaltschaft nach Gastein . ES war nett . von ihm. nett und korrekt, daß er diese Genehmigung ein- holte, und es war freundlich von der Behörde, freund- lich und human, daß sie sie ohne weiteres erteilte, Warum auch nicht? Was liegt denn schließlich gegen deit Fürsten vor? Bagatellen. Meineid, Anstiftung zum Meineid. Man sieht wirklich nicht recht ein, weshalb die objektivste Behörde der Welt dem beklagenswerten Mann nicht auf>eine alten Tage ein kleines Vergnügen gewähren sollte. Vermutlich steht sie auch auf dem Standpunkt, in Deutschland sei er abkömmlich. Im übrigen wird der ästhetisch gestimmte Betrachter ein reines Ver- gnügen an dem kunstvollen Aufbau der Handlung haben, die der Schloßherr von Liebenberg für sein Drama zu zimmern wußte. Es gelang ihm, nach tiefem Fall Stufe für Stufe wieder empor- zusteigen und sich einen immer größeren Bewegungsspielraum zu erringen. Aus der Zelle in ein bequemes Zimmer, aus der In- ternierung in die Krankenpflege, aus der Krankenpflege ins Ahnen- schloß, aus dem Hause seiner Vorfahren in das Getriebe einer noblen Badestadt, in der der listenreiche Mann den Besuchern, die aus aller Herren Ländern herbeiströmen, als ein Wundertier ge- zeigt werden wird. „Wir hörten, er sei nicht mehr transportfähig und an eine Vernehmung sei nicht zu denken. Transportfähig ist er ja nun wohl wieder geworden. Der Fürst hat die Reise nach Gastein einer anderen Dislokation vorgezogen und man kann sich in seinen Entschluß hineinfühlen, denn er hat sich wohl gesagt, daß seine Pose auf die Dauer doch nicht haltbar sei, und vielleicht auch vernommen, daß der Moltke-Prozetz unter erschwerenden Umständen wieder aufleben könne. So hat er denn das Lied angestimmt:„So leb' denn wohl, du stilles Haus" und ist ver- anügt aus ihm hinausgezogen. Wir aber haben das Nach- ieheii- Der Fürst zu Eulenburg hat der preußischen Justiz ein Schnippchen geschlagen und an allen Stammtischen wird heute die Frage besprochen, ob die Rechtsgleichheit im preußischen Staate noch so sicher stabiliert sei wie zu Zeiten Friedrichs des Großen. Mag sie ein jeder nach seiner Einsicht und nach seinem Temperament beantworten." Die„B. Z. a. M." muß danach nicht nur die preußische Justiz „zu Zeiten Friedrichs des Großen"— vielleicht glaubt sie noch immer an das alberne Märchen vom Müller von Sanssouci — sondern auch die heutige noch immer recht hoch einschätzen, wenn sie meint, Eulcnburg habe aus Furcht vor einer anderen Dis- lokation der Justiz ein Schnippchen geschlagen. Die preußische Justiz wird bielmehr froh sein, daß der Fürst nach Gastein zieht. Personen des hohen Standes, wie der Fürst Eulenburg, geht die preußische Justiz nicht an den Kragen, zumal wenn eine solche Person ans ihrem früheren Umgange mit Hoch- und Höchst�eborenen noch allerlei Briefe besitzt, die manchen kompromittieren könnten. Neuer schwedischer ZoJItarif. Der Handelsvertragsverein hat aus dem offiziell ge- heim gehaltenen neuen schwedischen Zolltarifentwurf, der von der Komnnssion ausgearbeitet an das Parlament gegangen ist, inter - essante Einzelheiten erfahre». Während der alte Tarif 741 Positionen enthielt, zählt der neue deren 1281. Es gibt beispielsweise 24 Positionen für elektrische Maschinen und Apparate und mehr als 100 für andere Maschinen. Des weiteren ist besonders bemerke»«- wert die Umwandlung zahlreicher Wertzölle in Gewichtszölle. Nur in einzelnen Fällen sind die Wertzölle erhalten geblieben. Die Brutto- Verzollung wird, abgesehen von gewissen Warengaltungen, beseitigt. Was die Höhe des Zolles selbst angeht, so ist durchweg eine beträchtliche Steigerung des Zolles zu konstatieren. Nur einzelne gering- fügige Ermäßigungen finden sich, und zwar in der Hauptsache Lei Artikeln, die für die schwedische Industrie als Roh- und HilfS- Materialien in Betracht kommen. franhrdcb. Gegen die Maßregelungen. Paris , 26. Mai. Der Hauptausschuß zur Verteidigung der Spndikatsrechte der Staatsbedienfteten beschloß, beim Parlament behufs baldiger W i e d e r a n st e l l u n g der an- läßlich des letzten Streikes entlassenen Postbeamten Schritte zu unternehmen. Der sozialistische Deputierte C o u t a n t hat dem Ministerpräsidenten und dem Minister der öffentlichen Arbeiten bereits angezeigt, daß er übermorgen einen Antrag auf Amnestierung und Wieder- einstellung der gemaßregelten Po st beamten in der Kammer einbringen werde. Auflösung der Beamtengewerkschaft. Paris , 26. Mai. Die Staatsanwaltschaft hat die bei der Seine-Präfektur hinterlegten Statuten des Post- und Tele- graphenbediensteten-Syndikats für durchaus., gesetzwidrig er« klärt. Das Syndikat wird infolgedessen aufgelöst werden. Der Streik der Seeleute. Marseille , 26. Mai. Der Streik der eingeschriebenen Seeleute dauert fort. Vier Torpedobootszerstörer sind hier eingetroffen, um den Postdienst nach Algier , Tunis und Korsika zu sichern. Dänemark . Die Wahle«. Dienstag fanden die Wahlen zum Folkethmg statt. Den Hauptpunkt des Wahlkanipfes bildete die Vertcidigungsborlage der Regierung, die eine stärkere Land- und Seebefestignug Kopenhagens fordert. Außerdem soll auch Heer und Marine ver- mehrt werden. Die neuen Forderungen des Militarismus belaufen sich auf 35 Millionen Kronen. Gegen diese Vorlage des Ministeriums Neergard machte die liberale Reformpartei unter Führung des früheren Ministerpräsidenten I. C. Christensen Opposition. Sie lehnt die Befestigung Kopenhagens ab, wollte aber das Geld für Kasernen, Neu- bauton usw. verwenden. Die Sozialdemokraten, die in der Kammer 24 Sitze innchatten, verlangten völlige Abrüstung. Da Stichwahlen ausgeschlossen sind und das relative Mehr entscheidet, so liegen in Dänemark Wahl- kompromisse nahe und auch diesmal gingen die Sozial- demokraten mit den Radikalen zusammen, die die militaristischen Forderungen gleichfalls ablehnen. Ueber das Wahlresultat unterrichtet die folgende Depesche aus Kopenhagen , 25. Mai: Bei den heutigen Wahlen zum Folkethmg verlor die vom ehemaligen Ministerpräsidenten I. C. C h r i st e n s e n geleitete Gruppe der Linken 13 Mandate; die Radikalen gewannen 6, die Rechte 9 Sitze. Die dem jetzigen Ministerpräsidenten Neergard folgende Gruppe der Linken büßte 3 Man- d a t e ein. Die Stellung der Sozialdemokraten ist unverändert. Finanzminister Brun, Justizminister Högsbro und Handelsminister Hansen sind durchgefallen. Das neue Folkething setzt sich fol- gendermaßen zusammen: Linkengruppe des früheren Ministerpräsidenten I. C. C h r i st e n s e n 24 Mandate, Sozialdemokraten ebenfalls 24 Mandate, Linken- gruppe des jetzigen Ministerpräsidenten Neergard 19 Man- date. Rechte gleichfalls 19 Mandate, radikale Linkenpartei 15 und Wilde 11 Mandate. Von den Wilden schließen sich vor- aussichtlich 6 Christensen, 3 Neergard und 2 der Partei der radikalen Linken an. Da in Odense ein Wahllokal im zweiten Stadtkreise in Brand geriet und die Stimmenzählung dadurch verzögert wurde, wird das Ergebnis der dortigen Wahl erst morgen vorliegen. CiirfeeL Der Konflikt mit Bulgarien . Die Verhandlungen, die Bulgarien mit der Türkei über die Eist- schädigung führt, die es für die Expropriation der Orientbahn zahlen soll, sind vor kurzem ergebnislos abgebrochen worden. Bulgarien scheint eS jetzt wieder einmal mit Drohungen versuchen zu wollen, um zn bewirken, daß die Türkei sein recht geringes Entschädigung?- anerbieten annimmt. Wie ein Telegramm aus Sofia meldet, lst die E n t l a s s u n g der übermorgen ihre Waffeniibung beendenden Reservemannschaften auf Befehl des Kriegsministerinins aufgehalten worden. Angeblich beabsichtigt die bulgarische Re- gierung, mit dieser Maßnahme einen neuerlichen Druck auf die Pforte zur beschleunigten Regelung der Orientbahn- angelegenheit auszuüben. Todesurteile. Konstantinopcl, 26. Mai. Eine Jrade hat folgende Todes- urteile bestätigt: über den ersten Eunuchen bei früheren Sultans Deschwer, den Zollbeamten Tewfik, den Redakteur des„Volcan " Lutfi, den Staatsrat Tajar, den Tabakschneider des früheren Sultans Mustafa Tuefenldschi, den Oberst Halil, den Beamten im Unterrichtsministerium und Redakteur Feizil. Der Leibeunuche des früheren Sultans Nadir Jman Scdki, der Leibarzt Narredih Pascha sowie 63 Offiziere, 37 Zivilbeamte und neun HodschaS wurden vom Kriegsgerichte frei-. gesprochen. Neu auf die Prinkipoinscl verbannte Würden- träger des alten NegimeS, darunter der frühere Kriegs- minister Riza Pascha, der Groß m ei st er der Artillerie Zekki Pascha, der M a r i n e m i n i st e r Hassan Rahmi, der Minister des Innern Momduh, der Staatssekretär Tachson, der Kammerherr Ragib wurden ins Kriegsministerium gebracht, degradiert, zur Inter- nierung in einer Festung verurteilt und ihr Ver- mögen konfisziert. Das Urteil ist bereits sanktioniert. Uneinigkeit. Konstantinoprl, 26. Mai. Es verlautet, baß zwischen de», M i l i t ä r m a ch t h a b e r n. der Pforte und dem inngtürkischcn Komitee verschiedene Differenzen ausgebrochen seien, weS- halb Schewlet Pascha die Abreise nach Solonm verschoben habe. Ein Protest der Albanesen. Saloniki, 26. Mai. Der albanische Zentralklnb i» Monastir hat im Namen der ivtohammedaner und Christen S ü d- a l b a n i e n S von der Regierung und dem Großwcsir auf tele- graphischem Wege Aufklärungen über zahlreiche Ver- Haftungen gefordert, welche die Zivil- und Militärbehörden im Einvernehinen mit dem Komitee vorgenommen haben. Der Klub erllärt. daß die Albanesen in diesem Vorgehen eine Verletzung der durch die Verfassung gewährleisteten Frei- heiten erblicken. perNen. Eine russische Anleihe. London , 26. Mai. Unterhaus. Der ParlamentZsekretäc Mackinnon Wood erklärte auf eine Anfrage, die russische R e- g i e r u n g habe beschlossen, an Persien einen kleinen Vorschuß von 60— 100 000 Pfd. Sterl. zu geben daraufhin, daß der Schah es unternommen habe, die Verfassung wiederherzustellen. der Vorschuß solle für die Auszahlung der zu entlassenden Tnippcn und andere notwendige Dinge verwendet werden. Es gereiche der britischen Regierung zur Befriedigung, daß der Vorschuß der Snckie den persischen Reformen nicht schaden und dem gemeinschaft« lichen Streben Englands und Rußlands , das verfassungsmäßige Regime in Persien aufrecht zu erhalte«. entsprechen werde.
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