Nr. 126.
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Vorwärts
10. Jahrg.
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fernsprech- Anschlus Amt I, Nr. 4186.
Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2.
Ein Bild ans den Dresdener „ Ferienkolonien".
Die Sächsische Arbeiter- Zeitung" übergiebt der Deffentlichkeit folgende Schriftstücke, welche geeignet sein dürften, einen werthvollen Beitrag zur Frage der Militärvermehrung zu bieten.
Emil L., Sohn eines Schneidermeisters in Fl. in Sachsen , genügte feit vorigem Jahr in hiesiger Garnison feiner Militärpflicht und erhielt seine militärische Ausbildung, indem er den größten Theil seiner Zeit als Schneider beschäftigt wurde. Am 3. März 1893 erhielt der Bater desselben in Fl. folgenden Brief:
Herrn Schneidermeifter 2..., Fl...
Sie werden hierdurch ergebenst benachrichtigt, daß Ihr Sohn, der Dekonomiehandwerker Karl Oswald 2... an Zuckerruhr bedenklich erkrankt ist.
J. A.: Neubert, Lazareth- Oberinspektor.
Am folgenden Tage erhielt Schneidermeister 2. fol gendes Telegramm: Sohn Emil heute früh verstorben Garnison - Lazareth."
Wie selbstverständlich, versetzte diese Nachricht Bater und Mutter des jungen Mannes, den sie vor wenigen Monaten frisch und kräftig in die Kaserne hatten ziehen sehen, in schweren Schrecken. Sofort machte sich die Mutter bereit, nach Dresden zu fahren, um den verstorbenen Sohn wenigstens nochmals zu sehen und ihm die letzte Liebe zu erweisen. Unterwegs zur Bahn traf die Mutter den Telegraphenboten, der ihr folgendes Telegramm übergab:
Bezüglich gestrigen Schreibens über schwere Erkrankung Ihres Sohnes liegt Namensverwechslung vor. Sohn Emil wohl. Garnison - Lazareth."
Donnerstag, den 1. Juni 1893.
Herrn Anton Karl 2..., Fl.
Im Anschluß an das diesseitige Schreiben vom 4. d. M. theilt Ihnen das Garnison - Lazareth ergebenft mit, daß sich der Zustand Ihres Sohnes Anton Emil 2... leiber bedenklich verschlimmert hat.
B
Herrn Schneidermeister A. K. 2.. Das Garnison Lazareth theilt Ihnen mit dem Ausdruck des Bedauerns ergebenst mit, daß Ihr Sohn, der Dekonomiehandwerker
Friedrich Anton Emil 2...
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des Korps- Bekleidungsamtes, heute Vormittag 11 Uhr 50 Minuten an Herzlähmung infolge Zungenentzündung verstorben ist. Die Beerdigung wird, wenn Sie nicht andere Wünsche haben sollten, nächsten Mittwoch, den 15. b. M., Nachmittags 3 Uhr von hier aus auf dem St. Pauli Friedhofe stattfinden. Hierbei wird Ihnen noch ergebenst mitgetheilt, daß nach der hier bestehenden Begräbnißeinrichtung gemeinschaftlich Gräber zu dreifacher Tiefe hergestellt werden. Sollten Sie daher für Ihren verstorbenen Sohn ein Grab allein hergestellt zu haben wünschen, so würden Sie hierfür den Mehrbetrag von 22,50 M. zu entrichten haben
Dr. Stelzer als Chefarzt.
Go haben die Eltern binnen wenigen Tagen infolge der militärischen Erattheit ihren Sohn einmal todt, dann wieder wohl geglaubt, schließlich doch krank und bald verstorben sehen müssen. Bei solcher sonderbaren militärischen Ordnungsliebe war es nicht verwunderlich, daß der Feldwebel der Kompagnie, welcher Emil L. angehörte, den Vater bat, doch ja teine Benutzung weiter von diesen Vorkommnissen machen zu wollen, und daß der Oberst des Regiments, als er von dem Vater erfuhr, daß der Sohn kurz vorher einen Brief Die Mutter fuhr trotzdem nach Dresden ; es bestätigte voll bitterer Klagen über die Zustände und Behandlung, sich, daß die vielberühmte militärische Ordnung und der er ausgesetzt war, geschrieben hatte, um Uebergabe dieses Pünktlichkeit" einen argen Fehler begangen hatte; aber Briefes dringend ersuchte. Der Vater hat diesen Brief, das auch das zweite Telegramm erwies sich nicht als legte Lebenszeichen seines Sohnes, nicht herausgegeben. Das richtig, denn der Sohn war nicht wohl, sondern ebenfalls für wollen wir denselben zu Nutz und Frommen für Jeder frank und lag im Lazareth . Ein Brief vom 4. März an mann mittheilen: den Schneidermeister L. in Fl. theilte dann mit, daß zwei Kranke desselben Namensnur des Hauptnamens, nicht des gleichen Vornamens-, deren Väter beide Schneidermeister sind, sich im Garnison - Lazareth in Behandlung befunden hätten. Der andere 2. sei verstorben. Ueber den aus Fl. gebürtigen 2. wurde gesagt:" Ihr Sohn wurde gestern, den 3. d. M., Vormittags wegen hohem Fieber und Lungenentzündung hier in Lazarethbehandlung abgegeben und ist dessen gegenwärtiger Zustand nicht bedenklich." Es folgten dann folgende zwei Briefe:
Feuilleton.
Macbrua verboten.)
Vom Stamm gerissen.
Von Elise Schweichel.
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,, Ah was?" fragte der Doktor gedehnt, und zog die Augenbrauen überrascht in die Höhe. Das laß ich gelten, allen Respekt, gut, gut, sehr gut. Wollen hoffen, daß die Sache für den jungen Mann glimpflich abläuft. Aber Sie ein junges Mädchen wo wollen Sie denn bleiben? Jm Blauen Engel"? geht nicht."
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Warum nicht? Auf kurze Zeit-"
Sie"
Liebe Eltern und Geschwister! Entschuldigt mich, daß ich Euch so lange mit einem Briefe warten habe laffen. Das geht ganz besonders zu, erstens habe ich mich vorige Woche sehr unwohl befunden, ich wollte immer eine Postkarte schreiben, aber ich wollte warten bis ich einen Brief schreiben konnte, ich dachte nicht anders ich müßte in die Schurstube gehen, aber ich will mich nicht gern schmeißen lassen. Es ist bei uns gar nicht mehr schön, arbeiten müssen wir wie ein Stück Vieh, der Obermeister treibt uns furchtbar, denn die bekommen nicht genug; die Kameraden lamentiren nicht schlecht; desto wärmer es nun wird, wird es
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Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3.
nun schlechter auf die Säle( das sind die brei großen Schneider fäle, wo je 80 Mann in einem Saale arbeiten. Anm. 6. Red.), es ist ein furchtbarer schlechter Gestant auf die Säle, daß es tein Wunder ist, wenn die Kameraden trant werden. Jetzt wollen sie nun noch mitten auf den Saal einen Bügelofen mit Gasmotor feßen, da wird es doch noch viel schlimmer. Bei uns find sehr viele frant, bei uns tann man jetzt weiter nichts alle Tage sehen, als wie daß welche in's Lazareth ge= schafft werden, vorigen Freitag habe ich auch einen mit in's Lazareth müssen tragen helfen, Sonnabend wieder einen nausge schafft, Sonntag wieder und heute nachmittag noch einen, heute früh mußten wir einen Kameraben auf dem Arbeitssaal auf den Bügeltisch legen, der auch frant wurde, er ist umgefallen, welcher sich schon gestern frant gemeldet hatte, und sie haben ihn nicht angenommen, und heute da konnten die Vorgesetzten alle schnell paufen. Wir werden tüchtig tarwirt( turbirt, gepeinigt) und verkohlt, wo wir den ganzen Tag 80 Mann arbeiten, wo so schon eine schlechte Luft ist, wo man gerne Abends froh ist, wenn man freie Zeit hat und man gern in die Stadt gehen will, um bischen frische Luft zu holen, da verkohlen einen die Unteroffiziere, Denen wird es immer zu wohl. Wenn die Korporalschaftsführer die Korporalschaft ärgern wollen, laffen sie gleich die Kameraden die Woche Abends viermal nicht ausgehen; vorigen Sonntag war einer fortgegangen, ohne sich abzumelden, was in anderen Regimentern überhaupt nicht Mode ist, hat ihn der Unteroffizier gemeldet, was nämlich eine ganz traurige Nudel ist, und hat zwei Tage Raften gefriegt; also fie zwingen uns, bei jedem Ausgang abzumelden, sie wissen nemlich gar nicht mehr was sie noch rausstecken sollen, sie denken mit die Schneider können sie ihren Mist anbringen, wo man manchmal nicht schreiben kann, oder muß man etwas anderes machen. Das Packet und Postkarte habe ich erhalten, trocken Brot wird wieder geklopft. Während unserem Bau sollen wir fommandirt werden in die Regimenter. Alles nähere schreibe ich später, wo ich hin komme. Ich will nun schließen, denn ich muß heute Abend noch in meinem Kahn die Bettwäsche überziehen.
Grüßt alle Bekannte. Borigen Sonnabend war großes Ererzieren.
Es grüßt Euer dankbarer Sohn Emil."
Die ganze Schreibart dieses Briefes zeigt, daß wir es hier mit einem ganz unverdorbenen", d. h. nicht etwa sozialdemokratisch angehauchten Soldaten zu thun haben. Und doch trieben die Verhältnisse den jungen Mann zu folchen bitteren Klagen. Einer weiteren Kritik bedürfen die obigen Schriftstücke wohl nicht. Jedermann wird sich wohl überlegen, ob er ein System, das solche widerwärtige Er scheinungen hervorbringt, noch weiter stärken soll, oder ob er durch einen sozialdemokratischen Stimmzettel Protest gegen diesen ganzen menschen unwürdigen Zustand des Mili. tarismus einlegen foll.
Der Schneidermeister L. in Fl. war bisher ein gutgläubiger Anhänger der" Ordnungsparteien". Seitdem er
für den Geliebten, das ihr selbst gespendete Lob ließ nahm diese Erklärung indessen mit sichtlichem Unglauben fie talt. auf und kündigte Dettinger an, daß er ihn sofort nach dem " Das Erste, was ich nun zu thun habe, ist, daß ich nächsten Bezirksgericht transportiren lassen müßte. Und so meinen Bericht einliefere," nahm der Arzt wieder das Wort, war denn Dettinger noch vor Anfang der Kirche, damit den ,, das heißt, nachdem ich meine Patienten besorgt habe. Sie gottesfürchtigen Einwohnern das erbauliche Schauspiel nicht werden sich an den Bürgermeister wenden müssen, um Aus- verloren ginge, wie ein gemeiner Verbrecher mit gefesselten funft zu erhalten. Nachmittags spreche ich im Blauen Händen auf einem Leiterwagen und in Begleitung eines Engel" vor und höre, wie es mit Ihnen steht. Ja, ja, Gendarmen durch die verblüffte Menge zur Stadt hingewiß, mein Fräulein," sagte er treuherzig, indem er gefahren. Einige Schreier und Pfeifer wurden von Leuten, Balesta's Hand, die sie ihm dankbar entgegenstreckte, herz- die Dettinger reden gehört hatten und respektvoll den Hut haft schüttelte. Ich werde Sie nicht verlassen, aber Abends vor ihm zogen, zur Ruhe verwiesen. muß ich wieder hinaus zu unserem Patienten." Als nun der Arzt und Valesta vor dem Gasthause Ganz Neukirch hatte bereits am frühen Morgen das hielten, sammelte sich schnell ein Haufen Neugieriger um Gerücht von etwas ungeheuerlichem durchschwirrt, welches den Wagen, denn an dem Doktor sah man, woher sie kamen, sich gestern auf dem Kries'schen Gute zugetragen haben sollte. und das Gerücht munkelte auch etwas von einer Dame, Der reitende Bote und der Knecht, der den Doktor geholt, welche hinter der Affäre stäte. Das mußte diese auf alle waren die Kolporteure gewesen, freilich ohne selbst von dem Fälle sein. Jeder wollte sie sehen, und das Gedränge um Vorgange recht unterrichtet zu sein. So wußte nun auch den Wagen ward so stark, daß der Doktor mit einem niemand genau, wie die Geschichte eigentlich zusammenhing, Heiligenkreuzdonnerwetter den in der Thür erscheinenden nur soviel stand fest, daß der Gutsherr schwer verwundet Wirth aufforderte, Raum zu schaffen. oder vielleicht gar schon todt und der seit einigen Tagen Herr Röpke hatte die Dame schon öfter in Begleitung hier weilende Agitator, wenn nicht direkt der Mörder, so der Fräulein von Kries gesehen und bahnte ihr dienstfertig doch sehr nahe bei der That betheiligt sei. Dettinger wäre mit gehörigen Püffen nach rechts und links den Weg ins spät in der Nacht sehr verstört nach dem Blauen Engel" Haus. Der Doktor sah sie mit leuchtenden Augen an. zurückgekehrt, den er zu Pferde gegen Abend verlassen, und Als Valeska die mit Wein- und Bierdünsten erfüllte " Na, ich sehe, Sie sind die rechte Frau für einen hätte, indem er seine Rechnung berichtigt, sich bei Röpke, und überheizte Gaststube betrat, wäre sie beinahe in OhnMann, der für seine Ideen kämpft, mögen sie nun falsch dem Wirth, nach dem Bürgermeisteramt erkundigt, als plög: macht gesunken, aber sie besaß eine gewaltige Selbstbeherr oder richtig sein. Herr Dettinger kann sich beim Schicksal lich zwei Gendarmen erschienen wären, die ihn verhaftet schung. Es ging vorüber. bedanken. Wenn er es ehrlich meint, woran ich nicht und in's Polizeigefängniß abgeführt hätten. Dies stimmte zweifle, so hat er ein schweres Leben vor sich, und da ist der genau mit der Wahrheit überein. Heute früh vor den Bürgermeister geführt, welcher der Muth der Frau von großem Werth! Aber Sie müssen die Cache ruhiger nehmen, sonst reiben Sie sich auf; haben ganz Wichtigkeit der Sache sogar seine Feiertagsruhe geopfert, das Zeug dazu." hatte Dettinger die Erklärung abgegeben, daß er in der Balesta schaute stumm in die Ferne. Es that ihr Selbstvertheidigung von seiner Waffe Gebrauch gemacht und wohl, daß Dettingers Benehmen selbst bei diesem poli- in der Absicht nach Neukirch zurückgekehrt sei, den Fall selbst tischen Gegner Billigung fand. Sie besaß nur Stolz zur Anzeige zu bringen. Das würdige Stadtoberhaupt
" Ich möchte Ihnen mein Hans anbieten; aber sehen er frakte fich verlegen hinter dem Ohr ich weiß nicht, was meine Frau" D, Herr Doftor, ich würde Ihre Güte garnicht annehmen," fiel ihm Valesta ins Wort. Nach dem, was ich erduldet, muß ich frei frei sein, und frei ist man nur, wenn man auf eigenen Füßen steht und niemand zu banken hat."
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Können Sie der Dame eine anständige Stube geben?" fragte der Arzt, der hinter ihr eingetreten war. Gewiß, Herr Doktor. Es ist eben eine frei geworden, die beste. Aber die möchte ich doch lieber der Dame nicht geben." „ Warum nicht?"
Weil der vermaledeite Sozialdemokrat, der doch heute Nacht das Verbrechen begangen hat, darin logirt hat."