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poUtifchc Ocberltcbt. Berlin , den 25. November 1910, Beendigung der Notstandsdebatte. Aus dem Reichstag , 25. November.. Drei volle Tage hat die Notstondsdebatte in Anspruch genommen. Zu- nächst erwiderte Genosse Hildenbrand den Ministern auf ihre Versuche, einen merklichen Notstand abzustreiten, indem er überzeugend an der Hand der anitlichen Denkschriften selbst darlegte, wie Fleischteuerung und Vichmaugel in Deutschland Hand in Hand gehen. Mit scharfem Spott führte er die Argumente der Redner der Mehrheitspartcien gegen einander ins Feld, rücken doch beim Zentrum wie bei den Freikonser- vativeu und Nationalliberalen die städtischen Abgeordneten in ihrer Stellungnahme zur Flcischnot weit ab von den länd- lichen. Hitdenbrand schlost mit dem Wunsch, daß der kommende Reichstag eine den Kolksbedürsnissen entgegenkommendere Mehrheit aufweisen werde. Dem versuchte der Minister Delbrück nochmals nach- zuweisen, daß die Regierung beim besten Willen nichts zur Verbilligung des Fleisches tun könne. Auch er glaubte dann. auf die Wahlen hinarbeiten zu müssen, sprach aber seinerseits die Hoffnung alls, daß der Reichstag immer eine Mehrheit aufweisen werde, die mit der jetzigen Wirtschaftspolitik ein- verstanden sei. Die Jnsiiuiatlonen des Landlvirtschaftsministers, daß durch ganz andere Leute als die Landwirte die Fleischprcisc in die Höhe getrieben ivürden, brachte den Abg. hobelt- Magde­ burg auf die Tribüne, der in einer mit derben Witzen reichlich gespickten Rede die Metzger gegen die agrarischen Anzüglich- ketten verteidigte und für die Oeffnung der Grenzen eintrat. Er beeinträchtigte die Wirkung seiner sachverständigeir AuS- führungen einigermaßen dadurch, daß' er die Lage der Metzger zu schlvarz und die der Metzgergesellen zu rosig malte. Sonst war in der Debatte zunächst von Fleischnot gar nichts mehr zu spüren. ES entwickelte sich wie oei früheren Gelegenheiten ein K a m p f um d i e B a u e r n s e e l e zwischen dem Kon- servativen Dr. Hahn vom Bund der Landwirte und dem nationalltbcralcn Banernbündler und Großbauern W a ch h o r st de WeNte. Auch der fortschrittliche Bauet Jan Fegter auS OstfrieSland griff in diesen Streit ein, indem er sich be- sonders angelegen sein ließ, an der Ueberwachung der Ftdet- kommiffe nachzuweisen, wie leicht durch Zerschlagung dieser großen Güterkomplexe die Möglichkeit reichlicher Viehaufzucht in Deutschland geschaffen werden könnte. Ailf die Fleischnot kam dann mit einigen kräftigen Worten Genosse E m m e l zurück. Er war in der Lage, durch neu ihm zugegangenes Material zu zeigen, wie in der nächsten Nähe von Berlin , in Nowawes , infolge der Fletschnot die Roß-undHundcschlächtereizugenommen habe. Dann rechnete er auch noch mit dem Versuch des Ministers Delbrück ab, eine Steigerung der Arbeiterlöhne auf das Konto der Regierungspolitik zu setzen. Gegen die Regierung, be- tonte er, wie gegen die Unternehmer hätten sich die Arbeiter in schwerem Kampf die Besserung ihrer Lage zu sichern. Uni ü Uhr ging die Debatte zu Ende. Morgen kommt dann die Interpellation wegen der Katserrede zunächst an die Reihe._ Auto, Aufruhr und Polizei. Unter dieser Stichmarke bringt die D e u t s ch e T a g e s- Zeitung" folgende scharfmacherische Notiz: Im Moaditer KrawaUprozetz hat bekmmtlich da? Erlebnis der englischen Journalisten im Äutomobil cike Rolle gespielt, mit dem sie nach Moabit gefahren waren. In der Beurteilung dieses Vorganges scheint ma»»llgemein einen Umstand zu iibersehen, der zur inneren Vollstälidigkeit hinzugehört. Das Auto hat nämlich bereits früher bei Zusammenrottung«» eine tür die Polizei unliebsame Rolle gespielt, und zwar war der Hauptbeteiligtc dabei lein anderer, als einer der jetzt so entrüstet tuendcn Ver- tcidiger im Moabtter Krawallprozeß der Rechtsanwalt Liebknecht selber! Der Vorgang spielte sich ab an jenem WahlrechtSsonntag im Tiergarten im März dieses JahreS. Der Polizeipräsident hatte die Demonstrationen in Treptow verboten, worauf die Genossen»ach geheimer Verabredung im Berliner Tiergarten auftauchten, oor dem Reichstage rote Fahnen herausholten und Reden hielte». Die sozialdemokratische Presse und dasBerliner Tageblatt" ver- böbiite» die Polizei danach, weil es gelungen sei, die PolizeiüberS Obr zu hauen", wie dasB. T." wörtlich schrieb. DaSBerl. Tageblatt" selber, daS über die sozialdemokratischen Absichten stets vorher unterrichtet worden war, stellte als weiteren. Beweis dafür, wie schön die Polizei gefoppt worden ist. die heute doppelt interessante Totsache fest, daß ein Automobil in die Menge fuhr und daß jemand aufstand und vom Automobil aus eine Rede an das Publikum hielt, in der der Betreffendedie Junker ver- donnerte". Dieser jemand war nach demBerliner Tageblatt' der Genosse Liebknecht . Erwiicht worden ist er damals nicht: aber diegefoppten" Polizisten haben sich sicherlich damals den Fall gemerkt,' um so mehr, als sie nachher noch so verhöhnt wurden. Der Genosse Liebknecht , der heute als Verteidiger vor dem Gerichte steht, war eS also, der dem Auto bei Zusanune»- rottunge» unter gewissen U in st S n d e n den Verdacht an- Heftete, Rädelsführer und Hetzer in die Menge hineinzufahren. Vielleicht bedanke» sich die englischen Herren bei ihm für diese Gr« sälligkeit. Zur Beurteilung deS Verhaltens der Schutzleute gegen« über verdächtigen Automobilen bei Zusammenrottungen ist dieser Vorfall nicht nnweseiillich." An dieser Notiz, die moglichertoeise von der Polizei selbst inspiriert ist, ist nicht weniger als alleL, aber auch alles unrichtig! Erstens ist nicht tvahr, daß aus einem Automobil her- aus eine Ansprache an die Deiitoustraitten gehalten worden sei. Das ist utiserer Erinnerung nach nicht eimnal von dem Berliner Tageblatt" behauptet worden. Aber selbst, wenn es iniBerliner Tageblatt" gestanden hätte, wäre es dennoch unrichtig. Zweitens ist nicht wahr, daß Genosse Karl Liebknecht , wie damals dasBerliner Tageblatt" irrtümlich berichtete, in dein betreffenden oder überhaupt irgend einem Auto an der Denionstration im Tiergarten teilgenommen hätte. Karl Liebknecht sprach nämlich an diesem Sonntage in Krefeld . Drittens ist unwahr, daß Genosse Karl Liebknecht im Moabitcr Prozeß als Verteidiger fungiere, vielmehr handelt es sich dort um den Bruder des Abgeordneten Liebknecht , um Theodor Liebknecht , der, um dem Agrarier- blatt auch dies Hinterpförtchen gleich zu schließen, natürlich ebensowenig im Auto im Tiergarten demonstriert hat. An der ganzen Darstellung ist also auch nicht ein wahres Wort! Für diesen blamablen Reüifall kann sich dieDeutsche Tages Ztg." aber auch nicht einmal darauf berufen, daß sie gutgläubig die Mitteilung desBert. Tageblatt" übernommen habe. Hat doch nicht nur derVorwärts" kürzlich die irrige Meldung desBerl. Tagebl." ausdrücklich dementiert, sondern hat doch auch Genosse Heine in der Prozeßverhandlung am Mittwoch den Fall nachdrücklichst klargestellt. Das Vor­gehen des Oertel-Organs macht es wirklich schwer, nur gröb- lichste jonrnalistische Leichtfertigkeit für vorliegend zu erachten I Es sei denn, daß die Notiz von dem phantasiebegabten Berichterstatter derDeutschen Tagcs-Ztg.", Herrn Bert- hold stammt, der am Freitag als Zeuge so wundersame Mutmaßungen über den Organisator deS MoabiterAuf­ruhrs" zum besten gegeben hat. Vaterländischer Katzenjammer. Die reaktionäre Presse, die bis zum Beginn des Moabiter Krawallprozesses mit allen Mitteln einer skrupellosen Rabulistik zu beweisen suchte, daß die sozialdemokratische Partei die Moabiter Revolution" inszeniert und geleitet habe, um ihre aufgehetzte Gefolgschaft, wie es im Jargon der vaterländischen Blätter vom Schlage derKreuzzeitung " und derDeutschen Tageszeitung" hieß, auf die geplante große blutige Revolution vorzubereiten, be- findet sich in einer üblen Katerstimmung. Sie hatte gehofft, die Moabiter Gerichtsverhandlungen würden ein Ergebnis haben, das sich mit Vorteil gegen die sozialdemokratische Arbeiterschaft aus- schlachten ließ, vielleicht sich sogar als Vorwand für die Einbrin- gung eines gegen das Koalitionsrecht der Arbeiter gerichteten Gesetz- cntwurfs ausnutzen ließe und nun müssen sie sehen, daß alle diese schönen Hofsnungen völlig gerrinnen und von den frivolen An- schuldigungen gegen die Sozialdemokratie nichts übrig bleibt. Die Felle sind, eines nach dem anderen, weggeschwommen, und ärgerlich schauen ihnen die betrübten Lohgerber nach. In dieser greulichen Stimmung, geplagt von Kotzebucs Verzweiflung, verfallen die einen darauf, für ihre Entläuschung das Moabiter Gericht verant- wortlich zu machen, das angeblich nicht verstanden hat, aus den Verhandlungen eine große politische Aktion zu gestalten: währenv die anderen die Berliner Polizei einer zu großen Schonung und Sachlichkeit beschuldigen. Sie meinen, die Polizei hätte energischer borgehen, mehr Verhaftungen vornehmen und vor allem sich mehr an dieAnführer" halten müssen. In verständliches Deutsch übersetzt, heißt das! die Polizei hätte durch noch rücksichtslosere Schneidigkctt die Bevölkerung noch weit mehr aufreizen, dann die Aufgereizten in Massen niederschießen, vielleicht auch daS Militär herbeirufen und darauf die Leiter der Berliner sozialdemokratischen Bewegung, vor allem die Redaktion desVorwärts", festnehmen müssen. Wäre so verfahren worden, dann hätte sich daraus mit der nötigen Gewissenlosigkeit der gewünschte Strick süt die Sozial- dcmokratie drehen lassen. Zu den Blättern, die diese schöne vaterländischeTaktik" empfehlen, gehören in erster Reihe dieHamburger Nachrichten", das Blatt, das seinem Ideal, demgrößten Staatsmann aller Zeiten", mit Geschick abgeguckt hat, wie er sich räusperte und spuckte. Es schreibt unter dem TitelSchonung oder Schwäche?": ..... Wir wissen die Humanität der Polizeiorgane wahrlich U schätzen und sind absolut keine Verfechter grundsätzlickj bru- alen Vorgehens der Schutzleute. Aber als eine unerläßliche Pflicht der Polizeibehörde erachten wir die Wahrung der staat- lichen und gesetzlichen Autorität. Wenn hierin die Polizei Kon- gessionen macht, dann hat sie von vornherein verspielt. Wie jedoch Platzmajor Klein, der Führer der Polizcibrigade, zu deren Bezirk der Stadtteil Moabit gehört, ausgesagt hat, ist in jenen Tagen die Schutzmannschaft dazu angehalten worden, in erster Linie Schonung walten, sich durch nichts reizen zu lassen, weder durch Schimpfworte, noch durch Stcinwürfe, und nur auf Befehl der Offiziere blank zu ziehe». Und den Offizieren ist anbcfoblen gewesen, eS erst mit Güte zu versuchen, che sie den Befehl zum Dreinschlagen gäben. Man kann sich denken, daß auf eine verhetzte revolutionäre Masse der Schutzmann, der Ruhe" undSchonung" undGüte' übt, während er mit Steinen beworfen und mit unflätigen Schimpfwortcn traktiert wird, gerade keinen imposanten Emdruck macht. Die Auf- rühret pflegen ein solches Verhalten durchaus nicht als ein Zeichen kraftbewußter Milde, sondern vielmebr als ein Zeichen von Angst und Schwäche anzusehen. Und daß ein Sicher- Heitsbeamter, der Beleidigungen und Gewalttaten seelenruhig hinnimmt, an Ansehen gcivinnt und, wie es seines Amtes ist, seine Autorität erfolgreich in die Wagschale zu werfen vermöchte. wird man nicht behaupten können. Ist der Beamte, nicht im persönlichen, sondern im Interesse der Staats- a u t o r i t ä t. gegen selbst geringe Beleidigungen gesetzlich ge- schützt, so ist es seine Pflicht, von den gesetzlichen Mitteln um so Mehr Gebrauch zu machen, wenn es sich um s y st e m a t i s ch e und massenhafte Angriffe gegen die Staats- gewalt handelt... Aber nicht nur, daß durch das Anwenden unzulänglicher Mittel die Unruhen verlängert und verschärft wurden und viele Tage lang die Sicherheit eines ganzen Stadtteils in Frage stand, die Polizei ist auch behindert gewesen, die erforderlichen Verhaftungen vorzunehmen. Der Zeuge Polizeileutnant Götze, dein sich Poltzeikcutnant Folie anschloß, bekundete auf die Frage des Staatsanwalts, wieso es gekommen sei, daß trotz der zahlreichen Ausschreitungen so wenig Verhaftungen erfolgt wären, die �olizeibeamtcn hätten vor allen Dingen die Ordnung auf- rechtcrhaltcn müssen und hätten Mühe gehabt, ihre Stellung zu halten. Wenn jemand scstgenommen werden sollte, dann habe ihn die Menge gedeckt, so daß eine Festnahme unmöglich gewesen sei. So hat der Verzicht auf Heranziehung einer stärkeren Polizei macht auch verhindert, so rasch wt« möglich die Schuldigen herauszugreifen und sie dem Strafrichter zuzuführen. Daß dies ebenfalls ein sehr starker Mangel der polizeilichen Taktik war, wird nicht bestritten Werden können. Darf das aber so weiter gehen? Darf angesichts deS revolutionären Uebermuts in den von der Sozialdemokratie verhetzten Arbeiter Massen diese unbegreifliche Taktik weiter geübt werden"... Um jeden Preis hatte demnach die Polizei die Aufgabe, das Material für eine große, gegen die Sozialdemokratie gerichtete Staatsaktion zu liefern. Wenn dabei einige Hundert Unschuldige niedergemetzelt worden waren, so hätte das nach Ansicht des Ham- burgcr Blattes absolut nichts gemacht. Sie wären für einen guten Zweck gestorben, und der Zweck heiligt die Mittel. Die Nieder- zwingung der Sozialdemokratie ist eine so hehre vaterländische Aufgabe, daß es dabei auf die Abschlachtung von einigen Hun- derten friedlicher Staatsbürger gar Nicht ankommen kann. Rufruhr in Zentrumslanden. DieKölmsibe Zeitung" meldet aus H o l z w e i l e r bei Erke- lenz:Erhebliche Ruhestörungen sind dieser Tage hier vor- gekoinnien. Man hat hier mit der Zusammenlegung der Grundstücke begonnen. Die Landmesser und A b s ch S tz e r wurden in der Arbeit derart gestört, daß sie flüchten mußten- Der Gemeindevorsteher Schlick, Mitglied deS AbgeordnctenhauseS- loimte keine Ruhe schaffen. Die Gegner der Zusammen« legung zogen mit einer Fahne durchs Feld, die die Aufischrist trug: Durch Kampf zum Siegl Später wurde einer der Beamten bis nach Jmmerat an das HauS deS Bürger« meisterS verfolgt. Inzwischen kamen die Frauen und auch die Kinder ins Feld und zogen mit. Die. Pferdeknechte der reichern Leute ließen ihr Gespann im Felde stehen und schlössen sich den Tuniultuanten an. Daß man da in den Ausdrücken nicht sehr wählerisch war, läßt sich begreifen. Steine und Kot flogen. Es nuißte fremde Polizeimacht herangeholt werden. Die Gegend, wo sich diese Dinge zugetragen haben, gehört dem Wahlkreis HeinZberg-Erkelenz-Geilenkirchenan. In diesem Wahlkreis gab es 1907 171 Wahlberechtigte, davon wählten 22 026 Zentrum, 973nationalkatholisch", also rund 23 000 klerikal und nur 73 sozialdemokratisch. Lägen die Dinge um« gekehrt, d. h. gäbe es in dieser Gegend ebensoviel Sozialdemokraten wie es Ultramontane gibt, würden wir in der Zentrumspresse un- zweifelhaft bei dieser Gelegenheit vonsozialistisch verseuchtem Mob" lesen. Wir sind begierig, wie die Zentrumspresse, die bei Moabit so tapfer zu schmähten wußte, jetzt die Dinge beurteilt, wo es sich um die Getreuesten seiner Getreuen handelt. Ob wir jetzt auch vom klerikal verseuchten Mob" zu hören bekommen? Eilbestellung im Ortsverkehr. Im postalischen Verkehr steht eine wichtige Aenderung bevor. Die Reichspost führt vom 1. Dezember ab Versuchs- weise die E i l b e st e l l u n g von Paketen. Einschreibsendungen, Sendungen mit Wertangabe und Postanweisungen auch für Ortssendungen ein, während bisher nur gewöhnliche Briefsendungen zur Eilbeslcllung an Empfänger im Orts- und Landbestellbezirk des Aufgabepvstorts zugelassen waren. Ein Schildbürgerstreich. In dem Wahlkreise Marburg macht sich unter den Freisinnigen heftiger Widerstand gegen die Kandidatur des Herrn H e l l m u t v. G e r l a ch geltend, der, wie wir bereit? gestern meldeten, dazu geführt hat, daß der fortschrittliche«Liberale Volksverein' die Wiederaufstellung GerlachS ablehnte. Der«Franks. Ztg." wird über dieses Treiben aus Marburg berichtet: Ueber die eigentümliche» Schwierigkeiten, mit denen die Auf- stellung eine« liberalen Reichstagskandidaten im Kreise Marburg zu kämpfen hat. ist wiederholt und von verschiedene!« Seiten an dieser Stelle berichtet worden. Sie bestehen, seit Hellimlt dön Gerlach sich von der Freisinnigen Vereinigung getrennt und die Demokratische Verein«- g«ing mit gegründet hat. Dadurch«ourde die älieste und stärkste Organisation liberaler Wähler iin Kreise, der zur Fortschrittliche» Volköpartei gehörigeLiberale Volksverein", vor die Frage gestellt, ob er mit einer eigenen Kandidatur vorgeben oder an seinem frübere» Kandidaten Gerlach trotz dessen veränderter Stellungnahme fest« bnlten sollte. Der Liberale Volksverein hat gestern beschlösse««, Gerlach fallen zu lassen, aber gleichwohl auf eme eigene fortschrltlliche Kandidatur zu verzichten. Grund: für die Nichtwiederaufstellung Gerlachs das Verhalten der Demokratischen Vereinigung in Berlin I , Dessau , Altena -Jserlohn; für den Verzicht auf eine eigene Kandidatur die Aussichtslosigkeit und Zweckwidrigkeit eines solchen Vorgehens. Der Verein bat weiter i» seiner Resolution erklärt, eS sei angesichts der Lage in« Reiche auS- geschlossen, daß einer der Parteigenossen seine Stimme einem Kandidaten der Rechten zuführe. Ui«mittelbar danach hat der Allgemeine Volksverein", eine jüngere»ur auf dem Lande ver- breitete Organisation, seine längst ersehnte Proklamation GerlachS vollzogen. Dieser Verein war von je eine Gründung von An- Hänger«, GerlachS;««ich« parteipolitisch, mehr winschastspolitisch erichtet: zu demLiberalen Volksverein" halb in Konkurrenz, alb in freundschafllicker Fühlung." Danach könnte eS scheinen, als sei die Wahlfrage im Kreise Marburg zuungunsten des Herrn b. Gerlach entschieden. So einfach liegt jedoch die Sache nicht. Außer Herrn v. Gerlach««nd dein sozialdemokratischen Kandidaten, für den die Gesolgschaft der Fortschrittlichen Volkspartei erst recht nicht eintreten will, ist««ur noch. als gemeinsamer Kandidat der Konservative««, Ultramontaiien und Nationalliberalen, ein Rechtsprofesior iiamenS Bredt aufgestellt. Diesen aber dürfe» die Fortschrittler nicht wähle««, da ihnen»ach ihrein eigenen Beschluß die Wahl eineöKandidaten der Rechten" verlvehrt ist. Es bleibt ihnen also««»chtS übrig, als doch v. Gerlach zu wählen, oder sich der Stimmabgabe zu ent- halten._ Ein agrarischer Wunsch. Die Zentralversaminlimg der landwirtschaftlicheu Vereine in der Provinz Sachse» befaßte sich ans ihrer Tagung in Halle «nit dem Problein, der Abwanderung der jungen Leute auf den« platten Lande zu steuern. Nack« einer Verechiiung wurden in der Provinz Sachsen in den Jahren 1901-1910 etwa 170 000 junge Leute aus der Schule eutlassen. Auf dem Lande geblieben sind aber nur rund 8ö00v, von denen wieder«»» nur 67 000 in der Laudwirtschaft tätig ivaren. Vorgeschlagen wurde, die jugendlichen Landarbeiter besser zu bezablen. DaS erschien dem konservativen Abgeordneten Freiherr» v. Ersfa jedoch mißerordenilich bedenklich: er hat einen Weg ge- fundei«. der zum erstrebten Ziele führen soll, ohne daß die Agrarier tiefer in die Tasche greisen brailchcn. Abg. v. Eiffa verlangt nämlich ei» gts e tz li ch e s V e r b ot der Beschäftigung Jugenb» licker in den Fabriken in den ersten zwei Jahren nach der K o«« i i rn« a ti on. Der Oberpräsident V.Hegel war von diesem Vorschlage außerordentlich begeistert. Seiner Ansicht »ach sei ein solches Gesetz nickt nur um der Landivirtickaft, sonder» auch um der Jugend selbst willen mit Freuden zu begrüße». DieDeutsche Tageszeitmig" ist natürlich außerordentlich erfreut über diese» neuesten Wunsch, und sie beincrkt dazu:Der Reichs- kanzler wird nicht unihin können, sich mit der Frage ernstlich zu beschäftigen und das Verbot in die Wege zu leiten, da» durchaus nicht allein im Interesse des Landes und der Landivirlichaft, sondern ganz besonders in dem der Jugend durchgeführt werden muß." Exerzitien für ZentrnmSabgeordnete. Einzelne Organe deS orthodoxen Katholizismus sinnen immer noch auf Mittel, wie man dem Modernismus am besten beikommen kann. Die in Koblenz erscheinende Monatsschrift.Ständeordnung" scheint jetzt da? richtige gefunden zu haben. Sie verlangt näinlich in ihrer letzten Nummer Exerzitien für Me katholischen Abgeordneten und Beamten. Damit ihnen die Moralgrundsätze, nach denen sie im Parlament zu handeln haben, klar gestellt werden und in denen auch die Beamten darauf hingewiesen werden, daß sie unter keinen Uiiiständei, ungerechte Gesetze durchführen dürfen. Bei dieser Art Exerzitien käme auch sofort der enge Zusaminenhang zwischen PoUlik und Moral zun, Vorschein und ma» würde leicht inne, daß die Politik taiholtscher Abgeordneter«m Einklang stehen muß«nit der katbolischen Weltanschauung und daß es auch ein siebentes Gebot nebst RestitlNionSpflicht für die Volksvertreter in den Parlamenten gibt". Vielleicht iväre es angebracht, wenn Herr Peter Spahn , bevor er den Präsidentenstuhl besteigt, seinen Sohn Martin vor jeder Sitzung erst immer ein bißchenmit Skorpionen züchtigt." Und auch Kardinal Kopp könnte den unbotmäßigen Fischer in Köln ab und zu ei»»venig geißeln, damit er sich diemodernen" Gedanken aus dem Kopf schlägt. Außerdem wäre eS ganz nützlich, wenn die Herren Prälaten und ähnlicheVolks"verlreter vor jeder Parlamemssitzung ein achtundvierzigslündigeS Fasten und Kasteien durchmachten, denn dann würden sie über ihr frönimsteS Werk, die Berteuerung der Lebensmittel, etwas anders deukcn. Abgeordneter Vogt. Der württemberger bündlerische Abgeordnete Vogt lHall) hat bekanntlich einem sozialdemokratischen Abgeordneten einen Brief geschrieben, worin er Unterstützung der Sozialdemokratie zusagt, wenn seine Wahl von der Sozialdemokratie gefördert werde. Die Fraktion der Wirischaftlichen Bereiniglmg läßt min durch ihren Vor« sitzende» L i e b e r irr a n u p. S o n«« e» b e r g dem Abg. Bogt einen öffentliche«« Rüffel erteilen durch folgende Erklärung: Der vor vier Jahren anläßlich der württembergischen Landtags« wählen vom Reichstagsabgeordiieten Bogt tHall) an den sozial- demokratischen ReichStagsabgeordneten Hildenbrand ge»