Dr. 276. 2S. Jahrgang. 2. KtilU des Jonnirtö" Knlim AlllsdIM Dienstag. 26. Dovelnber 1912. Das NlaNenmeeting in iSalel. Am Sonntag nachmittag fand in Basel aus Anlas; des inter - nationalen Sozialistenkongresses ein Massenmeeting statt, das seinen Höhepunkt in der gewaltigen Versammlung im Baseler Münster fand. Der Zug nahm gegen 2 Uhr Aufstellung auf dem Kasernenbof und in den benachbarten Straßen und zog von dort quer durch die Stadt. Das Bild des Zuges war selbst jetzt, wo man in Deutschland an öffentliche Umzüge schon mehr gc- ivöhnt ist als früher, für Deutsche infolge der Farbenpracht und Buntheit durchaus überraschend. Dem Zuge voran fuhren die Arbeiterradfahrer von Basel und Umgegend. Ihnen folgte die Jugendabteilung des Arbeiterbundes, eine große Zahl von Knaben und Mädchen, zum Teil noch in sehr jugendlichem Alter, die in ihrer Mitte einen prächtig ausgeschmückten Friedenswagen führten. Auf ihren Fahnen standen Inschriften wie:„Wir wollen junge Krieger sein im Heere der Pflicht" oder„Eine Träne zu trocknen, ist ehrenvoller, als Ströme Blutes zu vergießen." Auf die Jugendabteilung folgten dann hinter einer Militärkapelle die ausländischen Delegierten, in ihrer ersten Reihe Kautsky und Jaures . Die Nationen gingen getrennt und sangen ihre Partei- lieber: Die Oesterreicher das Lied der Arbeit, die Tschechen die Rote Fahne, die Franzosen die Internationale usw. Kurz nach S Uhr erreichte der Zug die alte Münster- kirche, von der bereits feit einer halben Stunde die Glocken läuteten. Der Kirchenchor>var für den Regierungsrat, den Kirchenrat und die Synode von Basel reserviert. Das eine Kirchenschiff war für die Presse, das andere für die aus- ländischen Delegierten bestimmt, während die beiden Seitenschiffe der Kirche und die Galerien von einer unzählbaren Menschenmenge gefüllt waren. Nach einem Orgelvortrag ergriff das Wort zu einer Ansprache der Baseler Regierungspräsident Blicher: Das Organisationskomitee des Internationalen Sozialistischen Kongresses hat mir den ehrenvollen Auftrag erteilt, Sie in seinem Namen auf das Herzlichste zu begrüßen. Ich begrüße vor allem unsere auswärtigen Gäste, die Mitglieder des Internationalen Sozialistischen Bureaus, die offiziellen Abgeordneten der einzelnen Landesparteien, die ausgezeichneten Männer, die sich für unsere heutige Kundgebung als Redner zur Verfügung gestellt haben und die vielen Parteigenossen, die ohne offiziellen Auftrag hierhergeeilt sind, die Tausende von nah und fern, die sich mit uns hier ver- sammelt haben, um gegen den Krieg zu protestieren. Die sozialdemokratische Partei von Basel betrachtet cS als eine große Ehre, daß das Internationale Sozialistische Bureau in dieser schweren Schicksalsstunde gerade uns den Auftrag gegeben hat, den Internationalen Sozialistischen Kongreß zu arrangieren. Wir sind stolz auf die Ehre, die uns, unserer Stadt und unserer Partei damit widerfahren ist. Wir haben uns zugleich, nicht ohne Sorge, geftagt, ob wir bei der knappen Zeit der großen Aufgabe gewachsen sein würden. Da wurde uns eine große Sorge durch das Entgegenkommen der kirchlichen Behörden abge- nommen, denen wir auch an dieser Stelle geziemend Dank ab- statten wollen, dah sie uns für die heutige Kundgebung den schönsten und würdigsten Raum zur Verfügung gestellt haben, den unsere Stadt überhaupt zu vergeben hat. Wir erblicken in diesem Entgegenkommen ein Zeichen der Sympathie für die große und heilige Sache, der unser Kongreß gilt, und wir freilen uns, daß auch an änderer Stelle Männer den Idealen dienen, die wir zum Möge führen wollen. Die Aufgabe der heutigen Versammlung liegt darin, den Verhandlungen des Kongresses den nötigen Hintergrund zu geben. � Sie soll der Welt zeigen, daß in diesem Kongreß'frch nicht nur einige hundert Männer aus etwa 20 Ländern und Völkern zusammenfinden, um gegen die Kriegsgefahr zu protestieren, sondern daß hinter ihnen Hunderttausende und Mil- lionen stehen. Hätten Sie den Internationalen Kongreß und die heutige Demonstration nicht nach Basel , sondern nach irgend- einer Stadt Deutschlands oder Frankreichs , Oesterreichs oder Jta- liens gelegt, so hätte sie dasselbe Schauspiel geboten, das Schauspiel einer Arbeiterschaft, die den Krieg aus iimerster Ucberzeugüng verabscheut und von ihren Vertrauensmännern er- lvartet, daß sie mit der gesammelten Macht der europäischen Ar- beiterklasse sich jenen Mächten gegenüberstellen, die versuchen, in frivoler Machtgier einen europäischen Krieg zu entfesseln. kleines feuiNeton. Der Kirchhof der Lebenden— so nennt der italienische Korre- spondent Renzo Larco in einem Bericht des„Corriere della Sera " Hademköi, das noch vor kurzem das Hauptquartier der Türken war und jetzt ein furchtbares Massengrab geworden ist. Die Bilder, die der Italiener hier, wo die Cholerakranken zu Tausenden verenden, mit ansehen mußte, übersteigen an Grausen alles, was der Krieg bisher an Schaurigem zeitigte.„Was das Auge sieht, übersteigt jede menschliche Fähigkeit der Schilderung. Auf ewig hat Hademköi für uns einen furchtbaren entsetzlichen Klang und nie, fürchte ich, wird ein barmherziges Vergessen mich von der Erinnerung an diese Bilder erlösen." Formell ist das Land ringsum durch die Sanitätspolizei abgesperrt, aber diese Maßnahme ist mehr Schein als Wirklichkeit. Rechts und links der Straße türmen sich die Karren, auf die die Leichen der Gestorbenen geworfen werden. Hastig schleudert man die irdischen Ueberreste dieser Unglücklichen da hinauf, und man kann kaum noch erkennen, daß es menschliche Körper sind, denn die Leiber und die Kleider vermengen sich zu einem unentwirrbaren Chaos.„Und in diese Gefährten des Todes, inmitten der Berge von Leichen, gerät dann in der blinden Hast der Arbeit ein noch Lebender, ein Kranker oder ein Sterbender, der noch atmet und die Hände bewegt. Jenseits der Hauptstraße fahen wir Soldaten, die große Gruben aushoben, und daneben lagen zu Hunderten die Leichen, noch in der Stellung, in der der Tod sie überrascht und erlöst hatte. Und dazwischen sterben andere, während uninitteloar neben ihnen das Grab bereits gegraben wird. Ich näherte mich einem Leichenhaufen, um eine Aufnahme zu tkachen: dann erst sah ich, daß die Hälfte davon noch lebende Menschen waren, Sterbende. Gewiß, der furchtbare Umfang des Unglücks macht jedes bedachte Vorgehen unmöglich: unmöglich ist es, hier noch ;u helfen, ja nur Erleichterung zu schaffen, unmöglich. Barmherzig- äit zu üben: hier wird Milde zum Mord. Die entsetzlichen Um- stände kennen nur ein Gesetz und eine Pflicht: Schutz für die noch Lebenden, Rettung für die Gesunden. Fort mit allen, denen nicht geholfen werden kann. Wir waren an den Anblick Cholerakranker schon gewöhnt, hatten die endlosen Züge von Wagen gesehen, auf denen Kranke und Sterbende fortgeschafft wurden, wir sahen Men- schen auf der Straße hinsinken, zuckend und mit ihrem Todeskampf den Weg versperrend: aber was wir in Hademköi erlebten, stellt alles frühere in den Schatten. Wir haben in Hademköi nur ein Gebiet von 150 Meter durchschritten. Und auf diesem schmalen Räume sahen wir mehr als 2000 Tote mitwn unter einer noch zahlreicheren Menge von Sterbenden. Wohin das Auge flüchtet: überall nur erstarrte Körper. Auf einem kleinen Platze zählen wir 500 Leichen, mit weitaufgerissenen starren Augen und gespen- ftisch emporgereckten Händen. Hier und dort sehen wir improvi- fierte, hastig aufgeschlagene Baracken, aber sie sind überflüssig und nutzlos." Musik. Totensonntags. Konzerte. Es ist schon so Brauch geworden, daß Arbeitergesangvereine ihre vielleicht nur einmaligen Bokalkonzerte auf den Bußtag und Totensonntag festlegen, weil da t; Die Sache des Völkerfriedens ist nicht Sache einer Partei, sondern Sache des ganzen Volkes. Aber in dieser Welt der harten Tatsachen kann der Völkerfriede nur gesichert werden, tvenn hinter ihm eine straff organisierte, zielbe- ivußte, zum Handeln entschlossene und zähe Macht steht und diese Mächt kann niemand anders sein, als die sozialistische Arbeiterklasse. Sie allein ist frei von jenen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Interessen, die zur Zuspitzung der chauvinistischen Leidenschaften geführt haben. Sie allein hat den Vorzug, daß ihre wirtschaftlichen und sozialen Lebensbedingungen und zugleich ihre Ideale in keinem Widerspruch miteinander stehen, sondern daß sie sogar gezwungen ist, ihre Ideale zu verwirklichen, wenn sie nicht zugrunde gehen will. Wenn wir aber den Krieg verabscheuen, so fürchten wir ihn nicht. Wenn es eine Macht gibt, die vom Weltkrieg nichts zu befürchten, aber viel zu hoffen hat, dann ist es die Arbeiterklasse. Ein europäischer Krieg würde mit Wahrscheinlichkeit die g c w a l- tigsten Erschütterungen auslösen, die den Zusam- menbruch des Wirtschaftssystems beschleunigen müßten, unter dem die Arbeiterklasse leidet. Wir wollen aber nicht den Weg dieser Greuel, den Weg des Entsetzens gehen. Wir wissen, daß die Kräfte, die im Wirtschaftsleben treibend tätig sind, auch ohne die Katastrophe eines europäischen Krieges zu unserem Siege führen müssen. Diejenigen aber, die seit Wochen frivol mit der Gefahr eines Weltkrieges gespielt haben, werden an sich die Wahr- heit des Wortes erleben: die Weltgeschichte ist das Welt- gericht!(Stürmischer Beifall.) Ich erkläre hiermit die heutige Versammlung für eröffnet und erteile dem Genossen Haase das Wort. Haase(Deutschland ): Unter Glockengoläute und Orgelklang hat die iniernationale Sozialdemokratie, die Verkörperung der Friedensidee, hier ihren Einzug gehalten. Revolutionäre Gedanken und Gefühle trägt sie dabei im Kopf und im Herzerv Aber sie plant nicht eine Revolution der Zerstörung, sondern ihre Ideen stehen im Dien st e der Freiheit und der Völkerversöhnung. DaS Bild, das der Balkan uns gegenwärtig bietet, der wilde Aufschrei»ahn- sinnigen Lachens dringt zu uns herüber. Erbarmungslos braust der Kriegssturm über den Balkan hin. Man achtet nicht mehr auf die Zahl.der Toten, immer nur weiter vorwärts ist die Losung. Unzählige Verwundete, und niemand da, der sie pflegt. Ueber den Leichen liegen die Verwundeten, wieder bedeckt von Leichen, niemand hört ihr Stöhnen, sie verhungern und verbluten an ihren Wunden. Die Dörfer, die friedlichen Wohnstätten, sind voll Grauen und Entsetzen, und ein Bild des tiefsten Jammers bietet der mazedonische Bauer, der mit Weib und Kind frierend und hungernd nach Konstantinopel zieht. Wenn endlich der friede ge- schlössen sein wird, wie lange wird es dann dauern, bis die Massen- not, der Kummer, die Verzweiflung und das Elend, die sich dann erst über das Land ergießen werden, ein wenig gemildert sind? Das Land ist ja bereits entvölkert, das Wirtschaftsleben für lange vernichtet, schwarze Ruinen stehen an Stelle der Wohnhäuser, und wen die Kanonen verschont haben, der ist in Gefahr, dem diabolischen Würger der Pest zum Opfer zu fallen. Die apokalyptischen Reiter , Krieg. Brand, Hunger. Not und Pestilenz, traben über den Balkan hin. Alle Kultur, alles Glück der Völker zertreten sie unter den Hufen ihrer Rosse. Die Sozialdemokraten der Balkanstaaten haben gegen die Entfesselung der Kriegsfurie mannhaften Protest erhoben. Sie forderten die friedliche Per- cinigung der Balkanstaaten in einer Föderativrepublik unter Ein- schlug der Türkei . Noch waren unsere Genossen auf dem Balkan zu schwach, um diesen Plan durchzusetzen, noch ist die Zeit nicht ge- kommen, in der wir unsere Ideale zur Tat erheben können, aber es ist für uns ein tröstlicher und erhebender Gedanke, daß überall die Arbeiterklasse an Geschlossenheit, Einsicht. Energie, Kraft und Macht wächst und daß die Sozial- demokratie imstande ist, einen großen Teil von dem aufzubauen. was gegen ihren Willen vernichtet worden ist. Unser Streben geht dahin, daß dem mörderischen Würgen baldmöglichst Einhalt ge- schehen soll. Vor allem gilt es. die Gefahr zu beseitigen, die über ganz Europa schwebt, die Gefahr einer entsetzlichen Aus- dehnung des Krieges. Noch ist die Gefahr nicht überwunden, denn noch sind die Fragen nicht gelöst, was aus Konstantinovel, Saloniki , den kleinasiatischen Provinzen, Albanien und aus den Ansprüchen Rumäniens werden soll. Wissen wir doch, daß die im- auch größerer Zuspruch erwartet werden kann. Ohne Geldopfer sind keinerlei künstlerische Veranstaltungen zustande zu bringen, und es ist nur recbt und billig, daß unsere Sängerchöre von den Arbeitern in ihren schönen Bestrebungen unterstützt werden. Nur sollte dabei Regel sein, das Eintrittsgeld so niedrig wie möglich zu halten. ES wäre daher den Konzertveranstaltern zu empfehlen, daß sie die Säle mieten. Hierdurch würden außerdem auch die Teilnehmer vom Bierzwang entbunden und jedwede oft so unliebsam empfundene Störung vermieden werden. Das beste Lehrbeispiel hierzu geben ja die Aufsührungen des Berliner VolkschorS und die des Vereins für Frauen und Mädchen der Arbeiter- k l a s s e. Letzterer hatte— wieder im Blüthnersaal— sein zweites Jahreskonzerr, das Robert Schumann gewidmet war. Ihn direkt auf Schubert folgen zu lassen, wird verständlich, wenn man sich vor Augen hält, wie sehr Schumann in der ersten Periode seines Schaffens durch Schuberl beeinflußt wurde, zumal als Gesangsiomponist. In Schumanns Liedern sehen wir den von Schubert vertretenen rezitierenden Stil weiter ausgebildet. Kein anderer hat gerade Heines, aber auch Rückerts und Eichendorffs Lieder mit solch lyrischer Inbrunst erfaßt und sich ihren einzelnen StimmungS- Momenten treffender angepaßt als Schumann . Und Paula Wein- bäum sang sie so mit aller ihnen innewohnenden Innigkeit und leidenschaftlichen Bewegtheit. Die Auswahl der Gesänge wie der Jnstlumentalkompositionen war sorgsam getroffen. Eine Sonate für Violine und Klavier leitete zu dem raschfeurigen Adagio und Allegro für Klavier und Violoncello; und mit dem Trio in einem der bedeutendsten Werke Schumanns, wurde der Gipfelpunkt be» zeichnet, der es aber auch zugleich für das Kestenberg -Trio als instrumentaler Konzertgever war. Abends traten der Männerchor.Neukölln'(Im neuen Saal der„Neuen Welt") und der Gesangverein.Libertü' (in HappoldtS Konzertsaal) mit ihren Lirderprogrammen auf. Ersterer verfügt über wirkliche Bässe, doch auch Tenöre von stimmlicher Macht, die namentlich in den Balladen„Olaf Trygvason' und„Ossian" zur Geltung kam. Die kleinere.LibertS" gab in einem altitalienischen Madrigalchor, in.Walball' und UthmannS Ballade„Tord Foleson" ihr Bestes. Manches, wie die.Nacht' von Abt und WohlgemuthS pfeudo-altdeuischeS Liebeslied könnten gut wegbleiben. WcberS .Jägerchor' war dort wie hier vertreten. Die Neuköllner gefielen sich darin, das Echo zu verschleppen; die.Libertö' vermied dies. In bezug auf die Aussprache muß noch mit mehr Sorg- falt verfabren werden. Dort wie hier fiel die prononzierte Betonung der Endsilben unangenehm auf. Wörter, die auf mehrere Noten verteilt sind, sollten besser gebunden und abgerundet werden. DaS könnten die Arbeitcrsängcr am nächsten von den Gesangskünstlern, die sie zur solistiichen Mitwirkung heranziehen, lernen. Die Neu- töllner freilich waren nicht gar glücklich beraten. Bei der„Liberts" hörten wir dagegen wieder Anton S i st e r m a n n s in Schubert- Liedern und als stimmgewaltigen Sänger zweier Balladen von Karl Löwe (Odins Meeresritt und Tom, der Reimer). Einen gleich schönen Genuß bereitete hier auch da? Kesten berg-Tri o durch Dar- bietung der zwölf Variationen über ein Thema aus Handels„Judas Makkabäus " und eines herrlichen Trios von dem Russen Tschaikowsky . Alle Konzertsäle waren überfüllt mit aufmerksamen Zuhörern. v. k. perialistische Meute ihre Fangarme auch über den Rest des türki- schen Reiches ausstreckh und wenn es nicht dem Proletariat gelingt, diesen Angriff auf Kultur und Zivilisation zurückzuweisen, kann ein Weltkrieg in die Nähe rücken. Noch jetzt betrachten unsere Diplomaten und Machthaber die Völker als Figuren, die man wahllos auf dem Schachbrett hin und her schieben kann. Aber die Proletarier sind selbständig geworden und wer- den ihren Willen zur Geltung bringen. Wir wollen uns nicht über- schätzen, wir erkennen die Grenzen unserer Macht an, aber wir wissen auch, daß man uns heute nicht mehr mit einer Handbewegung beiseite schieben kann. Die großen Demonstrationen des Prole« tariats der ganzen Welt müssen doch Eindruck auf die Scharfmacher machen und ihnen als Menetekel in Flammenschrift beweisen, daß die Proletarier jedenfalls niemals mit Begeisterung in einen Krieg ziehen werden, den die herrschenden Klassen in ihrem Profitinteresse angezettelt haben. Gerade der Balkankrieg hat gelehrt, daß nur Truppen, die voller Begeisterung und Hingebung für eine große Sache in die Schlacht gehen, imstande sind, Siege zu erringen. Das intcr- nationale Proletariat verabscheut den Krieg aus tiefiter Seele und keine Gewalt der Erde wird es dahin dringen, daß es mit Begeisterung auf die schießt, die es liebt als seine proletarischen Brüder.(Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Dunkles Gewölk steht am politischen Himmel, aber wir lassen die Hoffnung nicht sinken, daß im letzten Augenblick doch noch die Herrschenden vor den Konsequenzen zurückschrecken werden und daß cS uns gelingen wird, durch die einige, zusammen- geschlossene Aktion des Proletariats die Kriegsgefahr zu bannen und unseren Kampf gegen ökonomische Ausbeutung und politische Unterdrückung bis zur Vernichtung aller Klassen- Herrschaft siegreich fortzuführen. So wollen wir auch auf diesem Kongreß in einiger Geschlossenheit für unsere Ideale des ewigen Friedens, der Völkerverbrüderung und der Völkerfreiheit kämpfen.(Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Kcir Hardie(England): Die Arbeiterklasse der Welt hat die Pflicht, einem großen Ver- brechen an der Menschheit, das begangen werden soll, vorzubeugen. Die Demokratie steht in einem unvereinbaren Widerspruch nicht nur mit dem Krieg, sondern mit dem Militarismus in jeder Form. Die Demokratie bedeutet die vollkommene Ver- söhnung aller Völker und aller Klassen, darum empfinden auch die deutschen und englischen Arbeiter keine Spur von Feindschaft gegeneinander.(Stürmischer Bei- fall.) Und wenn es zwischen den beiden Ländern trotzdem Diffe- renzen gibt, so beweist das nur, daß die Regierungen lediglich die Interessen der herrschenden Klassen und nicht die des Volkes vcr- treten.(Erneute Zustimmung.) Soweit unser Einfluß reicht, werden wir die Regierung daran verhindern, sich irgendwie in die Balkanangelegenheiten einzumischen. Dieses Fernhalten von jeder Einmischung soll aber nicht bedeuten, daß der Türkei übermäßig harte Bedingungen auferlegt werden. Wir wünschen freies Spiel undfreie Entwickelungsmöglichkeit für alle verschiedenen Rassen auf dem Balkan . Sollten aber die herrschen- den Klassen versuchen, einen Krieg anzuzetteln, so haben wir die heilige Pflicht, alle, unbedingt alle Mittel zu ver- suchen, di« uns zur Abwehr zur Verfügung stehen. Reicht die politische Aktion dazu nicht aus, so hoffen wir, daß sich die Ar- beiterklasse nicht scheuen wird, zum internationalen, all- gemeinen, revolutionären General st rcik.;u greifen.'''(Stürmischer Beifall.) Unsere heutige Demonstration hob uns von der Kaserne, dem Tempel des Molochs, hierher in die Kirche, den Tempel der Menschlichkeit, geführt, in der wir die Hoffnung und den Glauben an eine große, friedliche Eüiwickelung der Menschheit verkörpert sehen. Wir werden alle unsere Krösle daran setzen, die Mächte der Unterdrückung und Finsternis noch bei Lebzeiten dieser Generation hinwegzufegen und die Menschlichkeit zum höchsten Herrn der Erde zu machen. (Stürmischer Beifall.) Greulich(Schweiz ):- Im Auftrag der schweizerischen Parteileitung habe ich zu er- klären, daß wir uns von ganzem Herzen dem Protest gegen den Krieg anschließen. Kriege entstehen heute nur durch kapita- listische Bereicherungsinteressen und durch die Lügen der kriegshetzerischen Presse, die stets be- Humor und Satire. Himbeeren und Kacheln. Der Kaiser ist Gott sei Dank bei gutem Humor. Ms Professor Ehrlich in einem Vortrage die lustige Bemerkung machte:„Tie Himbeerkrankheit hat zwar einen schönen Skamen, aber sie eine böse Sache", schüttelte sich der Monarch vor Lachen. Als ein Reporter den Witz eigenmächtig fortsetzte:„Himbeeren werden auch geschüttelt, aber vor der Himbeerkrankheit schüttelt man sich", schüttelte sich der gutgesinnte Teil der Nation— und niemand wußte, ob vor Lachen oder vor Krankheit..... In ihrer Eigenschaft als Vermittler zwischen Fürst und Volk und Beseitiger alter Vorurteile werden die Volksvertretungen mehr und mehr von den Kadiner Kacheln verdrängt. Man entsinnt sich der Besichtigung eines von Kadinen bedienten Weinrestaurants. Inzwischen hat der Kaiser aus dem gleichen Anlaß das Restaurant am Zoo und die Synagoge in Charlottenburg besichtigt. Kein Wunder, daß bei liberalen Politikern der Gedanke aufgestiegen ist, die städtischen Markthallen mit Kadiner Kacheln pflastern zu lassen, um dem Monarchen Gelegenheit zu geben, Herrn von Äethmann Hollweg über den wirklichen Umfang der Teuerung zu unterrichten. Demgegenüber muß der Plan eines bekannten Philanthropen, auch in der„VorwärtS"-Redaktion probeweise einen Kadiner Kachel cm- bringen zu lassen, zweifellos als verfrüht bezeichnet werden. Die Himbeerkrankheit deS Sozialismus ist leider immer noch so beschaffen, daß Ronarchen sich zwar vor ihr schütteln— aber nicht vor Lachen.(Emanuel im„SimplicisfimuS".) Notizen. »--DieNeueFreleBühne hat sich neu organisiert. Die künstlerische und geschäftliche Leitung besorgt Herr Erich Dahü An Aufführungen im Komödienhaus sind geplant:„Der Rammer» diener" von Robert Walter;„Die Wupper" von Else Laskcr- Schüler;«Der Tod" von Paul Ernst ;„Der Papst und der Aden» teurer" von Emil Ludwig ;„Frau Margit" von Strindberg;„Welt- gericht" von Karl Bleibtreu ; der„Zyklop" von Euripides . — Theaterchronik. DaS Russische Ballett bringt am nächsten Dienstag im Neuen Operntheater(Kroll) seine zweite Novität, das Tanzdrama„Thamar" von M. L. Bakst, Musik von Balakirew . � Musikchronik. Naoul Koczalskis viertes Konzert findet unter Mitwirkung des Sängers Hans Spies ünenstag großen Saal der Hochschule für Musik statt. — Eine Aufforderung, der niemand Folge zu leisten braucht. Dem benannten Zitat auS dem Götz, das bei manchen Spießbürgern ihre Bekanntschaft mit der klassischen Lite- ratur erschöpft, ist zurzeit von einem deutschen Gericht der Charak- ter einer Beleidigung abgesprochen worden. In Mannheim hatte früher bereits, wie man der„Frankfurter Zeitung " schreibt, in einem ähnlichen Falle der Verteidiger eines.wegen dieser Zitierung verklagten Klienten Frcisvrechung beantragt— weil das Zitat keine Beleidigung enthalte, sondern nur eine Aufforderung, der niemand Folge zu leisten brauchet
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