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Telegramm- Adresse: ,, Sozialdemokrat Berlin".

Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritplak, Nr. 1983.

Jahr des Kampfes!

Das alte Jahr vom Turm hat's ausgeklungen, Aufhorcht im Traum der Dohlen dunkle Schar, Und flirrend sind die Pforten aufgesprungen ( Wie Waffen flirrn) von einem neuen Jahr. Theodor Fontane .

Donnerstag, den 1. Januar 1914.

Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz , Nr. 1984.

Demokratie auch gelang, die Kosten für die neuen Regimenter Was die sogenannten liberalen Parteien anbelangt, so komment und neuen Geschütze im wesentlichen auf die befizenden fie im Stampf gegen das persönliche Regiment gar nicht in Betracht, Schichten abzuwälzen, so bedeutet die deutsche Heeresverstär­kung doch einen schweren Verlust an Kultur gütern, ganz zu schweigen von dem Hemmnis, das sie der Verständigung der Völker untereinander entgegenfeßt.

Unter dem

weil sie ihre monarchistischen Gefühle und ihre Gegnerschaft der gegenwärtigen bulgarischen Verfassung gegenüber nie verheimlichten. zu diesen Parteien nahm der König immer in den kritischsten Augen­blicken, wenn er um die Eristenz seiner Dynastie zitterte, feine Zuflucht. Auf ihre Hilfe fezt er auch jetzt alle seine Hoffnungen. Die Hurrastimmung des deutschen Bürgertums wurde Die liberalen" Parteien lönnen sich im Lande nur durch ihre allerdings durch diese Wehrvorlage nicht wesentlich beein- Gewalttaten, Mißbräuche und Korruption halten. Für diese Ver­flußt. Sein Hurra schrie es zum fünfundzwanzigjährigen brechen sind sie schon einmal von dem Staatsgericht verurteilt Ja, wie Waffen flirren, so springen klirrend die Pforten Regierungsjubiläum Wilhelms II. und ebenso unverdrossen worden, und in furzer Zeit werden auch der gegenwärtige Minister des neuen Jahres auf. Ein Jahr des Kampfes ging zu Ende. brüllte es Hurra, als die Erinnerung an die Volkserhebung des Aeußeren, Genadiew, und seine ehemaligen Kollegen, General Ein Jahr des Kampfes hebt an. von 1813 nicht als ein Volksfest, sondern als eine Fürsten- Sawow, Gudew und Chalatschew, vor dem Tribunal zu erscheinen feier begangen wurde. Dieses gesinnungstüchtige Hurra haben. Diese unangenehme Perspektive ließen die liberalen Parteien ben Kriegen mit Freuden zustimmen, weil sie hofften, daß bei den blieb ihm erst im Halse steden, als es die Kolben der wild- Siegestlängen der Trompeten die Deffentlichkeit ihre Verbrechen ver­gewordenen Zaberner Soldaten in seinen Kniekehlen spürte. gessen oder verzeihen würde. Diese Revolte des Militarismus gegen die Verfassung Die Niederlage Bulgariens hat den Fall des Ministeriums bildete den würdigen Abschluß eines Jahres, das dem Mili- Dr. Danew und damit auch die Kompromittierung der russen­tarismus so viel geopfert hat, und als im Reichstag der freundlichen Politik zur Folge gehabt. Als der König diese Nieder­Striegsminister in den vertrauten Schnarrtönen des preußi- lage fah, beeilte er sich, eine jähe Wendung in der äußeren schen Kasernenhofs für das Offizierskorps das Faustrecht pro- Politit von Rußland zu Desterreich zu machen. flamierte und als der Kanzler an den Schnüren der Militär- Vorwande, eine Revision des Bukarester Vertrages mit Hilfe des famarilla hin- und herschlotterte, nahm auch das Bürgertum Dreibundes anzustreben, wurde ein Ministerium aus den Desterreich einen Anlauf zur Wahrung seiner Rechte. Aber auf halbem liberalen- monarchistischen Bündnisses lief nur auf die gegenseitige freundlichen liberalen Parteien gebildet; aber der Zwed dieſes Wege kam der Anlauf ins Stocken und der Freiheitskrieg" Rettung der Dynastie und der liberalen Parteien vor dem Volks von 1913, mit so dröhnenden Fanfarenstößen begonnen, ver- gericht hinaus. Die liberale Koalition und der König hofften, weil zettelte sich in kläglichen Rückzugsgefechten. Das Bürgertum, andere bürgerliche Parteien und die Nusiophilen kompromittiert waren, das um seine Kassenschränke ein Gitter von Bajonetten ziehen es werde ihnen gelingen, auch unter dem proportionellen Wahlsystem möchte, kann nicht daran denken, die Spitzen dieser Bajonette eine große Mehrheit zu bekommen. unzubiegen, und so überläßt es auch den Schutz der bürger- Aber die Regierung vergaß die Sozialbemolratische, lichen Freiheit einzig und allein der Sozialdemokratie. Wäh- Partei und die Landwirtschaftliche Vereinigung, rend; unbeirrt von dem Hungerschrei der Hunderttausende eine Partei, die im Stampf gegen das persönliche Regiment an der Arbeitsloser, die Schoefmacher doron anen, das Koalitions en al famp it der 20jang Jepublit für wulgarien und fr Seite der Sozialpemntratie Stand Die Gozicldemokraten egen in recht zu zertrümmern, und die Junker danach streben, die Zoll- die Balkansöderation als der einzigen Garantie für den Frieden mauern noch höher zu türmen und den Proletariern den letzten auf der Baltanhalbinsel und für die demokratische Entwidelung Bissen Fleisch und Brot vom Munde wegzustiebigen, führt die im Innern des Landes. Die Schrecken des soeben erlebten Partei der Arbeiterklasse ihren guten Stampf, und ein ganzes Krieges und die Aussichten auf neue Striegsabenteuer Wolf steht hinter ihr. Die Wassen sind im Fluß und unsere durch eine Revanchepolitit, haben die bulgarischen Wähler sehr Zeit gleicht jener, die der Ritter Hutten jubelnd grüßte: empfänglich gemacht für die sozialistische Parole des Friedens, der Die Geister wachen auf, es ist eine Lust zu leben!" Notwendigkeit der Demokratie und der Republik . Und die Wähler haben der bulgarischen Sozialdemokratie etwa 110 000 Stimmen und bant ihrer entschiedenen Haltung gegen den Monarchismus und alle 37 Mandate gegeben. Die Landwirtschaftliche Vereinigung erhielt bürgerlichen Parteien etwa 120 000 Stimmen und 48 Mandate. Die Demokratische Partei erhielt 40 000 Stimmen und 14 Mandate, die Narodniaken( Volkspartei) und die Radikalen je 5 Mandate, die

Denn Kampf, unerbittlicher und unermüdlicher Kampf ist die Losung unseres Jahrhunderts, und nicht eher ruhen die Waffen, bis die Zwingburgen der Herrschenden in Staub und Trümmern am Boden liegen und über befreites Volk und be­freites Land der Sozialismus seine Fahnen flattern läßt, die purpurnen Standarten der Weltfreiheit und des Weltfriedens. Heute kann auch der Verschlafenste im entlegenſten Winkel sich nicht mehr in den friedlichen Wahn einwiegen, daß die Ent­widelung stille stehe, denn stürmischer als je schreitet die Welt­revolution des Kapitalismus über den Erdball, neue Gebiete fich erobernd und so die Pfade ebnend für die Weltrevolution des Sozialismus, die ihr auf dem Fuße folgt. Um und um gerüttelt werden Länder und Völker, und allenthalben stürzen die alten Formen ein. Wie es mit Blut und Brand im Jahre 1912 begonnen, fo ging mit Blut und Brand im Jahre 1913 der Balfankrieg zu Ende. Nicht was an wuchtigen Schlägen noch gegen die Zürken geführt wurde, ist sein hervorstechendites Moment, fondern der unheilvolle Bruderstreit unter den Verbündeten. Weil die alles an alles fezende wagbalfige Politik der Macht haber in Sofia mut fühnem Stretch) die Oberherrschaft liber den ganzen Balfan an fich zu reißen suchte, zerfleischten sich die Völker der Serben, Griechen und Bulgaren in grauenhaften Schlächtereien, und nicht nur Rumänien spielte bei dieser Gelegenheit den lachenden Vierten, sondern auch die elend ver­stümmelte Türkei machte ihren Gewinnst und nahm, ohne einen Schuß zu tun, Adrianopel wieder zurück, um dessen Eroberung so viel Blut geflossen war. Aber wenn der Balfan frieg auch anders auslief als sein Anfang erwarten ließ, er bedeutet doch für den Balkan den Sieg der bürgerlichen Re­volution über den Feudalismus, der Kapitalismus wird jetzt hier seine Scheuern füllen, in die abgeschiedensten Täler

Dieses Lebens Luft heißt Kampf. Darum find des neuen Jahres Pforten so flirrend aufgesprungen, wie Waffen flirren". Jahr des Kampfes, sei gegrüßt!

dringt der schrille Pfiff der Lokomotive, und das leste Wort Die politische Lage in Bulgarien . Forfitlichen, d. 6. die Vertreter der ausgesprochenen Ruſſen­

heißt auch hier: Sozialismus! Der glänzende Wahlsieg unserer bulgarischen Genossen bedeutet den Gewinn der Er­oberung des Balkan durch den Sozialismus.

Sofia , 29. Dezember.( Eig. Ber.)

Die Ergebnisse der letzten Stammerwahlen in Bulgarien wurden durch zwei Faktoren beeinflußt: durch das neue Wahlsystem, ge­gründet auf der proportionellen Vertretung, und durch eine starke Wandlung in der Stimmung der Wähler nach dem Kriege.

freundschaft, nur ein Mandat und die Regierungsfoalition trok aller Repressalien im ganzen 210.000 Stimmen und 94 Mandate.

Man kann also sagen, daß bei den Wahlen am 7. Dezember die Regierung geschlagen worden ist. Aber noch empfindlicher ist die Niederlage der bürgerlichen Parteien. Die Macht der liberalen Stoalition ist nur eine scheinbare, sie erklärt sich daraus, daß diese Stoalition gerade am Ruder iſt.

Was sich auf dem Balkan und in der Türkei vollzieht, die kapitalistische Durchackerung eines bislang jungfräulichen Bodens, geht auch in China , in Persien , in Mexiko vor sich, Bis jetzt fanden die Wahlen in Bulgarien nach einem System überall erwachen die Völker aus jahrtausendelangem Schlum- statt, daß der Partei, die die relative Mehrheit der Stimmen im Die letzten Wahlen ergeben für die regierenden Parteien der mer, überall rütteln sie an verrosteten Retten, und mit Be. Bezirk bekam, alle Mandate zufielen. Infolge der weitgehenden forgnis blickt England auf Indien und Aegypten , die drauf 3ersplitterung der bulgarischen Parteien und des Drudes der Be - bulgarischen Bourgeoisie und vor allem für die Koalition ber libe und dran sind, sich in brodelnde Herenkessel zu verwandeln. hörden gelang es der Regierungspartei immer, fast alle ihre Kan- ralen Parteien das Dilemma: Entweder mit der Praxis des periön­didaten ins Parlament zu bringen. Wenn aber die Regierungs - lichen Regiments zu brechen und den Weg der parlamentarischen Re­Wichtiger noch ist, daß sich in dem abgelaufenen Jahre die mehrheit im Parlament gering war, so tassierte die Regierung den gierung zu betreten, oder das Parlament aufzulösen, auf admini­erste Welle aus dem Atlantischen Ozean durch den Panama - größten Teil der Wahlen der Opposition und setzte sogenannte er- ſtrative Weise das proportionelle Wahlsystem aufzuheben, neue kanal in den Stillen Ozean ergossen hat und daß das neue gänzende" Wahlen feft, in denen dann fast ausschließlich Regierungs- Wahlen nach dem früheren System durchzuführen, die notwendige. Mehrheit zu gewinnen und das Land nach dem alten Brauch zu re­Jahr die endgültige Verbindung der beiden Meere bringen fandidaten fiegten. Auf diese Weise hatte die bulgarische Stammer Mehrheit zu gewinnen und das Land nach dem alten Brauch zu re­wird. Diesem Panamakanal ist eine der revolutionärsten eine tompatte Regierungsmehrheit und eine unbedeutende, machtlose gieren, zum größeren Ruhm des Monarchismus und der Partei­interesien- Politif. Rollen in der Entwickelung zugedacht: er gibt dem Welt- Vertretung der Opposition. Der erste Weg führt zur Beruhigung des Landes, zur Eröffnung handel eine ganz neue Richtung, bevölkert und industrialisiert Diese Pragis hat auch das System des bulgarischen Parlamen­den Westen der Vereinigten Staaten , reißt den Süden tarismus aufs äußerste vereinfacht: Der König bildete gewöhnlich legaler Bahnen im Stampfe für Demokratie und Republik, Aber Amerikas in die wilde Hesjagd der kapitalistischen Wirt- ein ihm passendes Ministerium. Dieses löste die Sobranje( die dazu ist die unmittelbare Einberufung des Parlaments und die un fchaftsweise hinein und scheucht die letzten, dem Kapitalismus Rammer) auf und erhielt in neuen Wahlen eine erbrüdende Mehr- verzügliche Demiffion des Kabinetts notwendig. heit, mit deren Hilfe es fast ohne Kontrolle des Parlaments regierte. Der zweite Weg führt zum Bürgerkrieg zur gewaltsamen noch nicht erschlossenen Gebietsstriche am Stillen Ozean aus Ein Konflikt zwischen der Regierung und dem Parlament war un- Wiederherstellung der früheren unbeschränkten Macht der Regierung dem idyllischen Schlummer der Naturalwirtschaft auf. In- möglich. Und die Konflikte zwischen dem Monarchen und der Re- oder zu ihrem noch gewaltsameren Sturz. Zu welchem diefer beiden Wege die Regierung fich entschließen dem er hilft, den verlorensten Winkel der Erde kapitalistisch gierung wurden immer beigelegt durch die Ernennung eines neuen auszubeuten und, wie es schon Goethe geträumt, den Ministeriums, das die Kammer auflöſte, nene Wahlen durchführte wird, das muß sich in den nächsten Tagen zeigen. Stillen Ozean zum Mittelmeer der Zukunft" macht, schafft und dasselbe Regierungsinstem fortsegte, das sich so als reines per er neue gewaltige Interessengegensätze zwischen den Groß- sönliches Regiment des Königs charakterisierte. Dant diesem System entwickelte sich die Macht des Königs bis mächten: im Wettbewerb um die Ausbeutung ungeheurer Ganze Gebiete der Staatsverwaltung, wie Länderstrecken begegnen sich die englischen und die ameri- zum Abfolutismus. fanischen Schiffe im Stillen Ozean , und letzten Endes treten 6. B. die äußere Politif, das Militärwesen und das Verkehrswesen, gingen allmählich in die volle Gewalt des Palais über. Während hier die Vereinigten Staaten von Amerika den vorläufig noch des 35jährigen Bestehens des bulgarischen Staates stand das Militär­veruneinigten Staaten von Europa entgegen. wesen, für das viele Hunderte Millionen aus den Mitteln des Volfes ohne jegliche Kontrolle verbraucht wurden, ausschließlich unter der Zeitung des Königs.

Das Jahr 1913 in Italien .

In der Geschichte Italiens nimmt das jetzt zur Neige gegangene Jahr als das Jahr der ersten Wahlen nach allgemeinem Wahlrecht einen Platz ein. Man muß hoffen, daß man in der Folge vom Jahre 1913 eine neue politische Aera datieren werde: vor der Hand sieht alles in der italienischen Politik noch ungefähr ebenso aus wic vor dem entscheidenben Experiment, das 5 Millionen Proletarier

Jim Verlauf der Balkankrise haben sich auch 1913 die schroffen Gegensäge zwischen Dreibund und Dreiverband ge­zeigt, und mehr als einmal belauerten sich die Mächte, sprung- Der Kampf gegen dieses Regiment wurde zur Lofung der zum erstenmal zur Ausübung ihrer politischen Bürgerrechte berief. bereite Raubfaßen, zischend, fauchend und mit ihrem Schweif Opposition und zur Hauptplattform in der foeben abgeschlossenen Noch immer ist Giolitti der absolute Herr und Meister des Par.. den Boden peitschend. Wenn sie auch, zum großen Teil aus Wahlkampagne. Mehr als einmal haben die Narodniafen, Pro- laments, noch immer verfügt er über eine Mehrheit, die sich von den Furcht vor der Arbeiterklasse, den Sprung auf den Gegner greifisten und Demofraten den Kampf gegen die Monarchie Radifalen bis zu den Kleritalen erstreckt und die vier Fünftel der nicht gewagt haben, der zugleich ein unheimlicher Sprung proflamiert, während sie in der Oppofition waren. Aber ihr Stampf Kammer umfaßt. beschränkte fich nur auf persönliche Angriffe gegen den König und Trotzdem hat aber das vergangene Jahr die Reime zu einer ins Ungewisse wäre, so sind doch den Völkern aller europäi▪ nahm ein Ende, sobald sie wieder zur Macht gelangten. Dann ver. neuen politischen Situation geschaffen. Die 52 Mitglieder zählende schen Staaten als Folge des Balkankrieges neue, schier un- gaßen sie nicht nur ihren Haß gegen das persönliche Regiment", sozialistische Fraktion hat der Regierung schon in den kurzen Wochen erträgliche Militärlaften aufgepackt worden. Deutschland sie wurden sogar au Werkzeugen dieses Regimes und scheuten nicht parlamentarischer Arbeit reichlich zu schaffen gegeben. Giolitti, an marschierte, wie selbstverständlich, mit seiner Milliardenvor- vor der Erweiterung der föniglichen Macht durch die Aenderung der die unbedingte Botmäßigkeit der früheren Stammer gewöhnt, hat den Gefehentwurf für neue Kolonialkredite, den er im Hands lage an der Spize, und wenn es der Anstrengung der Sozial. Verfassung zurüd.