Kr. 90. 31. Jahrgang. L KeilW des Jotnätls" Krlim plbMitt. Ww-ch. i. April 1914. Gewerkschaftliches. Ausnutzung üer Notlage. Man braucht die ultramontane„Kölnische Volkszeitung" nicht vor dem Verdacht zu schützen, daß sie jemals in einem Konflikt zwischen dem von ihr gehaßten„roten" Metall� arbeiterverband und einem großkapitalistischen Unternehmen einseitig zum Nachteil des letzteren Partei ergreifen könnte. Um so bemerkenswerter ist daher eine Stellungnahme des Blattes zu dem Streitfall bei den Linke-Hofmann-Werken. Wir sind in her angenehmen Lage, dem Urteil des Blattes durchaus zustinimen zu können. Es schreibt(Nr. 281): „Ein klassisches Beispiel für den Versuch einer ungehörigen Ausnutzung der ungünstigen Lage am Arbeits- markt bildet die gegenwärtige Aussperrung bei den Linke- Hofmann- Werken. Aktien- Gesellschaft für Eisenbahnwagen-, Lokomotiv « und Ma« schinenbau in Breslau . Dieser Fall ist besonders deshalb für die breite Oeffentlichkeit von großem Jnteresie, weil es sich hier um ein Unternehmen handelt, das, vorwiegend aus Aufträgen des Staates, ganz ungewöhnliw hohe Ge- Winne zieht-und vor kurzem einem allzu auffälligen Steigen der Dividende(für das Jahr Illll 35 Proz., für das Jahr 1912 17 Proz. Dividende!) noch durch Ausgabe von„Gratis- aktien" vorbeugen mußte. Man tollte meinen, daß eine vom Gelde der Steuerzahler lebende Firma sich nicht weigern dürfte, wenigstens den einfachsten sozialen Pflichten gegenüber der Arbeiterschaft zu genügen. zumal da die geldliche Lage der Gesellschaft die Bezahlung an- gemesiener Arbeitslöhne sehr leicht gestattet. In den Zeiten der Erörterung über den Rückgang der Geburten, Mniterschutz und ähnliche hochwichtige, soziale Fiagen, dürfte es vor allem auch interessieren, daß diese von Aufträgen des Staates lebende Firma ihrem weiblichen Arbeitspersonal sechs bezw. acht Marl Wochenlohn zahlt. Was nutzt alles Gerede über die obenerwähnten sozialen Fragen, sowie über die traurigen Verhältnisse am Arbeitsmarkt uiw.. so lange der Staat noch Firmen durch gutgezahlte Aufträge unterstützt, die sich in dieser Weise an der V o l k s w o h l fa h r t versündigen! Man hört so oft die Redensart von den sogenannten„höheren, Volkswirtschaft- lichen Aufgaben" im Großgewerbe. Sobald es aber in der Uebung daraus ankommt, ein über das bloße Geldverdienen hinausgehendes Verständnis zu zeigen, versagen vielfach gerade die Verwaltungen, welche sich sonst gern als Führer in der deutschen Volkswirtschaft beweihräuchern lassen. Was nützt uns der in neuerer Zeil so viel gepriesen- Reichtum Deutschlands , wenn er sich in den Händen nieS kleinen Kreises von Geld-, Großgewerbe- und Grundstücks-Magnaten vereinigt?..." Hier mag eingeschaltet werden, daß eine Lohnreduktion die Ursache des Konfliktes war. Einen Streik der von den Abzügen betroffenen Arbeiter beantwortete die feine s�irma mit einer Aussperrung. Diese trägt einen ausgesprochenen Pressions- charakter. Der Aufsichtsrat derGesellschaft gab dem terroristischen Vorgehen der Direktion den Segen, weil es sich um die Abwehr unberechtigter Ansprüche der Arbeiter handle.(!) Die er- wähnte Ausgabe der Gratisaktien hatte vor allem den Zweck, die fetten Preise, die man dem Staate abpreßt, nicht zu ge- fährden. Die Gewinne sollten künstlich vermindert werden. Der volkswirtschaftliche Mitarbeiter der„Köln . Volkszeitung" schreibt weiter: „Die Behörden und staatlichen Verwaltungsstellen, sowie die Parlamente sollten dafür sorge», daß überall da, wo der Staat oder die Gemeinden Lieferungen zu vergeben haben, aus angemessene Regelung der Lohn- und Arbeits- Verhältnisse gesehen wird. Wenn sich die wirtschaftliche und soziale Rückständigkcit einer Verwaltung schon in der Art der Ablehnung berechtigter Wünsche ihrer Arbeiterschaft äußert, so hat der Staat keine Veranlassung, diese rückständigen Auf- fasiungen noch zu fördern. Die Tarisabschlüsse im Holz-, Bau- und Buchdruckergewerbe haben uns gezeigt, daß ein Ausgleich zwischen den Interessen der Unternehmer und der Arbeiter auch in recht manierlicher Weite erzielt werden kann, und daß die von der Leitung der Linke-Hosinann-Wcrke beliebte Art deS Auftretens in scharfem Gegensatz zu den sozialen und ethischen Anschauungen unserer Zeit steht. Bezeichnend für die Lage ist es jedenfalls, daß auch die Breslauer Bürgerschaft in dem jetzigen Streit größtenteils der Arbeiterschaft günstig gesinnt ist." Solche Grundsätze müßten gelten bei allen Vergebungen von feiten des Staates, der Behörden und Gemeinden. Was aber geschieht? Gerade den Scharfmachern, den Großkapitalisten bewilligt der Staat die höchsten Preise und dann läßt er sich von ihnen auch uoch zum Sturmbock gegen die Arbeiter- bewegung gebrauchen. Und diese Verbrüderung von Macht und Unrecht, von Ausbeutung und Unterdrückung firmiert: „Ordnung".„Sitte",„Schutz der nattonalen Arbeit"! ö erlin und Umgegend. Achtung, Bauarbeiter! Auf vielfache Anfragen teilen wir hier- durch mit. daß die Sperre über die Tektonabteilung der Deutschen Steinholzwerke, Heidestr. IS. nach wie vor besteht. Außerdem weisen wir darauf hin, daß ein Vermittler sich be- müht, Maurer und Zimmerer nach Coswig in Anhalt anzu- werben. Da unsere Kollegen durch die dortigen Unternehmer aus- gesperrt find, ersuchen wir dringend, Arbeitsangebote nach dort ab- zulehnen. Der Borstand des Deutschen Bauarbeiterverbandes. Zweigverein Berlin . Die Hausdiener, Packer, Schaffner usw. der Firma A. Wert- heim sind unzuftieden wegen Richteinführung des Wochenlohnes und der Umänderung der bisher gewährten Zehrgelder für die Schaffner sowie der Bezahlung der Ueberstundenarbeiten. Es haben deswegen bereits mehrere Verhandlungen zwischen Vertretern des Transportarbeilerverbandes und der Geschäftsleitung der Firma statt« gesunden. Eine nach den Arminhallen einberufene Dienerversamm- lung beschäftigte sich mit dem Ergebnis der Verhandlungen. Von den in den Warenhäusern A. Wertheim etwa tausend Dienern waren zirka 700—750 erschienen. Pollmeier und Fröhlich erstatteten eingehenden Bericht. Die Umwandlung des Monat- lohne? in Wochenlohn lehnte die Firma ab. weil sie der Ansicht ist, daß ein Teil der Angestellten sich damit nicht einverstanden erkläre, obgleich eine voraufgegangene Versammlung, welche von zirka 50« Dienern besucht war, gegen 7 Stimmen für die Einführung des Wochenlohnes stimmte. Der Grund der Ablehnung ist aber darin zu sucben, daß der Vorstand der Geschäfts- diener- und Packervereinigung bei der Geschäftsleitung der Firma A. Werlheim vorsprach und derselben erklärte, daß er im Auftrage des im Hause beichästigten Dienerpersonals komme und daß das Personal die Einführung des Wochenlohnes nicht wünsche, weil da« durch verschiedene Verichlechterungen eingeführt werden könnten. Eine Versammlung der Mitglieder deS Geschäffsdiener- und Packer- vereinS, die von ganzen 31 Personen besucht war, hatte sich nämlich für die Weiterbehaltung des Monatslohnes erklärt. Der Geschäfts- leitung der Firma A. Wertheim ist diese« Dazwischentreten des Vorstandes des Geschäftsdiener- und Packervereins jedenfalls sehr angenehm gewesen; denn immerhin verursacht die Einführung des Wochenlohnes für die Firma— so erklärte dieselbe— einen Teil technischer Schwierigkeiten und Einstellung von Personal, welches die Berechnung der Wochenlöhne vorzunehmen hätte. Für die An- gestellten wäre aber die Einführung des Wochenlohnes ohne weiteres ein Vorteil gewesen und ein langersehnter Wunsch wäre damit für die- selben erfüllt worden. Wegen der Bezahlung der Ueberstunden, die früher von Sl/z. jetzt von 9 Uhr berechnet werden, erklärte die Geschäfts- leitung, daß'eine Neuregelung der Ueberstundenarbeiten eingeführt werden soll, die aber keinesfalls Verschlechterungen für die An- gestellten bringt. Die bisher gewährten 3 M. Zehrgelder für die Schaffner, welche die auswärtigen Touren fahren, sind in eine Pauschalsumme von IS M. monatlich umgewandelt worden. Diese 15 M. monatlich erhalten alle ständigen Schaffner, auch wenn die- selben nicht den Titel„Oberichaffner" besitzen. Die Geschäftsleitung erklärte dann den Verbandsvertretern gegenüber ausdrücklich, daß sie ihren Angestellten keinerlei Schwierigkeilen wegen der Zugehörigkeit zur Organisation in den Weg lege. Es sei ihr ganz gleich, welcher Organisation dieselben angehören. In der Diskussion wurde dann vor allem sehr scharf das unfaire Verhalten des Vorstandes der Packervereinigung verurteilt. Aus dem Fleischergewerbc. Der Fleischermeister L a m p- recht, Herzbergstr. 32, weigert sich, den Tarifvertrag der Organi- sation anzuerkennen. Der Betrieb ist für organisierte Fleischer gesperrt. Zentralverband der Fleischer. Die Tarifkommiffion. Achtung, Gastwirtsgchilfen! Mit dem Inhaber des Restaurants „Bismarckshöhe" in W e r d e r a. H., Herrn Altenkirch, sind Differenzen ausgebrochen. Herr A. lehnt jede Vereinbarung init der Organisation mit der Begründung ab, genügend geschultes Personal zur Verfügung zu haben. Herr Allenkirch hat seine An- gestellten bis jetzt fast ausschließlich durch gelbe Bereinigungen be- zogen. Die bei ihm bestehenden Lohn- und Arbeitsbedingungen sind die denkbar ungünstigsten und entsprechen in keiner Weise dem. von der Organisation überall eingeführten Minimaltarif. Auf dicsen Zustand wurde der Verband von verschiedenen Seiten aufmerksam gemacht. Am IS. Februar er. haben Vertreter der unterzeichneten Organisation Verhandlungen mit Herrn A. angebahnt, die ihn ver- anlassen sollten, einen Teil von den zur Einstellung gelangenden Kellnern vom kostenlosen Arbeitsnachweis des Verbandes zu beziehen. Bei der Verhandlung erklärte Herr A., eine bindende Zusage nicht machen zu können, bevor nicht im„Gastwirteverein Werder und Um- gegend" mit seinen Kollegen eine diesbezügliche Aussprache statt- gefunden habe. In seiner Sitzung am 20. Februar er. hat dieser Verein sich mit der Frage beschäftigt und dann dem Verband folgendes Schreiben zugehen lassen: Unterzeichneter Verein teilt Ihnen ergebenst mit, daß Sie in diesem Jahre nicht mit einer Indienststellung Ihrer Mitglieder rechnen können, da wir un« nicht binden wollen und andererseits uns bekanntes und geschultes Personal genügend zur Verfügung steht. Am 26. März er. verhandelten die Vertreter des Verbandes mit verschiedenen Gastwirten in Werder, um von den einzelnen eine Erklärung zu erhalten, inwieweit sie sich durch den Beschluß ihre« Vereins gebunden fühlen. Einige der größeren Lokalinhaber haben trotz des Beschlusses beim Verband Bestellungen aufgegeben. Im Gegensatz hierzu erklärte Herr Altenkirch, eS ganz entschieden ablehnen zu müssen; er verzichte darauf, mit dem Verband in Ver- bindung zu treten. Herr Altenkirch vertritt den Herr- im- Hause- Standpunkt und will sich von niemandem Vorschriften über die Arbeitsbedingungen der Angestellten machen lasten. Der Bettieb„Bismarckshöhe" ist für organisierte Gehilfen gesperrt. Verband der Gastwirtsgehilfen.'Ortsverwaltung Berlin . Deutsches Reich . De« Stolper Arbeitern im Speditionsgewerbe ist eS gelungen, nach einem dreitägigen Streik eine Lohnerhöhung von 1 M. für dieses Jahr und 50 Pf. mehr im Jahre 191S zu bekommen. Allerdings hätte bedeutend mehr erzielt lverden können, wenn die Ar« beiter eines Betriebes etwas mehr Rückgrat gezeigt hätten. Daß die Stolper Spediteure auch das Jainmern verstehen, beweist fol- gendeS Schreiben, das die Verwaltung des Transportarbeiter- Verbandes von dem Vorsitzenden der Unternehmervereinigung erhielt: In Erwiderung auf das an die hiesigen Spediteure und Möbelttansporteure gerichtete Schreiben vom 24. Februar ge- statte ich mir Ihnen als Vorsitzender des Vereins Stolper Spediteure und Möbcltransporteure mitzuteilen, daß laut heutigein Beschluß die sämtlichen Mitglieder unserer Vereinigung es ab- lehnen, überhaupt iir eine Verhandlung mit dem Transport- arbeiterverband, betreffs Abschluß eines Tarifvertrages ein- zutreten. Die sozialen Lasten, welche fett Jahren unserem Gewerbe auferlegt sind, neuerdings durch die Angestellten- Versicherung sowie durch die erhöhten Invaliden» und Krankenkaffenbeiträge, macht es unseren Mitgliedern unmög- lich eine weitere Belastung der Unkosten auf ihre Schultern zu nehmen. Fernerhin haben wir nach Rundftageu bei verschiedenen Verbänden nur die Ansicht gewinnen können, daß die mit dem Transportarbeiterverbande abgeschlossenen Tarifverträge zu llnzu- träglichkeiten geführt haben und es den-meisten Betrieben unmög- lich machen, in Ruhe ihr Gewerbe auszuführen, da bei Ablauf neue Forderungen gestellt werden, die es uuS unmöglich machen, überhaupt noch konkurrenzfähig zu bleiben. Hochachtungsvoll Emil Freundlich. Wie mag Herr» Freundlich nun zu Mute sein, nachdem seine übrigen Kollegen die Forderungen der Arbeiter anerkannt haben. Insgesamt waren an dem Streik 31 Arbeiter beteiligt. Sämtliche organisierten Sattler der Militäreffcktenfabrik Ahrcndt in Hamburg sind ausständig, weil die Firma jede Lohnauf- besserung und Arbeitszeitverkürzung ablehnte und sich strikte weigert, mit den Vertretern des Verbandes zu verhandeln. Zwei Chnstliche, die vorher arbeitswillig toaren, haben nun auch den kleines Zeuilleton. Halbes„Jugend" für dir Arbeiterjugend Verbote»! Am Sonn- tag. den 5. April er., sollte das Halbesche LiebeSdrama„Jugend" vor der arbeitenden Jugend Berlins aufgeführt werden. Der Polizeipräsident v. Jagow hat jedoch die Aufführung verboten und zwar mit folgender Begründung: „Bei aller Wertschätzung des DramaS, gegen dessen Aufführung vor einem erwachsenen Publikum keinerlei Bedenken erhoben werden können, muß ich die Genehmigung für eine besondere Jugendvorstellung versagen. Die Wirkung deS Stückes auf unreife Personen kann nur derart sein, daß sie den Jntereffen der öffentlichen Ordnung, insbesondere der Jugenderziehung wider- streitet." Das Verbot und seine Begründung ist mehr als eigentümlich. ES handelt sich um eine Aufführung vor der schulentlaffenen Ar- beiterjugend, und eS heißt den Berliner Gemeindeschulen ein schlechte« Zeugnis ausstellen, wenn man die Schulentlassenen samt und sonderö als unreife Personen bezeichnet. Noch eigentümlicher ist die Behauptung, daß die Wirkung deS Stückes den Interessen der Jugenderziehung und damit den Interessen der öffentlichen Ordnung widerstreiten soll. Gegen dieses neueste polizeiliche Verbot wird natürlich Be- schwerde erhoben werden. Lachs Matthäus-Pasfion und der Berliner BolkS-Chor. Musik- werke von ausgesprochen kirchlichem Charakter einem aufgeklärten Arbeiterpublikum nahe zu bringen, mag bei gewiffen Schichten der vermuckenen Gesellschaff noch immer„anstößtg" erscheinen. Aller Widersinn findet indes seine einfache Lösung in unserer prinzipiellen Stellung zur Kunst im allgemeinen und zur Musik im besonderen. Jeglichen Zwecken, denen sie tributär geworden, entrückt, kann sie »och immer, oft erst recht, ihren vollen Werl offenbaren; denn sie ist gemäß einer Erklärung ihres inneren Wesens nach Wagner „Religion" ganz für sich. So vermag uns auch die Bachsive Paisionsmusit als einer der höchsten Gipfel im Reich der Töne Gewinn verheißender Bekanntschaft würdig genug erscheinen. ES fragte sich nur: in welcher Form und Gestalt. Die Aufführung im Konzertsaal bedingt ja von vornherein bestimmte Gesichtspunkte. Der durchaus kirchliche Stil der PaisionSmusik bleibt unbestritten, selbst dann noch, wenn sie textlich um eine Anzahl von Chorälen usw. verkürzt wird. An solchen sind nämlich fünfzehn, an madrigalischen Texten achtundzwanzig vorhanden; und was die Arien angeht, so übertreffen sie an Menge, musikalischen Schönheiten und Ausdrucksmitteln alle anderen Bachschen Werke. Daß die Paffion etwa durch Kürzungen oder Beseitigung„der allzuheffigen, in ihr aus- oedlückten Affekte" total„verweltlicht" werden könnte, war nicht zu befürchten; denn sie wirkt weder„opernhaff" noch.widerig" in der Kirche— was emige zeitgenössische Kritiker Bach vorgeworfen Hab«». Die Gestalt, in der sie nun im Saale der„Neuen Welt" auf- geführt wurde, darf wohl jtder Bachianer anerkennen. Dadurch hat nicht nur die Handlung mancherlei Weitschweifigkeiten verloren, sondern das ganze Werk an �dramatischer Wucht gewonnen. Jetzt ttitt deffen Architektonik und Fülle an innerlichem Glanz erst so recht plastisch zutage. Diese maßvolle Vereinfachung vertrug sich mit ge- meffener Beichränkung des ohnedies ungeheuren Apparates gar wohl. Das Orgel-Harmonium. anstatt zwei großer Orgeln, hatte den Vorzug, die Chöre und Solisten nicht zu erdrücken. Mit dem verstärkten Blüthner- Orchester zusammen ließ sich ja doch eine imposante sinfonische Wirkung erzielen. Wenn man vollends die eminenten Schwierigkeiten erwägt, die sich einer halbwegs angängigen Aufführung entgegenstellen, dann hat der Volks-Chor diesmal eine gesangskünstlerische Leistungs- fähigkeit erwiesen, die meines Erachtens selbst die bei Beethovens „Neunter" weit überragt. Neben einer straffen Präzision, die allenthalben bis zum Schlüsse die Direktive behielt, offenbarte sich eine bewundernswerte Reinheit, wie Klarflüssigkeit, Kraft und innige Zartheit des gewaltigen Slimmkörpers, wie solche nicht leicht anderSwo zu hören sein wird. Alle Chöre wurden in bewegtem Tempo genommen. Einzelne Ausbrüche erbrausten geradezu elementar. Den mächtigen Eindruck erhöhten die zum größten Teil herrlichen Gesangsdarbietungen der Solisten, allen voran: Paul Bauer (Evangelist), Paula Weinbaum, dann Lucie Haehnisch. Werner Engel lChristus) und Emil Severin. Am Cembalo und am Jbach-Flügel saß Wilhelm Scholz ; am Orgel-Harmonium Paul Rohrbach und Konzertmeister Lambiffon spielte die Geigensoll mit wundervollem Ton. Die höchste Anerkennung verdient aber der Dirigent Dr. Ernst Zander. Seiner unermüdlichen Arbeit verdankt der VolkS-Chor da« Hohe Maß solcher Leistungen. Die Aufführung nahm trotz der Einschnitte immerhin noch fast drei Stunden in Anspruch. Nächstens wird das Werk vom Kartell der freien Volksbühnen gegeben werden. Also ist Gelegenheit, eS wiederholt zu hören, ok. Künstlerische Reklame? lieber den Gendarmenmarkt trotten im Gänsemarsch vier Männer, die einiges Aussehen erregen. Es sind Arbeitslose in schlechter Kleidung, aber mit einem grellfarbigen Zylinder auf dem Kopf und Plakaten vor der Brust, auf dem Rücken. Man lächelt spöttisch über das mürrische Aussehen der Leute. Vor einer Bedürfnisanstalt machen sie halt. Einer verschwindet, um ein kleines Geschäft zu erledigen. Nachdem er wieder erschienen ist, formiert sich der Zug von neuem und trottet der Friedrichstraße zu. Sehr originell ist die Sttaßenreklame des Künstlerfestes„Maske und Paletie" gerade nicht. Sie ist so primuiv und billig wie möglich. Und sie wirkt in der Hauptsache aufteizend. Da stapfen in zerrissenem Schuhwerk, aber mit ziegelroten Zylindern auf den Köpfen, Arbeitslose im Regenwetter straßauf, straßab. Man hal ihnen nichts von ihrer Schäbigkeit genommen. Man hat sie nicht in«ine bessere Kluft gesteckt, denn das wäre originell, wenn nicht gar human gewesen. Man hat ihnen nur„ulkige" Zylinder auf- gestülpt und geschmacklose Plakate umgehängt. Arbeitslose Männer, die schwere Entbehrung leiden, wecken in den Straßen das Interesse für ein Fest, das dem Besitzend« Gelegenheit gibt. Geld, recht viel Geld, auszugeben. Die Not des Proletariers, die in ihrer Gröuzen- losigkeit nach dem erstbesten greift, ruft zu einem Vergnügen, das zwölf Tage lang den satte» und„humanen" Bürger in einen Strudel von Farbe und— Laune herabzieht. Theater. Kammerspiele: Die gelbe Jacke, Schauspiel aus dem Chinesischen; bearbeitet von Hazelton und B e n r i m o. Da« Stück, von New Uork herübergekommen, will einen amüsant ethnographischen Anschauungsunterricht chinesischer Dramatik und Darstellungsweise geben. Der Text, erklären die Bearbeiter, sei eine nur abkürzende Zusammenziehung chinesischer Originalszenen, die denselben alten Sagenstoff behandeln; gleichzeitig hätten sie ver- sucht, das ganze Drum und Dran des heuligen chinesischen Schau- spielstiles wiederzugeben. Von Ansätzen zu tieferer Verinnerlichung. wie sie in einer von Reinhardt vor Jahren ausgeführten Japaner- tragödie so stark hervortraten, ist in der„gelben Jacke" nichts zu spüren. Keine seelischen Konflikte, keine Charaktere, keine gegliederte Handlung, noch einprägsame Bildlichkeit der Sprache. Der Dichter ivendet sich an ein ganz naives Publikum, das an stofflicher Bunt- heit und Abenteuerlichkeit der Vorgänge völlig Genüge findet und auf die einfachsten und gröbsten Reize mit immer williger JllusionS- kraft reagiert. Reinhardts und seiner Schauspieler Kunst lehrte die Komik dieser Priinittvitäten wirtsam und dennoch ohne Ausdring- lichkeit hervor, erfreute den Blick in den Liebesszenen durch annml- volle Bilder, aber der Eindruck litt unter der Länge der Zeit. Viktor Arnold fungierte mit ausgezeichneten, Humor als offizieller Erklärer. Im Hintergrund, bei ein paar Musikanten sitzend, hatte er bei iedem imaginären Szenenwechsel vorzutreten und dem Publikum mit Verbeugungen mitzuteilen, tvaS es sich im Augenblicke für einen Schauplatz vorzustellen habe, ob ein Zimmer im Palast des Königs Wu, ob Garten, Hütte, Strom, Berge oder ob ein Liebesnest. In den Zwischenakten, nach Fallen des Vorhangs hielt er Ansprachen von orientalisch überquellender Höflichkeit zum Ruhm der weisen Hörerschaft und zur Entschuldigung des Stückes. Sehr drollig assistierte ihm Schildlrauts lang gezapfter chinesi- scher Theatermeister, der unverbrüchlich ernst die Requisiten diri- gierte, Stühle und Bäume stellte, mit vorgestrecktem Arm Türen markierte und Rissen brachte, wenn jemand auf der Bühne knien wollte. schlimme Taten passieren. WuS Nebenfrau und ihre Jose, zwei zierlich trippelnde, doch höchst verworfene Wesen, von Leopoldine Konstantin und Johanna Terwin vorzüg- lich dargestellt, haben den hochherzigen Fürsten verleitet, die Er« mordung seiner guten Hauptfrau zu verlangen. Der wackere Bauer, der dazu beordert ist, schlägt aber statt der Königin der bösen Zofe den Kopf ab. Jene sieht man, nachdem sie ihr Söhnchcn dem Schutz der Götter anvertraut hat, ein» Leiter(die Himmelsleiter) in die Höhe klettern. Bon Bauern aufgezogen, herrlich cmporgebliiht zieht der verwaiste ÄönigSsprotz, dem man das Geheimnis seiner Abkunft verheimlicht, in die Fremde. Prinzessin Pflaumenblüte, an deren Fenster er vorüberschreitet, verliebt sich sterblich auf der Stelle in da« hübsche Bürschchen. Aber ehe die beiden jungen"eul- che» stimmungsvoll aus dem Kirchhof sich ewige Treue schwören» ! Ii
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten