PERSPEKTIVE| FES BELGRAD Gewerkschaften in Serbien Vor der Wahl BOJAN LADJEVAC Oktober 2011 Im Frühjahr 2012 wird in Serbien gewählt, doch der VorWahlkampf hat schon jetzt begonnen. Überraschend für die politischen Akteure wie auch für viele Gewerkschaftsmitglied er hat sich Ljubisav Orbovi ć , der Vorsitzende der größten und einflussreichsten serbischen Gewerkschaft, zu Wort gemeldet und ein stärkeres politisches Engagement der Gewerkschaften angekündigt. Selbst die Gründung einer eigenen gewerkschaftsnahen Partei schloss er dabei nicht aus. Der Bund der Unabhängigen Gewerkschaften Serbiens (SSSS), dem Orbovi ć vorsitzt, ist aus der ehemaligen kommunistischen Einh eitsgewerkschaft hervorgegangen und vertritt nach eigenen Angaben etwa 400 000 Arbeitnehmer(2003 waren es noch 850 000). Es gelang dem Dachverband, trotz der politischen Umwälzungen der letzten Jahre seinen landesweit gestreuten Immobilienbesitz zu erhalten und sein formelles Mitspracherecht in den tripartitisch besetzten Gremien auszuüben. Für die kleineren Reformgewerkschaften, die sich in den neunziger Jahren abgespalten oder neugegründet hatten, war die SSSS ein Instrument des Milosevi ć -Regimes. Nach dem Sturz des Diktators allerdings steht es um die Beziehungen der Gewerkschaft zu der von der Demokratischen Partei(DS) geführten Regierung nicht besonders gut. Gleichwohl wird ihre»Repräsentativität« sowohl von den anderen gewerkschaftlichen Dachverbänden als auch von den staatlichen Institutionen uneingeschränkt anerkannt. Orbovi ć begründete den seiner Meinung nach»unumgänglichen« Entschluss, sich in den Wahlkampf einzumischen, mit der Machtlosigkeit der Gewerkschaften, denen es trotz ihres enormen Einsatzes nicht gelungen sei, spürbaren Einfluss auf die Entscheidungsprozesse im Land zu nehmen und die Interessen der Arbeiterschaft wirksam zu vertreten. Die Machtlosigkeit der Gewerkschaften ist klar ersichtlich. So feiert es der Wirtschafts- und Sozialrat des Landes, ein tripartites Gremium aus Vertretern der Arbeitnehmer, der Arbeitgeber und des Staates, dem bei der Erörterung der einschlägigen Gesetzesentwürfe eine beratende Rolle zukommt, bereits als Erfolg, dass ein Mindestlohn von umgerechnet 180 Euro pro Monat festgesetzt wurde, von einem Euro pro Stunde also. Die Machtlosigkeit zeigt sich aber auch daran, dass es den Dachverbänden trotz der Unzufriedenheit der serbischen Arbeiter nicht gelingt, Massenproteste zu org anisieren. Zwar gibt es immer wieder einz elne Streiks, Besetzungen, Straßen- und Bahnblockaden; bedeutsamere Aktionen, die Solidarität und Stärke der Arbeiterschaft demonstrieren könnten, kommen jedoch nicht zustande. Mit Aussagen über Art und Umfang des künftigen politischen Engagements der SSSS hielt man sich bislang eher zurück, da die notwendigen Beratungen innerhalb der Gewerkschaften noch nicht abgeschlossen seien. Denkbar sind jedoch drei Szenarien: Entweder die Gewerkschaft lässt sich als neue politische Partei registrieren und stellt das Vertrauen ihrer Mitglieder in den kommenden Wahlen auf die Probe. Oder sie unterstützt im Wahlkampf öffentlich eine der bereits existierenden politischen Parteien. Oder sie betreibt eine viel aktivere Lobby-Politik bei den politischen Institutionen, etwa im nationalen Parlament. 1. Auf den ersten Blick scheint die Gründung einer politischen Partei durch die Gewerkschaften die historische Genese der Sozialdemokratie in Deutschland, vor allem aber in England nachzuvollziehen; hier wie dort verstanden sich sozialdemokratische Parteien und Gewerkschaften als die beiden zusammengehörenden Basisorganisationen der Arbeiterbewegung. Der Schein trügt jedoch, da sich die deutsche und die eng-
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