PERSPEKTIVE Die Binnenmarktakte Ein sozialer Weg zu einer wettbewerbsfähigen Marktwirtschaft? EVELYNE GEBHARDT UND CARA STAUSS November 2011 Der europäische Binnenmarkt ist einer der größten weltweit. 500 Millionen Bürger und Bürgerinnen haben innerhalb der Europäischen Union(EU) freien Zugang zu Dienstleistungen, Waren und Kapital sowie die Wahl, in jedem der 27 Mitgliedstaaten zu leben, zu arbeiten oder zu studieren. 1992 wurde der EU-Binnenmarkt vom damaligen Kommissionspräsidenten Jacques Delors ins Leben gerufen und feiert demnach im nächsten Jahr sein 20-jähriges Bestehen. Die Auswirkungen der Globalisierung, des technischen Fortschritts und des Auftretens neuer globaler Akteure haben die Spielregeln verändert. Im Laufe der Zeit haben sich Asymmetrien zwischen der sozialen Sicherung auf nationaler und der Marktintegration auf supranationaler Ebene aufgebaut. Die daraus entstehenden Reibungen führen zu einer ablehnenden und ernüchterten Haltung gegenüber der Marktöffnung. Es ist höchste Zeit, die Regelungen des EU-Binnenmarktes an die Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts anzupassen, damit sein ganzes Potenzial zur Geltung kommen kann. Doch wie kann der Binnenmarkt neu belebt werden? In seinem Bericht»Eine neue Strategie für den Binnenmarkt« vom Mai 2010, untersucht Mario Monti, früherer EU-Kommissar für Wettbewerb und designierter Ministerpräsident Italiens, die heutigen Herausforderungen zur Wiederbelebung des Binnenmarktes. Die erste Herausforderung besteht folglich im nachlassenden gesellschaftlichen und politischen Rückhalt für eine Integration der Märkte in Europa. Dem europäischen Binnenmarkt wird mit Unbehagen und Argwohn begegnet. Zum einen existiert eine gewisse»Integrationsmüdigkeit«, die die Lust auf ein Mehr an Europa und einen einheitlichen Markt schwinden lässt. Zum anderen geht damit auch eine»Marktmüdigkeit« einher, die einen Vertrauensverlust hinsichtlich des europäischen Marktes kennzeichnet. In der ungleichen politischen Gewichtung der verschiedenen Komponenten, die einen nachhaltigen und funktionstüchtigen Binnenmarkt ausmachen, besteht die zweite Herausforderung. Die Ausweitung des Binnenmarktes ist ebenso wenig abgeschlossen wie das Vorhaben, den Binnenmarkt als einen Raum der Freizügigkeit und Chancengleichheit zu etablieren. Aufgrund der Prioritätensetzung auf die europäische Erweiterung, die Währungsunion und die institutionelle Reform, wurde der Erweiterung und Vertiefung des Binnenmarktes in den letzten Jahren nicht genügend Beachtung geschenkt, was Monti als dritte Herausforderung darstellt. Monti schlägt vor, viele Politikfelder, die traditionell eher nicht mit dem Binnenmarkt in Verbindung gebracht werden, in eine Gesamtstrategie für den Binnenmarkt einzubinden. Erstens müssten Initiativen zur Stärkung des Binnenmarktes vorgestellt werden, zweitens Initiativen zur Herbeiführung eines Konsenses über die Stärkung des Binnenmarktes und drittens Initiativen zur Durchsetzung eines gestärkten Binnenmarktes. Auch der Europaabgeordnete Louis Grech(S&D) fordert in seinem»Bericht über die Schaffung eines Binnenmarktes für Verbraucher und Bürger« im Mai 2010, dass zur Wiederbelebung des Binnenmarktes ein gemeinschaftlicher, ganzheitlicher Ansatz verfolgt werden muss. Die Bedenken der Verbraucher und Bürger sollen vor allem hinsichtlich sozialer, wirtschaftlicher, ökologischer und gesundheitlicher Aspekte umfassend in einen wiederbelebten Binnenmarkt integriert werden.»Es muss das richtige Maß gefunden werden zwischen einer offenen Wirtschaft, die in der Lage ist, Wirtschaftswachstum und Beschäftigung anzukurbeln, und einem Wirtschaftswachstum, das in der Lage ist, für Verbraucherschutz und
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Die Binnenmarktakte : ein sozialer Weg zu einer wettbewerbsfähigen Marktwirtschaft?
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