PERSPEKTIVE Finanztransaktionssteuer Sinnvoll, machbar, überfällig CARSTEN SIELING März 2012 Was im Jahr 2008 als weltweite Finanzkrise begann und sich zur Wirtschaftskrise entwickelte, erlebt – zumindest in Europa – seinen vorläufigen Höhepunkt in der Destabilisierung der Staatsfinanzierungen. Ihre Ursachen liegen in weltweit liberalisierter Regulierung und Aufsicht als Ergebnis einer marktradikalen Ideologie, bei der es nur um die Maximierung von Profit, Kapitalrenditen und höchstmögliche Boni ging und die die ursprüngliche, dienende Funktion von Finanzmärkten für das Gemeinwohl vollständig ignorierte. Die Basis bildet eine riesige Geldmenge, die auch Ergebnis der Umverteilung zugunsten der Unternehmensgewinne und zulasten der Arbeitseinkommen ist. Zwischen den Jahren 1990 und 2010 hat sich das Volumen der globalen Finanzmarktgeschäfte vom Siebenfachen auf das 26-fache des weltweiten Bruttoinlandsprodukts(BIP) aufgebläht. Tendenz: weiter steigend. Gleichzeitig wuchs die Größe und Vernetzung der Akteure untereinander. Infolge der Krise stieg die öffentliche Verschuldung in den EU-Staaten von weniger als 60 Prozent des BIP im Jahr 2007 auf 80 Prozent in den darauffolgenden Jahren an. Der Finanzsektor erhielt erhebliche finanzielle Unterstützung vonseiten der Regierungen. So wendeten die EU-Mitgliedstaaten 4,6 Billionen Euro zur Rettung des Finanzsektors auf. Zusätzlich profitiert der Finanzsektor in den vergangenen Jahren von niedrigen Steuern. Er kommt aufgrund der Mehrwertsteuerbefreiung auf Finanzdienstleistungen jährlich in den Genuss von Steuervorteilen in Höhe von ca. 18 Milliarden Euro. Diese regulatorischen Bevorteilungen des Finanzsektors belasten zunehmend auch das realwirtschaftliche Wachstum. Europa steht am Scheideweg: Schafft es die Politik, der Spekulation gegen die Krisenländer Einhalt zu gebieten und den europäischen Staaten wieder eine echte Wachstumsperspektive zu geben? Ein Instrument, das in diesem Zusammenhang immer wieder diskutiert wird, ist die Finanztransaktionssteuer. Sie ist – ähnlich wie die deutsche Mehrwertsteuer 1 – eine Verkehrssteuer auf alle Finanztransaktionen. Mit ihr werden alle börslichen und außerbörslichen Transaktionen, d. h. jeder Kauf oder Verkauf von Aktien, Devisen, Derivaten, Wertpapieren, Anleihen und anderen Finanzprodukten, besteuert. Sie schlägt damit zwei Fliegen mit einer Klappe: Einerseits verteuert sie die Spekulation. Im Bereich des Hochfrequenzhandels schichten auf Algorithmen basierende, extrem schnelle Hochleistungscomputer tausendfach Wertpapiere in Nanosekunden um. Allein die Menge der Transaktionen generiert den Gewinn. Schlägt die Steuer aber bei jedem einzelnen Geschäft neu zu Buche, wird das die Gewinne der Trader empfindlich schmälern und die Geschäfte damit unattraktiver machen. Andererseits hat sie auch eine erhebliche fiskalische Wirkung. Eine Finanztransaktionssteuer würde helfen, einen Teil der Kosten dort wieder hereinzuholen, wo die Spekulation die schlimmsten Blüten trieb. Studien belegen allein für Deutschland ein mögliches jährliches Aufkommen in Höhe von bis zu 20 Milliarden Euro. 2 Die Diskussion um die Besteuerung von Finanztransaktionen ist nicht neu. James Tobin hat schon vor Jahrzehnten eine Steuer auf Devisentransaktionen vorgeschlagen. Einige Staaten haben schon lange ähnliche Steuern. So erhebt Großbritannien seit 1694 eine Steuer auf Wertpa1. Exakter ausgedrückt entspricht die Finanztransaktionssteuer der Grunderwerbssteuer, die auch auf jeden Handelsvorgang und nicht – infolge des Vorsteuerabzugs bei der Mehrwertsteuer – nur auf die Wertschöpfung anfällt. 2. Schulmeister, Stephan(2009): Die Finanztransaktionssteuer – Konzept, Begründung, Effekte. In: Informationsbrief Weltwirtschaft& Entwicklung.
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten