Ausgabe 01 / 2011 Policy Brief Direkte Demokratie sozial gestalten Autorinnen und Autoren: Heiko Giebler, Wolfgang Gründinger, Julian Junk, Marcel Lewandowsky, Christian Miesner, Hans-Jörg Schmedes, Jasmin Siri, Katrin Schömann D ie Geschichte der Sozialdemokratie ist eng mit Fragen erweiterter Partizipation verbunden. Vom Kampf für ein universelles Wahlrecht über die Kritik an Honorationsparteien bis hin zur Teilhabe von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Unternehmen: immer spielte eine voranschreitende Demokratisierung der politischen und gesellschaftlichen Sphäre zur Herstellung von Gleichheit und Emanzipation eine herausragende Rolle. Entsprechend scheint es nur konsequent, dass die Soziale Demokratie und die europaweit mit ihr verbundenen Parteien und Akteure nicht in einem durch gesellschaftliche Entwicklungen veralteten Status quo verharren. Vielmehr sollten Partizipation und Teilhabe zeitgemäß und sozial bewusst hinterfragt werden. Dieser Policy Brief fasst die aktuelle Diskussion in der Öffentlichkeit(1.) und der SPD(2.) zusammen. An einigen Punkten formulieren wir Bedenken und geben Hinweise zu ihrer Lösung(3.). Wir wollen dazu anregen, direkte Demokratie stärker sozialdemokratisch zu denken und darauf zu achten, dass die Ziele sozialdemokratischer Politik in der konkreten Umsetzung direktdemokratischer Entscheidungsfindungsverfahren mitbedacht werden. Die lokale Einbettung vor Ort in den Kommunen(keep it local) sowie einfache und verständliche Politikkommunikation (keep it simple) sollten hierbei Berücksichtigung finden. Soziale Repräsentativität sollte in direktdemokratischen Verfahren in jedem Fall gesichert werden. 1. Direkte Demokratie – Eine Standortbestimmung Bürgerbegehren und Bürgerproteste sind wieder allgegenwärtig. Zunächst sorgte der Volksentscheid in Hamburg für Aufsehen, bei dem die Bürgerinnen und Bürger Teile einer über Parteigrenzen hinweg beschlossenen Schulreform ablehnten. Wenig später machte das Bauprojekt„Stuttgart 21“ Schlagzeilen und auch die Anti-Atomkraftbewegung erlebte eine Renaissance. Wie jüngst eine Studie der Bertelsmann-Stiftung gezeigt hat, wünscht eine Mehrheit der Bevölkerung ein höheres Maß an politischer Beteiligungs- und Mitsprachemöglichkeit. Diese Forderungen sind auffallend stark jenseits des Urnengangs zu beobachten. So sind 60 Prozent der Befragten bereit, „sich[...] in Form von Bürgerbegehren, Diskussionsforen oder Anhörungen aktiv in Entscheidungen einzubringen.“ 1 Die Studie weist aber auch nach, dass der Wunsch nach Beteiligung in der Bevölkerung ungleich verteilt ist und vor allem bildungsferne und einkommensschwache Befragte eine geringere Partizipationsbereitschaft zeigen. Die wahrnehmbare Forderung nach stärkerer Teilhabe geht einher mit einem wachsenden Vertrauensverlust in die reprä-
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