PERSPEKTIVE Europäisches Augenmaß ist gefragt Ein Plädoyer für die Konventsmethode SYLVIA-YVONNE KAUFMANN November 2012 »Europa steht am Scheideweg«. Diese dramatische Lageanalyse ist gegenwärtig wegen der gravierenden Krise innerhalb des Euroraums in aller Munde. In unserer schnelllebigen Zeit ist in Vergessenheit geraten, dass haargenau dieselbe Analyse bereits vor mehr als zehn Jahren Ausgangspunkt für das bislang ehrgeizigste europäische Reformvorhaben war: den»Vertrag über eine Verfassung für Europa«. Von daher lohnt sich ein Blick zurück, wenn es darum geht, mit»mehr Europa« die schwerste Krise in der Geschichte der Europäischen Union(EU) zu meistern. Erfahrung Verfassungskonvent Die umfassende Reformierung der EU, die dringend demokratischer, effizienter und fit für ihre Erweiterung um mehr als zehn Staaten gemacht werden musste, war Ende 2000 in Nizza im Kern gescheitert. Zu gegensätzlich waren die nationalstaatlichen Interessen beim Kampf um Macht und Einfluss in der damaligen»Union der 15«. Statt die Entscheidungsprozesse innerhalb der EU zu vereinfachen, machte sie der wie auf einem orientalischen Teppichbasar ausgehandelte neue Vertrag noch komplizierter. Ungelöstes verblieb erneut als sogenannte left overs. Das Europäische Parlament weigerte sich dann auch, den»Murksvertrag« von Nizza explizit zu unterstützen. Die Mächtigen Europas waren in einer Sackgasse gelandet. Ihre bisherige elitäre Methode, die EU durch geheime Regierungskonferenzen und Gipfeltreffen hinter verschlossenen Türen weiterzuentwickeln, hatte Schiffbruch erlitten. Erfolgreich bewährt hingegen hatte sich zur selben Zeit eine von Rot-Grün maßgeblich mitbeförderte völlig neue Methode europäischer Entscheidungsfindung, ein Konvent. In nur zehnmonatiger Arbeit hatte er im Jahr 2000 die EU-Grundrechtecharta erstellt, den modernsten und umfassendsten Katalog rechtsverbindlicher individueller Grund- und Menschenrechte weltweit. Vor diesem Hintergrund sahen sich die EU-Staats- und Regierungschefs 2001 veranlasst, unter der Überschrift »Europa steht am Scheideweg« ein achtseitiges Dokument zu veröffentlichen: die»Erklärung von Laeken« (Bulletin der Europäischen Union 2001: 21 ff.). 1 In Gestalt von über 60 Fragen wurden erstmals offen diverse Problemlagen und dabei vor allem die in den einzelnen Ländern vorherrschenden kontroversen Vorstellungen über die künftige Gestalt der EU angesprochen sowie die vor ihr stehenden Herausforderungen im 21. Jahrhundert beschrieben. Genau darüber sollte nun erneut ein Konvent befinden. Der Fragenkatalog der»Erklärung von Laeken« bildete das inhaltliche Mandat für den»Europäischen Konvent«, später auch»Verfassungskonvent« genannt. Dieser setzte sich zu mehr als der Hälfte aus Abgeordneten der nationalen Parlamente(56) sowie aus einem Regierungsvertreter je Mitglieds- oder Beitrittsstaat(28; einschließlich der Türkei), 16 Mitgliedern des Europaparlaments und zwei EU-Kommissaren zusammen. Mit insgesamt 13 Beobachtern waren ferner der Ausschuss der Regionen, der Wirtschafts- und Sozialausschuss, die europäischen Sozialpartner sowie der Europäische Bürgerbeauftragte beteiligt. Die 102 Konventsmitglieder nahmen, ebenso wie die(ebenfalls 102) stellvertretenden Mitglieder, Ende Februar 2002 unter dem Vorsitz des ehemaligen französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing und seinen Stellvertretern Jean-Luc Dehaene und Giuliano Amato ihre Arbeit auf. 1. Bulletin der Europäischen Union 12/2001 vom 17.12.2001: 21 ff.
Druckschrift
Europäisches Augenmaß ist gefragt : ein Plädoyer für die Konventsmethode
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten