August 2013 Analysen und Konzepte zur Wirtschafts- und Sozialpolitik direkt Deutschland – ein Wundermärchen Michael Dauderstädt 1 Auf einen Blick Deutschland gilt als die Wirtschaftslokomotive Europas mit geringer Arbeitslosigkeit, gesunden Staatsfinanzen und robustem Wachstum. Aber der Glanz entsteht mehr durch den düstern europäischen Hintergrund als durch eigenen Fortschritt. Tatsächlich ist das Wachstum kaum höher als vor zehn Jahren, als man es den kranken Mann Europas nannte. Kein Wunder: Weder der Arbeitsinput noch die Arbeitsproduktivität haben nachhaltig und/oder schneller zugenommen als der langfristige Trend. Die stolzen Exportüberschüsse zeugen von verschenktem Konsum und unterlassenen Investitionen in Deutschland, die als Grundlagen künftigen Wachstums fehlen. Politik und Medien überschlagen sich mit Lobeshymnen auf die deutsche Wirtschaft, seitdem diese sich in den Jahren 2010 und 2011 rasch von dem tiefen Konjunktureinbruch nach der Finanzmarktkrise 2009 erholt hat. Deutschland ist wieder das Wirtschaftswunderland und der starke Mann Europas. Dass es als eines der wenigen Länder der Eurozone von der Staatsschuldenpanik und den hektischen Austeritätsprogrammen samt ihren katastrophalen Folgen verschont blieb, verstärkt diesen Eindruck noch. Dieses Image kontrastiert scharf mit dem Deutschlandbild, das vor gut zehn Jahren Politik und Medien beherrschte, als das Land als der kranke Mann Europas galt. 2 Aber hat sich tatsächlich Deutschlands Wirtschaft so dramatisch erholt oder hat sich durch die Krise nur die Messlatte, also die Lage in vielen anderen OECD-Staaten, gesenkt? Die Stimmung ist besser als die Lage Vergleicht man die wirtschaftliche Lage heute mit der vor etwa zehn Jahren, so fallen zwei deutliche Verbesserungen auf: Die Arbeitslosenquote ist gegenwärtig niedriger(etwa sieben Prozent gegenüber um zehn Prozent vor zehn Jahren) und der Staatshaushalt nahezu ausgeglichen. Die Zahl der Arbeitslosen ist um etwa 1,4 Millionen gesunken und die Anzahl der Beschäftigten um ca. 2,5 Millionen gewachsen, da die Zahl der Erwerbspersonen ebenfalls
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