Hagen Krämer DIREKT 32/ 2015 DIE VERTEILUNG VON EINKOMMEN IN DEUTSCHLAND:(K)EIN PROBLEM? AUF EINEN BLICK Einkommen sind heute in vielen entwickelten Ländern deutlich ungleicher verteilt als noch vor zwei bis drei Jahrzehnten. Dies hat in letzter Zeit auf internationaler Ebene zu einer intensiven Diskussion geführt. In Deutschland bestreiten einflussreiche Stimmen aus Wissenschaft und Politik, dass es bei der Einkommensverteilung ein Problem gebe. Ist es richtig, dass Deutschland einen Ausnahmefall im Kreis der entwickelten Länder darstellt? Oder hinken Wahrnehmung und Interpretation der Verteilungssituation den empirischen Fakten hinterher? Die Ungleichheit der Einkommensverteilung hat in zahlreichen entwickelten Ländern in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Auf internationaler Ebene wird daher eine intensive Diskussion in Politik und Wissenschaft über das Ausmaß der Ungleichheit, ihre Ursachen und Folgen geführt. Beispielsweise haben die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung(OECD) und der Internationale Währungsfonds (IWF) dem Thema in jüngerer Vergangenheit mehrere Studien gewidmet und die zunehmende ökonomische Ungleichheit als eine der größten Herausforderungen unserer Zeit bezeichnet. 1 Die internationale Debatte über die wachsende Einkommensungleichheit steht in einem bemerkenswerten Kontrast zur Diskussion in Deutschland. Einflussreiche Vertreter_innen aus Wissenschaft und Politik sind der Auffassung, dass die hierzulande existierende Ungleichheit in der Einkommensverteilung kein relevantes Problem darstelle. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung konnte in seinem Jahresgutachten 2014/15„aktuell in Deutschland keine beunruhigenden Entwicklungen hinsichtlich einer sich immer weiter öffnenden Schere zwischen Arm und Reich“ erkennen, weshalb„akut kein wirtschafts- oder arbeitsmarktpolitischer Handlungsbedarf“ bestehe. 2 Die Präsidenten der Wirtschaftsforschungsinstitute äußerten sich auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik in 2015 in ähnlicher Weise. Christoph Schmidt, Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung(RWI) und Vorsitzender des Sachverständigenrates, bezeichnete dort die deutsche Ungleichheitsdebatte gar als ein„gehyptes Thema“. 3 Woran liegt es, dass Deutschlands führende Volkswirte, Leitmedien und weite Teile der Politik kein Problem bei der Einkommensverteilung sehen? Besteht hierzulande tatsächlich kein Verteilungsproblem? Stellt Deutschland etwa eine rühmliche Ausnahme im Kreis der entwickelten Länder dar? Um diese Fragen zu beantworten, wird im Folgenden zunächst ein kurzer Blick auf die Empirie der Verteilung der Einkommen geworfen. 4 Dieser zeigt, dass sich auch in Deutschland die Schere zwischen dem unteren und oberen Rand der Einkommensverteilung in signifikanter Weise geöffnet hat. Anschließend wird der Frage nachgegangen, warum die empirischen Fakten vor allem von Wirtschaftsliberalen anders interpretiert werden. DATEN UND FAKTEN ZUR UNGLEICHHEIT Ein übliches Maß zur Messung der(Un-)Gleichverteilung von Einkommen ist der Gini-Koeffizient. Zwischen 1990 und 2012 stieg der Gini-Koeffizient der Markteinkommen in den OECDLändern im Durchschnitt um etwas mehr als fünf Prozentpunkte an. Auch bei den verfügbaren Einkommen erhöhte sich die Ungleichheit, hier nahm der Gini-Koeffizient um drei Prozentpunkte zu. 5 Abbildung 1 zeigt Veränderungen dieser Messgröße in ausgewählten OECD-Ländern seit Mitte der 1990er Jahre. Der Gini-Koeffizient der Markteinkommen ging in diesem Zeitraum in Australien, Schweden und in den Niederlanden zurück, wohingegen er sich in Kanada, Finnland, Deutschland, Italien, Norwegen und den USA erhöhte. Mit 4,7 Prozentpunkten fiel der Zuwachs in keinem Land dieser >
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