Druckschrift 
Schadet eine ungleiche Einkommensverteilung der Wirtschaft?
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Till van Treeck 36/ 2015 SCHADET EINE UNGLEICHE EINKOMMENSVERTEILUNG DER WIRTSCHAFT? AUF EINEN BLICK Neuere Forschungsergebnisse weisen auf einen ne­gativen Zusammenhang zwischen ökonomischer Ungleichheit und gesamtwirtschaftlicher Entwick­lung hin. Hohe Einkommensungleichheit kann an­gebotsseitig das Wachstumspotenzial schwächen, wenn sie z. B. zu geringeren Ausgaben für Bildung führt. Nachfrageseitig kann sie destabilisierend wirken, wenn der private Konsum zunehmend auf Verschuldung basiert. Auch in Deutschland sollten diese Erkenntnisse in Politik und Wissenschaft stärker berücksichtigt werden. NEUES MEGATHEMA UNGLEICHHEIT Spätestens seit der Veröffentlichung des internationalen Best­sellersDas Kapital im 21. Jahrhundert von Thomas Piketty(2014) ist die Debatte über die mit einer steigenden Einkommens- und Vermögensungleichheit verbundenen Probleme zum neuen Megathema in den Wirtschaftswissen­schaften und in der Politik geworden. Dabei wird in der in-­ter­nationalen Debatte zunehmend die Position vertreten, dass eine steigende Einkommensungleichheit eine zentrale Ursache für geringes Produktivitätswachstum bzw. gesamt-­wirtschaftliche Instabilität sein kann. Die zugrunde liegende wirtschaftswissenschaftliche Forschung wurde insbesondere vom Internationalen Währungsfonds(IWF) 1 und von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Ent­wicklung(OECD) 2 betrieben. In einigen, bis zu den jüngsten Finanz- und Wirtschafts­krisen dominanten Ansätzen in den Wirtschaftswissenschaf­ten wird von einem grundsätzlichen Zielkonflikt zwischen Effizienz und Gleichheit ausgegangen. Insbesondere wurde lange vermutet, dass Maßnahmen zur Umverteilung von Einkom­men notwendigerweise mit Wachstumseinbußen verbund­ en sind(big trade-off hypothesis). Denn nach dieser Sicht­weise reduziert eine höhere Belastung mit Steuern und Ab­­gaben die individuellen Leistungsanreize und behindert damit das Wachstum der Arbeitsproduktivität. Auf wirt­schafts­politischer Ebene war diese Sichtweise verknüpft mit dem Ansatz dertrickle-down economics, wonach eine steuerliche und regulatorische Entlastung von Unternehmen und reichen Privathaushalten letztlich auch für die einkom­mensschwachen Haushalte mit ökonomisch vorteilhaften Ergebnissen einhergehen sollte. Die jüngere internationale Forschung im Bereich der Makroökonomik zieht jedoch diebig trade-off hypothesis in Zweifel und mit ihr den Ansatz dertrickle-down eco­nomics. Dabei können angebots- und nachfrageseitige Argumente unterschieden werden. NEGATIVE ANGEBOTSEFFEKTE DURCH UNGLEICHHEIT Ostry et al.(2014) und Dabla-Norris et al.(2015) unterschei­den die folgenden angebotsseitigen Argumente: Schwächung des Humankapitals: Wenn relativ einkom­­mensschwache Personen nicht in der Lage sind, eine gute Ausbildung und Gesundheitsversorgung zu finan­zieren, reduzieren sich durch die Zunahme von Einkom­­mensungleichheit insbesondere in der unteren Hälfte der Verteilung die Investitionen in Humankapital mit negativen Wirkungen auf das Produktivitätswachstum. Politische Instabilität: Ökonomische Ungleichheit kann zu politischer Instabilität führen, und die damit verbun­dene Unsicherheit für die Marktteilnehmer_innen kann mit geringeren Investitionen und Produktivitätsein­bußen verbunden sein. Zunahme politischer Korruption: Hohe Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen kann dazu führen, dass >