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Neurussland - Geschichte, Gegenwart und Vision
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5. Ausgabe / November 2014 Neurussland Geschichte, Gegenwart und Vision Seit 2001 wird alljährlich im russischen Fernsehen die Sendung Direkter Draht zu Wladimir Putin ausgestrahlt, in der Bürger_ innen Fragen an den Präsidenten stellen können. In der Ausgabe vom 17. April 2014 äußerte sich Präsident Putin zur Lage in der Ukraine auf bemerkenswerte Weise: Es geht vor allem darum, die Rechte und Interessen der russischen und russischsprachigen Bürger im Südosten der Ukraine sicher­zustellen. Ich möchte Sie daran erinnern und benutze hierbei noch die Terminologie der Zarenzeit dass dies Neur­ussland ist: Charkow, Lugansk, Donezk, Cherson, Nikolaev und Odessa waren zur Zarenzeit nicht Teil der Ukraine. Das sind alles Territorien, die der Ukraine in den zwanziger Jahren von der ­sowjetischen Regie­rung über­geben wurden. Weiß Gott, wozu sie das getan haben. Mittlerweile ist der BegriffNeurussland in aller Munde. Sepa­ratist_innen in der Ostukraine fordern einen Zusammenschluss ihrer selbst ernanntenVolksrepubliken unter genau diesem Namen. Doch was steckt dahinter? Die Idee und historische RealitätNeurusslands entstand Mitte des 18. Jahrhunderts. Aber sie hatte eine Vorgeschichte. Die zentrale Bedeutung der Herrschaft Peters des Großen(1682 -1725) lag nicht nur in der Öffnung Russlands nach Westen, sondern vor allem in einem neuen russischen Selbstverständnis. Mit der Amtszeit Peters begann sich das ehemalige Moskauer Groß­fürstentum als ein multiethnisches Imperium zu verstehen, das sich seit 1721 auch offiziell so nannte: Rossiiskaja Imperija. Und wie viele Imperien begann das aus der neuen Hauptstadt St. Petersburg nach Europa blickende Russländische Reich, kolo­niale Expansionspolitik zu betreiben. Doch vor dem Sieg über Napoleon 1812 war Russland noch kein vollwertiges Mitglied im exklusiven Klub der europäischen Groß­mächte. Dass der russische Staatsmann und Kartograph Wasilij Tatischtschew in den 1730er Jahren die weitgehend anerkannte Ostgrenze Europas vom Fluss Don in den Ural verlegte, unter­strich den russischen Anspruch, fortan eine europäische Größe zu sein. Zugleich konzentrierte sich das Imperium verstärkt da­rauf, nach Westen und Süden vorzudringen. Die Entstehung Neurusslands Im Vertrag von Perejeslaw(1654), dessen Jubiläum 1954 als ­Anlass für die Schenkung der Halbinsel Krim an die Ukraine ­dienen sollte, hatte das Zarenreich den Kosakenverbänden noch weitreichende Autonomierechte eingeräumt. Diese wurden im Laufe der folgenden hundert Jahre schrittweise aufgehoben. Auch wenn Katharina die Große(1762 - 1796) in mancherlei Hin­sicht eine auf Toleranz von Minderheiten ausgerichtete P­olitik ­betrieb, forcierte sie zugleich die Vereinheitlichung des expan­dierenden Reiches. Die offenen Steppen sollten entwickelt werden, um den Landmangel in den zentraleren Reg­ ionen auszugleichen und die aufstrebende Großmacht wirtschaftlich und militärisch zu stärken. Mit der Erschließung des Schwarzmeerg­ ebietes sollte das Imperium unwiderruflich in Europa verankert werden. Die neu erworbenen Gebiete waren von Anfang an reale territo­riale Einheit und Mythos zugleich. Zwar wurde die Besiedelung dieses größtenteils offenen Graslandes, so gut es ging, staatlich reguliert; doch in einer Zeit, in der viele russische Bauern noch Leibeigene waren, stand Neurussland auch für die Chance auf einen Neuanfang. Dass Leibeigenen die Umsiedlung offiziell un­tersagt war, hinderte diese nicht, in großer Zahl ihr Glück im Süden zu versuchen. Neu­russland wurde zum Zufluchtsort für entlaufene Leibeigene, verfolgte Minderheiten, schlecht bezahl­te Staats- und Kirchendiener, europäische Siedler und Abenteu­rer aller Art(anfangs in der Tat meistens Männer). © Friedrich-Ebert-Stiftung l Herausgeber: Landesbüro Niedersachsen l Theaterstraße 3, 30159 Hannover l Tel.: 0511 357708-30, Fax: 0511 357708-40 l E-Mail: niedersachsen@fes.de l Verantwortlich: Urban Überschär l Autor: Dr. Stefan B. Kirmse, Osteuropa-Historiker an der Humboldt-Universität zu Berlin l Redaktion: Franziska Schröter l Internet: www.fes.de/niedersachsen l Facebook: FES-Niedersachsen l Twitter: FES_Nds l November 2014 l Gestaltung: Pellens Kommunikationsdesign GmbH l Eine gewerbliche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Landesbüro Niedersachsen