Hartmut Hirsch-Kreinsen 12/ 2016 DIE ZUKUNFT EINFACHER INDUSTRIEARBEIT AUF EINEN BLICK In der Debatte um Industrie 4.0 wird betont, dass einfache Arbeit zunehmend unnötiger werde. Indes spricht nur wenig für eine generelle Erosion industrieller Einfacharbeit. Vielmehr ist ein Wandel dieses Arbeitstypus erkennbar, der durch verschiedene Entwicklungspfade gekennzeichnet ist. Dabei handelt es sich erstens um die Automatisierung und den Wegfall von Einfacharbeit, zweitens um ihre qualifikatorische Aufwertung, drittens um neue Formen digitaler Einfacharbeit und viertens um den strukturkonservativen Erhalt bisheriger Muster von Einfacharbeit. In Hinblick auf die Frage nach den Konsequenzen digitaler Technologien wird unisono davon ausgegangen, dass vor allem einfache und routinehafte Tätigkeiten durch die neuen Technologien bedroht werden und längerfristig weitgehend wegfallen. Dies gilt insbesondere auch für die deutsche Debatte über Industrie 4.0, wo die Auffassung weit verbreitet ist, dass es in Deutschland in wenigen Jahrzehnten keine Jobs mehr für niedrig qualifizierte Arbeiter_innen in der industriellen Produktion geben wird. Die Folgen dieser Entwicklung seien, so die gesellschaftspolitische Befürchtung, nicht nur hohe Arbeitsplatzverluste im Tätigkeitssegment einfacher Arbeit, sondern auch eine steigende Arbeitslosigkeit niedrig qualifizierter Erwerbstätiger, das Anwachsen beschäftigungsloser sozialer Randgruppen und damit eine weiter wachsende Einkommensungleichheit. Letztlich würden dadurch die gesamte ökonomische Entwicklung und die gesellschaftliche Integration und Stabilität bedroht. 1 Sollte dieses Szenario Realität werden, liegt es auf der Hand, dass auf die staatliche Sozial- und Arbeitsmarktpolitik nur schwer zu bewältigende Herausforderungen zukommen. INDUSTRIELLE EINFACHARBEIT Im Folgenden wird gefragt, welche Konsequenzen Industrie 4.0 für die Zukunft einfacher Arbeit im industriellen Sektor hat. Ausgangspunkt dieser Frage ist eine jüngst von Jörg Abel, Hartmut Hirsch-Kreinsen und Peter Ittermann vorgelegte empirische Studie über die Strukturen, die Verbreitung und die Perspektiven von Einfacharbeit in der Industrie. 2 Mit dem Begriff der Einfacharbeit kann eine Tätigkeit bezeichnet werden, die keine einschlägige Berufsausbildung verlangt und nach kurzen Qualifizierungs- oder Einarbeitungsprozessen ausgeführt werden kann. Die Einfacharbeiten sind in der Regel arbeitsplatz- bzw. arbeitsbereichsbezogen; übergeordnetes Wissen und Hintergrundwissen spielen keine oder eine untergeordnete Rolle. Typische einfache Tätigkeiten in der Industrie sind beispielsweise die manuelle Bedienung spezialisierter Werkzeugmaschinen, Tätigkeiten der kurzzyklischen Maschinenbeschickung, repetitive Verpackungstätigkeiten oder monotone Überwachungstätigkeiten sowie sehr viele Lager- und Kommissioniertätigkeiten im Logistikbereich. Ein zentrales Ergebnis der Studie über industrielle Einfacharbeit ist, dass dieser Arbeitstyp bis heute einen überraschend hohen Anteil an der Gesamtbeschäftigung des Verarbeitenden Gewerbes in Deutschland aufweist; folgt man den Daten des IAB-Betriebspanels, so betrug dieser Anteil im Jahr 2013 rd. 23 Prozent. Die Kernbereiche der industriellen Einfacharbeit sind die Herstellung von Gummi- und Kunststoffwaren, die Nahrungs- und Genussmittelproduktion sowie die Metallbearbeitung. Aber auch in qualifikationsintensiveren Branchen wie Maschinenbau, Chemieindustrie und Fahrzeugbau ist sie anzutreffen. Die höchsten Anteile dieses Arbeitstypus finden sich in kleineren und mittelgroßen Unternehmen. >
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