Die Würde des Menschen auf der Flucht Imre Török M enschen sterben in Kriegen, Bürgerkriegen, humanitären Katastrophen, andere können fliehen vor Tod, Terror, politischer und wirtschaftlicher Unterdrückung, fliehen nach Europa, hilfesuchend, schutzsuchend. Flucht und Schutzbegehren gab es stets in der Geschichte, das Ausmaß der Fluchtbewegung wuchs in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts überdimensional an, augenfälliger denn je in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Ab 1976 habe ich über mehrere Jahre hauptberuflich Flüchtlingsarbeit geleistet. Die Menschen flohen zu jener Zeit hauptsächlich aus Südamerika, Afrika, Iran, Fernost, aus der Sowjetunion und Osteuropa, zum Teil kamen sie als Spätaussiedler nach Deutschland. Die Einrichtung, in der ich gearbeitet habe, kümmerte sich um die notwendigen Belange dieser Menschen, darunter Asylanträge, Sprachunterricht, Freizeitgestaltung und bot schließlich Hilfe bei der Arbeitssuche, mit Unterstützung der entsprechenden Behörden. Ende 2014 habe ich eine Reise an die syrische Grenze bei Kobanê unternommen, habe mich dort über die Situation informiert, nicht zuletzt in Flüchtlingscamps. Auf meine Erfahrungen, Eindrücke und Gedanken an der„Pforte der Hölle“ werde ich ausführlicher eingehen. Eine weite Lebensspanne, um sich mit Fragen der Würde des Menschen auf der Flucht auseinanderzusetzen. In all den Jahrzehnten galt und gilt auch heute die von der UN-Generalversammlung 1948 verabschiedete„Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“, deren Artikel 14 unmissverständlich sagt:„Jeder hat das Recht, in anderen Ländern vor 22 Kapitel 1 Imre Török Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen.“ Exil werden die wenigsten Menschen„genießen“(im englischen Text der UN-Deklaration der Menschenrechte„to enjoy“) und der weite Weg in ein aufnahmebereites Land gleicht einem Spießrutenlauf, einem tödlichen Kampf mit den Elementen. Das Mittelmeer, das Mare Nostrum des antiken Römischen Reiches und des heutigen Europas, ist zu einem„Mare Monstrum“ der Gegenwart geworden, ein Massengrab elendig ertrunkener Asylsuchender. Zu lange gefiel sich Europa in der bequemen Rolle, die Schuld am Massensterben einzig dem miesen Milliardengeschäft der Schlepper anzulasten, statt selber Milliarden in die Hand zu nehmen, um zügig menschenwürdige Lösungen zu erarbeiten. Auch auf der sogenannten Balkanroute, auf der lebensgefährlichen Überquerung des Meeres zwischen der Türkei und Griechenland, auf dem Leidensweg ins christliche Mitteleuropa, wurde die Würde der Flüchtenden alsbald nationalen Eigeninteressen geopfert. Die schätzenswerte Willkommenskultur in Deutschland und in einigen anderen Ländern musste andernorts nationalistischer Willkür weichen. Rechte und rechtsextreme Demagogen gewinnen nun in weiten Teilen des Kontinents die Oberhand, und das Abendland gestaltet sein selbstverschuldetes Desaster. Bei der„Neuerfindung“ des Stacheldrahts gegen Fliehende übernahm Ungarn die Vorreiterrolle. Mittlerweile gleichen europäische Ländergrenzen oft den Grenzbefestigungen während des Kalten Krieges. Ungarn war meine Heimat, die meine Familie und ich als Jugendlicher aus politischen Gründen verlassen hatten. Eigene Lager- und Exilerfahrung prägt eine Weltsicht, in der Empathie und Mitwisserschaft mit Flüchtenden und der Zorn auf nationalistische Überheblichkeit miteinander wetteifern, wenn von„Flüchtlingskrise“ die Rede ist. Vielmehr muss angesichts des Elends Fliehender von einer Krise, von einer Katastrophe in der länderübergreifenden Wahrung von Menschenrechten und Menschenwürde gesprochen werden. Es hat in den vorangegangenen Jahrzehnten durchaus auch Probleme bei der Aufnahmebereitschaft und beim Umgang mit Exilsuchenden gegeben. Doch kann ich rückblickend auf die 23
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Zwischen Kommen und Bleiben : ein gesellschaftlicher Querschnitt zur Flüchtlingspolitik
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