Mein Feind ist doch ein Mensch Dr. Gábor Lengyel D iesem elementaren Thema„Ich helfe meinen ,Feinden‘“, mit dem wir Juden auch in Deutschland seit einiger Zeit intensiv konfrontiert sind, versuche ich mich als Rabbiner und Lehrer an der Leibniz-Universität in Hannover mit der Ethik des Judentums anzunähern. Die jüdische Ethik beruht auf dem Grundsatz des Universalismus. Das bedeutet, dass unsere ethischen Vorstellungen keine Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden erlauben. Die Abstammung und der Glaube der Menschen sollten in unseren moralischen Handlungen keine Rolle spielen. Um diese These zu untermauern, zitiere ich einige Gedanken aus jüdischen Quellen.„Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst.“ 1 Darüber hinaus:„Wenn ein Fremdling in eurem Lande weilt, sollt ihr ihn nicht bedrücken. Wie der Eingeborene unter euch sei euch der Fremdling, der bei euch weilt, und du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn Fremdlinge wart ihr im Lande Ägypten.“ 2 רגֵּ הַ םכֶ לָ היֶ הְ יִ םכֶּ מִ חרָ זְ אֶ כְּ.וֹ תֹא ,וּ נוֹ ת אֹל--םכֶ צְ רְ אַ בְּ ,רגֵּ ךָ תְּ אִ רוּ גיָ-יכִ וְ .םיִ רָ צְ מִ ץרֶ אֶ בְּ ,םתֶ ייִ הֱ םירִ גֵ-יכִּ--ךָ וֹ מכָּ וֹ ל תָּ בְ הַ אָ וְ ,םכֶ תְּ אִ רגָּ הַ Auch in den späteren Quellen des Judentums lesen wir spannende Texte: „Man verwehre nichtjüdischen Armen nicht das Einsammeln von Nachlese, Vergessenem und Eckenlass, des Friedens wegen. Die Rabbiner lehrten: Man ernähre die Armen der Nichtjuden mit den Armen Israels, man besuche die Kranken der Nichtjuden mit den Kranken Israels und man begrabe die Toten der Nichtjuden mit den Toten Israels, des Friedens we1 Levitikus 19, 18. 2 Levitikus 19, 33–34. 40 Kapitel 1 Dr. Gábor Lengyel gen.“ 3 Die Reformströmung der jüdischen Welt nimmt diese Quellen sehr ernst. Beispielsweise marschierten die amerikanischen Reformrabbiner Hand in Hand mit Martin Luther King, als 1963 in Washington der Kampf für die Rechte der Schwarzen in den Vereinigten Staaten seinen Höhepunkt fand. Wir, Juden, Christen und Muslime, leben auf unserer gemeinsamen Erde. Ich als Israeli kann sogar sagen, wir leben zusammen in einer Stadt, wie in Jerusalem, aber auch als Hannoveraner Rabbiner kann ich über ein friedliches Zusammenleben in der niedersächsischen Hauptstadt erzählen. Wir praktizieren dieses Zusammenleben seit mehr als 20 Jahren auch in einer hervorragenden Einrichtung: im„Haus der Religionen“. Frieden zwischen den Religionen ist eine wesentliche Voraussetzung für den Frieden in einer Stadt oder in der unmittelbaren Nachbarschaft, in der wir wohnen. Ein friedliches Zusammenleben ist jedoch nur möglich, wenn man miteinander redet und kommuniziert. Gleichwohl sollten wir unsere Augen nicht verschließen; wir wissen, lesen und sehen täglich in allen Medien, wie die Religionen untereinander zerstritten sind. Auch die Glaubenssysteme der Religionen sind häufig miteinander unvereinbar. Die Grundsatzfrage ist jedoch: Müssen Religionen immer das Trennende betonen? Sollten wir uns nicht eher darum bemühen, die Missverständnisse zwischen uns aufzuklären, um Hass und Destruktivität abzubauen und uns auf die Gemeinsamkeiten zu konzentrieren? Zusammen mit meiner Frau Anikó versuche ich das Leben, im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten, nach diesen ideellen Prinzipien zu gestalten. Zwar sagen wir Juden bei jedem Anlass – und das tun auch meine christlichen und muslimischen Freunde –, dass wir uns für Tikun Olam, für die Verbesserung der Welt, einsetzen. Für mich persönlich ist das eine zu hohe Messlatte! Ich versuche, diese Ideale zunächst in meiner unmittelbaren Umgebung zu erreichen. 3 Babylonischer Talmud Gittin 61a. 41
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Zwischen Kommen und Bleiben : ein gesellschaftlicher Querschnitt zur Flüchtlingspolitik
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