Fremd im eigenen Krank Amewu • Semhar Ghide Jede Einwanderungsdebatte, Kopftuchdebatte, Integrationsdebatte, jede Debatte über das Zusammenleben verschiedener Kulturen in Deutschland macht rassifizierte 1 Menschen zum Objekt ihres Diskurses, wird aber ohne und selten mit uns geführt, obwohl sie über unsere Lebensrealitäten verhandelt. Der folgende Essay will diesen Debatten die Perspektiven rassifizierter Menschen in Deutschland entgegensetzen und verhandeln, wie der erneute Aufschwung des Rechtspopulismus unsere Existenz bedroht. S owohl in ihrer Geschichtsschreibung als auch in ihrem gegenwärtigen Selbstbild zeichnet sich die deutsche Gesellschaft anhand einiger Merkmale als eine homogene, ethnische Gruppe. Deutsch, das soll vor allem weiß und christlich sein. Dieses Selbstverständnis zeigt sich sowohl im institutionellen als auch im alltäglichen Umgang mit Menschen, die diesen Eigenschaften erkennbar oder vorgestellt nicht entsprechen, sowie in aktuellen Einwanderungsdebatten, welche sich letztendlich auf die Frage nach ihrem Ausschluss konzentrieren. Eine solche nationale Identität benötigt eine Definition in Abgrenzung zum Anderen, zum Nichtdeut bezeichnet jenen Prozess, durch den Menschen durch die Zuschreibung vermeintlicher Eigenschaften aus einer Gesellschaft ausgeschlossen werden. Anstatt den Ausschluss von Personengruppen aus der Gesellschaft anhand dieser vermeintlichen E igenschaften implizit zu rechtfertigen, rückt der Begriff die Willkürlichkeit und explizit das Anders-Gemacht-Werden in den Fokus, mit denen Menschen durch diese Rassenkonstruktionen kategorisiert werden. Siehe Terkessidis, Mark. 2004. Die Banalität des Rassismus: Migranten zweiter Generation entwickeln eine neue Perspektive. Bielefeld: Transcript, S. 98:„Mit Rassifizierung meine ich jenen Prozess, der an anderer Stelle als Rassenkonstruktion bezeichnet wird. Ich möchte diesen ganz allgemein als Prozess fassen, in dem einerseits eine Gruppe von Menschen mittels bestimmter Merkmale als eine natürliche Gruppe festgelegt und gleichzeitig die Natur dieser Gruppe im Verhältnis zur eigenen Gruppe formuliert wird.“ 88 Kapitel 1 Amewu • Semhar Ghide schen. Ausländer, Migranten, Menschen mit Migrationshintergrund. Dies sind nur einige der Begriffe, mit denen nicht weiße und/oder nicht christliche Deutsche – und dass dies die Referenzpunkte in einer derart diversen Gesellschaft sind, spricht Bände – fremdmarkiert werden. Bei rassifizierten Menschen wird nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Mitteleuropa eine Migrationsgeschichte vermutet, ganz ungeachtet dessen, wie viele Generationen sie nun schon hier sind, ungeachtet dessen, wie viele nicht europäische Kulturen Einfluss auf die Formung Mitteleuropas genommen haben und wie sehr sich die mitteleuropäische Geschichte auf nicht europäischem Boden abspielte. „Geschichtsschreibung weist ‚den Migranten’(einschließlich nachfolgender Generationen bis zur n-ten Ebene) eine platte, eindimension ale Existenz zu, in der sie immer gerade erst angekommen sind und somit nur in der Gegenwart existieren; aber zugleich wie Zeitreisende einer Kultur entstammen, die Jahrhunderte(oder im Falle Afrikas Jahrtausende) zurück erscheint.“ 2 Somit stellt unsere bloße Existenz als Deutsche in Deutschland einen, wenn nicht sogar den Grundbaustein der aktuellen deutschen Identität infrage. Dies erklärt die Vehemenz und Selbstverständlichkeit, mit der uns dieser Platz außerhalb der deutschen Gesellschaft zugewiesen wird. Diese Positionierung arbeitet dabei gleich mit zwei entgegengesetzten Bildern rassifizierter Menschen: die Unsichtbarmachung unserer Existenz im öffentlichen Raum bei gleichzeitig herausstechender Fremdmarkierung und Überschreibung unserer Identitäten. Aber dennoch existieren wir und werden laut in dem Kampf dafür, im gesellschaftlichen Bild Deutschlands anerkannt zu werden. Dabei verstoßen wir oftmals gegen das Diktat, welches uns unsere Perspektiven und Empfindungen zu unserer Andersmachung verbietet. Sie bedrohen die Fatima. 2011. Anders Europäisch – Rassismus, Identität und Widerstand im vereinten Europa. Münster: UNRAST Verlag. 89
Druckschrift
Zwischen Kommen und Bleiben : ein gesellschaftlicher Querschnitt zur Flüchtlingspolitik
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten