Wenn die Würde nicht sterben kann Die Kinder, Frauen und Männer von Idomeni Thom Held I domeni – ein Moloch, ein Verbrechen. Genauso wie ein lebender und pulsierender Organismus. Am eindrücklichsten nahm ich dies wahr, wenn ich nach Einbruch der Dunkelheit das improvisierte Zeltlager an der griechisch-mazedonischen Grenze zu Fuß verließ. Schritt um Schritt entkam ich dem beißenden Rauch von Hunderten kleinen Feuern zwischen den Zelten, in denen alles, was brennbar war, auch verbrannt wurde: Holz, trocken oder nass, Plastik und feuchte Textilien. Immer wieder angestoßen durch eine Zugabe von Diesel aus der PET-Flasche. Doch das fürchterlichste und gleichsam erhebendste Gefühl beim Verlassen des Lagers bereiteten mir jeden Abend die Geräusche. Beim Gedanken an Idomeni erscheinen in meinem Kopf deshalb nicht nur Bilder. Es sind vor allem die Geräusche, die wieder wach werden. Ich höre den mit zunehmender Distanz abebbenden Geräuschpegel. Und doch bleibt er präsent. Ich gehe entlang einer Straße im Grünen, höre ein paar Kröten, die in dieses Grün gehören … dazu ein Gemenge aus Rauschen, Grummeln und Stimmen. Höre, wie die amorphe Zeltstadt auch im Dunkeln lebt, ihr Pulsschlag ist auch aus einem Kilometer Entfernung noch spürbar. Die anfangs 14. 000, dann 12.000 Menschen, die am Gleis, auf der Wiese, auf dem Acker leben, sie leben. Schwache Lichter dringen durch die rauchgeschwängerte Nacht, und aus dem Grundgeräusch heraus dringen die Stimmen, das Gelächter, die Rufe und die Schreie der Kinder. Es sind diese Obertöne der Kinder, die nicht nur das dumpfe Gebrumme durchstechen, sondern mein Inneres heimsuchen, die mich erschüttern und mich ebenso auch faszinieren. 142 2. Kapitel Thom Held Idomeni ist das Erleben größtmöglicher Erschütterungen. Als ich das erste Mal in der chaotischen Zeltstadt ankam und mich umschaute, war ich schockiert und dachte wie viele andere auch:„Das gibt es nicht!“ Momente später, Stunden später – über all die Tage – durchfuhr es mich wiederholt:“Das darf es nicht geben. Nicht auf europäischem Boden!“ Am extremsten war es an regnerischen Tagen, vor allem damals im März 2016, als es vier Tage immer wieder regnete, zwei davon ununterbrochen. Mit Ausnahme jener Menschen, die ihre Zelte auf dem Schotter direkt an den Gleisen der Strecke Thessaloniki–Skopje platzierten, standen die Zelte und die darin lebenden Menschen im knöcheltiefen Schlamm und Wasser. Allein der Anblick war nicht zu ertragen. Wagte man sich vom erhöhten Sträßchen selbst in diesen Matsch vor, konnte man erahnen, was es heißt, in diesen Verhältnissen zu leben. Als Individuum, als Familie, als Masse von 14.000 Menschen. Unerträglich! Zwischenzeitlich kam Wut auf, dass die europäischen Staaten so etwas zulassen, dass keine Soforthilfe organisiert wurde, die die„Ärzte ohne Grenzen“, die Freiwilligen und die griechischen Kräfte unterstützt hätten, um diesen Menschen in Not, geflohen vor Krieg, Tod, Unterdrückung, Folter, zu helfen. Doch nach sechs Wochen an den Brennpunkten des Dramas in Griechenland ist meine Kraft für Wut aufgebraucht. Mir bleibt nur noch Fassungslosigkeit. Fassungslos wegen dieser Form von org anisierter Unverantwortlichkeit, fassungslos über die Kälte, die aufgrund fehlender Anteilnahme großer Teile Europas über diese Zeltstadt hinwegzieht. ‚ Wie konnte es nur so weit kommen?’ Auch robuste Gestalten geraten in dieser Lebenswelt ins Wanken. Doch für jene, die 24 Stunden hier ausharren müssen, unterversorgt mit Essen, Trinken, Wärme, Medizin und menschlicher Anteilnahme, ist es wohl das, was man als Hölle bezeichnen könnte. Und doch ist es nie wirklich die Hölle, weil es noch einen Faktor gibt: die Kinder! Allein dass hier annähernd 5.000 Kinder sind, macht es möglich, dass die Erwachsenen emotional nicht zerbrechen(dürfen). Denn im Nu ziehen einen die Kinder in den Bann. Ihr Pragmatismus, aus jeder noch so merkwürdigen oder erbärmlichen Lebenswelt eine Welt der kindlichen Europa 143
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Zwischen Kommen und Bleiben : ein gesellschaftlicher Querschnitt zur Flüchtlingspolitik
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