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Zwischen Kommen und Bleiben : ein gesellschaftlicher Querschnitt zur Flüchtlingspolitik
Entstehung
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Man muss radikal sein Jeannette Hagen M ein Telefon vibriert. Wieder eine Nachricht im Social Chat, der mich heute einige Wochen nach meinem Lesbos-Aufenthalt immer noch digital mit der Insel und den Helfern verbindet. Ein virtueller Raum, in dem Nachrichten, Bilder, Befindlichkeiten und manchmal auch einfach die Fassungslosigkeit angesichts der globalen oder lokalen Ereignisse ge­teilt werden. Manchmal nervt es, wenn das Handy mehrmals am Tag brummt. Verlassen will ich den Chat trotzdem nicht, denn er ist wie ein unsichtbares Band, das Erinnerungen und Geschichten mit dem Gefühl verknüpft, nicht nur Zuschauer, sondern Akteur gewesen zu sein. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was die Initialzündung dafür war, dass ich mich entschieden habe, nach Lesbos zu fliegen. Möglicher­weise war ein Bericht über die katastrophalen Zustände vor Ort der Auslö­ser. Die eigene Empörung angesichts der Tatenlosigkeit der egierungen. Vielleicht war es aber auch der starke innere Antrieb, mich direkt mit der Situation zu konfrontieren. Mich dem, was da geschah, auszusetzen. Es gab seit Beginn der großen Flüchtlingsbewegung 2015 so viele Fragen, die mich beschäftigten und auf die ich in der Distanz keine Antworten fand. Was geht in einem Menschen vor, der sein Leben oder auch das sei­ner Kinder aufs Spiel setzt, indem er in ein überfülltes Gummiboot steigt und damit über die Ägäis fährt? Was bewegt ihn, wenn er sicheren euro­päischen Boden betritt? Was treibt ihn an und was unterscheidet meine Sehnsucht nach Lebendigkeit von seiner Angst vor dem Tod? Teil ­dieses Geschehens wollte ich sein, helfen, nicht zuschauen. Das Leid fühlen und gleichzeitig lindern. Vorher war ich schon in Berlin als freiwillige Helfe­rin aktiv. Habe Windeln gekauft und sie zum Landesamt für Gesundheit und Soziales gefahren, habe Essen in einer Notunterkunft für Flüchtlinge 150 2. Kapitel Jeannette Hagen verteilt, habe mit Flüchtlingskindern gemalt. Trotzdem erschien mir das nicht genug. Ich hatte den Eindruck, dass das Helfen auf Lesbos noch eine andere Ebene berühren, eine tiefere Begegnung ermöglichen würde. Nicht nur mit den Menschen, sondern auch mit mir selbst. Hilfe ist meines Erachtens selten wirklich altruistisch. Wir helfen immer aus bestimmten Gründen. Manchmal sogar, um uns zu erhöhen oder um uns im Spiegel des anderen selbst zu begegnen. Um nicht nur dem Fremden im ­Außen, sondern der inneren Fremde gegenüberzutreten. Der Kontakt zu Michael Räber, dem Gründer und Kopf der privaten Schweizer Hilfsorganisation schwizerchrüz.ch war schnell hergestellt. Schreib einen Tag vorher, wann Du ankommst, so seine Antwort auf meine vielen Fragen. Pragmatisch, keine unnötigen Worte, denn dafür ist auf Lesbos keine Zeit, wenn man Hilfe koordiniert. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass einige Helfer damit nicht so gut zurechtkamen. Dass es ihnen zu militärisch zuging, Michael ihnen zu kurz angebunden war. Es gibt ein indianisches Sprichwort, das sagt:Beurteile niemanden, ehe du nicht ein paar Meilen in seinen Mokassins gelaufen bist. Ich kann nur er­ahnen, wie es ist, in den Schuhen von Michael Räber zu laufen. Von Som­mer 2015 bis März 2016 war er auf Lesbos. Hat seinen Job in der Schweiz für diese Zeit an den Nagel gehängt, hat sein eigenes Leben umgekrem­pelt, um für andere da zu sein. Während der beiden Male, die ich auf Lesbos war, habe ich ihn kaum oder gar nicht zu Gesicht bekommen. Eine Hilfsorganisation zu leiten ist mehr als ein Vollzeitjob. Es ist ein komplett anderes Leben. Unter einem Fernsehbericht über Räbers Arbeit standen mal die Worte:radikaler Hu­manist. Als ich das damals gelesen habe, gab es einen Moment der Em­pörung in mir. Eine Stimme, die sich gegen das militante Wortradikal wehrte, weil es meines Erachtens nicht zum humanitären Ansatz der Ar­beit, die Räber leistet, passte. Später habe ich verstanden, dass man radi­kal sein muss, um all das zu tun, was Michael Räber mit ­schwizerchrüz.ch auf die Beine gestellt hat. Man muss radikal sein, um auszuhalten, dass völlig überfüllte Boote mit Flüchtlingen fast im Minutentakt am Strand Europa 151