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Zwischen Kommen und Bleiben : ein gesellschaftlicher Querschnitt zur Flüchtlingspolitik
Entstehung
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Migrationsforschung eine Orientierungssuche Prof. Dr. Hannes Schammann Eine selbstkritische Perspektive auf die Rolle der Migrationsforschung in der aktuellen Migrationsdebatte: Wie können und sollen Wissen­schaftler_innen sich äußern? Wo liegen die Herausforderungen und Chancen wissenschaftlicher Debattenbeiträge? Z u Beginn des Jahres 2015 war es für uns Migrationsforscher_in­nen noch recht einfach, die eigene Rolle in der migrationspolitischen De­batte zu bestimmen: Wir waren die Scouts in einem neuen Terrain. Wir berichteten einer plötzlich erwachten und interessierten Öffentlichkeit, wie Migration zustande kommt, was Integration bedeutet oder wer ei­gentlich politisch und administrativ wofür zuständig ist. Unsere Beiträge speisten sich aus einer hochgradig interdisziplinären Debatte, die seit Jahrzehnten am Rande der medialen und akademischen Aufmerksam­keit gewachsen war. Plötzlich aber wollte man uns hören. Und viele von uns nutzten diese Gelegenheit, die Nische zu verlassen. Geradezu freu­destrahlend gaben wir Auskunft über unsere aktuelle Forschung, vor al­lem aber über unsere geteiltenGlaubenssätze: dass Migration schon immer existiert habe. Dass meist mehr als ein Grund für die Wanderungs­entscheidung eines Menschen verantwortlich sei. Dass die Europäische Union(EU) trotz intensiver Bemühungen weit von einer armonisierten Migrationspolitik entfernt sei. Dass Flüchtlingspolitik in Deutschland durch ein komplexes Geflecht an Zuständigkeiten gekennzeichnet sei. Wir freuten uns daran, dass solches Grundlagenwissen auf einmal Nach­richtenwert hatte und dass deskriptive Einlassungen als scharfsinnige Analysen gefeiert wurden. 172 Kapitel 3 Prof. Dr. Hannes Schammann Doch mit zunehmender Dauer der vermeintlich krisenhaften Zuwande­rungssituation begann sich das Bild zu ändern: Immer mehr Journalistin­nen und Journalisten von Qualitätsmedien hatten sich in das Themenge­biet eingearbeitet. Ihnen gelang es nicht nur, deskriptive Befunde korrekt darzustellen, sondern auch diese wesentlich interessanter und pointierter zu formulieren, als es Wissenschaftler_innen üblicherweise tun. Sie verlie­ßen sich zur Beschreibung des Status quo zunehmend auf Expertise aus erster Hand: auf Behördenmitarbeitende, freiwillig Engagierte und Ge­flüchtete selbst. Migrationsforscher_innen wurden nun weniger um De­skription als vielmehr um Analyse, Prognose und nicht zuletzt um ihre Meinung gebeten: Wie ist das neueste Gesetzaus wissenschaftlicher Sicht zu bewerten? Welche Prognose kann man für die Migrationspoli­tik der EU geben? Wie lässt sich Integration am besten rganisieren? An die Phase der deskriptiven Beschreibung und der Verwertung altbekann­ter Thesen schloss sich somit eine Phase der Analyse und einer stark nor­mativ geprägtenMeinungswissenschaft an. Diese Entwicklung führte innerhalb der akademischen Community zu unterschiedlichen Ansichten darüber, wie weit Wissenschaft sich in politische Debatten einmischen dürfe. Dies ist für die deutsche Migrationsforschung keineswegs eine neue Situ­ation. Spätestens das von Klaus Bade editierteManifest der 60 nfang der 1990er Jahre lässt sich als eine Art Gründungsdokument meinungs­starker Migrationsforschung in Deutschland verstehen. 60 Wissenschaft­ler_innen hatten sich darin zusammengetan und ihrer Sorge über die mangelhafte politische Gestaltung der Migration und ihrer Folgen für Deutschland 1 Ausdruck verliehen. Zwar basierten die Beiträge und The­sen des Manifestes auf wissenschaftlichen Befunden, das Papier war aber Klaus J.(Hg.)(1994): Das Manifest der 60. Deutschland und die Einwanderung. ­München: C.H. Beck(Becksche Reihe, 1039), S. 9; online verfügbar unter https://www.imis. uni-osnabrueck.de/fileadmin/4_Publikationen/PDFs/DasManifestder60.pdf(zuletzt geprüft am 03. 06. 2016).  173