Migrationsforschung – eine Orientierungssuche Migrationsforschung zur aktuellen Debatte leisten kann. Es geht nicht darum, Besitzansprüche auf eine allein gültige Wahrheit anzumelden, sondern einen hohen Anspruch an ihre gesellschaftliche Konstruktion zu vertreten. Zur Person Prof. Dr. Hannes Schammann Hannes Schammann ist Juniorprofessor für Migrationspolitik an der Universität Hildesheim. Zuvor arbeitete er mehrere Jahre in der migrationspolitischen Praxis, unter anderem beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Wissenschaftlich beschäftigt er sich derzeit viel mit kommunaler Flüchtlingspolitik in Deutschland. Aber auch Öffnungsprozesse deutscher Hochschulen für Geflüchtete hat er jüngst untersucht. Er ist Mitglied in mehreren Gremien, unter anderem im Rat für Migration. 176 Kapitel 3 Mit Blick aufs Meer Nadia Kailouli D iese Weite, diese Luft. Dieser Blick auf den Horizont. Es ist ein Gefühl von Freiheit, ein Gefühl, wie schön das Leben ist, doch dieses Gefühl ändert sich. Und der Blick auf das offene Meer wird auch nicht mehr derselbe sein. Am 11. April 2016 betrete ich das erste Mal die Aquarius. Ein Schiff, welches die zivilgesellschaftliche Organisation SOS MEDITERRANEE gechartert hat, um Menschen in Seenot zu retten. Diese Menschen sind Flüchtlinge. Menschen aus Eritrea, Äthiopien, Sudan, Gambia, Nigeria, Senegal, Mali und so weiter. Sie alle sind nach Libyen geflüchtet, viele, um dort Arbeit zu finden, einige, um von dort aus direkt nach Europa zu gelangen. Doch Libyen verändert diese Menschen. In Libyen wurden sie alle zu Gefangenen. In Libyen wurden ihnen Schmerzen zugefügt, die sie ihr Leben nicht mehr vergessen werden. Sie wurden gefoltert, versklavt, vergewaltigt. Eine Flucht über das Meer mit dem Wissen, diese Flucht mit dem Leben zu bezahlen, ist die bessere Alternative, als noch einen Tag länger in der Hölle Libyens zu bleiben. Wir starten in Trapani, eine Hafenstadt auf Sizilien. Von hier aus brauchen wir zwei Tage bis vor die libysche Küste. Die libyschen Hoheitsgewässer dürfen wir nicht durchqueren, wir bleiben zwölf Meilen davor, dies wird unser Einsatzgebiet sein für die nächsten drei Wochen. Diese Tage auf See lassen mich spüren, welche Kraft das Meer hat, ich spüre in dem 77 Meter langen Schiff jede Welle. Der Blick auf das offene Meer lässt mich nicht glauben wollen, dass wir hier nun nach Menschen suchen, die in Plastikbooten die gleiche Strecke zurücklegen wollen, die wir gekommen sind, um sie zu retten. 177
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Zwischen Kommen und Bleiben : ein gesellschaftlicher Querschnitt zur Flüchtlingspolitik
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