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Zwischen Kommen und Bleiben : ein gesellschaftlicher Querschnitt zur Flüchtlingspolitik
Entstehung
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Mein Fluchthelfer, meine Muttersprache und mein Herz Dog˘ an Akhanlı Erste Rettung A dnan Keskin war mein Fluchthelfer und Freund, der es mir im Herbst 1991 ermöglichte, aus dem Land zu flüchten, in dem ich geboren und später verfolgt wurde. Wir sind im selben Jahr und im selben Land­kreis geboren und hatten zusammen begonnen, beide 18 Jahre jung, von Dorf zu Dorf zu ziehen, um die Waldbewohner für unsere Idee zu gewin­nen, einen Aufstand zu machen. Wir waren beide 18 Jahre alt. Die Revolution war damals nicht nur ein magisches Wort, sondern ein Ziel, das wir leicht erreichen konnten. Es war die Mitte der 1970er Jahre. Der Bürgerkrieg, in dem wir uns befanden, hatte uns in die verschieden­sten Orte und Ereignisse katapultiert. Als wir uns wieder trafen, in Köln, waren schon 17 Jahre vorüber. In diesen 17 Jahren wurden über 3.000 junge Menschen aus politischen Gründen ermordet. Nach dem Putsch vom 12. September 1980 wurde eine halbe illion Menschen in der Türkei festgenommen. Viele wurden misshandelt und ge‑ foltert. Hunderte von ihnen umgebracht. 50 davon wurden aufgehängt, darunter war ein Junge, der keine 18 Jahre alt war. Adnan Keskin wurde, wie ich, zweimal festgenommen und zweimal gelang es ihm, aus den Gefängnissen durch mit den Händen gegrabene Tunnel zu entkommen. Im Herbst 1987 erreichte er Köln. Er war Mitgründer desTürkischen Menschenrechtsvereins und von Don Quichotte: das Radio der Träume und Wahrheit. Unermüdlich kämp­fte er gegen die Windmühlen der Menschenrechtsverletzungen. Nicht nur in der Türkei, sondern weltweit. Er solidarisierte sich mit den Menschen ohne Papiere in Deutschland, mit den Roma-Flüchtlingen aus 184 Kapitel 3 Dog˘ an Akhanlı den Kriegsgebieten und er beschäftigte sich mit den überdimensionalen Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts. Zusammen haben wir 2007 die Raphael-Lemkin-Bibliothek im Kölner Allerweltshaus gegründet. Darüber hinaus entwickelte er ein Menschen­rechtsprojekt, das hauptsächlich durch die von ihm organisierten Partys fi­nanziert wurde, die in Köln einmalig waren und sind:Erinnern und Han­deln für Menschenrechte. Dass wir nun ein Menschenrechtsfestival in Köln haben, verdanken wir ihm. Als er im Herbst 1987 Köln erreichte, wurde ich gerade frühzeitig aus der Haft entlassen. Ich war sehr neugierig, wo Adnan gerade sein könnte. Ich dachte, wenn er das riesige Flachland von Erzincan überqueren und die Berge der Schwarzmeerküste versetzen könnte, dann könnte er doch auch nach Westen flüchten. Wie ich 17 Jahre später erfahren habe, fuhr Adnan nicht nach Westen, sondern nach Osten, in Richtung seines Hei­matdorfs, in der seine Frau Nese lebte. Kurz darauf kam er durch die Hilfe von Freunden nach Istanbul und von dort aus gelang ihm die Flucht nach Deutschland. Ich erfuhr 17 Jahre später in Köln, dass er in Istanbul, nur ein paar Hun­dert Meter von meiner damaligen Wohnung entfernt, bei einem gemein­samen Freund Unterschlupf gefunden hatte. Nach meiner Entlassung lebte ich mit meiner Frau und meinem vierjähri­gen Sohn in Istanbul. Meine Frau und ich gehörten einer kleinen kommu­nistischen Gruppe an und agierten durch heimlich gedruckte Flugblätter, Broschüren und Depeschen gegen die Putschisten, die am 12. September 1980 an die Macht gekommen waren. Aufgrund unserer Aktivitäten wur­den wir beide im Mai 1985 festgenommen, gefoltert und schließlich zu sechs Jahren und sieben Monaten Haft verurteilt. Nach der Entlassung aus der Haft jobbte ich als Musikinstrumentenbauer, meine Frau als Kranken­schwester und später als Lektorin bei einer Boulevardzeitung in Istanbul. 1989 kam unsere Tochter zur Welt. Im selben Jahr hat das ­militärische Obergericht das gegen uns verhängte Urteil aufgehoben und verlangte  185